Ausgabe 
4.11.1900 Zweites Blatt
 
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Rk. 259 Zweites Blatt. Sonntag den 4. November 150. Jahrgang ZVOG

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Amtlicher Heil.

Gießen, 3. November 1900. Betr.. Unterrichtszeit in der Fortbildungsschule.

Die Grotzh. Kreisschulkommisfion Gießen

au die Schulvorstände des Kreises.

Um den in Gießen arbeitenden Fortbildungsschillern einiger Nachbargemeinden Gelegenheit zu geben, ihrer Schul­pflicht in Gießen möglichst leicht genügen zu können, ist in der städtischen Knabenschule Mittwochs und Samstags von 46 Uhr Unterricht für dieselben vorgesehen. Anmeldungen stndeu Mittwoch den 7. November um 4 Uhr in der städtischen Knabenschule statt. Sie wollen die Interessenten hiervon in Kenntnis setzen.

v. Bechtold.

Bekanntmachung.

In der Zeit vom 27. Oktober bis 3. November l. I sind in hiesiger Stadt

a) gefunden worden:

1 Trauring, 2 Kinderschürzen und 1 Laterne.

b) zugeflogen:

1 Kanarienvogel.

c) verloren worden:

2 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Damengürtel, 1 Anhängsel und 1 seidene Kaputze.

Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihre Rechte alsbald hier geltend zu machen.

Gießen, den 3. November 1900.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen, Hechler.

Preußische Hypotheken-Aktien-Bank und Deutsche Grnndschuld-Bank.

Gießen, 3. November 1900.

Wir gehen heute eingehend auf den Status der beiden Banken ein, soweit er sich durch die Veröffentlichungen der Direktorien, resp. der Revisions-Kommission pro 30. Sep­tember übersehen läßt. Wie sich der Stand noch im Oktober verschoben hat, muß man späteren Erklärungen überlassen. ES muß bemerkt werde«, daß die Verwaltungen auf verschiedene Angriffe von Zeitungen überhaupt nicht antworteten, bis sie jetzt durch den Gang der Affaire ge­zwungen wurden. Bester wäre es für die Institute selbst, wie auch für alle Interessenten gewesen, wenn Direktion wie auch AufsichtSrat auf die öffentlichen Aufdeckungen mehr Gewicht gelegt hätten und sofort offen und ehrlich vor­gegangen wären mit energischen Schritten, um allen Miß­ständen sofort abzuhelfen. Wenn dies auch nicht hätte umgehend geschehen können, so wäre doch der gute Wille zu loben gewesen und das Vertrauen hätte vielleicht eher wieder zurückkehren können. So aber haben die Ver­waltungsorgane es leider vorgezogen, erst nach und nach Bruchstücke zu veröffentlichen, woraus man sich nur das Bild großer Verworrenheit machen konnte.

Wir geben nachstehend die erste Kundgebung der Delegierten des Kuratoriums, die beauftragt waren, zu untersuchen, was eigentlich an den Vorwürfen sei, die man den Instituten machte:

_ _ . t Kundgebung.

. TOI« in der Kundgebung dec Aussichtsorgane vom

25LA iu®^ru?!0un6 der Pfandbriefbesitzer auf die nach den veröffentlichten Bescheinigungen der Treuhänder unter ihrem Mtt- »erschluß liegenden Hypoth.ken-Bestände hingcwiesen, gleichzeitig aber auch eine Prüfung de4 zur Unterlage der ausgegedenen Pfandbriefe dienenden Materials zugesagt worden ist, hat zu mißverständlichen Auffassungen gefühlt. Wir geben daher in erster Linke hierdurch die Erklärung ab: Daß die Prüfung der Pfandbrief Unterlagen lediglich im Interesse der Vollständigkeit der Revision und detz hierüber an die außerordentliche Generalversammlung zu erstattenden Berichts und nicht etwa deshalb beschlossen worden ist, weil die AufsicktS- organe Bedenken gegen die Qualität der zur Pfandbrt-fdeckung bienenben Hypotheken hatten. Wir sind vielmehr überzeugt, daß die In Frage kommenden Hypotheken ausnahmslos den statutarischen und gesetzlichen AusleihungSöedingungen entsprechen und nicht blos formell, sonoern auch materiell zur Deckung der Pfandbriefe anSreichen. _ _ , ,

