Dienstag den 4 September 15V. Jahrgang Lr-Q-V
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IchMtOrutze Nr. 7.
Die Wirren in China.
Eine Mitteilung der russischen Amtszeitung, über das Programm Rußlands. Hat folgenden Wortlaut: . . , , ,
„Auf dem Kriegsschauplätze in Petschilr haben tn der letzten Zeit die militärischen Begebenheiten eine so unerwartet rasche Wendung genommen, daß es einer verhältnismäßig unbedeutenden Truppenabteilung der Verbündeten, deren Aufgabe darin bestand, die belagerten auswärtigen Geschandschasten und die Ausländer zu befreien, gelungen war^ nicht nur diesen Hauptzweck zu erreichen, sondern auch die in der Hauptstadt des himmlischen Reiches konzentrierten Rebellenbanden auseinander- zutreiben und Maßregeln zur Sicherstellung der Verbindung mit Peking zu ergreifen. Diese günstigen Umstände verändern jedoch keinesfalls das früher vor gezeichnete Programm Rußlands, dessen Grundsätze in der letzten Regierungsmitteilung enthalten sind. Rußland hat, wie in der Mitteilung gesagt wird, China den Krieg nicht erklärt; die russischen Truppen betraten das Gebiet eines Nachbarstaates mit bestimmten Zwecken, dessen größter Teil gegenwärtig erreicht ist. Um für die Zukunft keinen »Anlaß zu irgend welchen Mißverständnissen oder unrichtigen Deutungen bezüglich der weitern Absichten Rußlands zu geben, geruhte der Kaiser dem Verweser des Ministeriums des Auswärtigen zu befehlen, an die im Auslande beglaubigten russischen Vertreter folgendes telegraphische Rundschreiben zu richten: Rundschreiben des Verwesers des Mini st e - riunls des Auswärtigen vom 25. August: Die nächsten Ziele, welche die kaiserliche Regierung gleich von Anfang der chinesischen Wirren bezweckte, bestanden in folgenden: 1. Beschützung der russischen Gesandtschaft in Peking, Sicherstellung' der russischen Unterthanen vor den verbrecherischen Absichten der chinesischen Rebellen. 2. Unterstützung der chinesischen Regierung in ihrem Kampfe gegen die Wirren im Interesse der baldigsten Herstellung der gesetzlichen Ordnung der Dinge im Reiche. Als infolge dessen alle interessierten Mächte beschlossen, mit den gleichen Zielen Truppen nach .China zu senden, hatte die kaiserliche Regierung als Richtschnur bezüglich der chinesischen Begebenheiten folgende Grund-Prinzipien vorgeschlagen : 1. Aufrechterhaltung des gemeinsamen Einvernehmens der Mächte; 2. Aufrechterhaltung der frühern Staatsordnung in China; 3. Beseitigung von allem, was zu einer Austeilung des himmlischen Reiches führen könnte; 4. mit gemeinsamen Kräften Herstellung einer gesetzlichen Zentralregierung in Peking, die fi,m stände ist, allein die Ordnung und die Ruhe zu bewahren. In diesen Punkten bestand fast zwischen allen Mächten ein Einvernehmen. Da die kaiserliche Regierung keine andern Zwecke 'verfolgt, wird sie auch weiter standhaft ihrem frühern Aktionsprogramme treu bleiben. Wenn der Gang der Ereignisse, wie der Angriff der Rebellen auf unsere Truppen in Niutschwang, und eine Reihe feindseliger Handlungen der Chinesen än der Grenze unsres Staates, wie z. B. die Beschießung von Blagowieschtschensk Rußland zur Einnahme von Niutschwang und zum Einrücken russischer Truppen in die Gebiete der Mandschurei veranlaßten, so können solche zeitweiligen Maßregeln, die ausschließlich durch Ungesetzlichkeiten hervorgerufen wurden, um aggressive Handlungen der chinesischen Rebellen abzuwehren, keinesfalls von irgend welchen selb st süchtigen Plänen Zeugnis geben, die der Politik der kaiserlichen Regierung voll- kvmmen fremd sind'' Sobald in der Mandschurei die dauernde Ordnung wiederhergestellt sein wird und auch die unumgänglichen Maßregeln zum Schutze der Eisenbahn ergriffen sein werden,^ deren Bau noch eines besondern formellen Einvernehmens mit China bezüglich der Konzession bedarf, die der Gesellschaft