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4.10.1900 Erstes Blatt
 
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M. zzz Erstes Blatt. Donnerstag den 4. Oktober 15». Jahrgang I»»»

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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MontagS.

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Amtlicher Heil.

Bekanntmachung.

Betr.: Großh. Obstbau- und laudwirtschastl. Winter, schule zu Friedberg.

DaS Wintersemester der landwirtschastl. Abteilung be­ginnt Montag den 5. November, vormittags 9 Uhr, und endigt Mitte März.

Anmeldungen sind schriftlich oder mündlich an unter­fertigte Direktion zu richten, von welcher auch Programme, sowie WohnungSauSweise und Schülerfahrscheine zu er« halten sind.

Letztere wolle man beizeiten einreichen, damit sie mindestens 8 Tage vor Schulanfang den Bahnämtern der betreffenden Stationen eingehändigt werden können, andern­falls Verzögerung des Giltigkeitstermins zu erwarten ist.

Friedberg, den 1. Oktober 1900.

Großherzogliche Direktion

der Obstbau- und landwirtschaftlichen Winterschule.

Dr. von Peter.

Die Einigkeit im Negativen.

Noch haben die Diplomaten mehr zu thun, als die Generäle. Hier und da wird vielleicht eine kleine Ex­pedition ausgesandt, um aus irgend einem Räubernest ein paar chinesische Boxer zu vertreiben, aber es deutet gar manches Zeichen darauf, daß der Marschallstab des grafen, Waldersee ruhig in seinem Futteral bleiben wird. Und das wäre auch ganz gut, denn kriegerische Lorbeern bedürfen wir nicht. Und es wäre noch besser, wenn wir nicht vorher in dem Ueberschwang der Gefühle allzustark uns in Tyrtaeischen Weisen ergangen hätten. Der deutsche General ist jetzt an das Ziel seiner langen Fahrt gelangt, aber noch immer ist es unklar geblieben, ob nicht trotz der bekannten Begeisterung, mit der nach den Versicher­ungen der Offiziösen die sämtlichen Mächte seine Mission ausgenommen haben, seine Herrschaft beschränkt bleiben wird auf die deutschen Truppen und die kleinen Kon­tingente der beiden anderen Dreibundstaaten. Denn noch immer läßt sich aus der Fülle und dem widersprechenden Inhalt der einzelnen Mitteilungen nicht mit Sicherheit erkennen, was Wirklichkeit und was Erfindung, was ernst­hafte Absicht und was tendenziöse Entstellung ist. So lantze England Herrscher über die Kabel ist, so lange wird es auch Raum behalten für internationale Jntriguen, deren! Ziel, wie stets, die Verhetzung der Kontinentalmächte bleiben wird. Wenn wir über London erfahren, daß der russische Admiral abgereist sei, um sich nicht dem deutschen Oberbefehl fügen zu müssen, so darf man hierin wohl eine bezeichnende Probe jener Politik erblicken, die in ihren Mitteln niemals wählerisch, in ihren Erfolgen aber seit Jahrhunderten recht glücklich war.

Heute liegt das Hauptgewicht in der diplomatischen Aktion, nicht der Säbel, sondern die Feder reguliert die Entwickelung, und nicht im Kaiserpalast von Peking, sondern in den europäischen Hauptstädten werden die Ent­scheidungen getroffen. Und schon jetzt ist das Bild, das geschaffen wurde, reich genug an Farben, schon jetzt nimmt selbst das Auge des Laien eine Fülle von Zügen und Gegenzügen wahr, die ihre Begründung nicht in den wechselvollen Vorgängen in China, sondern in jenem Widerstreit historischer Interessen besitzen, der noch immer dem Worte von dem Konzerte der Mächte eine ironische Färbung verlieh. Es sind Gruppenbildungen, die in ihrer Zusammensetzung wechseln mögen, die aber niemals über- kurze Tage hinaus zurücktreten werden, um zu rechter .Harmonie sich zu vereinigen. Löwe und Fuchs mögen zusammen jagen, aber ihre Gemeinschaft wird aufhören, sobald die Selbstsucht sich regt. Und intKonzert der Mächte" hat noch immer die Selbstsucht den Taktstock geführt. Manche Wendung in den Reden unseres Kaisers mag einer schönen Jllusionsfreudigkeit entspringen, aber an der Macht des Realen zersplittern die Illusionen.

