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5.10.1900 Erstes Blatt
 
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1900

Freitag den 5. Oktober

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Erstes Blatt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Politische Tagesschau.

Die klerikaleOberelsässische Landeszeitung" veröffentlicht nachfolgende bezeichnende Mauöverbetrachtung:

Trotzdem gar oft die Gemeinden mit Einquartierung mehr alS überbürdet waren und die Wohnungen der Landleute von den Soldaten geradezu bestürmt und für einige Tage beschlagnahmt wurden, kam man doch den Mannschaften allenthalben freundlich entgegen, bediente sie gut und bewirtete sie reichlich. Hohe wie Niedere haben verschiedmtlich geäußert, daß der Soldat in Alt. deutschland drüben nicht so gut empfangen werde wie hier im Elsaß. Die ärmsten Leute haben ihr Einziges mit den Fremden geteilt und ihnen ost viel bessere, hingestellt, als sie selber zu essen hatten. Vielfach geschah des Guten eher zu viel als zu wenig. Und doch hat sich unser Landvolk hierfür viele Opfer auferlegen müssen; denn die Feldarbeiten mürben vielfach vernachlässigt, um den fremden Gästen aufzuwarten. Und das waren doch zum großen Teile Männer, die noch unter den Franzosen gedient und unter französischer Fahne mitgefochten haben, die noch in der Abneigung gegen den preußischen Soldatenrock großgezogen worden waren. Und nirgends zeigte sich eine Spur von Chauvinismus und Deutschfeind- ltchkeit; um aber so die Vergangenheit vergeffen zu können, kann man nicht jenes angeblich haßerfüllte unversöhnlich^ sondern nur ein äußerst friedfertiges Volk sein. Das dürfenwir alS Gegendienst von allen unseren Gästen verlangen, das find unS be­sonders die Offiziere schuldig, das laute Zeugnis, daß das gute Elsässeroolk wahrlich nicht mit Dtktaturparagraph und Aus­nahmegesetzen geknebelt zu werden verdient."

Das ist wieder eine bemerkenswerte Stimme aus dem Reichsland.________

Aus Stadt und Land.

Gießen, 4. Oktober 1900.

** Der Zweiten Kammer der Landst'ände ging 1) ein Gesetzentwurf über die Errichtung einer Hessischen Pfand­briefbank zu: 2) eine Vorstellung der Revisoren und des | Sekretärs des Ober-BetriebSinspektorS bei der Main-Neckar- i Bahn, betreffend Regelung ihres Besoldungsdienstalters; j ferner 3) eine Anfrage des Abg. Molthan und Genoffen, betreffend die Errichtung einer Handelshochschule in Dessen: Ist die Großh. Regierung Willens, demnächst der Gründung einer Handelshochschule in Hessen näherzutreten? Wird die Großh. Regierung für den Fall der Errichtung einer solchen Handelshochschule als Sitz derselben Mainz, die bedeutendste Handelsstadt des Landes, wählen? und 4) ein Antrag des Abg. Wolf, betreffend die Erbauung einer Nebenbahn UndenheimArmsheim.

* Militärisches, v. Neröe, Lt. im Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, unter Stellung al.s. des Regiments, ist vom 1. Oktober d. Js. ab auf sechs Monate zur Dienstleistung bei den Ersatzformationen der Marine-Inf. kommandiert und zwar zur Marinestation der Ostsee (Meldeort Kiel); v. Oppeln-BronikowSki im Jnf.-Regt. Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hess.) Nr. 116, I kommandiert zum Seminar für orientalische Sprachen, ist

Die Zensur ist also eine Notwendigkeit; sie begründet in der menschlichen Unzulänglichkeit hinsicht­lich derAutoren" sowohl, als der rücksichtslosen Genuß­gier großer Schichten des Publikums. Es kommt nur daraufan, wer dieZensurausübensoll. Die Polizei dürste hier kaum die rechte Behörde sein. Der Berliner Polizeipräsident hat einst gesagt:Die janze Richtung paßt uns nich". Man braucht nur dies ästhetische Welturteil" anzuführen, um die Unzulänglichkeit der Po­lizei in künstlerischen Dingen darzuthun. Gemeint war die moderne Richtung Ibsen, Hauptmann, Sudermann usw., die, aus den Wandlungen des Volkslebens entstanden, mit tiefgründigem Ernst und kraftvolle Psychologie Pro­bleme des modernen Lebens behandelte und dabei zu thea­tralischen Farben kam, welche dem polizeilichen Auge unangenehm waren. Es giebt eben immer Leute, die zwischen dem sittlichen Ernst und der gemeinen Leicht­fertigkeit nicht unterscheiden können.