Aus den anliegenden beiden Status der Hypothekenbanken er« siebt sich, daß auch das Aktienkapital als intakt anzusehen ist, talls die Forderungen an die Debitoren als vollwertig zu betrachten find. . . . Wegen der Bonität der Aktien-Gesellschaft für Grundbesitz- und Hypotheken-Verkehr verweisen wir auf die -ms gelieferte ZusammmsteUung der Werte, deren Prüfung wir bis zur Generalversammlung durchzuführen suchen werden. Die For­derung der Preußischen Hypotheken - Aktien -lBank an die Aktten- ^esellschoft für Grundbesitz- und Hypotheken-Verkehr belief sich nach Wer Bilanz für 1899 auf etwas über 9 Millionen Mmk. Die Er­

höhung der Forderung resultiert nach der Versicherung der Direktion daraus, daß die Aktien Gesellschaft für G-undbesitz und Hypotheken- Vttk.hr zum Zwecke der Neuerwerbung von Terrains ihre Betriebsmittel vermehrte. Da4 Kuratorium hat hiervon erst jetzt Kenntnis erhalten.

Bezüglich des vielbesprochenen Geschäftes mit der Treber- Trocknuntzs-Gesellschaft werden wir eine genaue Darlegung in der Generalversammlung geben. Soviel bis jetzt au? der Korrespondenz ermittelt, liegt ein reines Kaufgeschäft über Grundschuld Bank-Aktien zum Kurswerte von 2025000 Mk. vor. Die Grundschuld-Bank hat diese im Austrage der Eigentümerin der Aktien, der Aktien-Gesell­schaft für Grundbesitz- und Hypotheken-Verkehr, an sechs Groß-In­dustrielle, die der Trcber-T>ocknungs Gesellschaft nahestehen, v rkaust. Auf den Kaufpreis ist 1 Million bar gezahlt, für den R?st Sicher­heit (durch formellen Kauf von Petersburger Desttllations Aktien mit Rückkausiverpfltchtunp) gewährt.

Berlin, den 28 Oktober 1900.

Die Delegierten des Kuratoriums der Preußischen Hypotheken-Aktien- Bank und des Aufsichtsrats der Deutschen Grundschuld-Bank.

Bankier W. Konitzky, Zelter, Rechtsanwalt,

in Firma Gg. E. Mecke u. Co., Bremen.

Wir bemerken hierzu, daß sämtliche Direktoren und Aufsichtsräte, die durchweg sehr reiche Leute, zum Teil sogar vielfache Millionäre sind, für die durch die ge­setzwidrige Geschäftsführung entstandenen Verluste haftbar gemacht werden können, und eS find, wie wir hören, bereits dahingehende Bestrebungen im Gange.

Wie leichtsinnig oder wenn man will: wie leicht­gläubig die Aufsichtsräte die Revisionen handhabten, geht daraus hervor, daß sie erst jetzt davon erfahren haben wollen, in welcher enormer Höhe die Direktoren sich bei der Aktiengesellschaft für Grundbesitz engagiert haben.

Diese Gesellschaft veröffentlicht leider nichts als nach­folgende kleine Aufstellung:

1. Buchwert von 12 TerrainS (die größten und wertvollsten:

Torney b. Stettin Danzigerstraße in Be Iln) Mk. 11305034.63 taxirter Verkaufswert derselben . . . Mk. 45427 541.

2. Ratergut Kletn-Kölzig

Buchwert............ 1572 779.

3. Buchwert von 5 Terrains

in Berlin Mk 14 150 272 97

taxirter Verkaufswtrt derselben .... 19105070

Sa. Mk. 66 105 390. Bisherige Belastung

der Position 1. Mk. 17 925 300.-

2. 850 000-

3. 11 160 400. Sa. Mk. 29 935 700,-

Urber schuß Mk. 36169 690.

