Nr. 206
Dienstag bett 4. September 150. Jahrgang 1900
Kichmer Anzeiger
Keneral-Anzeiger
Amts* und Anzeigeblatt ffir den Aireis Gieren.
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Erstes Blatt.
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GrattrdeitaMl: Gießener Familienblätter, Der heWtze Landwirt, Kälter Mr hrMfche DsütsKunde.
«dreße für Depesche«: Anzeiger Fernsprecher Nr. 5L
Amtlicher Teil.
Gießen, den 1. September 1900. Betr.: Errichtung und Einrichtung der Fortbildungsschulen.
Die
Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 2. August l. IS. (Gießener Anzeiger Nc. 181) noch nicht uachgekommen find, werden an alsbaldige Erledigung erinnert.
v. Bechtold.
Gießen, den 31. August 1900.
Betr.: Ablieferung der allgemeinen evangelischen Kirchensteuer an den Zentralkirchensond.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
au die Großh. Bürgermeistereien deS Kreises.
Einem Ersuchen Gr. Oberkonsistoriums gemäß beauftragen wir Sie, den Gemeinde-Einnehmer Ihrer Gemeinde anzuweisen, die noch für 1899/1900 rückständigen evangel. Kirchensteuern sowie die auS 1900/1901 bereits eingegangenen Posten, insoweit es sich nicht um geringfügige Beträge handelt, an den Rechner des evangelischen Zentralkirchen- fondS abzuliefern.
v. Bechtold,.
Gießen, den 31. August 1900.
Betr.: Die an den Centralkirchenfond abzuliefernden Erträgnisse des Einkommens der evangelischen Pfarrstellen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die evaugel. Kircheuvorstäude deS Kreises.
Wir empfehlen Ihnen, etwaige aus demJahre 1899/1900 noch rückständigen Erträgnisse alsbald an den Rechner deS evangelischen Centralkirchenfonds abführen, und auf die Erträgnisse des Jahres 1900/1901, soweit dies jetzt schon möglich, Abschlagszahlungen leisten zu lassen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Gesundere: 3 Portemonnaies mit Inhalt, 1 Taschenmesser, 1 Kinderstrohhut, 1 Häkelkörbchen mit Inhalt.
Verloren: 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 goldner Lwicker mit Etui.
Gießen, den 1. September 1900.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
Volitische Wochenschau.
Gießen, 3. September 1900.
Im Vordergründe des Interesses stehen nach wie vor die Ereignisse in China. Zwischen dem riesigen Reiche der Mitte (der zDrucksehlerkobold machte im Sedan- Artikel unserer letzten Nummer schal Haft erweise ein „ewiges Reich" daraus) und den Mächten besteht bekanntlich Amtlich kein Kriegszustand, eine Fiktion, die sich eigentlich schon nicht hat aufrelchterhalten lassen, nachdem man in aller Form Kriegsbeute gemacht hat, von der den Deutschen ein schöner Torpedotreuzer zugefallen ist. Die Russen haben sich vieler Stücke des Geschützmaterials bemächtigt, das sie auf dem Wege nach Peking antrafen; aus den Berichten der russischen Militärs leuchtet die Freude hervor über diese Erwerbungen, die meist Erzeugnisse der Kruppschen Fabrik sind. Die Amerikaner iNtöchten China möglichst geschont wissen, und ihre Regierung hat auf Grund dieser Politik dem Gesandten Conger in Peking die Schmach angethan, ihn für parteiisch in den chinesischen Angelegenheiten 'zu erklären, ihm die Berichterstattung über die politische Lage zu entziehen und dem General Chaffee zu übertragen, als wenn Chaffee die Vorgänge während, L>er Belagerung der Gesandten und deren Ursachen besser kennte Md zu beurteilen wüßte wie ein Augenzeuge dieser Vorgänge. Aber Conger hat einen für seine Regierung zu Liefen Einblick in ine Verantwortung der amtlichen chinesischen Meise gethan, und seine bisherigen Gerichte 'fielen nach der Auffassung des Washingtoner Kabinetts zu scharf — also nicht unparteiisch aus.
