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5.7.1900 Zweites Blatt
 
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9it. 154 Zweites Blatt Donnerstag dm S. Juli

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Die Wirren in China.

An die nach China abgehenden Truppen hat Kaiser Wilhelm eine Ansprache gehalten, die wir gestern in ihrem wesentlichen Inhalte und heute an anderer Stelle im Wortlaut mitteilen. Er hat darin erklärt, er werde nicht ruben, als bis die deutschen Fahnen, vereint mit denen der anderen Mächte über den chinesischen Meeren wehen, und aus den Mauern Pekings faufgepflanzt den Chinesen den Frieden diktieren. Weiter ist in der Rede deS Kaisers von der Brandfackel des Krieges die Rede. Damit ist allem Anscheine nach nur der thatsächliche Zustand des Kampfes gemeint, wie er obwaltet und mit barbarischeu Völkern auch ohne 5kriegS-Erklärung besteht. Es handelt sich also zu­nächst nur um eine gemeinsame Straf-Expedition der civili- sierten Staaten gegen Barbaren. Die gestrigen Londoner Abendblätter melden aus Paris, daß dort das Gerücht umlaufe, daß die englische Botschaft eine Mitteilung von der Ermordung des französischen und englischen Gesandten erhielt, sich aber weigere, das Gerücht zu be­stätigen. Und dasBureau Dalziel" meldet aus Shanghai: Berichte aus chinesischen Quellen, die in starken Worten abgefaßt sind, melden, daß zwei weitere Gesandte, deren Nationalität nicht angegeben ist, am selben Tage ermordet wurden wie Baron Ketteler. Man hegt die größten Zweifel, ob überhaupt noch Ausländer in Peking am Leben sind.

Es ist cmzunehmen, daß nunmehr auch die übrigen Mächte dem kleinen Neid und dem Mißtrauen, dus schon setzt unheilvolle Früchte gezeitigt hat, absagen und Schulter an Schulter mit Deutschland, jede nach Maßgabe ihrer besten Kräfte, nach Peking Marschieren werden. Vermut­lich wird die Re ttun g s expe d ction zu spät kom­men; nun wohl, wenn die Truppen der Mächte in der Hauptstadt des Reiches der Mitte nichts mehr zu retten1 finden, so bleibt ihnen nur übrig, ihre Landsleute zu rächen und ein Beispiel aufzustellen, das für alle Zeiten eine Wiederkehr des heurigen Schreckens verhütet. Wir meinen damit nicht, daß die Truppen der Zivilisation nun in Peking Hausen sollen wie die Barbaren, die blind den Schuldigen mit dem Schuldlosen treffen, sondern daß sie kommen als rächende Richter, die vor einem schuldbeladenen' Haupte nicht Halt machen, und wenn es bisher noch so hoch, getragen wurde, daß sie ferner der Diplomatie als sichere Stützen dienen, wenn es gelten wird, die Bürg­schaften für die Zukunft aufzurichten. Deutschland hat den Beweis geliefert, daß es zu dem Ende bereit ist, sein Teil der Rechnung an Blut und Geld zu tragen; schon ist dieMobilmachung von weiteren zehn Kriegs­schiffen befohlen, und ein Expeditionskorps aus einer gemischten Brigade wird zusam- mengestellt. DieNational-Zeitung" hört zuver­lässig, daß auch die Entsendung einer Division der Armee beabsichtigt wird. Es fanden gestern in Wilhelmshaven militärische Beratungen darüber statt.

Der Kaiser hat seine Abreise nach Norwegen verschoben und der Staatssekretär v. Bülow hat seinen Urlaub vertagt, da, wie es in einer anscheinend offiziösen Meldung heißt, die chinesischen Vorgänge mög­licherweise in der nächsten Zeit Entschlüsse über weitere Maßregeln erfordern könnten.

