W. 104 Erstes Blatt.
Samstag den 5. Mai
1900
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Die Feierlichkeiten aus Aulatz der Grotz- jährigkeitserkläruug des Kronprinzen.
i.
Berli »l, 3. Mai.
Ne deutsche Reichshauptstadt hat Festschmuck angelegt. Der Potsdamer Bahnhof, auf deni der Kaiser von Oesterreich eintrisst, ist mit Fahnen in den deutschen, österreichischen und ungarischen Farben und mit Guirlanden, gebildet aus Tannengrün, geschmückt. Einen überaus prächtigen Anblick bildet die Bahnhofshalle in ihrem Fahnen- und Guirlandenschmuck. Vor dem Bahnhofe sind hohe Masten errichtet, die auf ihrer Spitze einen vergoldeten Adler tragen. Die umliegenden Hotels und Geschäfts-, sowie die Privathäuser haben geflaggt und zu ihren Dekorationen Guirlanden und Teppiche verwendet. Die Bellevuestraße, durch die der Kaiser Franz Josef die Fahrt nach dem Schlosse nimmt, macht mit ihren Vorgärten und den dekorierten Häuserfacaden einen sehr vonehmen Eindruck. Im Vorgarten des Ktinstlerhauses ist eine Ko- lossalbüste des Kaisers Ftanz Josef aufgestellt, geschmückt mit einem Lorbeerkranze. Die Siegesallee ist mit Hyazinthen, Mandelblüten, Stiefmütterchen und Rhododendron geziert, welche in den die Allee einsäumenden Beeten aufgestellt sind. Und nun zum Brandewburgethor! Dessen Schmuck ist zwar einfach und bescheiden gehalten, bildet aber eine wirkungsvolle Einleitung zu dem Triumphbogen, der sich über den Pariser Platz, am Anfänge der Straße Unter den Linden, spannü Es ist dies ein Bauwerk von monumentaler Wucht, gewaltig in seiner Größe, und inacht einen grandiosen Gesamteindruck. Auf dem Triumphbogen, d-er von turmartigen Säulen flankiert wird, ist der österreichische Doppeladler angebracht. Lorbeerbäume, mächtige Blumenkörbe sind zu seiner Ausschmückung verwendet. Grün, Gold und Purpurrot — das sind die Farben, die an dem Triumphbogen dominieren. Die ganze Straße vom Brandenburger Thor bis zum königlichen Schlosse ist in eine via triumphalis verwandelt und bietet mit ihren Flaggen und Wimpeln und Guirlanden einen prachtvollen Anblick. Den Abschluß bildet das Denkmal Kaiser Wilhelm I., dessen Säulen mit Guirlanden umwunden und dessen Facadcn ebenfalls mit Tannenzweigen geschmückt sind. An zahlreichen Gebäuden sind auch bereits die Vorbereitungen der Illumination getroffen.
Der „R e i ch s a n z e i g e r" widmet dem Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines nichtamtlichen Teiles folgenden Begrüßungsartikel:
„Der Tag, an welchem der Kronprinz des deutschen Reichs und von Preußen in da« Atter der Großjährigkeit tritt, wird eine große Anzahl Erlauchter Gäste aus dem Reiche und aus anderen Ländern am Hofe des Kaisers in Berlin vereinigen. Als erster hält morgen der Kaiser von Oesterreich und König von Ungarn seinen Einzug in die deutsche Reichshauptstadt. Der ihm hier bereitete Empfang wird zeigen, daß die Verehrung für Se. Majestät die gleiche geblieben ist, wie bei seiner letzten Anwesenheit in Berlin vor elf Jahren. Die persönlichen und politischen Beziehungen zwischen beiden Herrschern und ihren Reichen sind auch heute von denselben Gefühlen vertrauensvoller Freundschaft und demselben Bestreben getragen, im Dreibunde unter der wertvollen Mitwirkung des ritterlichen Königs von Italien den europäischen Friedensinteressen in der Pflege guter Beziehungen zu allen anderen Mächten zu dienen. In aufrichtiger Ehrerbietung für die edle Persönlichkeit des hohen Gastes rufen wir dem Kaiser Franz Josef ein herzliches Willkommen jul*
In ähnlicher Weise äußert sich die „Nordd. Allg. Zeitung" an hervorragender Stelle, wie folgt:
