Ausgabe 
5.4.1900 Zweites Blatt
 
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River, ausgeschlossen ist. Im Westen aber lehnt sich die Stellung der Biggarsberge an die vier von den Buren besetzten und befestigten Pässe der Drakensberge und zwar den Van Reenens-Paß, die Hauptposition mit vier Ge­schützen, de Beers-Paß ein schweres Geschütz, Tintwa-Paß zwei Geschütze «u-nd Olivers Hoek an. Vorgeschobene Posten der Buren stehen bei Waschbank und Meran, ihre Pa­trouillen gehen bis Wessels-Reck. Auf dem östlichen Flügel stehen auf der Zululandseite 300 Buren mit zwei Ge­schützen. * 1

Die einzelnen mit einer doppelten Reihe von Schützengräben befestigten Berg- Positionen von einer Höhe von 58006000 Fuß sind außerordentlich stark und nur unter großen Opfern zu nehmen, aber die große Aus­dehnung der Gesamtstellung macht es andererseits wieder einem geschickt geleiteten konzentrierten Aiigriff von 30 bis 40 000 Mann in mehreren Kolonnen schließlich nicht allzuschwer, diese lange Verteidigungslinie, die sich durch diejenige der Drakensberge von Candycleugh bis Olivers- hoek noch um 12 deutsche Meilen erweitert und somit 21 deutsche Meilen beträgt, zu überwältigen. Vielleicht be­ginnt sich diese Auffassung bei den Buren auch Bahn zu brechen, da Deserteure melden, sie wollten mit ihren Ge­schützen und Vorräten nach Laings-Neck ziehen und Hütten bereits Wagen zur Abholung des Kommandos von Help- makaar entsandt.

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Das Ehepaar Gönczi vor den Geschworenen.

Berlin, 3. April.

Heute erschien im großen Schwurgerichtssasle ein kleiner, zierlicher Mann im schwarzen, etwas altfränkischen Gehrock, das nicht uninteressante Gesicht von einem stattlichen, grauen Vollbart umrahmt mit vollem, lockigem Haupthaar. Von irgend welchen Leiden der Untersuchungshaft war diesem beweglichen Manne mit den listigen Wieselaugen nichts anzumerken. Er grüßte zierlich die Anwesenden und schlüpfte dann gewandt in die Anklagebank. Dann schweifte sein irrendes, unstätes Auge durch den Saal, es überflog die Reihen der Zuhörer, er schien jemand zu suchen.

Hinter einem Pfeiler versteckt, saß zusammengebrochen, zitternd die Frau des Hauptangeklagten ein Bild des Jammers und des Elends; mit dem blauen Tuch der Untersuchungsgefangenen trocknete sie die fieberheiße Stirn,

liche Kolouialamt niemals eine Verständigung mit den weißen Afrikanern, die ja für sie gar nicht vorhanden waren, ernstlich und konsequent angestrebt. Daher giebt es noch heutigen Tages Bauernkriege in Südafrika". Und dieser Haß, diese Abneigung ist eine gegenseitige:Der Bur ist ja nun einmal zurzeit der Schwarze Mann, der sich den Engländern in so wenig angenehmer Weise ins

Stammbuch geschrieben hat, daß sie ihm jede Schandthat zutrauen, nachdem er ja die größtmögliche schon hinter sich hat, nämlich: den englischen Uebermut gründlich ge- demütigt zu haben".

Fritsch entwirft im Anschluß daran eine Schilderung, der Buren, die fern von jeder Schönfärberei ist und auch nicht verschweigt, daß der Bur, einmal schwer gereizt, oft einen gewissen Hang zur Grausamkeit gezeigt hat; aber die Engländer, die Heloen des Lyddits und der Dumdum­geschosse, haben die geringste Veranlassung, davon viel Aufhebens zu machen, und Fritsch erinnert mit Recht an die Brutalitäten der Briten im Kriege gegen die Berg­völker Indiens, gegen die Mahdisten und in Südafrika gegen die Buren selbst seit dem entsetzlichen Tage von .Slagters Reck! Es erscheint nützlich, dieses Vorganges mit ein paar Worten zu gedenken; denn mit ihm begann das Vorgehen bet Engländer gegen die Buren: Durch einen offenbaren Rechtsbruch in den Besitz der Kapkolonie ge­kommen, benutzten die Briten schon 1816 die erzwungenen Besitztitel, um eine Anzahl widerstrebender Farmer, die für das Handelsgeschäft des Pariser Friedens nicht gleich das volle Verständnis fassen konnten, als Rebellen hin­zurichten. Roch heute ist der Tag der Exekution unver­gessen. Im Beisein ihrer Frauen und Kinder sollten die Armen gehenkt werden. Unter der Last der zuckenden Kör­per brach der Galgen und sie fielen herunter, und zum zweiten Male wurde an den Unglücklichen die Prozedur