der chinesischen Ostbahn verliehen werden soll, wird auch das Nachbarreich Rußland nicht ermangeln, seine Truppen aus diesen Gebieten zurückzurusen, vorausgesetzt, daß die Handlungsweise anderer Mächte dem nicht im Wege steht. Es ist offenbar, daß die Interessen der andern auswärtigen Mächte und internationalen Gesellschaften in dem von Rußland besetzten für den internationalen Handel offenen Hafen Niutschwang, wie auch auf den Eisenbahnlinien, die von unfern Truppen wiederhergestellt worden sind, unverletzt bleiben und völlig gesichert sind. Durch die Einnahme Pekings ist die erste Hauptaufgabe, die sich die kaiserliche Regierung setzte, nämlich die Befreiung der Vertreter der Mächte mit allen sich in. der belagerten Stadt befindlichen Ausländern, erreicht. Die zweite Aufgabe, die Mitwirkung einer gesetzlichen Zentralregierung zur Herstellung der Ordnung und regelmäßiger Beziehungen zu den Mächten erscheint bisher schwierig infolge der Abreise des Kaisers, der Kaiserin-Regentin und des Tsungliyamen aus der Re- fidenz. Unter solchen Bedingungen findet die kaiserliche Regierung nicht einen hinlänglichen Grund, daß die Ge
sandtschaften weiter in Peking verweilen. Sobald eme gesetzliche chinesische Regierung neuerdings die Zügel in die Hände nimmt, und ihre mit Vollmachten versehenen Vertreter zu Verhandlungen mit den Mächten ernannt haben wird, wird Rußland nach der Verständigung mit allen auswärtigen Regierungen seinerseits nicht ermangeln, zu diesem Zweck einen Bevollmächtigten nach lenem Ort zu senden, wo die Verhandlungen stattfinden werden, infolge des oben mitgeteilten Rundschreibens an die auswärtigen Mächte wurde dem Wirklichen Staatsrat von Giers sowie dem Generalleutnant Lenewitsch befohlen, für die Verwirklichung der allerhöchsten Absichten bezügliche der Ueberführung der kaiserlichen Gesa ndtschaft, der russischen Unterthanen und der russischen Truppen von Peking nach Tientsin zu wirken, wobei zweifellos alle Lokalbedingungen berücksichtigt werden. r M . . .
Die „Köln. Ztg." schreibt zu der Annahme einiger Blätter, Rußland mache angesichts der militärischen Schwäche der in Peking versammelten Truppen den Rau- mungsvorschlag: Jeder Gedanke an eine Gefährdung unserer Truppen müsse verschwinden, wenn man bedenke, daß das kleine zusammengewürfelte Detachement unserer Seesoldaten die Gesandtschaften monatelang gegen den Ansturm der Boxer und der regulären chinesischen Truppen erfolgreiche geschützt haben. Und gegenüber vereinzelten Behauptungen, die Einheit der Mächte sei nunmehr in die Bruche gegangen, betont ein Berliner Telegramm der „Köln. Ztg.", daß es sich bei der russischen Note nur um einen Vorschlag handle, über den gegenwärtig zwischen den Mächten verhandelt wird. So lange aber diese Verhandlungen, wie es thatsächlich. geschehe^ in durchaus freundschaftlichen Sinne geführt werden, habe man kein Recht, zu behaupten, der Brach, sei vollzogen. Es sei die Aufgabe der Diplomatie^ die"Schwierigkeiten und Meinungsverschiedenheiten auszugleichen. Die Grundlagen für eine solche Thätigkeit lägen gegenwärtig nicht ungünstig, da es heute feinen einzigen Staat gäbe, der leichten Herzens in eine Politik hineintreibe, die zu ernsten Spaltungen und Zerwürfnissen führen können. — Auch nach der „Nat.- Ztg." wird die chinesische Lage an maßgebender Stelle in Berlin keineswegs kritisch angesehen. Die Auffassung gehe dahin, daß man sich in einem Meinungsaustausch über die besten Mittel zur Erreichung des Zieles befinde, berreffs dessen vielfach Uebereinstimmung der Mächte versichert worden ist. Dabei dürfte die deutsche Regierung allerdings die Ansicht vertreten, daß die bedingungslose Räumung Pekings gefährliche Folgen haben kann, weil sie von den Chinesen als ein Beweis der Schwäche oder der Uneinigkeit der Mächte würde angesehen werden.