„Als erster der zur Feier der Großjährigkeit des Kronprinzen in der Reichshauptstadt eintreffenden fürstlichen Gäste bewillkommnen wir mit aufrichtiger Freude den Kaiser Franz Josef. Der greise Monarch, der schon unserem großen ersten Kaiser ein langjähriger, bewährter Freund gewesen ist, steht als Neuer Bundesgenosse Kaiser Wilhelms II. wie durch seine edle menschliche Persönlichkeit dem Herzen des deutschen Volkes besonders nahe. Der innigen Zuneigung, welche Kaiser Franz Josef unserem Herrscherpaar und dem Kronprinzen, seinem Pathenkinde, entgegenbringt, entsprang der spontane Wunsch, bei der bedeutungsvollen Familienfeier im deutschen Kaiserhause, die zugleich ein Fest der ganzen Nation ist, in unserer Mitte zu weilen. In dem Besuch Se. Majestät erblicken wir ein neues Unterpfand der unwandelbaren Freundschaft zwischen den Herrscherhäusern Hohenzollern und Habsburg und ein wertvolles Zeugnis für die Festigkeit des von Bismarck und Andrassy geschaffenen Werkes, das, durch den Beitritt des Köntgsreichs Italien zum Dreibund erweitert, seine friedliche Bestimmung bisher erfolgreich erfüllt hat und in guten Beziehungen zu allen anderen Mächten hoffentlich noch lange erfüllen wird."
Der österreichische Botschafter und die zum Ehrendienst befohlenen Offiziere mit dem General v. L i n d e q u i st an der Spitze, begeben sich heute abend nach Frankfurt a. O., um sich dort morgen früh beim Kaiser Franz Josef zu melden. Das gesamte diplomatische Korps folgt morgen vormittag einer Einladung des russischen Botschafters, um dem Einzuge des Kaisers Franz Josef zuzuschauen. Zu den Anwesenden zählt auch der Großfürst Constantin Constantinowitsch mit Gefolge und Ehrendienst.
Der hiesige chinesische Gesandte ist von seiner Negierung telegraphisch in Kenntnis gesetzt worden, daß die Kaiserin-Mutter und der Kaiser von China ein Glück
wunschschreiben und Geschenk nach Berlin abzusenden befohlen haben. Gleichzeitig wurde der Gesandte beauftragt, dem Kaiser sehr herzliche Glückwünsche der chinesischen Regierung zu übermitteln des Inhalts, daß dem Kaiser eine lange, glückliche Regierung beschieden sei, und das ganze kaiserlich Haus blühen möge, sowie auch, daß der deutsche Kronprinz den vollen Glanz des Thrones der erlauchten Vorfahren ererben und demselben alles nack) Wunsch gedeihen möge.
Auf Befehl des Kaisers fällt morgen in sämtlichen Berliner Schulen der Unterricht aus.
Politische Tagesschau.
Wir haben bereits unseren Lesern von den abenteuerlichen Behauptungen Mitteilung gemacht, daß Deutschland den Versuch mache, Dänemark zur Abtretung der Antillen zu bestimmen, indem es ihm einen Teil von Schleswig als Ersatz hierfür anbiete. Urheberin dieses blühenden Blödsinns ist die „New-York Times", nicht der mystische „Arizona-Kicker". Dieser Yankee-Scherz ist eigentlich so dumm, daß er eine Erwähnung kaum verdient, aber andererseits ist er doch zu amüsant, als daß wir nicht noch einmal darauf zurückkommen sollten. Die „Enthüllungen" des amerikanischen üblen Unwitzblattes gipfelten also darin, daß Deutschland die dänisch westindischen Inseln sehr gern sein eigen nennen möchte. Die Standard Oil Company, so fabelte der märchenerzählende Nevolverjournalist, hat der Regierung von Dänemark angeboten, den Ankauf von Dänisch-Westindien zu vermitteln, und zwar gegen eine Provision von 10 Prozent vom Verkaufspreis; die Gesellschaft erklärte dabei, daß sie über 26 Stimmen im Senat vollständig verfüge, da die betreffenden Mitglieder Ihun müßten, was das Finanzkonsortium des Standard Oil Syndicates befehle. Die dänische Regierung habe eine Zeit lang mit dem Agenten der Standard Oil Company verhandelt, habe aber dann direkte Verbindung mit dem Auswärtigen Amt in Washington angeknüpft. Als die Company dies erfuhr, habe sie der dänischen Regierung gedroht, den Verkauf zu verhindern, wenn sie die Provision nicht erhalte. In diesem Stadium sei Deutschland dazu gekommen und habe sich bereit erklärt, die Inseln zu kaufen oder gegen Schleswig einzutauschen. Amerika habe jedoch erklärt, daß es niemals in die Errichtung einer deutschen Dependenz in seinen Gewässern einwilligen werde.