Darum ist das Zensur amt ein schweres und kann nur von Leuten ausgeübt werden, die sittlichen Ernst mit künstlerischer Bildung verbinden. Den sittlichen Ernst hat die Polizei sicherlich, die künstlerische Bildung aber nur in vereinzelten Fällen. Wir kommen deshalb auf den Vorschlag, den wir schon einmal gemacht haben, zurück: es muß der Polizei ein k ü n st l e r r s ch e r Beirat zugesellt werden, der in Wirklichkeit die Zensur ausübt, damit alle Fehlgriffe und Geschmacklosigkeiten ver­mieden werden.

lieber Lie Zensur selbst wird man Nicht hmweg kommen, da aus den angeführten Gründen weder Publikum noch Autoren geistig und ästhetisch so souverän sind, daß sie eine Leitung aus dem Vollen der Sitten- und Kunst- aesetze entbehren könnten. Gestalte man deshalb die Zensiir so, daß sie eine fachmännische ist und Kunst und Publikum werden damit zufrieden sein.

Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

B etr.: Beginn der landwirtschaftlichen Winterschule zu | Büdingen. , , mn..

An der landwirtschaftlichen Winterschule zu Büdingen I beginnt der Lehrgang 1900/1901 am 5. November, vor­mittags 10% Uhr. I

Die Anmeldungen haben rechtzeitig schriftlich oder I mündlich bei dem Vorsteher der Schule, Großh. Landwirt- I Ichaftslehrer Andrae in Büdingen, zu erfolgen, von welchem der Unterrichtsplan und Jahresbericht unentgeltlich bezogen, und jede gewünschte Auskunft eingeholt werden kann.

Büdingen, 15. September 1900.

Der Vorsitzende des AuffichtSrats der landwirtschaftlichen Winterschule Büdingen.

Jrle, Großh. Kreisrat.__I

Theater - Zensur.

Die Zensurthätigkeit des Berliner Polizeipräsidenten I und seines Theaterdezernenten macht neuerdings wieder I viel und unliebsam von sich reden und laut und immer I lauter ertönt der Ruf nach dem Goethe-Bund.

Es war vorauszusehen, daß nach Ablehnung der lex I Heinze die Theaterzensoren etwas energischer nach dem I Rotstift greifen werden, als es bislang der Fall war. I Das war einenatürliche Reaktion", die man zunächst | nicht tragisch zu nehmen brauchte, weil man annehmen I durfte, daß sich ihre Fluten bald verlaufen. Neuerdings I häufen sich aber Verbote von Stücken oder doch die Ver- I stümmelungen, die der Zensorenstift in ihnen anrichtet. I Es konnte dann des weiteren nicht fehlen, daß gewisse I Preßorgane eine Komödie der Entrüstung aufführten, von I der man hofft, daß sie im Parlament eine Parallel-Er- I scheinung zustande bringen wird.

Wir sind in keiner Richtung Freunde der bureau- j kratischen Reglementierung, und infolge dessen ist uns I der Polizeistock in litterarischen und Kunstdingen am aller- I unsympathischsten.. Der ideale Zustand wäre doch der, daß das Publikum selbst so fein und gebildet in seinem Kunstgeschmack ist, daß es anstößige und unsittliche Dinge von selbst zurückweist. Man kann ja auch zugeben, daß jene Gemeinde im Publikum, die die Kunst liebt, em maßgebendes Zensuramt in der That ausübt. Aber wie groß ist denn diese Gemeinde? Auch der oPtimistiM Beurteiler des Publikums wird zugeben, daß es ein außer­ordentlich geringer Prozentsatz ist, der an unserer Kunst­stätte ä st h e t i s ch genießt. Für die überwältigende Mehr­heit des Publikums ist das Theater und was dazu gehört Unterhaltungs- und Vergnügungsstätte, wobei es garnichts ausmacht, ob der eine nun seine Unter­haltung an ein paar herausgeschmetterten hohen E's, an einemStimmenwohlklang" oder pikant vorgetragenen feschen Couplets", will sagen: verschleiert-gewürztew Zotereien findet. So viel ist jedenfalls Thatsache, daß das Gros des Publikums bei der Kunst Unterhaltung,Amü­sement" sucht. DiesemAmüsements"bedürfnis tragen nun die Autoren, die angeblicy für die Kunst schreiben, in weitgehendstem Maße Rechnung und so haben wir eben bc^chj eine ganze Anzahl von Stücken, die mit der Kunst wenig, aber alles mit demAmüsement" zu thun haben. Auch dagegen läßt sich nichts sagen. Der Mensch soll sich amüsieren, er hat ein Recht dazu; außerdem steckt auch imAmüsement" ein StückAesthetik", das man noch lange nicht mit Achselzucken abzufertigen braucht. Es kommt eben nur auf die Mittel an, mit denen das Amüsement versucht wird. Zweifellos ist doch, daß in vielenTheaterstücken" der Gegenwart einfache die Zote herrscht. Man braucht nicht im geringsten prüde zu sein unt) muß zugeben, daß es für gewisse Dinge, die thea­tralisch behandelt werden, schließlich doch eine Grenze giebt. Gewiß wird diese Grenze je nach dem Bildungsstandpunkt und der ästhetischen und gemütlichen Durchbildung des einzelnen oder einzelner Bevölkerungs­schichten eine verschiedene fein. Wo das Gefühl der Schamhaftigkeit bei dem einen bereits verletzt wird, lacht der andere noch, ohne innerlich au erröten. Ab e r ein e Grenze giebt es bei aller Latitude des ästhetischen Gewissens und die auch am meisten vorgeschrittenen Mit­glieder des Stammtischs oder ber ^110611^1 be3 kurärismus, werden, wenn sie glotzte Leute oder Fa­milienväter sind, zugeben, daß gew ffse Dinge weder gesagt noch gemalt, weder gesungen noch durchjdenGestus ausgedrückt werden können, o h n e d a ß d i e Sch a m ver­letzt wird. Aus diesen Thatsachew ergiebt sich^ber zweifellos die Notwendigkeit des Einschreitens, d. h. de Zensur. Denn es fehlt weder an -Autoren , noch an gewissen Schichten des Publikums, die auch ^ant $ _ kommensten ausgebildete Zoterei um keinen schlimmeren Ausdruck zu gebrauchengoutieren".

mit dem 30. September ausgeschieden und dem 6. ostasiat. Jnf.-Regt. zugeteilt, dessen Uniform er anzulegen hnt.

Personalnachrichten. Versetzt find: die Pofiräte Albrecht von Darmstadt nach Frankfurt a. M. und Rogetzky von Frankfurt a. M. nach Darmstadt, der Postkassierer Stroh von Gießen nach Stettin als com. Postinspektor, der Ober-Postdirektionssekretär Olbricht von Danzig nach Gießen als com. Postkassierer, der Post­meister Jllert von Dörnach nach Großgerau, die Post- sekretäre Fuhr von Worms nach Bensheim und Klein­ste über von Bensheim nach Worms, der Ober-Postasfi- stent Freu del von Köln a. Rh. nach Offenbach a. M., der Postassistent Neundörser von Worms nach Kelster­bach als Postverwalter und die Postassistenten Kolb von Bingen a. Rh. nach Großgerau, Rettig von Oppenheim nach Heppenheim (Bergstraße), Jakob Schmitt von Mainz nach Darmstadt; angestellt ist: der Postassistent Frer.- höfer in Worms; angenommen sind als Telegraphen­anwärter: der Bizefeldwebel Hahn in Mainz, als Post- agent der bisherige Postamtsvorsteher Schmidt in Wiebels­bach; in den Ruhestand übergetreten sind: der Post­meister Platz in Großgerau und der Ober-Postassistent Ochs in Mainz; aus geschieden sind: die Postagenten Diefenbach in Kelsterbach und Friederich in Goddelau.

» Erledigte Stellen im Bezirk des 18. Armeekorps. Eisenbahn-Direktion Frankfurt a. M., 15 Anwärter für den ZugbegleitungSdienst, 900 Mk. AnfangSgehalt und der tarif­mäßige Wohnungsgeldzuschuß (60-240 Mk. jährlich), ferner die reglementsmäßigen Fahr-, Stunden- und Nachtgelder. Eiserfeld, Amt Eiserfeld zu Niederschelter, Polizei-Wacht­meister, 152100 Mk. Gehalt, 250 Mk. Wohnungsgeld­zuschuß und 100 Mk. Kleidergeld. Elz (Oberlahnkreis), OrtSbehörde, Nachtwächter, 500 Mk. jährlich. Kaiser!. Ober-Postdirektionsbezirk Dortmund, Landbriefträger, 700Mk. Anfangsgehalt und der gesetzliche Wohnungsgeldzuschuß. Neheim, Polizeibehörde, Polizeisergeant, 13001800 Mk. Gehalt und 100 Mk. Kleidergeld. Orb (Reg.-Bez. Kaffel), Stadt (Magistrat), Bureaugehilfe, 780 Mk. jährlich. Im Bezirk der Großh. Hess. (25.) Division. Kgl. Eisenbahn- Direktion in Frankfurt a. M., 10 Anwärter für den Zug­begleitungsdienst, 900 Mk. Anfangsgehalt und der tarif­mäßige Wohnungsgeldzuschuß (60240 Mk. jährlich), ferner die bestimmungsmäßigen Fahr-, Stunden- und Nachtgelder. Kgl. u. s. w. Eisenbahn-Direktion in Mainz, 40 Anwärter für den Bahnwärter- und Weichenstellerdienst, 7001000 Mk. Gehalt und der tarifmäßige Wohnungsgeldzuschuß (60 bis 240 Mk. jährlich).

* Zur Bürgermeisterwahl. Ueber die N e u b e s e tz u n g der Stelle des Oberbürgermeisters ist bisher nicht mehr zu erfahren, als daß die Vorschlagskommission zwar mehrfach beraten hat, über ihren Antrag an die Stadtver­ordneten aber noch nicht ins Reine gekommen ist. Infolge der langen Geheimnisthuerei der Kommission haben in den letzten Tagen private Besprechungen einer Anzahl von Stadtverordneten stattgefunden, wobei zu erkennen gegeben wurde, daß man den geeigneten Mann in einem Juristen aus Oberhessen gefunden zu haben glaubt, der auch bereits bei den Beratungen der Kommission in die engere Wahl gekommen sein soll. Der Bürgerschaft wäre ein Stadtoberhaupt, das die hessischen Verhältnisse kennt, natürlich sympathischer als ein Bürgermeister, dem man die sogenannte preußische Schneidigkeit nachrühmt, der sich aber in unsere Verhältnisse erst hineinleben müßte. Sicher ver­lautet, daß der Beigeordnete Wolff sich für den Bürger­meisterposten nicht gemeldet hat, sondern in den Staats­dienst zurücktreten will.

* * Alice Schule. Jetzt, wo nach der Erholung, die die vergangene Ferienzeit für Alle, die mit der Schule Zu­sammenhängen, brachte, mit neuem Eifer und größerem Ernste die Arbeit begonnen wird, tritt auch unsere Alice­Schule wieder in Thätigkeit. Die Ausnahme der Schüler­innen erfolgte gestern, und der Inseratenteil desGieß. Anz." brachte bereits die Ankündigung der verschiedenen Kurse. Stets bemüht, den neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der weiblichen Handarbeiten Interesse und Förderung entgegenzubringen, ist für diesmal ein Kursus für Maschinen.Stickerei in Aussicht genommen. In ihm wird gelehrt mit Hilfe einer Vorrichtung, die an Maschinen jeglichen Systems angebracht werden kann, und zwar mit ganz geringen Kosten, die schönsten Bunt- und Weißstickereien herzustellen. Ganz besonders Pertti nll wird sie zur Herstellung von Hohlsäumen und Durchbruch­arbeiten sein, die jetzt augenblicklich eine Hauptzierd? aller Wäschegegenstände, besonders Bett« und Tischwäsche, bilden.