Die Befehlshaber der verschiedenen Machte haben in Peking eine militärische Regierung eingerichtet, in der jede beteiligte Macht durch einen Offizier vertreten ist. Unter dieser Regierung, oder besser Stadtverwaltung, stehen die für die einzelnen Stadtteile zur Aufrechterhaltung der Ordnung eingesetzten „Komitees", unter denen man nad)1 -Lage der Dinge wohl Militärkommandos zu verstehen hat,
denn das Zivil, und gar das chinesische, hat dabei doch Wohl kauw mitzuwirken. Die kaiserlichen Paläste sollen peinlich geschont werden. Geplündert haben die fremden Truppen dber doch- denn es wird von Schätzen gesprochen, deren sich Russen und Japaner bemächtigt hätten. Die erste deutsche A b t e i l u n g ist am 17., zwei Tage nach der Einnahme Pekings, in dieser Stadt angelangt. Wenn nun «aber diese Einnahme ohne deutsche Mitwirkung vor sich ging, so 'haben doch die Deutschen bei den vorhergegangenen kriegerischen Vorgängen ganz hervorragend initgewirkt, was ihnen jetzt durch viele Zeugnisse aus fremdem Munde bestätigt wird, (fiigländer und Russen firachen sich gelegentlich den Ruhm der Tapferkeit und des Erfolges streitig, sind aber jedesmal darin einig, daß sie diesen Ruhm mit deü Deutschen zu teilen haben. Gegenwärtig scheinen auch die Heiden deutschen Seebataillone, die anfänglich zur Sick)erung des Weges nach Tientsin Verwendung finden sollten, sich (in Peking zu befinden.
Da die Berichterstattung aus Peking nach Tientsin- Taku nach wie vor mangelhaft war, offenbar infolge der fortdauernden Unsicherheit des Telegraphen, bekam man gleichzeitig altes und neues, fireist sich widersprechendes, vorgesetzt. So sollte nach dem einen Bericht Peking ganz von den Boxern gesäubert sein, nach dem andern stand in der Chinesenstadt, also dem südlichen Teile Pekings, noch eine starke Boxermacht. Nach dem einen Bericht war die kaiserliche, verbotene Stadt mit dem Kaiserpalast noch nicht von fremden Truppen betreten, nach einem anderen hatten Franzosen und Russen sie längst eingenommen. Weiter sollte die Kaiserin Mit dem Hose bereits Siugau im entfernten Schensi auf per Flucht erreicht haben, dann aber wieder 130 Kilometer südwestlich von Peking durch japanische Reiterei umzingelt worden sein, wobei der Kaiser Kwang-sü sich unter japanischen Schutz gestellt haben sollte. Ueber den Prinzen Tuan wurde auch allerhand widersprechendes erzählt. Nach der einen Angabe sollte er sich in Peking befinden; bestätigte sich dies, so konnte der Hauptschuldige bei den jetzigen blutigen Vorkommnissen der gerechten Strafe nicht entgehen. Dann aber wurde gemeldet, Tuan sei im Kampfe mit den Japanern gefallen. Eine Abteilung Russen, Japaner und Deutsche sollte südwärts von Peking gerückt sein, um die etwa angesammelten chinesischen Streitkräfte zu zersprengen. Weiter sollten die fiemden Truppen nur die nötigste Bedeckung in Peking gelassen haben, um ins Innere vorzurücken. Kurz, eine Sammlung von Nachrichten, die zum Teil schon deshalb nicht wahr sein konnten, weil fie die fremden Befehlshaber als geradezu leichtsinnig hinstellten.