ES ist bezeichnend für die amerikanischen Preßzufiände, daß sich ernsthafte Blätter mit dieser Räubergeschichte beschäftigen, und offiziöse Organe sich die Mühe nehmen, die Angaben der „Times" zu dementieren. Wenn dieses Dementi hier und da in einer Form erfolgt, die die Mög- lichkeit offen läßt, daß Deutschland doch in der einen oder anderen Weise die Hand im Spiele habe, so wollen wir nur an ein treffliches Schlagwort erinnern, das unserem Kaiser in den Mund gelegt wird. Als ihm jüngst in irgend einem Orte bei der Ankunft auf dem Bahnhofe ein kleiner Knabe einen VerS vordeklamierte, da behielt dieser den Strauß, den er dem Kaiser überreichen wollte, krampfhaft in den Händen, obwohl sein Spruch von dem Gegenteil redete. Dieses Büblein wars, dem wir das schöne Kaiserwort verdanken: „Was der Deutsche einmal in Händen hat, das giebt er nicht wieder heraus!" — Für den Politiker unterliegt es keinem Zweifel, daß Deutschland niemals ernsthaft daran denken konnte, wegen der dänischen Antillen mit den Vereinigten Staaten in Wettbewerb zu treten. Ganz abgesehen davon, daß wir die letzten wären, denen Dänemark einen solchen Gebietszuwachs gönnen würde — über den Austausch gegen Nordschleswig ist natürlich kein Wort zu verlieren —, sind die Inseln für Nordamerika schon seiner mittelamerikanischen Kanalpläne wegen von solcher Wichtigkeit, daß die kapitalkräftigen Yankees uns sicherlich Überboten haben würden.
Der Krieg in Südafrika.
Folgende Depesche der Morning Post aus Thabanchu lüftet den Schleier ein wenig, den die neuerdings wieder auffallend lückenhafte englische Kriegsberichterstattung über die Vorgänge südöstlich von Bloemfontein gebreitet hat: „Während General Dicksons Rückzug fielen sein eigener Proviantwagen und die Wasserwagen der Brigade in die Hände des Feindes. Die Nachhut wurde heftig beschossen; der Rückzug brachte General Hamilton in Gefahr. Er sammelte deshalb seine Streitkräfte und zog sich vorsichtig nach Thabanchu zurück, nachdem er dem vorrückenden Feind mit Artillerie- und Infanterie-Feuer heftigen Widerstand geleistet hatte." Allerdings ist diese Meldung vom 29. April datiert, also durch
die Ereignisse der folgenden Tage überholt. Jedenfalls aber geht daraus hervor, daß sich die Dinge bei Thabanchu erheblich weniger glatt für die Engländer abgewickelt haben, als ihre bisherigen dürftigen Nachrichten erkennen ließen. — Ganz den gleichen Eindruck erwecken weitere Meldungen von anderen Punkten des Kriegstheaters.
Der „Daily Nevs" wird Dienstag aus Bloemfontein telegraphiert: Oberst Henry marschierte mit dem achten und vierten Korps berittener Infanterie von Spyfontein nach Osten, damit die Generale Broadwood und Hamilton aus dem fernen Osten die Buren umzingeln könnten. General Maxwell avancierte von Krantz Kraal, um sie von Süden zu umzingeln. Oberst Henry traf nach fünf Meilen auf eine stark überlegene Burentruppe die ihn auf einige Kopjes drei Meilen westlich zurücktrieb. Die Buren folgten rapid, doch gelang es den Engländern sie in Schach zu halten. Der Umzingelungsversuch der anderen Kolonnen scheiterte, und Oberst Henry gelangte schließlich ins Lager zurück.
