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4.11.1900 Drittes Blatt
 
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MO 25S Drittes Blatt. Sonntag den 4 November 150. Jahrgang AAOG

General-Anzeiger

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Der Unterricht Lu der Fortbildungsschule.

Man schreibt uns

Als einer der ersten deutschen Staaten hat Hessen seit über 20 Jahren den obligatorischen Fortbildungs-Schul­unterricht eingesührt, wonach die aus der Volksschule entlassene männliche Jugend drei Winter hindurch in 90 Unterrichtsstunden die sogenannte Fortbildungsschule zu besuchen verpflichtet ist. Der Unterricht.wurde seither regelmäßig in den Abendstunden von 79 Uhr von den Lehrern erteilt. Wenn auch anfänglich mancher Wider­wille sich gegen diese Neueinrichtung zeigte, so verstanden doch bald die Einsichtigeren den großen Vorteil des abendlichen Fortbildungsunterrichts nicht allein nach der Seite der Befestigung des in der Volksschule bereits gelernten Stoffes und der Aneignung der besonders für das Leben des einfachen Mannes nötigen praktischen Kenntnisse, sondern auch nach der Richtung hin, daß für die Jugend während des Winters drei bis vier Abende in der geeignetsten Weise belegt waren und mancher Unfug unausgeführt blieb. So hat sich die Fortbildungs­schule schnell eingeführt und beliebt gemacht. In den letzten Jahren gingen die Städte vor, den Unterricht in die Vorabendstunden zu verlegen. Praktische Erwägungen mögen die städtischen Schulvorstände für diese Aenderung veranlaßt haben. Jedoch kann man nicht ohne weiteres behaupten, daß das, was für die Städte möglich und gut ist, auch für die ländlichen Verhältnisse des Landes ge­eignet wäre. Seit ungefähr 14 Tagen wird in den Kreis­blättern eine Verfügung der obersten Schulbehörden be­kannt gegeben, der zufolge der Unterricht der Fort­bildungsschule im ganzen Lande, wenn er nicht am Nachmittage abgehalten werden könnte, auf die Vor­abendstunden von 57 Uhr festzusetzen sei. Nur falls be­sondere Verhältnisse die Ausdehnung des Unterrichts bis nach 7 Uhr.Notwendig erscheinen lassen, so kann dies aus- nahmtzweise zugelasscn werden, aber nur in dem Falle, wenn die überwiegende Mehrzahl der Schüler außerhalb ihres Wohno rtes beschäf­tigt ist und die Teilnahme derselben an dem Fortbildungsunterrichte in ihrem Beschäf- ligungsorte unthunlich erscheint. In diesem Fülle muß der Unterricht spätestens um 8 ein halb Uhr abends beendet sein. Ganz unvermutet ist diese Verfügung gekommen, und ruft die allergrößte Verbitter­ung hervor. Jeder Kenner der Landverhältnisse weiß, daß eine solche Verallgemeinerung, wie sie das genannte Ausschreiben für das ganze Land trifft, für das Landvolk ganz und gar ungeeignet ist, und für viele mit großen pekuniären Nachteilen sich verbindet, was sich nicht ver­einigt mit dem Prinzip der Unentgeltlichkeit des Volks­schulunterrichts. Diese über die Köpfe der einzelnen Schul­vorstände getroffene Anordnung kann u. E. für die Dauer

Deitmer Dries.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.) (Nachdruck verboten.)

Ärafin Bnlow, die neue Gebieterin im Reichttanzler-Palais. Hochzeits- und Scheidungsgloffeu. Houdini und Hermann, die Schellen-Konkurrenten

DieLustigen Blätter" leisteten sich beim vorletzten Kanzlerwechsel mit Bezug aui den immensen Reichtum Onkel Chlodwigs" die hübsche Strophe:

Caprivi ging et wie den meisten: Er hatte nämlich selber nischt!

Heil uns, det wir als Allerneusten Ten allerreichsten Mann erwischt!"