ein Gerichtsdiener flößte ihr fast mit Gewalt einen stärkenden Trank ein. Ihr sah man wohl die überstandene Angst, alle die Seelenqualen der letzten Jahre an. Der Gerichts diener mußte sie stützen über das Gesicht der Haupt­angeklagten zuckte etwas wie tiefe innere Bewegung, als er fitn Weib erblickte, sie aber schenkte ihm keinen Blick, wie geistesabwesend starrten ihre Augen ins Leere, scheu nahm sie in der entgegengesetzten Ecke der Anklagebank Platz und an ihrem mageren Hals, der alle Sehnen und Muskeln er­kennen läßt, sah man ihr nervöses Schlucken.

Gönczi hat ein abenteuerliches Leben hinter sich und hat in seiner Heimat bereits mit dem Zuchthause Bekannt­schaft gemacht. Er ist nämlich vom österreichischen Militär desertiert und später wegen. Betruges und Diebstahls mit schwerem Kecker bestraft.

ES war zunächst nur ein leichtes Geplänkel, das Gönczi bei der Feststellung seiner Personalien zu bestehen hatte man konnte aber aus der Entschlossenheit und Schnelligkeit seiner Antworten erkennen, daß Gönczi seinen Plan fertig hat und daß er gewillt ist, diesen Plan um jeden Preis durchzuführen.

Mit gespanntester Aufmerksamkeit verfolgt er die Aus­sagen seiner Frau. Die Frau erzählt mit schwacher Stimme und weinerlichem Ton die Vorgänge.

Nach dem Anklagebeschluß werden beide Angeklagte beschuldigt, im August 1897 gemeinschaftlich die im Hause Königgrätzer Straße 35 wohnende, im Jahre 1823 geborene Witwe Auguste Schultze, geb. Lutz, und deren im Jahre 1841 geborene Stieftochter Clara ermordet und gleichzeitig einen schweren Raub begangen zu haben.

Frau Gönczi war ihrem Manne behilflich, die schweren Kisten, welche die Leichen der beiden ermordeten Frauen enthielten, in den Keller zu schieben, sie schien damals wirk­lich keine Kenntnis von dem grausigen Inhalt gehabt zu haben. Als sie dann erzählt, wie ihr wenige Tage nach dem Morde ihr Mann die Mitteilung machte, daß sie plötz­lich abreisen müßten, weildie die beiden Frauen umge­bracht hätten", da feuchten sich die Augen GöncziS, und er fährt nervös mehreremale mit der Hand über das Gesicht.

Um dengroßen Unbekannten" dreht sich der erste dramatisch angehauchte Zwischenfall in diesem Mordprozeß. ES ist ein Weinhändler Loewy, den die Frau Gönczi aber niemals in ihrem Leben gesehen haben will. Mit außer­ordentlicher Zungenfertigkeit versucht Gönczi eine Begegnung mit Loewy zu suggerieren die Frau aber, die es ver­meidet, ihren Mann überhaupt anzusehen, bleibt verzweifelt bei ihrer Aussage. Der Offizialverteidiger GöncziS, Rechts« anwalt Dr. Fränkel, macht einen Versuch, Gönczi zu einem Geständnis zu bewegen.

Die Geschmeidigkeit des Hauptangeklagten ist, als ihn der Vorsitzende mit demgroßen Unbekannten" in die Enge treibt, bewunderungswürdig. Allerdings verwickelt er sich in einzelne Widersprüche, er bringt neue Thatsachen vor, von denen er bisher nichts gesagt hatte, aber er verteidigt seinen Kopf mit einer Zähigkeit, die darauf schließen läßt, daß er sich vorläufig noch nicht verloren giebt.

Während dieser Verhandlung sitzt Frau Gönczi apathisch da, nur als ihr Mann den Nachweis zu führen schien, daß er in der fraglichen Zeit garnicht in der Königgrätzer Straße war da wandte sie sich hastig um, und schüttelte energisch den Kopf.