Dagegen wird aus Paris telegraphiert: Die diplomatische Lage ist augenblicklich sehr ernst. Frankreich unterstützt bedingungslos den auch von Nordamerika angenommenen Vorschlag Rußlands, die -europäischen Truppen aus Peking zurückzuziehen. Englands Zustimmung wird noch heute erwartet. An gewissen Stellen besteht unverkennbar die Absicht, Deutschlan d zu vereinzeln und es allein das chinesische Abenteuer bestehen zu lassen. — In Londoner parlamentarischen Kreisen verlautet, Englands Antwort auf die amerikanische Note bezüglich des Vorschlages Rußlands, daß die verbündeten Truppen Peking räumen sollen, sei infolge der Abwesenheit Lord Salisburys nicht bindend. Die Antwort bestätige lediglich den Empfang der Note und bitte um Zeit zur Erwägung, ohne Englands künftige Aktion zu engagieren.
Betreffs der Antwortnote der Vereinigten Staaten auf den russischen Vorschlag hebt die „Post" hervor, daß die Note sich, dahin ausspricht: die Frage der Räumung Pekings sei von einer gemeinschaftlichen Verständigung der dort befindlichen militärischen Befehlshaber abhängig. Das zeige, daß auch seitens der Vereinigten Staaten die militärischen Gesichtspunkte als ausschlaggebend betrachtet werden.
Nach einer Pariser Meldung ist nun aus Shanghai die sichere Meldung eingegangen, daß der Kaiser und die Kaiserin-Witwe, sowie der gesamte Hofstaat und die Leibgarde in Tai hu en fu eingetroffen sind. Sie beabsichtigen, dort Hof zu halten^ bis für die Rückkehr nach Peking ein passender Modus gefunden worden sei. In Shanghai glaubt man, die Kaiserin-Witwe würde, um die Dynastie zu retten, darein willigen, daß der Kaiser allein nach Peking zurückkehrt, vorausgesetzt, daß die Mächte dies verlangen, und daß mau ihr einen glänzenden Witwensitz mit entsprechender Apanage sichere. — Nach einer weiteren Shanghai-Meldung soll die deutsche Gesandtschaft so lange in Peking bleiben, bis Graf Waldersee dort ein- trifft. Wie verlautet, soll der ch i n e s i s ch e T h r o n e r b e Selb st mord begangen haben. — Ein Pariser Telegramm lautet: Der in Paris anwesende japanische Gesandte am Londoner Hof erklärte, Japan könne nur in dem vom Einflüsse der Kaiserin-Witwe völlig befreiten, liberalen Ideen zugänglichen Kaiser und dessen Vertrauensmännern
die Autoritäten erkennen, mit denen Frieden zu schließen möglich sei. Außerdem sagte der Gesandte, Japan wolle Korea nicht besitzen, aber auch seine dort erworbenen Rechte nicht schmälern lassen.
Bei Besprechung des Standes der Chma-Wirren sagt das „Wiener Fremdenblatt", daß bisher noch keine Macht dem Vorschläge Rußlands aus Räumung Pekings zugestimwt habe. Das Blatt ist aber der Ansicht, daß man mit der Räumung Pekings und der bevorstehenden Eröffnung seriöser Friedensverhandlungen rechnen müsie.
Nach Meldungen aus Taku haben bereits mehrere Gesandte mit ihrem Personal, darunter der österreichisch- ungarische Geschäftsträger, Peking verlassen und befinden sich auf dem Wege nach Tientsin.
