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4.10.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 233 Zweites Blatt. Donnerstag den 4. October 150. Jahrgang 1900

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Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Betr.: Die Maul- und Klauenseuche.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche in Langsdorf größeren Umfang angenommen hat, ordnen wir hiermit die Sperre deS Orts Langsdorf «ud dessen Feld- gemarkuug an. Danach unterliegt der Verkehr mit Rind­vieh, Schweinen, Schafen und Ziegen folgenden Beschränk­ungen: Das Durchtreiben derselben von außerhalb durch Ort und Gemarkung ist verboten. Die Einfuhr von solchem Vieh über die Gemarkungsgrenze in den gesperrten Ort ist nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung gestattet oder für den Fall, daß es in der Gemarkung verbleibt. Die Aus­fuhr ist ebenfalls nur zum Zwecke sofortiger Abschlachtung mit schriftlicher Erlaubnis der Bürgermeisterei Langsdorf auf Grund einer Aeußerung des Großh. Kreisveterinärarztes zulässig. Wer ein Stück Vieh an einen auswärtigen Metzger oder ein Schlachthaus liefern will, muß also zunächst die Untersuchung durch den Großh. Kreisveterinärarzt veranlasien und wenn danach der Ausfuhr kein Hindernis im Wege steht, einen Erlaubnisschein der Großh. Bürgermeisterei lösen. Bei dem Transport muß er diesen Schein, der eine 3tägige Gültigkeit hat, mit sich führen und die vorge­schriebenen Transportbedingungen genau beobachten, auch der Polizeibehörde (Bürgermeisterei) des Empfangsortes Nachricht geben. Auf Antrag der Bürgermeisterei wird von uns im Bedürfnissalle angeordnet, daß der Großh. Kreis­veterinärarzt sich wegen Ausstellung solcher Bescheinigungen an einem bestimmten Tag wöchentlich, der ortsüblich bekannt zu machen ist, dienstlich einfindet.

Die Sperrmaßregeln bezüglich verseuchter Gehöfte oder Weiden bleiben daneben bestehen. Im übrigen können Klauentiere aus nicht verseuchten Gehöften innerhalb der gesperrten Gemarkung zur Feldarbeit benutzt oder auf die Weide getrieben werden, nicht aber über die Gemarkungs­grenze hinaus.

Ebenso können der Ansteckung verdächtige Tiere zur Feldarbeit innerhalb der Gemarkung benutzt werden; das sind solche Tiere, bei denen wegen des Zusammenstehens mit kranken Tieren im selben Gehöft oder Stall oder wegen Berührung mit krankem Vieh in irgend einer Weise die Vermutung besteht, daß sie angesteckt worden sind.

Wer Grundstücke oder Anlagen in einer anderen Ge­markung besitzt, muß dieselben entweder durch Pserdegespanne oder aber durch Rindviehgespanne aus dieser anderen Ge­markung besorgen.

Jede Weggabe von Milch aus der gesperrten Gemarkung darf nur nach vorheriger Abkochung erfolgen; ausgenommen,

wenn die Abgabe an eine Molkerei erfolgt, welcher das Verbot der Abgabe ungekochter Milch zugegangen ist.

Ausfuhr von Dünger, Rauhfutter und Stroh aus Seucheställen des Sperrgebiets ist verboten

Gießen, den 3. Oktober 1900.

Großherzogliches Kreisamt Gießen. v. Bechtold.

Chinefische Geldverhältniffe.

