Ausgabe 
4.11.1900 Viertes Blatt
 
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Sonntag den 4. November

15V. Jahrgang

1900

Ain^Ss und für denKreis Gieren.

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Gießener Anzeiger

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Soldateubriefe aus China.

DerBremer Bürger-Zeitung" wurde nachfolgender Solda t e n br ie f aus Peking übergeben:

26. August 1900.

Heute wurden wir plötzlich vom Mittagsmahle ge­rissen. Wir mußten deutschen Matrosen zu Hilfe eilen. Wir nahmen 76 Chinesen gefangen, banden sie mit den Zöpfen zusammen und nahmen sie in unsere Mitte. Und so mußten sie mit. Nun hieben einige rohe Burschen unbarmherzig darauf los, daß das Blut aus dem ganzen Körper hervorquoll. Schrecklich war das. Ich stand gerade Poften vor den Gefangenen, beteiligte mich aber nicht daran, denn so eine Roheit würde ich nicht verantworten können. Nach dem Essen wurden sie alle zum Tode verurteilt durch Erschießen, wozu auch, ich kommandiert war. Als sie zur Richtstätte ge­führt wurden, liefen zwei weg. Acht ganz junge Chinesen blieben am Leben. Die anderen 60 Stück wurden erschossen, wozu auch ich kommandiert war. Zwölf bis fünfzehn Schritt mußten wir uns aufstellen, vier Mann vor einen Chinesen, und auf Legt an! war alles ein Gewinsel um Gnade. Aber da kam dasFeuer!" Da war alles aus. Wir hörten nur noch ein Stöhnen und Aechzen, denn jeder war von vier Kugeln durch­bohrt wurden, und sie fielen rückwärts ins Grab, das sie vorher selbst graben mußten. So endeten die 68 Chinesen. Und diesev Sonntag der 26. August 1900 in Peking wird mir unvergeßlich bleiben. Ihr werdet auch wohl schon in der Zeitung gelesen haben, die 4. und 2. Kompagnie, durch die sie erschossen wurden. Um 3 Uhr wuroen sie erschossen, also gerade die Nacht von Sonnabend auf Sonntag, als Ihr im Bette lagt und schlieft."

Ein weiterer Brief ähnlichen Inhalts, mit Bleistift rotem chinesischen Einsckstagepapier geschrieben, wird von der HalberstadterVolks-Zeitung" veröffentlicht:

Vor Peking, 1. September 1900. Liebe Mutter!

Es sind nun bereits 10 Wochen her und noch habt Ihr keine Nachricht von mir; heute jedoch haben wir einmal Ruhetag, und somit werde ich an Euch denken. Einen besseren Brief kann ich Euch heute leider nicht schreiben, da uns das dazu nötige Material mangelt; nicht einmal dabei zu sitzen ist uns vergönnt, sondern wir müssen dabei liegen, dazu regnet es, was vom Himmel herunter will. Wir lagern in einem Maisfelde und zwar vor Peking. Wie es uns so ungefähr ergeht, könnt Ihr Euch nicht entfernt vorstellen. Da wir unsere Proviantwagen infolge der miserablen unwegsamen Gegend nicht bei uns behalten können, so müssen wir schmachten und darben; so daß wir alle abgemagert find, wie die hölzernen Götter. Liebe Mutter, wir bleiben hier noch vorläufig liegen und wenn die Kaiserin durchaus keinen Frieden haben will, heißt es, dann s»ll weiter gekriegt werden und wenn es Jahre dauere, ober die Chinesen gänzlich vertrieben würden. Bisher bin ich weder verwundet noch, sonst krank gewesen, liebe Mutter, abgesehen von einem kleinen Unfall, wo ich in einen Graben gestürmt war, dessen Folge ein längeres Lahmen beim Marschieren war, welches allerdings nicht