Jetzt ist nun die Aktion gegen China in ein Stadium getreten, das man füglich! als das Stadium der Einig­keit in negativer Hinsicht bezeichnen kann. Man ist sich unter Sorgen und Mühen darüber klar geworden, was man Nicht will, aber man ist sich und das ist ein ganz natürliches Gesetz um so unklarer darüber geworden, was man nun eigentliche will. Selbst der in der deutschen Zirkularnote ausgesprochene Gedanke, vor dem Eintritt in die Verhaitdlungen mit China die Be­strafung der Schuldigen herbeizuführen, ein Gedanke, der dem natürlichen Empfinden um so mehr entsprach, als man füglich in die Lage kommen konnte, mit den Urhebern der Verbrechen verkehren und verhandeln zu müssen, selbst dieser Gedanke hat keine Gegenliebe erweckt, und wenn jetzt eine Art von Uebereinstjmmung angebahnt

wurde, so hat die deutsche Regierung die Voraussetzung geliefert, indem sie den diplomatischen Rückzug antrat. Wir machen, ihr dies nicht einmal zum Vorwurf, denn auch die Größe der Msmarckschen Diplomatie bestand nicht im eigensinnigen FesthaUen an unerreichbaren Zielen, son­dern in der raschen und klaren Erkenntnis dessen, was positiv erlangt werden kann. Aber ein absurdes Beginnen ist es, die Thatsache einfach zu leugnen, daß wir diesen Rückzug angetreten haben, und doppelt absurd wird dieses Beginnen, wenn man den klaren Wortlaut der Note silben- stecherisch umzudeuten versucht. Wenn Graf Bülow die vorhergehende Bestrafung der Uebelthäter als notwendig erachtete" und zugleichv o r s ch l ä g t", daß die Bot­schafter die Schuldigen namhaft machen sollen, so wird der ärgste Rabulist uns nicht beweisen können, daß Vorder­satz und Nachsatz einen entgegengesetzten Charakter tragen und daß man die Sühne nur in einem allgemeinen Sentiment behandelte, während man in Wahrheit nur die erwähnte, kümmerliche Thätigkeit der Gesandten forderte. Nein, Gras Bülow hat den deutschen Stand­punkt unzweideutig markiert und kein Mensch in der Welt hat seine Worte anders aufgefaßt. Jetzt freilich deuteln die Offiziösen, denn jetzt muß der Rückzug ver­deckt werden. Aber sie vergessen, welch wunderlichen Dienst sie hiermit dem Grafen Bülow erweisen: Indem sie es als das einzige Ziel der in die Welt gesandten voll- tönigen Note hinstellen, daß die Gesandten, wenn anders sie e s vermögen, die Namen der Schuldigen an geb en möchten, bringen sie ihn in die Situation eines Mannes, der mit Kanonen nach Spatzen schießt. Um das zu er­reichen, war doch wahrlich kein Rundschreiben, war doch keine wochenlange, erregte Verhandlung von Kabinett zu Kabinett nötig! Nein, wir stellen die Diplomatie des Grafen höher, als sie der offiziösen Thorheit erscheint; wir meinen, daß er durch seine Sühneforderung den durch die Ermordung Kettelers gegebenen Ehrenstandpunkt deut­lich markieren wollte und daß er ihn erst preisgab, als er die Vergeblichkeit seines Bestrebens erkannte.