Auf Veranlassung deS Kuratoriums der Preußischen Hypotheken-Aktien-Bank find für letztere neuerdings hypothekarisch ein- *

getragen............. Mk. 20000000.

verbleibender Ueberschutz Mk. 16 169 690. Wenn dem wirklich so wäre, dann könnten die Aktionäre der Preußischen Hypotheken-Aktien-Bank beruhigter der Zukunft entgegensetzen, selbst im Falle, daß es Jahre bedürfte, um diese gewaltigen Terrains zu verlieren.

Gestern Freitag sind die Aktien der Banken weiter gebeffert.

Preußische Hypotheken-Aktien-Bank 60 Proz,

Deutsche Grundschuldbank 40 ,

Die Obligationen haben ihren Stand behaupten können.

Nach unseren Wahrnehmungen hat man in den meisten Kreisen die Ansicht, daß ein Verkauf von Pfand­briefen jetzt nicht ratsam erscheint, da nach der Ver­öffentlichung der staatlich bestellten Treuhänder die Hypotheken vorhanden find.

*

In den heutigen Kursen der Pfandbriefe ist schon ausgedrückt, daß man einen Ausfall an Hypotheken er­warten darf, wie er jedenfalls nicht eintreten wird.

Preußische Hypothekeu-Aktieu-Bauk.

Aus Grund der Bücher und Register der Preußischen Hypotheken- Aktien-Bank bescheinigen wir hierdurch, daß am Samstag, den 20. Ok­tober er., dem Tage, an welchem der Kurs der Pfandbriefe der Bank um 10 Proz. gefallen ist, Pfandbriefe zum Betrage von Mk. 362 772 100, im Umlauf waren, und daß diesen Pfandbriefen an Deckung

Hypotheken zum Betrage von Mk. 365 682 688,18 (und zwar nach Abzug eines Amortisationsbetrages von Mk. 443 039,59) gegen- überstanden.

Diese Hypotheken befinden sich, wie das Hypothekenbankgesetz dies vorschreibt, unter unserem Mitverschluß.

Berlin, den 22. Oktober 1900.

Die Treuhänder.

_ _ . Krech, Zentzytzki,

Geheimer Seehandlungsrat. Justizrat.

Der Krieg in China.

Bis zum 17. Oktober lag der Schwerpunkt unserer ost asiatischen Flotte vollständig in Taku; sämtliche Admirale befanden sich dort, sowie vier Linienschiffe, zwei große Kreuzer, zwei kleine Kreuzer, ein Kanonenboot und ein Torpedobootszerftörer, während in dem nicht weit ent­fernten Tsingtau noch zwei große Kreuzer stationiert waren. In und bei Shanghai waren damals nur drei kleine Kreuzer, zwei Kanonenboote und drei Torpedobootszerstörer. Seit­dem hat eine lebhafte Kreuzfahrt fast sämtlicher Schiffe statt­gefunden, sodaß zeitweilig die meisten von ihnen in See waren. Nunmehr scheint wieder eine Sammlung einzutreten, und zwar derart, daß die stärksten Schiffe sich vor Shanghai zusammenfinden. Bei T aku liegen jetzt nur noch die großen KreuzerHertha" undHansa" mit Contre-Admiral Kirch­hoff an Bord, inTschifu wird der kleine KreuzerIrene" erwartet sowie das KanonenbootTiger", in Tsingtau befinden sich das LinienschiffWeißenburg", der große KreuzerKaiserin Augusta" mit Vizeadmiral Bendemanu an Bord, der kleine KreuzerHela", das Kanonenboot Jaguar" und die TorpedobootszerstörerHaitsching", 890 und 892. In und bei Shanghai find die Linienschiffe Kurfürst Friedrich Wilhelm", Flaggschiff des Contre- Admirals Geißler,Brandenburg" undWörth" nebst den kleinen KreuzernSeeadler",Geier" undSchwalbe", während flußaufwärts in Han kau bad KanonenbootIltis" liegt. In S wat au ist noch der kleine KreuzerBussard" stationiert, in Hongkong bezw. Kanton der kleine Kreuzer Gefion", das KanonenbootLuchs" und der Torpedoboots­zerstörer 891, Kommandant Oberleutnant Püllen von der ehemaligen Rhein-Torpedodivision. Das Flottenflaggschiff Fürst Bismarck", Kommandant Graf Moltke, ist nach Nagasaki (Japan) abgegangen.