Die Londoner Meldung des „Figaro", nach der die Verbündeten Peking räumen und die Streitkräfte in Tientsin zusammenziehen werden, wird unserem Berliner Mitarbeitr als unzutreffend bezeichnet. Man glaubt in Berlin nicht an die baldige Rückkehr des chinesischen Hofes nach Peking, selbst dann nicht, wenn die fremdländischen Truppen Peking wirklich verlassen und sich in Tientsin festsetzen würden. Als richtig wird unserem Gewährsmann dagegen derjenige Inhalt der genannten Meldung bezeichnet, wonach sowohl Tientsin als auch Taku noch ziemlich lange von den verbündeten Truppen besetzt bleiben wird. — Man glaubt in Berlin nicht, daß Li-Hung-Tschang in der Lage ist, unantastbare Vollmachten für seine Berechtigung zur Friedens. Vermittelung beizubringen.
Ein Telegramm aus Madrid berichtet, die spanische Regierung habe beschlossen, ihren Gesandten aus Peking zurückzuberufen und diesen Posten in Zukunft nicht mehr zu besetzen.
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Wie aus Tientsin von wohlunterrrichteter Seite mtt- geteilt wird, ist die deutsche Gesandtschaft in der kritischen Zeit der Belagerung von chinesischen Truppen auf zehn Schritte Entfernung aus Gewehren, auf 150 Meter mit Kanonen beschossen worden. Von den deutschen Zivilpersonen ist jedoch keiner, mit Ausnahme des Dolmetschers Cordes, verwundet worden. In Tientsin ist es gegenwärtig ruhig; doch befinden sich in der Umgebung der Stadt Boxer, die mit Feuerwaffen Angriffe unternahmen.
Ein Telegramm aus Peking meldet, der Tao Tai von Tsang-Chou habe vor einigen Tagen 2000 Boxer zu einem großen Gartenfeste eingeladen und sie, während sie sich unbewaffnet in den Gärten ergingen, von kaiserlichen Truppen niedermetzeln lassen.
Aus Shanghai wird gemeldet: Im Thale des Dangtse- Kiang wird die Lage bedrohlicher, da aus vielen Orten Unruhen gemeldet werden und überall Aufregung herrscht. Waffen und Munition werden der Bevölkerung aus dem Jangtse zugeschifft und das aus dem Arsenal von Wasung unter der Nase der europäischen Kriegsschiffe. Ein deutsches Geschwader, unterwegs von Batavia wird erwartet. Das Fort Wusung hätte genommen werden können, wenn der „Jaguar" hier gewesen wäre. Jetzt sei die Sache gefährlicher, da die Bevölkerung des Jangtse-Thales sich erheben und alle Europäer ermorden würde.
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Dem Grafen Waldersee ist während der Dauer seines Aufenthalts in Ostafien eine Renumeration von 2000 Mk. pro Monat und an RepräsentationSkosten eine Summe von monatlich 10000 Mk. bewilligt worden.
Die „Köln. Ztg." meldet aus Kiel, das Deutsche Reich sei nunmehr unter allen Mächten durch die größte Anzahl Linienschiffe vertreten. Aus dem Kriegsschauplatz sind 17000 Mann Verstärkungen angekommen. Im Indischen Ozean schwimmen noch sieben Transportschiffe, darunter zwei mit allein 4000 Mann.
Wie man aus Bremen meldet, ist der Lloyddampfer „Frankfurt" von Tsingtau nach Francisco abgefahren, angeblich um von dort einen PserdetranSport für die ostasiatische Expedition nach China zu befördern.
Die Fahne, die für das belgische Expeditionskorps bestimmt war, wird, wie nunmehr berichtet wird, dem General Bersträten am 9. September von den Offizieren, die an der Expedition teilnehmen sollten, überreicht werden.
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Telegramme de- Gießener Anzeiger-.
Berlin, 3. September. Der Kaiser soll, wie man uns von besonderer Seite mitteilt, am Samstag bei dem Festmahl zu Offizieren gesagt haben, er werde auf keinen Fall Peking aufgeben und wenn zu dem Zwecke alle Armee-Korps mobilisiert werden müßten. (?)