DieBerl. Neuest. Nachr." sprechen bereits von einer beschlossenen Entsendung deutscher Landtruppen nach China, die von dem Chef des Kreuzergeschwaders, Bendemann^ in einer Depesche angeregt worden sein soll. Es handelt sich um 12000 Mann Infanterie mit entspre- rJL r-r allerie und Artillerie. Nichtaus- gejchlosfen ist, daß wegen der Kosten der Expedition der Reichs t a g zu einer kurzen Tagung einberufen wird; doch ist in dieser Beziehung «noch keinerlei Entschließung erfolgt. Was die internationale Seite her chinesischen Frage betrifft, so wird demselben Blatt 'an maßgebender Stelle versichert, daß alle Mächte, Rußland nicht ausgeschlossen, loyal an dem Programm des einmütigen Vorgehens festhalten. Deutschland im besonderen beharrt auf dem von Beginn an .eingenommenen Standpunkte, daß eine Teilung Chinas durchaus unerwünscht wäre. Die deutsche Politik hat nach! wie vor als nächstes Ziel lediglich die Besetzung Pekings, die Sicherung der Verbindungslinie Peking-Tientsin- Taku, sowie die Herstellung geordneter Zu­stände im Auge. Die diplomatischen Bezieh­ungen zur chinesischen Regierung sind formell nicht abgebrochen, da bisher noch keinerlei Gewißheit zu erlangen war hinsichtlich der Stellung der Pekinger Re­gierung zu den jüngsten Ereignissen in ihrem Reiche. Im völkerrechtlichen Sinne besteht gegenwärtig in China ein durch den Aufruhr der Boxer entstandener kriegsmäßiger Zustand, nicht aber der Krieg mit der legitimierten Regie­rung des chinesischen Reiches.

In Wiener diplomatischen Kreisen verlautet, Kaiser

Wilhelm habe bei den Mächten die Initiative zur Einlei­tung einer energisck)en Aktion in China ergriffen.

Die Ausreise der Seebataillone aus Wil­helmshaven auf den beiden von der Marineverwaltung gecharterten Dainpfern des Norddeutschen LloydW i t t e- k i n b" undFrankfur t" ist am Dienstag früh zwischen 3 und halb 5 Uhr von statten gegangen. An Bord der Hohenzollern" erschien das Kaiserpaar, das dem Verlauf der Abfahrt beiwohnte. Die Mannschaften hatten teils am Bordrand, mit der Front nach der kaiserlichen Yacht zu Aufstellung genommen, teils waren sie auf­geentert und hielten auf Strickleitern die Masten bis hin­auf zum Bug und selbst die Takellage besetzt. Brausende, Hochs auf den Kaiser erschallten von Bord, als die Dampfer sich in Bewegung setzten. Eine Schn ell feuer-Bat te- r i e wird nach Mitteilung des Kaisers an das Offizierkorps mit dem nächsten Postdampfer jnachgeschickt. Wie aus Kiel gemeldet wird, erhielt das dortige Marinebeklei- dungsamt aus Befehl des Kaisers die Anweisung, schnell­stens weitere 25000 Tropenanzüge anzufertigen.> Die erste Division des ersten Geschwaders wird sofort die kriegsmäßige Ausrüstung beschleunigt ausführen, so daß ihr Abgang nach China in wenigen Tagen erfolgen kann. Sie geht unter dem Befehl des Admirals Hoff­mann von Kiel direkt nach Wilhelmshaven, wo sich die Schiffsausrüstungskammern für sie befinden. Nachdem die Probefahrt des KanonenbootesLuchs" die Seefähig- ftit des Schiffes ergeben hat, ist seine Ausreise nach China auf den 7. d. M. vormittags angesetzt worden. Der auf der Germaniawerft erbaute LenzerNymphe" soll die Ausrüstungsarbeiten nach Möglichkeit beschleunigen, um baldigst für die Ausreise nach China bereit zu sein.

Generalkonsul Fr. Knappe, der seine Rückreise nach Shanghai antreten sollte, wurde zum Kaiser nach Wil­helmshaven berufen, um ihm dort Vortrag zu halten.

Das Wolffsche Bureau berichtigt seine Angabe, daß nach der Meldung pes Chefs des Kreuzergeschwaders Frhr. v. Ketteler am 16. Juni ermordet worden sei, dahin, daß in jener Meldung als Datum nicht der 16., sondern der 18. Juni angegeben sei. Englische Depeschen gaben den 16. Juni als Tag der Unthat an. Es wird daher eine noch>- malige Bestätigung des Datums abzuwarten sein. Sofort nach bem Eintreffen der Nachricht über die Ermordung des Gesandten Frhrn. v. Ketteler hat das Auswärtige Amt den Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Staats-Mi­nister Frhrn. v. d. Recke, beauftragt, die Trauernachricht der in Münster lebenden Mutter des Verstorbenen, Freifrau v. Ketteler mitzuteilen. Aus Wilhelmshaven sandte der Kaiser an Freifrau v. Ketteler ein Beileidstelegramm.