So sind denn die Mächteeinig" geworden, aber, wie gesagt, nur in negativer Richtung. , Immerhin ist auch dies noch besser, als wenn es anders wäre, als wenn etwa mit den Vereinigten Staaten zugleich die Russen und Franzosen die Flöte niedergelegt hätten, als wenn Deutschland abhängig geworden wäre von dem guten Willen Englands und den kleinen Mongolen des Mikado. Aber welcher Art werden die nächsten Ereignisse sein? Werden die Gesandten die Schuldigen nennen? Und wenn es geschehen ist, werden sich dann die Mächte einigen über die Namen der Personen, die unter Anklage zu stellen sind? Wird nicht von der einen Seite die 4iot- wendigkeit betont werden, über alle Teilnehmer, auch über die Prinzen und Würdenträger, das Strafgericht loszu­lassen, während man auf der anderen Seite sich begnügen wird mit der Verurteilung einiger untergeordneten Leute? Und selbst wenn man hierüber sich geeinigt hat, wie wird man sich dann zu der Frage der Auslieferung stellen? Wie wird man den Gerichtshof gestalten? Es giebt in der That noch eine Fülle von Klippen, an der die Einigkeit zerschellen kann, Klippen, die flach und un­bedeutend erscheinen mögen, die aber dennoch, wie das Schicksal des Bülowschen Rundschreibens bewies, dem großen Orlogschiff der europäischen Staaten ein gefähr­liches Leck beibringen können. Es wird noch viel Tinte, wohl noch mehr Tinte als Blut fließen müssen, bis der kleine Teil des großen chinesischen Problems, der jetzt der Erledigung harrt, endgiltig gelöst ist, und noch, manches Gewitter wird am europäischen Himmel Heraufziehen, bis die Schwüle der über Asien wehenden Lüfte beseitigt ist.

Die Frankfurter Akademie.

DerGroßeRat" der Akademie für Sozial- und H a n d e l s w i s s e u s ch a ft e n, die hier vielleicht schon im nächsten Jahre eine genaue Termiuangabe liegt nicht vor entstehen soll, veröffentlicht eine Denkschrift über Aufgaben und Organisation" der Akademie. DieFrkf. Ztg." schickt folgenden Angaben, die sie der Denkschrift entnimmt, voraus, daß der Totaleindruck des Unter­nehmens immer weniger der einer Handels-Hoch­schule geworden ist. Nicht die wissenschaftliche Ausbild­ung des Kaufmannsstandes steht im Vordergrund des Lehrplans, sondern die wissenschaftliche Arbeit auf so­zialem Gebiete. Die Akademie will allerdings beiden Auf­gaben gerecht werden. Ob es gelingen wird, zween Herren zu dienen, muß die Zukunft lehren.

Die Denkschrift betont nochmals die Objektivität der neuen Hochschule,frei von Einseitigkeiten und un­abhängig von jeder Partei".

Die wissenschaftlichen Lehrkräfte sollen sich, nickst auf die Lehrthätigkeit beschränken, sondern durch sebständige wissenschaftliche Arbeiten und Untersuchungen die sozialen und Handelswissenschaften fördern. Die Vorlesungen stehen auch weiteren Kreisen offen, die Akademie wird auf diese

Weise auch dieakademischen Kurse für junge Kaufleute" fortsetzen, die von der Handelskammer in den letzten Jahren veranstaltet wurden. Das Arbeits­gebiet der Akademie umfaßt u. a. Staatslehre, Ver- assungs- und Verwaltungsrecht, Völkerrecht, Gemeinde­recht, Finanzwissenschaft, Volkswirtschaft einschließlich des Geld-, Kredit- und Versicherungswesens und Geschichte der Volkswirtschaft, Soziologie und Sozialpolitik, Statistik und Bevölkerungslehre, Handelsgeschichte und Handelsgeogra­phie, Handelsrecht, Seerecht, Handelsbetriebslehre, rn- dustrielle' Geographie und Geschichte, Gewerberecht, Ar­beitergesetzgebung, Jndustriebetriebslehre, Arbeiter-Wohl­fahrtseinrichtungen, außerdem technische und technologische Fächer, vielleicht auch sprachliche Uebungen entsprechend denen des orientalischen Seminars in Berlin. ,

Als Hörer möchte der Große Rat in erster Lrnre zulassen: höhere staatliche und kommunale Verwalt- unasbeamte, Richter, Anwälte und andere Angehörige gelehrter Berufe, zweitens Personen aus den Kreisen der Industrie und des Handels, drittens auch son­stiger Personen, namentlich solchen, die bereits tn der Praxis stehen z. B. Lehrer für Handels-, Gewerbe- und Fortbildungsschulen, auch Journalisten und Leute, die sich freiwillig sozialpolitischer Arbeit widmen wollen.

