Sonntag den5^August
1900
Nik. 181 Drittes Blatt.
Gießener Anzeiger
General -Anzeiger
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König Umberto und seine Ratgeber.
Seit dem Tode Cavours 1861 fehlte der italienischen Staatsregierung zielbewußte Beständigkeit. In den siebzehn Jahren, die seit dem bis zum Tode Viktor Emanuels II. verflossen waren, wechselten 15 Ministerien nrit acht verschiedenen Ministerpräsidenten untereinander ab, und dieser ewige Wechsel blieb auch unter König Umberto beständig, ja wurde in noch höherem Maße die Signatur der Zeit, seit Depretis den Transformismus erfunden hatte. Agostino Depretis war der Ministerpräsident, den Umberto bei seiner Thronbesteigung am 9. Januar 1878 im Amte fand. Damals war Francesco C r i s p i Minister des Innern, M a n c i n i Justiz-, M a g - liani Finanz-, Brin Marine-, Coppino Unterrichtsminister, also eine qualitativ gewiß bedeutende Regierung. Schon nach zwei Monaten mußte sie aber einem Kabinett Cairoli-Zanardelli-Seismit-Doda weichen, das dem neuen König viel weniger genehm war. Mit dieser Kabinettsbildung vom 24. März 1878 begann schon die Resignation der Krone gegenüber dem Parlament, der Verzicht auf eigne Initiative, dem Umberto während seiner 22 Regierungsjahre treu geblieben ist. Im ersten Jahrzehnt hatte er es dabei insofern leicht, als es sich nur um zwei in Frage kommende Persönlichkeiten handelte. Am 19. Dezember 1878 löste Depretis wieder Cairoli, am 14. Juli 1879 Cairoli wieder Depretis ab, bis am 29. Mai 1881 das sogenannte große Kabinett Depretis ins Leben trat. Groß daran war nur die Geschicklichkeit, mit der sich Depretis durchs den Transformismus im Sattel hielt und vermöge der partiellen Ministerkrisen von Mai 1883, März 1884, Juni 1885 und April 1887 blieb Depretis der leitende Staatsmann und erste Ratgeber seines königlichen Herrn, bis er am 29. Juli 1887 starb, demselben Tage, an dem 13 Jahre später der Mord von Monza erfolgte. An Depretis Stelle trat Francesco Crispi, aber in dem Jahrzehnt, das nun folgt, wirkte die systematische Zertrümmerung der Parteien nach, die Depretis betrieben hatte. Während von 1878—88 König Umberto nur zwei Ministerpräsidenten, Cairoli und Depretis, allerdings sich ablösend und mit stets in partiellen Krisen wechselnden Mitarbeiten an seiner Seite sah, mußte er von 1888 bis 1900 deren fünf berufen, von denen auch zwei wiederholt am Ruder waren. Auf Crispi folgte 1891 Rudini, die Rechte, die 1876 gestürzt worden war, schien wieder ans Ruder zu kommen, aber es bestand weder eine organisierte Rechte, noch eine organisierte Linke mehr. So wurde 1892 statt des konservativen Rudini der liberale Giolitti berufen, an seine Stelle sollte 1893 sogar der fast radikale Zanardelli treten, an dessen Unfähigkeit aber die geplante Kabinettsbildung scheiterte. So kam wieder Crispi und 1896 nach Alira wieder Rudini heran. Als dessen Ministerium im Sommer 1898 nach den Maiunruhen zusammenbrach, wich Umberto von der Tradition ab und
berief den General Pelloux. Rach zwei Jahren beispielloser Kämpfe scheiterte dieser an dem Versuch, dem Vereinsund Versammlungsrecht, sowie dem Preßgesetz schärfere Fassungen zu geben. Mancher, der diese „Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten" wütend bekämpfte, wird heute sich wohl fragen, ob die Italiener für diese Freiheiten wirklich reif sind. Der letzte verantwortliche Ratgeber des unglücklichen Fürsten war Giuseppe Saracco, dem nun die schwere Verantwortung der Staatsleitung in diesen traurigen Tagen zufällt. Als er aufwuchs, da herrschte Karl Albert, unter Viktor Emanuel II. ist er zu einem der bekanntesten Politiker geworden, Umberto hat er 22 Jahre lang treu gedient und nun macht das Geschick den 82jährigen zum er st en Ministerpräsidenten Viktor Emanuels III.