Berlin hat jedoch nicht allzuviel davon gehabt, in der Wilhelmstraße 77 einen so kolossal begüterten Mitbürger wohnen zu haben. Es ging ziemlich still her in dem alten Palais, zumal seitdem die Fürstin gestorben war. Mit dem Grafen Bülow, dem seine diplomatischen Noten einen so guten Ruf verschafft haben, zieht nun zwar kein solcher Nabob wie Hohenlohe in das berühmte graue Haus in Banknoten wird Bülow seinen Vorgänger nicht schlagen können! aber seine Gemahlin bringt dafür einen großen Schatz von Klang noten mit, und es kann wohl sein, daß mit ihr kür den alten Herrensitz jene poesiedurchhauchten Tage wiederkehren, tue ihm unter Pen Radziwillch die bis 1875 Besitzer des Palais waren, ge­blüht haben. Die Gräfin ist bekanntlich eine Italienerin. Die großen dunklen Augen, die aus dem guten und klugeu Antlitz leuchten, verraten es. Ihre Wiege stand in Neapel; die Principi di Camporeale sind ihre Ahnherren, der be- tannte Minister Minghetti ihr Stiefvater. Die Pflege der Kunst auf allen Gebieten, die in seinem Hause als etwas selbstverständliches erschien, erweckten auch m dem >ungen Mädchen frühzeitig künstlerische Neigungen. Als Gräfin Dönhoff, welchen Namen sie in erster Ehe trug,

nicht bestehen, und wir betrachten diesen ganzen Vorgang nur als einen Versuch der obersten Schulbehörde.

Gewiß wollen wir nicht verkennen, daß der Unter­richt in den Vorabendstunden manchen Vorteil bietet. Vor allen Dingen kommen die für den Lehrer unange­nehmen Abendstunden in Wegfall. Auch glauben wir es gern, daß die Schüler um 5 Uhr etwas aber auch nur etwas frischer sind, als um 7 Uhr abends nach voll­brachtem Tagewerk.

Aber auch: Bedenken stehen dieser Neueinrichtung gegenüber, die wir für so gewichtig halten, daß sie die Vorteile weit, weit zurückstellen. Früher waren die Schüler zu dem Unterricht an ihrem Wohnorte verpflichtet. Der Lehrer hatte seine ihm von der Schule her bekannten Schüler vor sich, ausgenommen die verhältnismäßig ge­ringe Anzahl von Lehrlingen und Knechten, die einen neuen Wohnort bezogen. Nach der neuen Verfügung haben die Schüler den Unterricht ihrer Arbeitsstätte zu besuchen. Man denke sich nun die Fortbildungsschulen der größeren Städte des Landes, in die täglich vielleicht mehrere Hundert Fortbildungsschulpflichtige zur Arbeit gehen. Diese alle sind zu dem Unterricht in den Städten gezwungen. Wie werden sich hier die Klassen und Ab­teilungen füllen! Und welche große Last wird der Lehrer haben, bis er seine neuen Schüler nur wenigstens ein­mal den Namen nach kennt! Und dann erst nach ihren Kenntnissen und Gesinnungen! Die Fortbildungsschulen der den Städten nahe gelegenen Dörfer werden nur von den wenig Zurückgebliebenen den Bauernsöhnen und Knechten besucht werden. Für die «Kosten des Unter­richts haben die Gemeinden aufzukommen. Durch die neue Verfügung werden die Städte sich genötigt sehen, ihre Abteilungen zu vermehren. Die Städte werden dem­nach vielleicht einige hundert Mark mehr für ihre Fort­bildungsschulen aufzuwerfen haben. Der Staat wird sich nun dem schon oftmals gestellten Anträge, die Kosten des Fortbildungs - Unterrichts zu übernehmen, auf die Dauer nicht mehr entziehen können.

Die pekuniären Nachteile, die bei einem Beginn des Unterrichts um' 5 Uhr einzelne erleiden, sind nicht gering anzuschlagen. Am wenigsten werden die Fabrik­arbeiter einzubüßen haben, die 12 Stunden früher ihre Fabrik verlassen können. Schwerer dagegen drückt der Verlust die armen Holzmacher im Winter. Der Lohn wird nur nach halben und ganzen Tagen berechnet. Von diesen Arbeitern sind nicht wenige, die 1.602 Mark pro Tag verdienen. Sie verlieren demnach an 45 Tagen, an denen der Unterricht stattfindet, 45 halbe Tagelöhne, was im Winter eine Summe von 3645 Mark ausmacht. Wir meinen, es wäre an die Opferwilligkeit der armen Bewohner des Vogelsberges und Odenwaldes, wo zum Unterhalte der Familie ein jedes Glied mitverdienen muß, eine so große Anforderung gestellt, die wir als billig