Die chinesischen Vorgänge haben auch Belgien in Mitleidenschaft gezogen, da dieses, unterstützt durch Frankreich und Rußland, in den letzten Jahren des allgemeinen Wettlaufes beträchtliche industrielle Unternehmungen in China hervorrief und stark an der Bahn Peking-Hankau interessiert ist. Auf Grund dessen tauchte in Belgien der Gedanke auf, sich auch von der militärischen Seite zu zeigen und mit eigenen Machtmitteln für die belgischen Interessen einzutreten. So verfiel man auf die Bildung einer Legion von Freiwilligen; der belgische Staat aber, weil neutral, sollte in keinerlei Verbindung mit der Legion stehen, keinerlei Verantwortung dafür tragen. Also ein Freischärlerkorps. Wenn es nun auch ein öffentliches Geheimnis war, daß König Leopold die nötigen Millionen für die Ausrüstung hergegeben hatte, so ignorierten die fremden Regierungen das amtlich doch vollständig und ließen durchblicken, daß ein solches Korps, für das niemand verantwortlich sei, doch schlecht in den Rahmen der verbündeten Kommandos passe. Die diplomatische Vertretung Deutschlands gab zu verstehen, daß die jetzt in Asien vorhandenen Truppen ausreichten, und Belgien von eigenen Anstrengungen absehen könne. So wurde denn plötzlich das Unternehmen der Freiwilligenlegion 'liquidiert, ein Vorgang, der den Spott heransfordert und von der belgischen Regierung, die dem 'König zu Liebe sich allzusehr für die Sache erwärmt hat, sobald nicht vergessen werden wird.
Tie Japaner haben, seit sie im Besitze von Formosa sind, ihre Augen auch auf das gegenüberliegende Festland, die chinesische Provinz Fokien, geworfen. Soeben ergriffen sie die Zerstörung eines japanischen Tempels in Amoy, dem Hafen Fokiens, als willkommenen Anlaß, um dort eine größere Truppenmacht zu landen und sich vielleicht dort für immer festzufetzen. Bei der Übereinstimmung der Pläne Englands und Japans kann man nicht wohl annehmen, daß England durch diesen Schritt Japans unangenehm überrascht worden sei; eher mag sich schon Frankreich unbehaglich fühlen, Japan als nächsten Nebenbuhler in Südchina zu erhalten, wo es feine Einflußsphäre auf Kwangsi und Kwantung auszudehnen beabsichtigt.
Ueber die Grausamkeiten, die durch die chinesischen Fanatiker an Missionaren und chinesischen Christen verübt worden sind, gehen nach und nach herzergreifende Berichte ein. So haben Bischof Fantosati und der Franziskaner Gambaro laut Briefen aus Hankau ein furchtbares Martyrium durchgemacht, ehe sie durch den Tod erlöst
wurden. Man muß leider aus diesen Fällen auf viele andere schließen, über die noch, nichts genaueres oorliegL
Während die großen Nationen in China reichlich zu thun hatten, begannen die Kleinen im europäischen Hexerr- kessel, im Balkan, einmal wieder sich zu regen. Bulgarien und Rumänien rüsteten und machten gar grimmige Gesichter; aber Europa regt sich nicht darüber auf, ein Wink des Zaren bringt die Unruhigen bald zum. Schweigen, und der Sultan konnte in Frieden die 25. Wiederkehr des Tages seiner durch Brudermord erkämpften Thronbesteigung feiern. Seinem Wunsche gemäß kamen Abordnungen aus aller Herren Länder, um die Festwoche in Konstantinopel zu verherrlichen.
Gegen den Mörder des Königs Humbert von Italien, Gaetano Bresci, sand am 29. August vor den Geschworenen in Mailand die Prozeßverhandlung statt. Einige Mühe hatte man, dem Angeklagten einen Rech^tsbeistand zu bestellen Offizialverteidiger wurde dann der Advokat Mortelli, während ein römischer Anarchist, Advokat Mer- lino, sich der Sache auf Brescis Verlangen annahm. Mer- Hno suchte in feinem Plaidoyer die anarchistische Anschauung zu begründen, sodaß der Präsident gezwungen war, ihn am Weiterreden zu hindern. Bresci blieb während der Verhandlung seinem bisherigen chnischen Verhalten treu. Da in Italien die Todesstrafe abgeschafft ist, konnte als höchstes Strafmaß gegen ihn nur lebenslängliches Zuchthaus ausgesprochen werden; die sieben ersten Jahre sollen noch durch Einzelhaft verschärft werden.