HtreWge durch die Pariser WütausstMug.
Von PaulLindenberg.
(Nachdruck verboten.)
XIX.
Der Pavillon von Sau Marino. — Ein Musterstaal. — Das Kostum Palais. — Was e8 birgt. — Ein Paradies der Frauen.
Jenseits des Teiches, im unmittelbaren Schütze des Eiffelturms, ist San Marino durch einen allerliebsten Pavillon vertreten mit schlankem Glockenturm, in seiner von drei Portalen und zierlichen Arkaden darüber unterbrochenen Front dem prächtigen Rathause der kleinen Republik nachgebildet, der ganze, sehr sorgsam aufgeführte Bau in seinem schönen Florentiner Stil ebenso graziös wie eigenartig. Auch das Innere ist von vortrefflichem Eindruck und bietet sehr viel Interessantes, macht es uns doch eingehend bekannt mit dem Leben und Weben der kaum 10 000 Seelen umfassenden Bevölkerung der kleinen Republik, deren gleichnamige Stadt auf dem trotzigen Gebirgshaupte des Titano liegt, keck, malerisch, selbstbewußt. Aus vielen geschichtlichen Erinnerungen ersehen wir, daß diese Republik zu dem ältesten Staatengebilde des Erdballs zählt und auf eine fast zwölfhundertjährige Geschichte zurückblickt, die reiche ist an mutigen Kämpfen der Einwohnerschaft gegen in erdrückender Uebermacht erscheinende Feinde und gegen die noch schlimmeren heimlichen Listen und Tücken der umwohnenden Herzöge und Grafen, die nach dem Besitz des Bergnestes strebten. Aber mit erstaunlicher Kraftanstrengung und bewundernswerter Energie, unter selbstloser Aufopferung von Gut und Blut wurden alle Angriffe abgeschlagen, und noch heute weht die blauweiße Fahne frei und unangetastet über dieser merkwürdigen Republik, deren Namen jeder kennt und von der niemand etwas Genaues weiß. Oder richtiger: bisher wußte! Denn durch die so geschickt und fesselnd veranstaltete Vertretung in Paris wird die allgemeine Aufmerksamkeit auf den kleinen Staat gelenkt, von dem wir
hier ein umfassendes Bild erhalten. Tioranten, Gemälde und Photographien zeigen uns die landschaftlichen Schöii- heiten dieses idyllischen, friedlichen Erdenwinkels, dessen Besuch allen Jtalienreisenden empfohlen werden kann; neben den Landesprodukten, wie Früchte, Wein, Oel ic. sind meisterhafte Stickereien, kunstvolle Möbel, schöne Majolikageräte ausgestellt, und auch hier erfreut die gediegene, saubere Herstellung, die der kunstgewerblichen Tüchtigkeit der Bevölkerung ein gutes Zeugnis ausstellt, während die Behörden eine Uebersicht geben von dem Schulwesen, den Wohlfahrt-seinrichtungen, der muster- haften Verwaltung des Ländchens. Unter den historischen Erinnerungen fesseln am meisten jene an Napoleon I., der San Marino warme Sympathien bezeugte und ihm Waffen, Geld und Nahrungsmittel zur Verfügung stellte, damit sich in den vielfachen Kämpfen jener Tage die Republik ihre Selbständigkeit bewahren konnte. „Ich werde zu allen Zeiten und unter allen Umständen bestrebt sein, dem Volke San Marinos Beweise meiner Ack)tung und meinet; Anteilnahme zu geben", schließt einer der hier photographisch wiedergegebenen Briefe des Kaisers.