erfreute sie sich in Wien daher großer Beliebtheit, und kein geringerer als Franz Liszt, nahm in Wohlthätigkeits- Konzerten der Wiener Hautevolee an ihrer Seite vor dem Flügel Platz, um mit ihr zu spielen. Auch in öem Hause Makarts war sie ein häufiger Gast, bis 1886 Herr v. Bülow eine neue Ehe mit ihr einging und alsbald aus Wien entführte. Ob es ihr gelingen wird, die noch immer steife und nüchterne Art der Berliner Geselligkeit mit ein wenig südländijcher Grazie oder doch einem Gran Wiener Chik zu durchsetzen? Es wäre wohl zu wünschen; aber leicht ist die Aufgabe ganz gewiß nicht. Sie ist übrigens nicht die erste Italienerin, die in diesem stolzen Barockbau Woh­nung nimmt. Das Palais hat, obwohl es noch keine zwei­hundert Jahre zählt, schon eine ziemlich lange Geschichte. Barbarin«, die Prima ballerina, deren süßes Gesicht uns, von Pesne gemalt, in Sanssouei anlächelt, hat eine Zeit lang hier geherrscht, und die hohen Säle mögen damals viel Anmut und Schönheit, aber auch viel Tollheit und Eigensinn geschaut haben. Auch eine Gräfin Dönhoff führte td.as Seepter dermaleinst in diesen Räumen. Es war-die dem König Friedrich Wilhelm II. zur linken Hand angetraute Sophie v. D., die in jener nicht gerade ruhm­reichen Periode der preußischen Geschichte eine einfluß­reiche Rolle gespielt hat, bis sie der König selbst 1793 nach Stettin verbannte. Sie ist die Stammmutter der Grasen Brandenburg. Auch jene zarte und sympathische Elfengestalt, die im Jugendleben unseres ersten Kaisers so große Herzenskämpfe hervorrief, ist durch das Haus in der Wilhelmstraße geschritten, und diese kalten, steinernen Mauern haben die heißen Thränen und wehen Seufzer des lieblichen Fürstenkindes, das doch nicht eben­bürtig war, der Welt verhüllt. Und dann die Zeiten, in denen der eiserne Kanzler hier seines Amtes gewaltet hat! Tie Tage des berühmten Berliner Kongresses, der 1878 im großen vorderen Mittelsaale seine Sitzungen ab­hielt, an denen auch Bülow damals teilnehmen durfte. Wahrlich, ein buntes Stück Berliner Geschichte rollt sich auf, wenn man mit sinnender Seele das graue Palais be-

nicht mehr bezeichnen können. In den Augen be5, Arbeiters hat der Unterricht in der Fortbildungsschule einen solchen Wert für den einzelnen nicht. Wir ver­mögen ihm nicht Unrecht zu geben.

Nur eine Kategorie der Schüler freut sich über deut früheren Beginn des Unterrichts, und das sind die Knechte. In die Stunden von 57 Uhr abends fällt die Zeit des Viehfütterns. Sich davon auf eine anständige Weise drücken zu können, ist nicht unangenehm. Wozu, sind denn auch die Herren da, die diese Arbeit über­nehmen können. Und der Abend ist frei geworden für die Spinnstube. Juchhe! Die Polizei thut zur Unterdrückung der sehr oft ausartenden Spinnstuben mit Recht ihr Möglichstes, und nun wird der Besuch der Spinnstuben durch den Staat selber wesentlich erleichtert.

Die neue Verfügung der Schulbehörde ruft in der ländlichen Bevölkerung viel Verbitterung hervor. Die vou dem Landvolk gewählten Abgeordneten werden bei dem demnächstigen Zusammentritt der Kammer der Regierung die Klagen schon vorzubringen wissen, hoffentlich nicht ohne Erfolg.______________________________________________

Prozeß Sternberg.

Berlin, 1. November.