so ganz schmerzlos abging. Wie es hier jetzt während des Kriegs zugeht, liebe Mutter, ist mir unmöglich zu beschreiben, denn so ein Gemorde und Geschlachte ist geradezu toll, was daher kommen soll, weil die Chinesen außerhalb des Völkerrechts stehen, weshalb auch keine gefangen genommen werden, sondern alles wird er­schossen, oder um die Patronen zu sparen, sogar erstochen. Am Sonntagnachmittag haben wir 7 4 Ge- fangenemitdemBajttnett erstechen müssen. Letztere haben eine Patrouille von uns erschossen, worauf das ganze Bataillon zur Verfolgung alarmiert' wurde, bei der uns besagte 74 Mann lebend in die Hände fielen. Es war grmtfam und nicht zu schildern, wie es der Wirklichkeit entsprach. Laß mich schließen in der Hoffnung, daß es nicht mehr so lange dauert, denn sonst weiß man schließlich nicht mehr, oder vielmehr man ver­gißt es, ob man einmal Mensch war.

Mit bestem Gruß

Dein Sohn M. . . .

Besten Gruß an alle Geschwister und Bekannten.

Aus Stadt und Zand.

Gieße», 3. November.

** Novembers Anfang. November, die Zeit der dunklen, düsteren Tage, ist gekommen. Regen und Wind, Nebel und bald vielleicht schon Schnee, wechseln ab und machen die Luft grau und schwer. An den Giebeln der Häuser fließen die Wassertropfen trübselig nieder, und m den Straßen der Stadt ist es schlüpfrig und schmutzig. Nur selten gluckt die Sonne mit freundlichem Gruß auf die Erde. Der ganze Tag gleicht einer großen Dämmer­stunde, zumal in den Städten, wo vierstöckige Häuserriesen den Ausblick verhindern. Die Menschen bleiben am liebsten zu Hause und drängen sich dichter um ihren schwarzen Freund, den Ofen. Wie prasselt lustig die Flamme und singt ihr Lied! Wer es zu deuten vermag, dem kündet es allerhand bunte Mär. Draußen aber wandert der Geist der Erkältung fröstelnd und zitternd, zahneklappernd und durchnäßt durch die Stadt. Unter Husten und Keuchen schleicht er einher. Was er spricht, klingt wie Räuspern und Niesen, und wenn er mit seinen rotgeränderten Augen umherschaut, schnaubt er zugleich gewaltig durch die Nase, sodaß alle Menschen vor ihm zuruckschrecken. Hier und da sucht und findet er auch Herberge, doch überall nur als aufgezwungener (Äast. Langsam und mühselig verstreicht die Zeit der dunklen ^age, aber doch winkt von ferne schon Lichterglanz und helle Freude. Der Gedanke an das nahende Weihnachts- sest mit blendendem Schnee und blinkendem Eis verklärt die traurigste Zeit des Jahres und weckt neue Hoffnungen in des Menschen Brust!

Fraukfurt a. M., 31. Oktober. Der neue Intendant der Frankfurter Oper, Direktionsrat Paul Jensen, wurde am Sonntagvormittag vom Aufsichtsrat der Neuen Theater-Aktiengesellschaft dem auf der Bühne des Opern­hauses versammelten Personal vorgestellt. In Vertretung des ersten Vorsitzenden, Geh.-Justizrat Hamburger, ergriff Herr A. Bolongaro-Crevenna das Wort zu einer kurzen

Ansprache, worin er den Mitgliedern Herrn Jensen vor­stellte und sie aufforderte, dem neuen Leiter mit Vertrauen entgegenzukommen. Sodann gedachte Herr Bolongaro- Crevenna der Verdienste des Intendanten Claar, der nament­lich auch in kritischen Zeiten der Neuen Theater-Aktien­gesellschaft durch geschickte Führung unvergessene Dienste geleistet habe, und ermahnte die Mitglieder, dem nunmehr sich auf die Leitung des Schauspiels beschränkenden bis­herigen Chef ein dankbares Erinnern zu bewahren. Hierauf trat Intendant Jensen in den Kreis des Personals zu folgender Ansprache:

Durch das Vertrauen des AufsichtSratS der neuen Theater- Aktiengesellschaft hierher und an Ihre Spitze berufen, übernehme ich nunmehr da» mir übertragene jchwierige Amt. ES widerstrebt mir durchaus, an dieser Stelle und am heutigen Tage eine längere Programmrede zu halten. Ich bin kein Freund von vielen Redens­arten und liebe es nicht, Versprechungen »u machen, wenn ich nicht weiß, ob ich sie auch zu hallen in der Lage sein werde. Ich bin hierher gekommen, um frisch und fröhlich zu arbeiten! Dazu bedarf ich, dessen bin ich mir wohl bewußt, zuvörderst Ihrer Beihilfe. Nun sagt einer der erfahrensten und gewiegtesten Theaterkenner, Heinrich Laube, an einer bekannten Stelle seiner Schriften:Ein neuer Bühnenleiter brauche wohl fünf Jahre, um sich ganz betätigen und seine Pläne und Absichten zur Geltung bringen zu können, denn so fügt er leider hinzuin den ersten drei Jahren sei er ge­zwungen, sich manche Feinde zu macken." Lassen Sie mich hoffen, baß dieses Wort auf mich nicht in vollem Umfange zutreffen möge; weiß ich mich dock von den besten Absichten beseelt, bin ich doch einer der Ihren! Jahrelang bin ich selbst ausübender Künstler ge­wesen; ich vermag mich daher sehr wohl in die Seele eines solchen zu versetzen. Ich habe die Freuden und Leiden des dramatischen Künstlers am eigenen Leibe zu verspüren hinreichende Gelegenheit gefunden. Sie werden aus diesem Grunde bei mir stets für Ihr, berechtigten Wünsche ein offenes Ohr und ein warmeS Herz firiden- und ich werde freudig bestrebt sein, Ihre Interessen bei der vor- gesttzten Behörde, dem AussichtSrat, aufs wärmste zu vertreten, vore ausgesetzt, daß die Wünsche des Einzelnen dem Grsamtinteresst deS uns allen teuern Institutes nicht zuwiderlaufen. Nun noch eine dringende Bitte: Schenken Sie mir das Vertrauen, das ich Ihnen von ganzem Herzen entgegentrage! Und nun lassen Sie unS fröhlich an die Arbeit gehen und etwas Tüchtiges leisten. Ich hoffe, wir werden gute Kameraden werden."

Nach diesen Worten hieß Oberregisseur Krähmer im Namen der Mitglieder der Oper den neuen Chef will­kommen und sicherte ihm zugleich ihr Vertrauen zu seiner Person und künftigen Amtsführung zu. Intendant Jensen dankte in kurzen Worten.

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Meratur.

t O o H a r n a cf, ordentlicher Professor an der Trcftrnschen Hochschule in Darmstadt, der bekannte Vor- sitzende des hessischen Goethebundes, hat im Ver­lage vvn Vleweg & Sohn in BraunschweigEssais und ylubl^np VL.§xt4eIat Vgeschichte" herausge- geben. Das stattliche Buch enthält in der Hauptsache fol­gende Aufsätze: lieber klassische Achtung. - lieber Lyrik Goethes Tagebücher. Ueber die Entstehung des Faust". Eine neue Faust-Erklärung. Entwürfe und Ausführung des zweiten Teiles des Faujstz> Ueber Goethes Pandora". Ueber GoethesLöwenstuhl". Goethe und Wilhelm Humboldt. Goethe und Heinrich Meyer. Goethes Kunstanschauungen in ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Zu Goethes Maximen und Reflexionen über Kunst. Ueber Goethes Verhältnis zu Shakespeare. Bemerkungen über die Normen einer neuen Ausgabe von GoethesMaximen und Reflexionen". Ueber neue «oethesche Sprüche. Ein Goetheproblem. Ueber Goethes Monadenlehre. ZuDon Carlos". Zwei litterarische Aufsätze Napoleons des Ersten. Zolas Kriegsroman. Tolstoi als Modeschriftsteller. Ueber Fbsens soziale Dramen, vornehmlich die Gespenster. Neue Dramen (HauptmannsVor Sonnenaufgang", Holz «nt> Schlafs Familie Seelicke, Wildenbruchs Generalfeld- «berft, Sudermanns Ehre, Jaffes Bild des Siguorelli). garnad rechtfertigt diese Samnfluug von kleinen Auflätzen Damit, daß er hoffe, durch die Vereinigung des Zerstreuten vrk Gesichtspunkt, von denen aus er die Erscheinungen