Etwas mehr seitlich stoßen wir auf das K o st ü m - Palais, elegant und flott ausschauend mit seinen anmutigen Formen und seiner koquettcn Front, an der sich Guirlanden aus natürlichen Blumen hinziehen. Es ist ein Museum der Mode, das der Pariser Damenschneider Felix errichtet hat und das sich des zahlreichsten Besuches erfreut, den es übrigens verdient, denn selbst die Mitglieder des stärkeren Geschlechts werden mit wachsendem Interesse diese sorgsam gestalteten Gruppen betrachten, die uns in zeitgenössischem Rahmen die Mode von den frühesten Epochen bis zum heutigen Tage veranschaulichen. In diesem Palais zeigt sich übrigens das zarte Geschlecht von seiner stärksten Seite in des Wortes wahrster Bedeutung, denn solche Püffe und Knuffe wie hier habe ich noch nie bekommen, nicht einmal bei einem Berliner Volksfest, und das will viel sagen; teils stehen die holden Schönen vor ihren so kostbar aufgeputzten Abbildern in Wachs wie festgebannt, teils drängen, stoßen, schiebeir sie sich vor den hohen Glasscheiben, daß einem angst und bange wird und man schnell — sofern dies hier möglich ist — weitereilt, um von neuem gedrückt, getreten, gezerrt zu werden. Wer nicht über eine Engelsgeduld verfügt, wer nicht stundenlang verweilen will in diesen halbdunklen, heißen, dumpfen Räumen, der gehe nicht mit seiner Ehelieosten oder irgend einem anderen weiblichen Wesen hierher, er lasse sie allein hineinpilgern und verabrede sich mit ihnen drei, vier Stunden später, denn so lange braucht die Mehrzahl der Besucherinnen zu einer „flüchtigen" Betrachtung aller der Herrlichkeiten wie Thorheiten der launischsten aller Göttinnen, der Herrscherin Mode.
Dos Altertum wird uns vergegenwärtigt durch eine । Szene aus dem Römischen Leben, durch eine Darstellung ! aus Aegypten und einer Huldigung fremder Gesandten
Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)
Berolina trauert. —» Tie Boxer auf den Brettern. — „Hostalle" ohne Zeremouial
Die Flaggen auf den Königlichen Schlössern und den öffentlichen Gebäuden sind auf Halbmast gesunken; in der italienischen Botschaft in der Wilhelmstraße herrscht ein ruheloses Kommen und Gehen von Söhnen des schönen Italiens, die ihrer Trauer Ausdruck geben wollen, und auch viele Deutsche sprechen vor, um ihr Mitgefühl zu bezeugen; die kleinen Gvpsfigurenhändler mit den gebräunten Gesichtern, aus denen sonst die dunklen Augen so munter blitzen, wandern stiller und ernster durch die Straßen der großen, fremden Stadt, und wenn sie jemand anspricht ob des fürchterlichen Attentates, so stiehlt sich eine Thräne in die jungen Augen um den geliebten und verehrten Re Umberto. Alles ist einmütig in der Verurteilung des schändlichen Mordes; ^jeder betrauert und bedauert den ritterlichen König und feine Witwe, die ebenso gütige wie anmutige Königin Margherita, nur die Sozialdemokratie macht in ihrem anerkannten Parteiorgan den krampfhaften Versuch, das schmachvolle Bubenstück als eine erklärliche Frucht der von Den führenden Klassen unablässig geschützten Mächte des Elends, Aberglaubens, der Unwissenheit und — man staune: „der Gewaltthätigkeit" lstnzustellen. Dasselbe Blatt leistet sich auch die Geschmacklosigkeit, Hermann den Cherusker, Schill und Zork von Wartenberg als „deutsche Boxer" zu charakterisieren und so zwischen den Großthaten unserer vaterländischen Geschichte, bei denen es sich um die Abschüttelung einer wirklichen und gewaltsam heraufgeführten Fremdherrschaft handelte, und den heimtückischen Grausamkeiten der Chinesen eine Parallele zu ziehen. Nun, die massenhaften Meld
ungen von Freiwilligen aus allen Ständen haben es, Gott sei Dank, bewiesen, daß diese traurige Auffassung int Volke fein Entgegenkommen sindet. Man braucht kein Kolonialschwärmer zu sein, um den nach dem Osten gehenden Truppen ehrlich Erfolg zu wünschen bei den großen und durch die jüngsten Ereignisse notwendig gewordenen Aufgaben, dem deutschen Namen Respekt zu verschaffen.