Mit Geld und Geldeswert in China werden unsere Soldaten bei ihrem voraussichtlich längeren Aufenthalt dort sich bald bekannt machen müssen, auch in Dieser Be­ziehung ist es, wie mit so vielen Dingen im Lande der Zopfträger gar schlecht beschaffen. Schon seit längerer Zeit ist man, auch von feiten einsichtiger Chinesen, tzu der Ueberzeugung gekommen, daß die jetzigen Zustände durch­aus unhaltbar und für den lebhaften Handelsverkehr nicht geeignet seien. Da beschloß die Lyoner Handelskammer, eine Kommission nach China zu senden, um die dortigen Geld- und Preisverhältnisse zu studieren. Die Ergebnisse dieser Forschungen sind sehr interessant und enthalten viel Neues.^ DasKurant" besteht in China nicht aus Gold oder Silber, sondern aus Bronzemünzen, die auch bei uns nicht unbekannt sind und die Form durch­löcherter kleiner Scheiben haben; die Chinesen nennen sieTongtsin", die Engländercash" und die Franzosen sapeques". Dieses Geldstück könnte als Einheit aufgefaßt werden, ist es aber nicht, da es nach Zeit und Gegend in Gewicht, Größe, Aussehen, sogar im Namen wechselt. Die Münze in Peking prägt dieSapeken" im Gewichte von vier Gramm; die Mischung enthält 545 Tausendteile Kupfer, 363 Teile Zink und etwa 100 Teile Eisen, Blei usw. Da das Kupfer in China infolge mangelnden Berg­baues sehr teuer ist, so mußte das Einschmelzen der Münzen, ein gutes Geschäft, gesetzlich verboten werden. DieScrpeke" hat einen Wert von etwa ein Drittel Pfennig, und eine größere Geldsumme in diesen Münzen hat jein recht hübsches Gewicht. Das Loch in der Mitte dient zum Aufreihen der Geldstücke; einStrang" (Tiao") hat gewöhnlich 1000 Sapeken an manchen Orten 500 -der auch weniger und wiegt etwa? 4 Kg. Trotzdem daß die Anzahl dieser Geldstücke ganz ungeheuer ist, herrscht doch im Handelsverkehr fortwährend Mangel daran, eben weil ihr Wert so gering ist. Das Leben im Innern Chinas ist nicht teuer, und der durchschnittliche Verdienst eines tiichtigen Arbeiters beträgt täglich 80 bis 100 Sapeken. Da Ach nun -er Wert größerer Objekte immer kauf Hunderte von Strängen beläuft, so hat man zum Silber greifen müssen, und da muß man unterscheiden zwischen Metall, gedachten Rechnungsmünzen und geprägtem Silber. Zu­nächst ist es in Form kleiner Barren im Umlauf (Saizee"); diese sind in Wnnan viereckig und 200 Gr. schwer, in Szetschuan haben sie das doppelte Gewicht und die Gestalt eines halbierten Eies, während am Blauen Flusse Klumpen von zwei Kilo im Umlauf sind, welche die

Form von kleinen Schuhen haben. Die Chinesen, die guch im Verkehr unter sich Treue und Glauben nicht kennen,' treibeÜ mit diesen Silberbarren den großartigsten Schwin­del; Stempel und Gewicht stimmen nie überein, und nieder chinesische Handelsmann trägt in seinen weiten Aermeln eine Waage bei sich, um sofort nachzuwiegen.