Das Personal der deutschen Gesandtschaft in Peking, das, soweit bekannt, noch am Leben oder in großer Gefahr ist, besteht, abgesehen von der Witwe des ermordeten Gesandten, Frhrn. v. Ketteler, aus dem ersten Sekretär v. Below-SaleSke, dem zweiten Se­kretär Dr. v. B e r g e n, dem zur Gesandtschaft kommandier­ten Leutnant v. Loesch, dem zweiten Dolmetscher Cor­des, dem Stabsarzt Dr. Velde, dem als Hilfsschreiber kommandierten Seesoldaten Koch vom Gouvernement in Kiautschou, dem Kanzleischreiber P i f r e m e n t, dem Amts­diener Hum melke und dem Dolmetschereleven Dr. Merklinghaus. Der erste Dolmetscher Frhr. v. d. G o l tz, hat am 2. April einen Urlaub angetreten. Der neu­ernannte Legationskanzlist Dobrikow ist noch unterwegs und wird nach Berlin zurückberufen werden. Das Detache­ment, das am 3. Juni zum Schiutze der Gesandtschaft in Peking eingetrosfen ist, besteht aus einem Offizier und fünfzig Mann von dem in Kiautschiou stationierten See­bataillon.

Nach> einer Meldung aus London macht die Ermor­dung Kettelers in allen Kreisen einen tiefen Eindruck. Die Times" schreiben, alle zivilisierten Völker müssen mit Deutschlandsympathisieren wegen des Verlustes, den es erlitten hat, und die tiefe Entrüstung teilen, womit diese Ausschreitung die deutsche Nation erfüllt. Die Deutschen sind nicht das Volk, die Ermordung ihres Ge­sandten ruhig hinzunehmen; ihr Kaiser ist jedoch viel zu sehr Staatsmann, um seine Politik in einer ernsten und delikaten Frage von internationaler Bedeutung durch seine persönliche Erbitterung oder durch die seiner Unter» thanen bestimmen zu lassen; er werde mit gehöriger Rück- fid)it auf die Interessen und Empfindlichkeiten anderer vor­gehen.Daily Chronicle" sagt, der Kaiser sei nicht in der Lage, die Ermordung Kettelers zu rächen. Wenn er Japan beauftragte, die Rache auszuführen, würde er der gemein­samen Sache der Zivilisation dienen, obwohl es nicht jeder­mann in Petersburg gefallen würde.

In London eingetroffenen Depes<l)en aus Kobe zufolge soll Japan übrigens weitere 30(XX) Mann mobil machen. Marquis Ito widersetzte sich dieser Politik, da er fürchte, daß sie zu Verwicklungen mit Rußland führen könne. Aus Petersburg wird vom 3. ds. gemeldet, daß die telegraphische Verbindung Wit Kalgan unter­brochen sei.

Im ftanzösisckien Ministerrate ist eine Meldung des französischen Konsuls in Shanghai verlesen luorbcn, die die Gerüchte zu bestätigen scheint, daß Prinz T n a n und Ge­neral Kangyi, der übrigens nach andern Meldungen znr Aufwiegelung der Provinz in Nanking weilen soll, sich der höchsten Gewalt bemächtigt und somit auch zunäck)st die Verantwortuug für die blutige« Vorgänge zu tragen hätten, daß jedoch die Generalgonverneure in Mittel- und Südchina ihnen den Gehorsam v e r - weigerten. Nähere Einzelheiten über diese angebliche Wen­dung der Dinge glaubt der Berichterstatter desDaily Expreß" in Shanghai in dem folgenden Telegramm Mit­teilen zu können:Alle Provinzen südlich des gelben Flusses, deren Gouverneure fteundliche Beziehungen zu den Mächten durch! Vermittelung der Konsuln unterhalten, haben in aller Form einen Bundmitder Haupt st a d t Nanking begründet."