Als das Leitmotiv der Akademie bezeichnet der Große Rat die Verbindung von Wissenschaft und Praxis. Die neue Akademie soll leisten, was man von einer oft geforderten Verwaltungsakademie beansprucht hätte, d. h. unserer Beamtenwelt eine lebendige Anschau­ung der Lebensverhältnisse auf sozialem Gebiet vermitteln. Den Kaufleuten soll eine abschließende universelle Bildung gegeben werden, den Technikern eine bessere kaufmännische Bildung. So hofft man, daß die Akademie geistige Brucken zwischen den verschiedenen Ständen und Berufen schassen wird Auf die Selbständigkeit der Akademie legt der große Rat hohen Wert; es werde der Akademie ge­wissermaßen zum Vorteil gereichen, daß sie sich Nicht an eineUniversitätodertechnischeHoch schule an lehne, wie die Handelshochschulen in Leipzig und Aachen, deren Studenten vielfach die Vorlesungen mit den übrigen Studenten zusammen bei ungleich gearteter Vorbildung besuchen müssen. Das Hauptgewicht soll übri­gens nicht auf den Vorlesungen, sondern aus den se- minaristischen Uebungen beruhen. Natürlich wird versucht werden, Professoren benachbarter Hoch­schulen an der Lehrthätigkeit zu beteiligen. Ebenso möchte man auch wissenschaftlich gebildete Verwaltungs- Beamte als Lehrer heranziehen. Man erwartet daß sich so hier ein Kienes eigenartigeswissenschastli ch e y Leben entfalten wird. Als Studienzeit ist m der Regel ein zweijähriger Besuch anzunehmen

b Auch bei den kaufmännischen Hörern wird Wert darauf gelegt, daß sie mindestens ihre Lehrzeit, womöglich auch einige Jahre der Gehilfenthätigkeit zuruckgelegt haben. Eine obere Altersgrenze wird nicht gesetzt werden, des­gleichen wird kein peinlicher Befähigungynach^ weis verlangt werden. Bei den akademisch gebildeten Besuchern erledigt sich die Frage von selbst, bei den Kaus- feuten wird mehr auf durch, die Praxis erlangte geiftige Reife als auf eine bestimmte schulmaßige Vorbildung ge- H^An°eGeldmitteln stehen der Akademie bis jetzt mindestens 70 000 Mk. jährlich zu Gebote, darunter 30 000 Mark Stadtzuschuß, 30 000 Mk vom Institut für Gemein­wohl, 5000 Mk. von der Handelskammer 5000 Mk. von der Polytechnischen Gesellschaft. Das Institut für Gemein­wohl ist erbötig, im Bedarfsfall größere Mittel he^u- qaben, falls ein Organ der Akademie die wissenschaftlichen Arbeiten desJnstitus" übernimmt.

Die Denkschrift schließt:So ist nntimehr der Grund zu der Akademie für Sozial- und Handelswisjenschaften gelegt. Möge es den Lehrern der Anstalt gelingen, pen hier entwickelten Plänen lebensvolle Gestaltung und Durch­führung zu verschaffen und möge es dabei auch ferner nicht an thatkräftigen und opferwilligen Förderern dey bedeutsamen Unternehmens fehlen!"

Der Große Rat, der am 12. September gebiet wurde, hat folgende Mitglieder: ö^rbürgermel^^er Adickes, Vorsitzender, Wilhelm Merton, stellvertretender Vorsitzender, Stadtrat Dr. Flesch, Fabrikant Hartmann, Handelskammer-Syndikus Dr. Hatschek, Bankdirettor ~r. Meißner, Justizrat Dr. Oswalt, Stadtverordneter Sr.Ju)^ ter, Bankdirektor Thorwart, Dr. Andreas Voigt und Real gymnasialdirektor Dr. Ziehen.___

Aus Stadt und Kand.

Gießen, 3. Oktober 1900.

* Stenographisches. Während die Stenographie feit langen Jahren fast ausschließlich ein für die Männer privi. legiertes Arbeitsfeld war und nur vereinzelt auch Damen sich der Kunst widmeten, erfordern die heutigen Lebens-