Nach Mitteilungen des Armee-OberkommandoS aus Peking werden gegen Ende der ersten Novemberwoche die deutschen Truppen in Petschili folgendermaßen ver­teilt stehen. In Peking: 1. und 2. Seebataillon, 1. In­fanterie-Brigade (ohne 1. Bataillon 2. Infanterieregiments), 2. Schwadron d<s Reiter-Regiments, 1. Abteilung des Feldartillerie-Rrgiments, Marine-Feldbatterie, 1. Pionier- Detachement. In Schanhaikwan: 1. Bataillon 2. Infanterie- Regiments. In Paotingfu: 2. Infanterie-Brigade, 1. Schwadron des Reiter Regiments, 2. Abteilung des Feld­artillerie-Regiments, 1. Pionier-Detachement. In Tientsin: Kommando des Ostasiatischen Expeditionskorps, 3. Infanterie- Brigade und Jäger-Kompagnie, Stab, 3. und 4. Schwadron des Reiter-Regiments, Stab und 3. Abteilung des Feld­artillerie-Regiments, Rest des Pionier-Bataillons. In Taku: 1. Batterie vom Bataillon schwerer Feldhaubitzen, längs der Bahnstrecke Aangtsun-Peking: die Eisenbahntruppen.

Ein Telegramm vom 2 meldet: Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener halten gegenwärtig Paotingfu be­setzt; eine Kommission wurde eingesetzt, um die Frage der Bestrafung der Chinesen zu erwägen, die der Mißhandlung von Missionaren schuldig sind. Die Beamten in einigen chinesischen Orten sollen sich freiwillig erbieten, die von Boxern zerstörten Missionshäuser wieder aufzubauen.

Nach den heute vorliegenden HavaSmeldungen fahre« die verbündeten Truppen fort, das Land in der Umgegend von Paotingfu von Boxern zu säubern. Eine französische Abteilung stieß bei Sitschung, südlich von Paotingfu, auf Widerstand und hatte 1 Toten und 12 Verwundete. Die Verluste des Feindes waren bedeutend, die Ortschaft wurde niedergebrannt.

lieber Tientsin wird vom 1. aus Paotingfu gemeldet: Stärkere Massen von Boxern sind in den west- lichen Bergen angetroffen worden. Tie Kolonne des Oberst v. Norm an n marschiert über die westlichen Berge auf Peking zurück, wohin die anderen auf Paotingfu gefan&ten Truppen gegen Ende des Monats nachfolgen. Zwei Brigaden deutscher und französischer Truppen ver­blieben in Paotingfu.

TerStandard" meldet aus Shanghai vom 31. Oktober: Ein amtliches chinesisches Telegramm aus Sin- jnelbct, Prinz Tuan sei als buddhistischer Mönch verkleidet nach der Mongolei entflohen und beabsichtige sich den Lamas anzuschließen. Tie Blätter melden aus Shanghai vom 30. Oktober: Gestern wurde von der Mauer der verbotenen Stadl in Peking auf zwei amerikanische Offiziere geschossen. Dieselben wurden nicht verletzt. Die Angreifer sind entkommen.

DieTimes" meldet aus Shanghai vom 31. Oktober: Sine chinesische Meldung besagt, L i u k u n y i und Tschau- t s ch i t u n g hätten in einer Denkschrift den Thron ge­beten, die Bestrafung Her Prinzen und Minister zu be­fehlen, die den Boxern Unterstützung gewährt hätten, d«