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4.8.1900 Zweites Blatt
 
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SamStagden 4 August

Zweites Blatt

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Nr. 7.

Schon wieder ein Attentat meldet ein heute früh eingegangenes, allerdings wenig glaubhaft klingen­des Telegramm:

London, 2. August.Daily Chronicle" zufolge ist gestern ein Attentat gegen den König von Ser­bien verübt worden durch ein Individuum, das einen Revolverschuß auf den König abfeuerte, als dieser per Wagen durch die Stadt fuhr. Der König wurde nicht getroffe-r, der Attentäter sofort verhaftet. Eine Bestätigung der Meldung fehlt noch.

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Nach d>em Attentat hat der Schah seinen Ausflug nach Sevres und Versailles in guter Stimmung ausgeführt und kehrte 4 Uhr 30 Min. nach Paris zurück. Alsbald stattete ihm Präsident Loubet einen Besuch ab. Die Zusammenkunft, die sehr herzlich war, dauerte fünf Mi­nuten. Einige Personen bekundeten auf dem Polizei­kommissariat, sie hätten eine Person, von der sie eine Be­schreibung gaben, mit dem Vcrüber des Mordansalls sprechen und im Augenblick der Ausführung des Ver­brechens stehen sehen. Der Untersuchungsrichter Valles wurde mit der Untersuchung betraut. Der Verbrecher wurde auf dem Polizeibureau photographiert. Da er ge­fesselt war, konnte er keinen Widerstand leisten. Er senkte beständig den Kopf. Valles versuchte vergebens, ihn zu vernehmen. Der Untersuchungsrichter glaubt nicht, daß der Verhaftete einen ausländischen, sondern vielmehr, daß er einen baskischen Accent habe. Er ist 1,71 Meter groß und hat braune Augen, hellblonden Schnurrbart, dunkle Gesichtsfarbe. Der Untersuchungsrichter vernahm etwa 15 Personen, welche Zeugen oes Attentats waren, und wird heute abend den Mörder nach dem Gefängnis de la Santee überführen lassen.

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König Viktor Emanuel III.

und die vächfteu Aufgaben seiner Regierung.

Der neue König von Italien, Viktor Emanuel III., ist ein noch, unbeschriebenes Blatt" diese gebräuchliche, wenn auch wenig gesch^rnackvolle Phrase kehrt in fast allen Leitartikeln wieder, in denen die deutsche Presse firit mit dem Nack)folger des so grausam dahingcmordeten Königs Humbert beschäftigt. Doch sonderbar! In denselben Ar­tikeln, deren Stichwort iobige Phrase bildet, kommt zum Schlüsse meist schon eine völlig fertige, natürlichwohlbe­gründete" Charakteristik des neuen Herrschers zum Vor­schein, dienur aus. bester Quelle geschöpft" ist, aber dennoch verzweifelt an jene leichtfertigen psychologischen Sttzzen erinnert, wie sie zu vielen hunderten in den Feuilletonspalten unserer Tagesblätter sich finden, wenn es gilt, einen Tenoristen oder dramatischen Stern zu ana­lysieren.

Lassen wir diese nach Sensationshascherei riechenden Charakterisierungsversuche beiseite und halten uns bei dem, was allgemein bekannt ist, so besitzt Viktor Emanuel aller­dings weder die gewinnenden Eigenschaften seines Groß­vaters, noch die imponierenden seines Vaters. Von Statur eher klein als untersetzt, tritt er hinter den Herrschern anderer Staaten persönlich sehr zurück, und hieraus ergiebt sich auch wohl eine gewisse Zurückhaltung in seinem Auf­treten. In früheren Jahren war der Prinz sehr schwächlich, doch hat sich seine Gesundheit in der letzten Zeit erfreu­licherweise sehr gekräftigt, da Viktor Emanuel sich mit aller Ausdauer einer Abhärtungskur unterzogen hat. So konnte er denn auch die gewiß nicht geringen Strapazen des Militärdienstes aushalten, und in Offizierkreisen gilt der jetzige Träger der italienischen Krone allgemein als tüd)p tiger Offizier.

Es wird sich jetzt erst zu erweisen haben, welche Bahnen der neue König einzuschlagen gewillt ist (bergt Tagesschau), und wir zweifeln nicht daran, daß ihm eher die energische Art des Generals und bisherigen Ministerpräsidenten Pel- loux zusagt, als die Jongleurkunststückchen der verschiedenen Parteigrößen.

Denn das Hauptübel, an dem Italien zurzeit leidet, ist der Mißbrauch des parlamentarischen Systems. Minister, die noch soeben eine Mehrheit von 100 Stimmen hinter sich halten, sehen plötzlich, die Reihen ihrer Getreuen dahin­schwinden wie Märzenschuee vor der Sonne. Und warum? Nicht etwa, weil der Minister seinem Parteigrundprogramm untreu geworden ist, sondern weil einige Ehrgeizige selbst Gelüst nach einem wohlbesoldeten Portefeuille haben, oder weil der eine [ober andere Tribun sich zurückgesetzt ober zu wenigbelohnt" für seine Dienste glaubt. Solange ber Ministerwechsel nach Pariser Muster anhält unb mit ihm diesteteZersetzung, UmbilbungunbNeu bilb- ung ber Parteien, solange kann Italien nicht gesunden unb erst recht nicht die großen Aufgaben lösen, bie schon Jahrzehnte hinburch immer zurückgestellt worben sinb. SohatbiesozialeGesetzgebung kaum bie ersten Schritte gethan, unb welches Elend in weiten Provinzen bes von ber Natur so reich gesegneten Lanbes herrscht, bas zeigte sich erschreckend beutlich während bet

Nr. $80

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Dr. Morrison, ber Berichterstatter berTimes" in Peking, ber bereits für tot galt, hat seinem Blatte einen längeren Brief aus Peking vom 21. Juli zugesandt. Darin heißt es u. a.: Die Feinbseligkeiten fyaben fett bem 18. Juli aufgehört, aber bie chinesischen Solbaten fahren fort, ihre Stellungen um ben belagerten Stabtteil zu befestigen. Das Gros ber kaiserlichen Truppen ist ben internationalen! Hilfstruppen entgegengerückt. Die Lage ber Belagerten verbessert sich fortwährenb.

Die neuesten Depeschen aus Peking zeigen mit unfehl­barer Sicherheit, welchen schweren Fehler man begehen Würbe unb teilweise begangen hat wenn, man glauben

revolutionären Putsck)e im Jahre 1898, wo bie sozialen. Mißstänbe politische Umwälzungen von weittragender Be beutung herbcizuführen drohten. Nur dem unerschrockenen Vorgehen bes Generals Pelloux war es zu danken, daß damals nicht die ganze Lombardei das Banner der Re> publik aufpflanzte. Und selbst in dieser kritischen Lage zeigten sich die verantwortlickien Leiter der Politik nicht einmal der Bedeutung des Augenblicks gewachsen; denn statt sich einmütig um den König und die bedrohte Mo narchie zu scharen, befehdeten sich Criöpi und Rudini ans das Erbittertste und dem Beispiele dieser beiden alten Gegner folgten die bii minorum gentium bis hinab zu den bescheidenen Dorspolitikern.

Selbst nach außen hin vergaßen diese Herren nur zu oft, die Größe und den Ruhm ihres Vaterlandes zu wahren. Der Streit um Erythräa artete in ein häßliches Gezanke und schließlich in eine kleinliche Feilscheret um eine Million Lire mehr oder weniger aus; ja, ein Teil der Volks­vertretung stimmte sogar für sofortige Räumung aller afri­kanischen Kolonien. