M. 207 Zweites Blatt. Mittwoch den 5 September 150. Jahrgang wog
Gießener Anzeiger
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Wegen Vornahme von Straßcncnbeiten wird die Bismarckstraße zwischen Südanlage und Stephanstraße für den Fuhrwerksverkehr auf einige Tage gesperrt.
Gießen, den 4. September 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Hechler.
Die Wirren in China.
Die zwischen deuMächten stattfindenden Besprechungen, betr. den Vorschlag Rußlands, nehmen ihren Fortgang und dürften sich, wie die „Post" meldet, in der Richtung bewegen, wonach die Frage einer zeitweiligen Verlegung der Gesandtschaften vonPeking nach Tientsin kaum auf Schwierigkeiten stößt, während betreffs der Frage der Zurückziehung der Truppen aus Peking zwar eine genauere Prüfung der Zweckmäßigkeit einer solchen Maßnahme vom militärischen Standpunkte aus erfolgen soll. — Das „Berl. Tagebl." glaubt zu wisien, daß Graf Bülow vor seiner Abreise nach Norderney den russischen Botschafter in Berlin mündlich über den Standpunkt Deutschlands zu dem russischen Vorschlag betr. die Räumung Pekings, unterrichtet hat, sodaß man in Petersburg darüber genau orientiert ist. Der „Köln. Ztg." wird aus Berlin gemeldet: Sämtliche Mächte beauftragten ihre Gesandten, sich darüber zu äußern, ob ein folgenschwerer Schritt, wie die Räumung Pekings, ratsam sei oder nicht. Ihre vor allem in Betracht kommende Meinung solle abgewartet werden, bevor weitere Entscheidungen fallen, lieber die veränderte Haltung Rußlands sagt das Blatt, Rußland, das demnächst über 187 000 Mann in Ostasien verfügt, wolle vielleicht sein Pulver für etwaige Möglichkeiten in Korea trocken halten, vorläufig aber China zur Dankbarkeit verpflichten, in der Hoffnung, mit dem dankbaren China in der alten Form besser auszukommen, als mit einem neuen aus dem Chaos herausgewachsenen China, das Rußland vielleicht mit Mißtrauen begegne.
Aus Paris lieg! folgende Depesche vor: Falls eine Einigkeit der Mächte bezüglich der Räumung Pekings nicht erzielt wird, wird Frankreich offenbar Rußlands vereinzeltem Beispiele nicht folgen.
Der ehemalige Sekretär des Vizekönigs von Petschili erklärte, daß die amerikanische Regierung keinerlei Vertrauen in Lihungtschang setzen könne. Letzterer verfolge nur den Zweck, das Einvernehmen der europäischen Mächte zu stören und die Ausländer irre zu führen. Die oberen chinesische Behörden erklären, das größte Hindernis für die Regelung der Chinafrage bestehe in der Besetzung Pekings durch die europäischen Truppen. Erst nach der Zurückziehung der letzteren lasse sich eine Einigung in dieser Beziehung erzielen. Lihungtschang hat ausdrücklich verlangt, daß man ihm als Beiräte zwei andere chinesische Vizekönige gebe, und zwar von den an das Meer anstoßenden Provinzen, und zwei Mitglieder des Auswärtigen Amtes von China. — Wie aus London telegraphiert wird, erhielt Lihungtschang nach einer Depesche der „Times" aus Shangai am Freitag ein Telegramm vom chinesischen Gesandten in Berlin, in dem es heißt, Deutschland sei bereit, mit Rußland gemeinschaftlich zu handeln betreffs Beilegung der chinesischen Frage. Nachdem Rußland erklärt habe, seine Truppen aus Peking zurückzuziehen, werde Deuschland wahrscheinlich dasselbe thun.
Die leitenden Londoner Blätter sprechen sich energisch gegen die Zurückziehung der englischen Truppen aus Peking aus.
„Daily Telegraph" sagt, die Ereignisse hätten dahin zusammengewirkt, die Wage der diplomatischen Gewalt in die Hände Salisburys zu legen, und seine Haltung könne so entscheidend werden für das, was auf die Einnahme Pekings folgen werde, wie sie es gewesen sei, um Japan aus die Bühne zu bringen und die Errettung der Gesandtschaften sicher zu stellen. Kurz gesagt, Deutschland sei in der schlimmen Lage einer diplomatischen Vereinzelung, oder doch dieser Gefahr sehr nahe, es hänge von Salisbury ab, ein Üebergewicht in die Wagschule zu werfen, die schon nahe daran fei, das Üebergewicht zu haben, oder die Wage dadurch in Gleichgewicht zu bringen, daß er Deutschland in der Politik eines Kompromisses unterstütze, die dieses beinahe sicher Vorschlägen werde.
Ein Hongkonger Telegramm besagt, der Kommandant
eines französischen Kanonenbootes habe ohne jede Provokation aus die Farmer am Hantiang geschossen und dabei drei derselben getötet und drei verwundet. —
Der „Standard" meldet aus Tientsin, die Kaiserin habe sich unter den Schutz des Gouverneurs von Sch ansi gestellt. Sie soll 51 Missionare haben ermorden lassen, die im Rainen zu Tayuensu Zuflucht nahmen. Die englischen Truppen in Peking kampieren im kaiserlichen Wagenpark, in dem sie Oie Staatswagen und Sensten beschlagnahmten. General G a s e l e e nahm das Verbot des Plünderns zurück, gleichwie die anderen Generale, bestand aber auf der Methodismen Ausführung derselben und Verwendung der Beute zu gemeinsamen Zwecken.
Aus Shanghai ist in London die Meldung ein- getrossen, daß der Sohn des Prinzen Tuan, Put- sing, den die Kaiserin letzten Januar zum Thronerben proklamierte, zum Kaiser unter russischer Protektion erklärt werden soll.
Gin Telegramm vom österreichischen Kriegsfchiss „Maria Theresia" meldet: Ter kaiserliche Palast ist von Truppen aller Nationalitäten, darunter vom österreichisch-ungarischen Detachement, besetzt worden. Die kaiserliche und königliche (österreichische) KTiegsflagge wurde gehißt. Am 28. August fand der Durchzug aller Truppen durch den Palast statt. Das Detachement ist im Palast des M i l i t ä r g o u v e r n e u r s Chung li einquartiert, weil er als Rebell auf Veranlassung des Gesandtschaftsattaches verhaftet und an Japan ausge- liefert wurde. In Peking und Uingegend sind keine chinesischen Soldaten und Boxer mehr.
Tas französische Kanonenboot „Su r p r i s e" ist am 3. d. M. in Shanghai eingetroffen und fuhr sofort nach Nanking ab, um die französischen Interessen dort wahrzunehmen. Es sind zwei weitere im Y a n g t s e ein- getrofsen. Talziels Bureau meldet aus Shanghai, daß auch Vorbereitungen zur Entsendung einer deutschen Abteilung nachdem Yangtse gemacht würden, sie werde wahrscheinlich in Han kau landen .In Hankau besteht eine deutsche Niederlassung. Wie aus Shanghai berichtet wird, sollen dort in Hankau gegen Ruhestörungen alle Vorkehrungen getroffen worden sein. Tie .Kriegsmacht im Hafen von Shanghai betrage 27 Schiffe mit 7340 Mannschaften und 302 Geschützen. Teutschland habe dort drei Kriegsschiffe mit 1041 Mann und 43 Geschützen. Tas größte Schiff im Hafen sei der deutsche Kreuzer Fürst Bismarck. S. M. S. See-Adler, Kommandant Schack, ist am 3. September in Hankau eingetroffen. S. M. S. Schwalbe, Kommandant Korvettenkapitän Börner, ist am 3. September in Hongkong eingetrosfen und beabsichtigt, am 5. September nach Amoy in See zu gehen. Auf Wunsch des Konsularkorps in Shanghai wird die Batavia nach Wusung fahren und dort mehrere hundert Mann deutsche Truppen landen, welche die Engländer und Franzosen in der Aufrechterhaltung der Ordnung unterstützen werden.
Ter „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge hat nach telegraphischen Meldungen aus Peking der spanische Geschäftsträger als Toyen des dortigen diplomatischen Korps in seiner bei der B eis e tzu n g s f ei e r für Freiherrn von Kettel er gehaltenen Ansprache den Legationssekretär v. Bredow gebeten, dem Kaiser das Beileid des gesamten diplomatischen Korps zu der Ermordung des Gesandten v. Ketteler zu übermitteln.
In Kiautschou sind zwei französische Priester aus dem tiefen Innern eingetroffen. Sie wurden auf dem ganzen Wege von chinesischen Soldaten, die der Gouverneur von Schantung, Yuanschikai, gestellt hatte, geleitet. Tie Priester behaupten, Yuanschikai habe jenseits Kiautschou 20 000 Mann stehen, die augenscheinlich dort aufgestellt seien, um sich einem etwaigen Versuche Deutschlands, sein Gebiet zu erweitern, zu widersetzen. Der New-York Herald will wissen, Lihungtschang habe in Shanghai am Samstag die Nachricht erhalten, daß die Chinesen den verbündeten Truppen bei Kangtschung große Verluste beigebracht hätten. Auch die Verluste der Chinesen seien schwer gewesen.
Wenn überhaupt an dieser Mitteilung etwas Wahres ist, so haben wir den Schauplatz dieses Gefechtes vermutlich im Süden von Peking zu suchen, da die Verbündeten nach dieser Richtung einen Vorstoß gemacht haben sollen. Dort liegt ein Ort ähnlichen Namens etwa 15 .Kilometer südsüdwestlich von Peking zum Südwestrande des kaiserlichen Jagdparks Haitse, den die Richthofensche Karte als Hwangtsun verzeichnet. In dieser Gegend operierten nach den letzten Meldungen die verbündeten Truppen und hier sollte auch eine größere chinesische Truppenmacht stehen.
Eine zweite deutsche Feldpost nach China geht <a'm nächsten Freitag über Brindisi mit einem englischen Dampfer ab und trifft in Shanghai etwa am 10. Oktober ein.
Nach einer Meldung aus Bremerhaven sind die Fahnen für die o sta s i a ti sch e n Regimente r dort eingetroffen und gehen heute (Dienstag) mit dem Lloyddampser „Hannover" ab.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
Bremerhaven, 4. September. Der Kaiser hat sein Erscheinen bei der heute stattfindenden Abfahrt der Truppen nach China in letzter Stunde abgesagt.
London, 4. September. Aus Hongkong wird unterm 3. September berichtet, daß das 5. Hydarabad-Regiment, das ursprünglich nach Taku bestimmt war, bei Kaulun landen werde. ES heißt, die britische Regierung habe noch weitere TrupPen-Transporte zurückbeordert. Diese Maßnahmen haben die europäische Bevölkerung in Hongkong in lebhafte Unruhe versetzt.
Paris, 4.September. Die Bizekönige von Nanking und Hankau sollen an den Beratungen teilnehmen, zu denen Li-Hung-Tschang und Prinz Tsching nach Tientsin geladen wurden, wenn die Mehrheit der Mächte sich dahin einigt, Tientsin als Konferenzort zu erklären. Hier hat man den Eindruck, als ob diese Konferenz seitens Rußlands bringendst betrieben wird, und seitens Frankreichs alles geschieht, dies zu ermöglichen. Das französische Kanonenboot „Surprise", das den Yangtsee hinauf fährt, berührt Nanking und Hankau und könnte die Bizekönige Linkunyt und Chanchtong aus der Rückfahrt mitnehmen.
Wien, 4. September. Oesterreich-Ungarn und Italien bleiben unverrückt auf der Seite Deutschlands und werden unter allen Umständen alle Schritte des Berliner Kabinetts mitmachen. An Wiener maßgebender Stelle glaubt man, daß Rußland angesichts der ablehnenden Haltung der anderen Mächte seinen Vorschlag wesentlich modifizieren oder vielleicht ganz fallen lassen werde.
Petersburg, 4. September. Die vorgestrige Regierungs- Mitteilung wird in den Leitartikeln sämtlicher Blätter besprochen, die einmütig die Aktion der Regierung gut heißen. Vielfach wird die Ansicht ausgesprochen, daß die anderen interessierten Mächte dem Beispiele Rußlands folgen werden. Es fehlt indes auch nicht an Stimmen, die an der Geneigtheit Deutschlands und anderer Mächte, ebenso zu handeln, zweifeln. Birshewyja und Wjedomosti sagen, der Chauvinismus, den Deutschland nach der Ernennung Waldersees ergriffen habe, werde, wie man hoffen müsse, es nicht hindern, die Lage ernst zu beurteilen und zu erwägen, ob es sich zu isolierten Aktionen gegen China entschließe.
Der Krieg in Südafrika.
Ein Telegramm Lord Roberts meldet aus Belfast vom 30. August: Major Brooke, der bei der Kraai-Eisen- bahnstation steht, berichtet, er habe mit 100 Mann und zwei Geschützen die Buren, die eine Kopje etwa 5000 Yards von der Station hielten, am Morgen des 27. August angegriffen. Die Buren wurden vollständig geschlagen und ließen 5 Tote, darunter H. PretoriuS, zurück. — Aus Belfast meldet Lord Roberts vom 1. September: Buller rückte heute von Helvetia auf dem Wege nach Ly den bürg vor und lagert jetzt am Nordufer des Krokodilflusses. Die Nachhut des Feindes zog sich zurück, ohne Widerstano zu leisten.
„Daily Telegraph" meldet aus Lourenyo Marquez vom 2. September: Roberts rücke rasch an der Bahn entlang vor und nähere sich der Station Godwaan- river, er verfolge Krüger, Steijn und Botha in der Richtung aus Pilgrimsrest. Die englischen Truppen seien etwa 30 Km von Komatipoort entfernt. (Das dürste kaum stimmen; Godwaanriver Station und Komatipoort sind in der Luftlinie etwa 160 Kilometer voneinander entfernt.) General Bothas Truppen beständen, wie verlautet, nur aus 4000 Kampffähigen.
Aus Kapstadt meldet man vom 2. September: Oberst Plumer wurde heute früh auSgesandt, um das östlich von PienaarS River lagernde Kommando unter Pretorius zu verjagen. Nach längerem Gefecht gelang ihm dies, er nahm 26 Buren gefangen und erbeutete 90 Martinigewehre, 1000 Stück Vieh und 31 Wagen.
Der „Standard" meldet aus Belfast vom 28. August, Transvaal sei in vier Bezirke unter den Generälen Paget, Clements, Hart und Methuen eingeteilt worden, deren jeder für sein Gebiet verantwortlich sei. Darauf ist jedenfalls das gestern von uns unter den „Neuesten Nachrichten" mitgeteilte Gerücht von der förmlichen durch Pro-