Frankreich erwartete, daß der Zar fein angebliches Versprechen erfüllen und die Weltausstellung besuchen werde, womit diese erst den rechten Glanz erhalten haben würde; der König von Schweden und der Schah von Persien machen ja lange nicht fo viel aus. Nun scheint aber der hohe Besuch recht unsicher geworden zu sein, und die Nationalisten thun das ihrige, um ihn ganz unmöglich zu machen. Als Alexander III. sich mit der Republik Frankreick)', die als solche ihm, dem Autokraten, wenig schnpathisch sein tonnte, einließ, that er das nicht bloß als^Gemüts- mensch, um seiner Abneigung gegen Deutschland eine Ge- nugthuung zu verschaffen, sondern er hatte auch einen praktischen Zweck dabei: französisches Kapital zu Gunsten Rußlands flüssig zu machen. Die Franzosen merkten das im Anfang des RufsentaumelS nicht; später sind fie ernüchtert worden, als Rußland ihnen nicht in allem den Willen that und sich nicht so, wie der französische Chauvinismus gewünscht, kompromittierte. Da legten sich, denn die Franzosen die Frage vor: Wozu haben wir denn unsere Millionen zur Verfügung gestellt, wenn uns Rußland doch nicht den Willen thuk? Heute ist es so weit gekommen, daß der russische Finanzminister Witte, derjenige rusfische Staatsmann, dem Nikolaus II. am meisten verbunden ist, bei seinem Aufenthalt in Paris von den Nationalisten in der gröblichsten Weise beschimpft wird, tveil er wieder eine halbe französische Milliarde für Rußland flüssig machen will. Diese Behandlung seines Vertrauensmannes kann den Zaren gewiß nicht reizen, die Pariser durch einen persönlichen Besuch hierfür zu belohnen. Da Herr Witte einen deutschen Namen trägt, verknüpfen die Nationalisten mit ihren Angriffen auf dessen Person natürlich eine Hetze gegen Deutschland, zu der sich bann auch die üblichen antisemitischen Ausbrüche gesellen. Von dieser Seite wird den Deutschen wenig Dank dafür gewußt, daß fie aus Taktgefühl mit der Sedanfeier ein Ende machen wollen, weil Deutsche und Franzosen kameradschaftlich in China kämpfen und demnächst auch noch gemeinsam unter deutschen Oberbefehl gestellt werden sollen.
Mehr wie seit langer.Zeit richten sich jetzt wieder die Blicke nach Südafrika. Wie die gotischen Helden unter Totilas und Teja haben sich die letzten Buren geschlagen, wie Löwen verteidigen sie sich noch! jetzt und verkaufen jeden Schrittbreit Landes für theures Blut. Während fie, obgleich! durch die Uebermachk erdrückt, unsterblichen Ruhm erwerben, hat der Sieger Deutsche, die dort friedlich ihrem Beruf nachgingen, wie Schlachtvieh verpackt, ohne Verhör in die Heimat geschickt und ihrer ganzen Habe beraubt. Sie rufen jetzt den deutschen Kaiser an zur Hilfe gegen englische Unverschämtheiten, hoffentlich mit Erfolg.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 3. September1900.
** Jubiläum. Der Kommandeur des hessischen Geu- darmeriekorps, Oberst Beck, feiert, wie wir hören, demnächst sein 50jährigeS Dienstjubiläum. Vorbereitungen zur festlichen Begehung dieses Tages sind bereits im Gange.
** Gesindeordnung. Das von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Ortsstatut b etr. die Gesindevrdnung ist nunmehr vom Ministerium des Innern genehmigt worden. Zur Erläuterung dieses Orts- statuts bemerken wir, daß die in demselben enthaltenen Bestimmungen an Stelle der Vorschriften des Art. 6 der Gesindeordnung treten, der bestimmt, daß, wenn über Die