In dem Prozeß gegen den Bankier August Stern­berg wegen Sittlichkeitsvergehen, ist es heute zu einem sensationellen Zwischenfall gekommen. Es ist in früheren Prozessen gegen den AngeUagten oft erwähnt worden, daß er mit seinen reichen Mitteln und mit Hilfe von Freunden versucht habe, ihm gefährliche Zeugen ins Ausland zu schaffen und zu beeinflussen. Als heute der Kriminalschutzmann S t i e r st ä d t e r vernommen wurde, der die ersten Ermittelungen über den unsittlichen Ver­kehr des Angeklagten angestellt hat, fragte ihn der Präsident: Ist etwa auch auf Sie eingewirkt worden? Zeuge: Ja! Auf Befragen des Präsidenten äußert sich der Zeuge dahin: Der Kriminalkommissarius Thiel, der vorübergehend früher einmal die Abteilung vertrat, in beir! ich arbeitete, hat mit mir viermal über die Stern­bergische Angelegenheit gesprochen. Zunächst lud er mich Zu seinem Geburtstag ein und wir waren daun mehrere Male in besseren Restaurants zusammen. Er hat dabei immer gefragt, wie die Sternbergsche Sache eigentlich stehe. Da Kommissar Thiel fein Vorgesetzter war, habe er ihm vieles darüber gesagt. Bei einer dieser Zusammen­künfte, als sie Rebhuhn aßen, habe ihm Herr Thiel die Frage vorgelegt: Sagen Sie mal, sind Sie denn nicht auf andere Gedanken zu bringen. Ich fragte, wie so? Darauf sagte Kommissar Thiel: Man muß doch ein menschliches Gefühl haben. Sehen Sie, Sternberg sitzt nun schon so lange. Denken Sie sich einmal. Sie erhalten 200 000 Mk. und schwimmen nach dem Genfer See ab. Was meinen Sie, ob Sie mich: dann noch ansehen werden, wenn ich

trachtet! Möge es seiner jüngsten, kunstfreudigen und fein­sinnigen Herrin recht viele frohe und sonnige Tage be­scheren!

Während für den Kanzler-Palast neues, fröh­liches Leben heraufzudämmern scheint, ist das Haus des Prinzen Aribert von Anhalt, der eine Zeit lang mit seiner Gemahlin, einer holsteinschen Prinzessin, den Mittelpunkt der vornehmsten Sportwelt bildete, verödet. Der Prinz ist beurlaubt und befindet sich aus Reisen, die Prinzessin soll in Amerika weilen. Man bemüht sich in beider Interesse, die Scheidung möglichst bald durchzusetzen, lieber bie Ursachen zu dieser Trennung wird viel gefabelt Jeden­falls war die Nachricht für alle die eine große Über­raschung, die in den gemeinschaftlichen Sportneiaunaeu des priiizlichen Paares einen Beweis höchster Lebens- Harmonie zu erblicken glaubten. Es ist thöricht, ein solches Vorkommnis das in allen Schichten der Bevölkeruna eme Seiteiistucke hat und gehabt hat, zum Anlaß für salbungsvolle oder höhnische Vorhaltungen zu nehmen ES ist eine leidige, aber nicht wegzuleugnende Thatsache, Ehen "stiftet en ber agierenden Häuser die Politik die f . TerSchellenkönig Houdini imWintergarten"

t einen Konkurrenten

N da behauptet, es noch besser zu können.

Es ist das Professor Hermann natürlich Professor ber tagte. ^n großen Zeitungsannoncen fordert umschich­tig einer ben anderen zu einem entscheidenden Wettkampf heraus. Fer eine verspricht dem Sieger 5000 Mark, ber anbere vorläufig nur 1000. Aber Hstubini will nicht zu 4)iijch und Hermann nicht in den Wintergarten. Eine neutrale Wahlstatt ist noch nicht gefunbeu. Houdini will eme xsurt) von Polizeibeamten, Äerzten, Pressevertretern und stellt als Bedingung adamitisches Kostüm. Man darf neugierig sein, ob sich Hermann von seinem Frack mit den Ordensbändern zu trennen gewillt ist und ob sich die ver- langte Jury findet. Aber für Brettl-Sterne ist kein Tina unmöglich in unserer großartigen Zeit! ... A. R.