Das Gewicht bezw. der Wert dieser Silberbarren wird inT a e l s" ausgedrückt das ist für China die Rech- nungsmünze, wie- etwa dasPfund" für England. Natür­lich giebt es in China, wo nichts sicher und feststehend ist, wieder ganz verschiedene Taels; der gewöhnliche Han- delstael ist gleich P5,7 «GrammSilber, Mandarinen rechnen, ihrem Range entsprechend, nach einem 8 Gramm schwereren, und in Kanton ist sein Gewicht wieder 8 Gramm größer. Unter diesen Umständen haben die in China Handel treibenden europäischen Mächte darauf gedrungen, daß eine feste Einheit geschaffen werde, und so wurde im Vertrage von 1858 der 37,8 Gramm schwere Zoll-Tael festgelegt, dessen Wert seit jener Zeit von 7 auf 3,20 Mk. gesunken ist. Der Tael wird in 10 Tsien, dieses in 10 Fen, dieses wieder in 10 Li eingeteilt, und das Li wird gewöhnlich gleichwertig mit der Sapeke angenommen, ob­gleich man vor etwa 30 Jahren 1600, 1898 aber nur 111200 Sapeken für einen Tael erhielt. Geprägtes Gold und Silber hat es wohl vor Jahrhunderten in China gegeben; der außerordentlich zahlreichen Fälsch- ungen wegen mußte man aber die Prägung einstellen. Das einzige gemünzte Geld, das man (von den Sapeken abgesehen), in China trifft, kommt vom Auslande in bunter Reihe wechselt der spanische und mexikanische Piaster, die indische Rupie, der amerikanische Dollar und das japanische Pen. 1866 richteten die Engländer in Hongkong eine Münzwerkstätte ein und prägten für China einen neuen Dollar mit Untereinheiten; aber die Chinesen wiesen ihn zurück, und die Münze mußte geschlossen wer­den ; ein ähnliches Schicksal wird der seit 1895 in Bombay geprägte britische Dollar erleiden, da er bestenfalls sofort eingeschmotzen wird. Aus alledem wird klar, wie not­wendig die Schaffung einer nationalen Münze in China ist, und Versuche dazu sind schon gemacht worden. Seit 1890 bestehl eine Münzstätte in Kanton, später folgten solche in Tisntsin, Nanking u. a. O., aber der dort ge­prägteD r a ch e n d o l l a r" isö inoch immer den Samm­lern besser bekannt, als den Kaufleuten es bleibt eben beim alten Schlendrian. Schließlich sei noch erwähnt, daß das Silber fast ausschließlich an der Küste umläuft, int Innern dienen die Kupferstücke oder auch Opium als Zahlungsmittel. Der Silberwert ist auch in China außer­ordentlich gesunken, und die Preise haben sich dement­sprechend erheblich erhöht. _______________

Die Wirre« in China.

Der Kaiser hat mit nachstehendem Telegramm auf die gestern mitgeteilte Depesche des KaisersvonChina geantwortet:

chießener Stadttheater.

Gießen, den 3. Oktober 1900.

Die gestrige Vorstellung brachte uns vor schwach be­setztem Hause GutzkowsUriel Acosta", in dem der Kampf der Aufklärung gegen die Lüge verkörpert ist. In seiner Art hat Gutzkow zwar mit ihm das Höchste erreicht, was er seiner Natur nach im Drama erreichen konnte; aber die Grenzen dieser Natur verleugnen sich nicht. DaS Stück besitzt eine vorzügliche Technik, es ist von großer Ein­fachheit uud Würde in der Komposition, alle Motive sind deutlich herausgearbeitet, unnütze Episoden fehlen. Dazu ist ihm ein poetischer Reiz der Rede eigen, wie er uns aus keiner andern der Gutzkow'schen Dramendichtungen entgegen­schlägt. Das ganze Werk trägt einen Trauerflor, nicht allein der Held, Uriel Acosta. Mit blasser Leidensmiene blickt es unS an, und wie die Blumen in der Hand des jungen Spinoza verwelken, wie dies philosophische Kind über das, waS nur zum Genuffe des Augenblicks bestimmt ist, seine klugen Bemerkungen macht, so legt sich über die frischesten, blühendsten Gefühle der kalte, zerfetzende Geist des grüblerischen Denkens. Alles, jede Neigung, selbst die Liebe hat es ergriffen, und wenn das Denken Judith Vander- straaten und Uriel zusammensührt, so trennt es auf der andern Seite den Schüler von dem würdigen Lehrer und stört den Frieden des eigenen Charakters, indem es ihn teilt und seine Teile sich feindlich bekämpfen läßt.