Eine Bloemfonteiner „Times"-Drahtung meldet: Die jüngsten Operationen in der Richtung auf Brandfort hatten zur Folge, daß gegen Dienstag die Buren auf der ganzen Linie zurückgedrängt waren, General Broadwood versuchte Montag, die Buren bei SchanSkraal abzuschneiden, aber sie zogen sich rechtzeitig zurück, als sie ihren Rücken bedroht fanden. Infolge dieser Operationen hätte ein Teil der britischen Streitkräfte jetzt seine Stellungen näher nach Brandfort zu, aber der allgemeine Vorstoß scheine noch durch de« Widerstand der Buren jenseits Thabanchu gehemmt zu sein. Dieser Widerstand dürfte, wie das genannte Blatt sehr optimistisch meint, auch bald gebrochen werden, obwohl möglicherweise nicht ohne ernstes Treffen; wenn BothaS Streitkraft zersprengt worden ist, werde der Vorstoß nach Norden ernstlich beginnen.
Der „Central News" wird aus Lorenzo Marques vom 1. Mai gemeldet: Die Belagerung Mafekings soll so gut wie aufgehoben sein, da der Kommandant Eloff und eine große Anzahl Buren sich von dort zurückgezogen haben. Eloff kehrte nach Pretoria zurück.
Offiziell wird gemeldet: Leutnant Günther, ein deutscher Offizier vom 55. Regiment, der in den Reihen der Buren focht, ist am Dienstag gefallen.
Einem belgischen Journalisten soll ein Mitglied der Burendelegation in Amsterdam erklärt haben, wenn die Buren auch bei den Vereinigten Staaten keine Unterstützung fänden, würden sie doch bis auf den letzten Blutstropfen kämpfen.
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Telegramme des Gietzerrer Anzeigers.
London, 4. Mai. Einem Telegramm aus Kapstadt: zufolge soll Präsident Krüger den Befehl gegeben haben, sämtliche Engländer aus Transvaal auszuweisen.
London, 4. Mai. Marschall Roberts telegraphiert: aus Bloemfontein vom 2. Mai: General Hamilton errang gestern einen beträchtlichen Erfolg und verdrängte den Feind aus einigen starken Stellungen, die dieser bei Holtnek inne gehabt hatte, mit verhältnismäßig geringfügigen Verlusten. Die Buren wurden nach verschidenen Richtungen verdrängt, vornehmlich nach- Osten und Norden. Sie ließen 26 Gefangene in unseren Händen, darunter einen Kommandanten. Hamilton kampiert gegenwärtig bei Jakobsrust. Ich habe Befehl gegeben, zu pausieren, da seine Leute, die von 10 Tagen sieben gefochten haben, dringend der Ruhe bedürfen. Die Kavalleriebrigade Broadwoods kam gerade zur rechten Zeit, um wertvolle Dienste leisten zu können. Nachmittags stietz auch die Jnfanteriebrigade von Bruce Hamilton zu ihnen. Der Feind giebt zu, 12 Tote und 40 Verwundete verloren zu haben. Unter den letzteren befindet sich auch der russische Kommandeur Maximoff, der die Fremdenlegion befehligt, auf die auch fast die Hälfte der Verluste entfällt.
London, 4. Mai. Das Protokoll über den Depeschenwechsel zwischen dem K ri e g s m i n i st e r und Lord Roberts in Bezug aus die Veröffentlichung des, Berichtes über die Gefechte am S p i o n k o p und bei Ma -- gersfontein wurde gestern spät abends abgeschlossen- Es geht daraus hervor, daß Lord Roberts am 11. Februar die Berichte der Generale Buller und Warren an den Kriegsminister sandte. Am 28. März richtete der Kriegsminister an Roberts die telegraphische Anfrage, welchen der Berichte er veröffentlichen solle. Der Kriegsminister war nämlich der Ansicht, daß die Berichte in ihrem vollen Wortlaut der Oeffentlichkeit nicht übergeben werden konn- ten, sondern daß eine Auswahl zu treffen sei. Er schlug, vor, dem General Buller die Wahl zu unterbreiten. Bullen