und die zu Grunde liegenden Probleme der Litteratur- geschichte und Aesthetik beurteilt habe, deutlich hervortreten zu lassen und die Einheitlichkeit seiner Betrachtungsweise zu bekunden. Es ist dieklassische Aesthetik der Deutschen", an der er festhält, deren Grundsätze er auch der späteren, sogar der modernen dichterischen Produktion gegenüber zur Geltung bringt. In dem AufsatzUeber Goethes Mo­nadenlehre" wird der Einfluß Schellings auf Goethe nach­gewiesen. In einigen anderen Goethe-Aufsätzen tritt eine scharfe Polemik gegen andere Litteraturhistoriker hervor. Sehr verständig ist die Beurteilung des Zola'schen Romans, der unter dem deutschen TitelDer Zusammenbruch" all­gemein bekannt ist. Weniger einverstanden können wir uns mit dem erklären, was Harnack über die genannten neueren Dramen sagt. Höchstens unterschreiben wir seine Aus­führungen über Sudermann und Wildenbruch. Das Buch als Ganzes aber bietet vielseitige Anregung.

Als 9. Heft der Verdeutschungsbücher des Allg. Deutschen Sprachvereins erschien:Tonkunst, BühnenwesenundTanz. Verdeutschung der haupt­sächlichsten in der Tonkunst, dem Bühnenbetrieb und der Tanzkunst vorkommenden Fremdwörter. Im Auftrage des Vereins zusammengestellt von Prof. Dr. A. Deneke." Preis 60 Pfg. Berlin, Verlag des Allgemeinen Deutschen Sprachvereins (F. Berggold). Das nur 60 Seiten um­fassende verdienstvolle Schristchen möchten wir jedem Ton­künstler und die Tonkunst als Liebhaber Ausübenden, jedem Schauspieler und Schauspielleiter, jedem Tanzlehrer und flotten Tänzer zu gründlicher Einprägung dringend em­pfehlen. Möge jeder, dem dieses Büchelchen in die Hände

kommt, sein Scherf lein dazu beitragen, daß auch auf den Gebieten der Tonkunst, des Bühnenwesens und des Tanzes von keinem deutschen Munde hinfort ein Fremdwort ge­braucht werde da, wo man ein gutes deutsches Wort in demselben Sinne und in derselben Klarheit anweichertz kann. Auch auf diesen Gebieten läßt sich das eigentümliche Wesen der deutschen Sprache pflegen, Liebe und Verständ­nis für die Muttersprache ausbreiten und das nationale Bewußtsein im deutschen Volke kräftigen durch verständigen Gebrauch guter deutscher Redeweise anstelle des Miß­brauches von fremden, undeutschen Worten, die unserm Nationalcharakter Schaden zufügen, gleichwie Maulwurfs­arbeit die Arbeit des Landmannes schädigt.

Nur wenigen dürfte bekannt 'sein, daß der Feld­marschall Moltke sich in seiner Jugend auch auf dem Gebiete der schonen Litteratur versucht hat. Die neueste (9) krummer der Weiten Welt" beginnt mit dem Abdruck einer NovelleDie beiden Freunde", die Moltke .seinem 27. Lebensjahre verfaßte. Sonst bringt diese Zeitschrift einige wohlgelungene Aufnahmen von Moltke im Kreise seiner Angehörigen und einiger seiner näheren Verwandten. Zahlreiche interessante und aktuelle Bilder, wie von Waldersees Ankunft in Hongkong, von dem Auf­stieg des Grafen Zeppelin usw., sowie gediegene Aufsätze aus dem Gebiete der Literatur und Kunst, Novellen- und Romanfortsetzungen geben auch dieser Nummer wieder einen äußerst reichhaltigen und vielseitigen Inhalt. Die Nummer (Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin) ist für 25 Pfg. in allen Buchhandlungen käuflich.