Die elegische Grundstimmung, die gedrückte Lust des Stückes taugt nun vortrefflich zu seinem Gegenstand. Der Druck, die Knechtung des freien Gedankens unter das starre Gesetz und den Willen einer plumpen Majorität das ist sein Thema. DaS hellsichtige Wiffen soll dem Herzen, die

Aufklärung dem Vorurteil das Knie beugen. Man kann denUriel" wohl mit Recht eine Tragödie der Ueber­zeugung nennen. Allerdings wird das Wort Galilei'S: Und sie bewegt sich doch", bei ihm nicht ganz erfüllt; denn Uriel schwankt manchmal wie ein Rohr im Winde, bald stolz, bald elend. Wir bemitleiden ihn, aber wir brauchen ihn nicht zu bewundern. Doch es ist offenbar des Dichters Absicht gewesen, einen schwankenden Charakter zu schaffen. Wenn ihm dies auch vielfach zum Borwurf gemacht wird, ein künstlerisches Problem bleibt es dennoch. Man muß eben auf die Absichten des Dichters eingehen und ihnen nachzuforschen suchen, nicht aber von ihm anderes verlangen, als er gegeben hat und vielleicht absicht­lich so hat geben wollen.

Bedauerlich ist, daß der Dichter dem Drama nicht die Lösung gegeben hat, die sich jeder Zuschauer oder Leser selbst machen muß; doch ist daS durchaus nicht unkünstlerisch. Die Kugel, durch die Uriel endet, nachdem Judith Gift genommen hat, führt die Verwirrungen der Tragödie nicht zum Abschluß. Vielleicht wäre in ihr der Knoten drama- tischer gelöst, wenn sich statt des Helden Jochai tötete.

Die Darstellung des Uriel Acosta hatte Herr R a m s e y e r, dem es gut gelang, den Uriel nicht zu weich, zu gelassen, zu leidcndreflektiv" zu geben. Em Darsteller, der eS ver- suchen wollte, im Uriel den schonungslosen Mann der Oppo­sition zu betonen und ihn in diesem Sinne als seinen Charakter" anzulegen, würde die Schwäche deS Stückes dadurch nur noch mehr aufdecken und sich zugleich um seine Wirkung bringen. Der Grundton der Rolle kann garnicht dunkel genug gefärbt werden. Wohl ragt AcostaS Verstand weit über den seiner Umgebung heraus, aber während sich Ben Akiba und de Santos, in deren Rollen sich Herr-

Helm und Herr Reinhardt leicht fanden, in ihren engen Schranken, eins mit sich selbst, frei und glücklich fühlen, drückt dem Uriel das Denken einen Stachel ins Herz und färbt fast jedes seiner Worte melancholisch. Nur aus solcher Stimmung heraus begreift man auch die Stärke, den der Gegendruck, die Liebe zur Mutter und der Geliebten, aus ihn ausübt. Zu der bleichen Farbe des Helden stimmt die Blässe des Antlitzes seiner Genossen und Widersacher. Es ist, als wäre das ganze Bild mit Bleitönen gemalt, so unfrisch, so freudlos ist es. Fräulein Schoelermann verkörperte mit vielem Geschick die Rolle der Judith, die ebenso schwankt, wie Uriel es thut, und wenn sie, stark und entschlossen, ein Opfer verworrener Verhältnisse, nicht ihrer Schuld, mit würdiger Ruhe zum Giftbecher greift, dann hinterläßt sie uns mit dem Gefühl der Bewunderung doch auch das andere, daß es ihr nur auf diese Weise möglich gewesen, sich in unserer ästhetischen Wert­schätzung zu rehabilitieren. Judiths Vater, Manasse Vanderstraaten, gab Herr Hofer, der sich die Mannigfaltig­keit, Wahrheit und Feinheit des Charakter, des einzigen des Stücks, der in dem Gespinnst des Denkens nicht ver­strickt ist, und der von Zweifeln, von bänglichem Schwanken und Zaudern nichts weiß, ganz zur Geltung brachte. Weniger gut wußte sich Herr di Balthyni in die Rolle Ben Jochais an den Stellen zu finden, die an das Mienenspiel, in dem sich Eifersucht und Rachsucht spiegeln sollten, größere Anforderungen stellten. Im großen und ganzen aber war der Gesamteindruck der Leistungen ein recht befriedigender, der auch in dem anhaltenden Schlußapplaus ohne Rückhalt zum Ausdruck kam. A. st-