Wie ein Kapitel aus einem Ritterroman wirkte die groteske Erzählung GöncziS von dem Morde selbst. Es tritt ein Fräulein Emma, eineRentiersfrau", wie sie Gönczi nennt, auf, und bei einem Gelage in dem Hinter­stübchen in der Königgrätzer Straße soll der Mord durch Loewy verübt worden sein. Selbst GöncziS Thränen, die er leidenschaftlich fließen läßt, machen die Geschichte nicht glaubhafter. Staatsanwalt Plaschke erhebt sich und sieht den kleinen, heftig gestikulierenden Mann auf der An­klagebank mit eiserner Ruhe an, die Fragestellung des Präsidenten nimmt eine leicht ironische Färbung an. Und immer und immer wieder konstatiert der Vorsitzende, daß Gönczi heute jeden Augenblick neue Thatsachen vorbringt, von denen er während der ganzen Voruntersuchung kein Wort gesagt hatte. Frau Gönczi aber begleitet mit leisem

Schluchzen und hartnäckigem Kopfschütteln die phantasie- vollen Ausführungen ihres Mannes. . . .

Gönczi erzählt: Am Samstag vor dem Morde sei er schon um 8 Uhr morgens in der Königgrätzer Straße ge­wesen. Er habe die alte Frau Schultze fragen wollen, ob sie etwas vermietet habe. Er habe dann für die alte Frau einen Gang nach der Gasanstalt gemacht. Als er zurück­gekommen, sei er zum Schankwirt Hinz hineingegangen und habe von diesem den Auftrag bekommen, der alten Schultze vorzustellcn, daß sie bei Hinz neue Tapeten anmachen taffen müffe. Da habe die alte Frau ihm erwidert: Ich bin eine bekannte Frau, ich bin eine böse und geizige Frau, aber wenn dieser Mörder auszieht, dann gebe ich ihm noch Geld dazu. Er habe darauf gefragt, warum sie denn so böse sei, und sie habe geantwortet: Meine Tochter hat ein Liebes­verhältnis, von dem ich nichts wissen wollte, aber Hinz tyu das Liebesverhältnis dadurch unterstützt, daß er sein eigenes Zimmer den beiden zur Verfügung gestellt. Präs.: Das ist doch kein Grund, um jemandMörder" zu nennen. Ange kl.: Er soll die Alte aber bedroht haben, daß er sie totschlagen würde. Präs.: Haben Sie denn nun dem Hinz gesagt, was Frau Schultze über ihn geäußert? Ange kl.: Ja wohl! Hinz hat gesagt:Aus­ziehen? Nicht in die Hand! Das Vergnügen mache ich der alten Hexe nicht, erst ärgere ich sie noch, und wenn ich sie erwische, dann reiße ich ihr die Beine aus­einander." Der Angeklagte behauptet ferner, daß er die Schlüssel zu der Wohnung der Frau Schultze schon lange gehabt habe, weil er verschiedene Male recht lange an ihre Thür habe pochen müssen, ohne Eintritt zu erlangen. Die beiden Kisten, die er in den Keller geschafft habe, seien Kisten mit Wein gewesen, die für Loewy angekommen seien. Ebenso seien andere Kisten mit Wein mehreremale für Loewy an­gekommen.

Nach längeren Verhandlungen erklärte der Staats­anwalt, er sei immer der Ansicht gewesen, daß an dem Morde auch eine andere Persönlichkeit betei­ligt sei. ES sei nicht die Absicht Gönczis gewesen, plötz­lich von Berlin abzurcisen, sondern er sei dadurch durch äußere Einwirkungen veranlaßt worden. Diese Erklärung rief im Gerichtssaal große Sensation hervor. (Forts, f.)

Lokales und Provinzielles.

(Akronyme Einsendungen, gleichviel welche« JnhoUe», werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)

Gießen, 4. April 1900.

** Geschicht-kalender. (Nachdruck verboten.) Vor bl Jahren, am 5. April 1849, fochten die deutschen Truppen siegreich gegen die Dänen. Im Hafen von Eckernförde wurde dmch Sirandbattertkn das dänische LinienschiffChristian VIII." in den Grund ge­schossen , die stolze Fregatte .Gefion" durch Vernichtung ihre« Steuerruders zur Ergebung gezwungen und die deutsche Flagge aus ders.lbm gehißt.

* Personaluachrichten. Der Lehrer an dem Gymnasium und der Realschule zu Offenbach Professor Wilhelm Prosch ist auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. April in den Ruhestand versetzt, und es ist ihm die Krone zum Ritter­kreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Groß­mütigen verliehen worden. Dem Militäranwärter, Zahl­meister-Aspirant Erich K alkho f in Darmstadt wurde probe­weise die Stelle eines Registrators am Landgericht der Provinz Starkenburg übertragen.