Ebenso geschmacklos wie diese Ausfälle des „Vorwärts" berühren die industriellen Bemühungen etlicher Bühnenleiter dritten und Bühnendichter dreizehnten Ranges, die im Vordergrund der Tagesgeschichten stehenden furchtbaren Ereignisse für ihr Theater auszuschlachten. Transvaal ist passee; flugs geht es an China heran. Ohne Rücksicht auf die Familien der in Peking Ermordeten oder Eingeschlossenen, ohne jedes Bedenken, daß der gute Geschmack, der notwendige Takt erfordern, nur immer mit dem geldhungrigen Blick auf die zu füllende Theaterkasse macht man sich an die Arbeit. Man kennt zwar so gut wie nichts von China, aber dafür giebts ja Reisebeschreibungen, von den Ereignissen der fürchterlichen Juliwochen stehen nähere Berichte and), noch gänzlich aus, aber dafür ist man doch Dichter! Und ebenso spornt der Theatermaler seine Phantasie; gleich wacker tummelt sich der Theaterschneider und bald ift das Wunder fertig: die Boxer in China zeigen sich auf den Brettern, so die Welt bedeuten, Chinesendolche funkeln, Gewehre knattern, Kanonen brüllen, Paläste brennen, es fließt Blut in Strömen, wenn auch nur nachgemachtes — und das Geschäft floriert! Wer ein ernstes, tief angelegtes, aus den edelsten Motiven geschaffenes Werk wie Tolstois „Macht der Finsternis" wird von der Polizei verboten. Es sind das Widerspräche so schreiender Art, daß man vergeblich nach dem logischen Zusammenhänge forscht.
Alljährlich wenn die schönen, langen Sommerabende ins Land ziehen, beginnt für Berlin eine Reihe von Hoffestlichkeiten, auf denen es ungeheuer lustig zugeht und die sich durch feine Hosetiquette, keinen würdigen Hofmar
schall, keine steifleinenen Hofbedienten irgendwie einschrän- ken lassen. Freilich finden diese schönen Feste auch nicht int weißen Saale oder in irgend einem anderen Königlichen Prunkraum statt; ihr Schauplatz ist vielmehr der mehr oder weniger große, dafür aber unendlich hohe Hof der mächtigen, viele Familien beherbergenden Mietshäuser in Berlin N. oder Berlin O. Denn soviel auch auf die Berliner Hauswirte raifonniert wird, und zum guten Teil leider nicht mit Unrecht: eine ganz erfreuliche Reihe gutherziger und opferwilliger Menschen giebt es doch auch Darunter, die gern denen eine Freude bereiten, di allmonatlich an ihre Thüre klopfen und den sauererworbenen und mühsam zusammengehaltenen Mietsmammon auf ihre blanke Tischplatte zählen.
Schon wochenlang vorher kündet der brave Hauspascha es seinen Mietern an, wann der „tzofball" vor sich gehen soll, und die Jugend, die vor allem dabei beteiligt ist, entwickelt eine fieberhafte Thätigkeit. Es wird gemalt und geklebt, gezimmert und lackiert, künstliche Blumen erstehen unter geschickten Mädchensingern, die mit frischen Laubgewinden den herrlichen Tag verschönern helfen sollen, während die Mutter die weißen Kleider wäscht und bügelt. Endlich, endlich bricht der ersehnte Morgen an. Natürlich Kaiserwetter, wie sich's für einen Hofball schickt! Die ganze Jugend in Gala, der man es oft nicht ansieht, daß sie aus Vaters Sommeranzug oder Mutters altem Waschkleid entstanden ist. Ter Wirt hat für Ueberrasch- ungen gesorgt, unter denen Papierlaternen und die unmöglichsten Musikinstrumente eine Hauptrolle spielen. Ein Leierkastenmann erscheint als Hoforchester; Kaffeee und Kuchen erinnern in ihrer immer sich erneuernden Menge ans Schlaraffenland; auck) eine Bierauelle strömt und „heiße Würste" tauchen im Hintergründe auf. Wwoio» naise, Tanz und Toaste, auf den Hauswirt natürlich der erste! Und er verdint auch daß sie ihn leben lasten, roe n er einen „Hofball" arrangiert.