Daily Expreß" erfährt aus Schantung, daß sich! auch der Statthalter von Schantung ganz entschieden als Gegner des Prinzen Tu an erklärt hat.

Prinz Tuän soll übrigens die N i e d e r m e tz e l u n g aller Ausländer in Peking beschlossen haben. Ein Gerücht besagt, Prinz Tuan lasse alle gefangen genommenenen Mit­glieder der Gesandtschäftswachen ö f sie n t l i ch e n t h a u p - ten. Die Bewohner der Gesandtschaften sollen in der traurigsten Notlage gewesen sein, als der chinesische Bote vor einer Wochie abging. Frauen, die nicht schon direkt uwgebracht waren, kamen vor Hunger um. Ein furchtbares Feuer wurde auf die englische Ge­sandtschaft unterhalten, deren Bewohner, eine bloße Hand­voll weißer Männer, Tausende von Chinesen in Schach hielten.

Ein vor sechs Wochen in Peking aufgegebener Brief an denPester Lloyd" schildert den dort herrschenden Frem­denhaß in grellsten Farben und meldet, daß der ungarische Missionar Jesuitenpater Wilfingen in Ning-Po er- nt o r b e t wurde.Daily Mail" melbet aus Shanghai, baß der Schaben, ber an bem Eigentum ber Fremden in Peking verursacht wurde, ungeheuer sei und daß die Stadt von Tausenden von Chinesen der untersten Klasse umzingelt wird. Nach einer Meldung berDaily Mail" aus Shanghai wirb aus Kiautschou vom 30. Juni berichtet, daß ber Ingenieur Hilbebranb und fünf seiner Gehilfen an den Eisenbahnwerken in Kaome von den Chinesen angegriffen worden sind. Sie zogen sich zurück, kämpften dabei aber weiter und töteten eine Anzahl Chinesen. Die Häuser aller Europäer wurden je­doch verbrannt und die Flüchtlinge verloren alles. Sie kamen in Kiautschou am 30. Juni an und sagten, die chinesischen Soldaten hätten am Angriffe auf sie teilge- nümtnen. Die katholischen Missionare sind durch einen offiziellen Befehl der Mandarine aus der Provinz ver­trieben und die Kirche in Senschufu, welche die Chi­nesen zur Sühne für die Ermordung der beiden deutschen Missionare vor drei Jahren erbauten, ist verbrannt worden. Berichte aus gleichen Quellen melden ferner, daß das Missionshospital in Lukden durch Feuer zerstört und pie chinesischen Christen dort erbarmungslos nieder- gemetzelt sind. Die ausländischen Missionare flohen nach Niuchwang. Einer weiteren Meldung zufolge hat der -Kampf um Tientsin neu begonnen. Es heißt, Ad­miral Seymour sei verwundet.

* *

Telegramme deS Gietzerrer Anzeigers.

Berlin, 4. Juli. Die endgiltige Bestimmung über die Art der Formierung ber gemischten Brigade steht zur Stunde noch nicht fest. Die Vorarbeiten hierzu werden im Kriegsministerium eifrig betrieben und erfahren durch telegraphische Anweisung aus dem Kabinett des Kaisers ihre Direktive.

Kiel, 4. Juli. Die Ordre, die China-Fahrt anzutreten, erreichte die erste Panzerdivision aus ber Höhe von Saßnitz. Die Linienschiffe werden heute in Kiel erwartet. Sämtlichen Küsten-Signalstationen der Ostsee wurde die MobilmachungSordre mitgeteilt, um sie dem vorbeipassierenden Geschwader zu signalisieren. Die Ausrüstung wird so be­schleunigt, daß die Abfahrt nach China spätestens am 12. Juli erfolgt. Der KreuzerBussard" erhielt gestern die Ordre, in beschleunigter Fahrt direkt nach Taku ab­zudampfen.

Wilhelmshaven, 4. Juli. Auf Veranlassung des Kaisers ist [an die zu der Abreise nach China befohlenen Offiziere eine außerordentliche Equipierung von 500 Mk. ausgezahlt worden.

London, 4. Juli. Lord Salisbury hatte gestern mittag eine lange Konferenz mit dem chinesischen Gesandten und empfing dann nacheinander die Besuche ber Botschafter der Großmächte. Die nächsten nach China abgehenden Dampfer sollen bereits große Mengen