Der Arbeiterzug Gießen-Gruuberg fährt vom 2. April folgendermaßen:

Grünberg ab: 4** vorm. Gießen ab: 738 nachm.

Gießen an: 582 Grünberg an: 8ai

Ueber den Geschäfts- und Personenverkehr auf der Bürgermeisterei Gießen im Jahre 1898/99 entnehmen wir dem Verwaltungsbericht dieser Behörde folgendes: Das Geschäftsjournal für die Einläufe bei der Bürger­meisterei, dem Standesamt, der Armendeputation, dem Ge­werbegericht und dem Arbeitsnachweis weist 14953 Nummern auf gegen 13247 im Vorjahre. Nach den an monatlich zwei Tagen vorgenommenen Zählungen betrug der durch­schnittliche Personenverkehr auf den Bureaus täglich: auf der Bürgermeisterei 60 Personen, auf dem Standesamt

des Hängens, diesmal mit besserem Erfolge, vollzogen, nachdem man das Gerüst wieder aufgerichtet hatte. Bri­tische Menschlichkeit! Es hat sich Gelegenheit zur Ver­geltung übergenug geboten, aber bedauerlicherweise haben die Buren sich im allgemeinen stets großer loyaler Mäßigung befleißigt:Hätte die Transvaalregierung Ja- meson und Konsorten als bewaffnete Straßenräuber, die sie ja waren, kurzer Hand an Ort und Stelle vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen, es wäre besser für das Land gewesen; vielleicht wäre dadurch der jetzige Krieg verhindert worden".

Fritsch kennzeichnet dann die Beweggründe und den Charakter Chamberlains und beleuchtet das Ziel Englands; er sagt:Das ganze bisherige Schreien der englischen Jingopartei nach Reformen ist ganz ersichtlich nur zu dem Zwecke in Szene gesetzt, Reformen zu verhindern und die Burenregierung durch das beständige Drangsalieren schließ­lich unmöglichen Verhältnissen gegenüberzustellen (ist in­zwischen geschehen); denn zu Reformen gehört doch an erster Stelle Geduld und Ruhe, welche die englrsckse Re­gierung den rücksichtslos verfolgten Afrikanern niemals gelassen hat und niemals lassen nnrd. . . aber freilich die Unabhängigkeit der südafrikanischen Staaten und die Selbstverwaltung war stets die erste Nummer in dem Pro­gramm, und aus diesem Gründe allein für John Bull ein roter Lappen". Tas Ziel Englands ist,jede felbftänbige politische Gemeinschaft in Südafrika und Zentralafrika bts hinauf nach Aegypten zu unterdrücken und womöglich aus g a n z A f r i k a e i n e e n g l i s ch e P r o v i n z z u m a ch e n, mit allen Mitteln, selbst den unerlaubtesten". Diese Anschauung wird wohl auch so ziemlich überall in der Welt geteilt.

Aus der Poesie der Modernen geben wir flogende Proben wieder. Robert Reß dichtet: Unersättliche Kiefer mahlen.

Winzige Augen stechen giftgrün tnS Dunkel. Tausende von leichenfahlen Gliedern setzm immerfort neue an. Das Schwänzende fault.

Ab und zu, maisch geworden, Klackt ein Stück 'runter.

Verpestet den Sternenäther.

Ein anderer Poet, Ludwig Reinhard, läßt sich also vernehmen:

Ein stiller Tag gleitet über meine Welt.

Durchs Fenster gegenüber seh ich in den Neubau mit den nassen Wänden. U.ber alle Sch-tben ist dick ein weißes 8 geschmiert. Dann denke ich an meine Ktnderzcit. Wo ich noch nicht wußte, daß ich ein Mensch werden sollte.

Zum Schluß noch eine Probe von Arno Holz:

Mein Schläfchen Sonntags, wenn eS zu Mittag Nelson KotelettS, Karpfen in Bier, oder vielleicht gar eine Gans gegeben, erledige ich auf einem blauen grüngestreisten Biedermannsjopha, über dem an einer gelben U vätertapete ein Stich von Chodowtecki hängt;

und auf meinem Vertikow zwischen zwei Sträußen aus Zittergras paradiert eine blanke, mit bunten Blumen bemalte P.rzellankuh, die, während ich schnarche, gemolken wird.

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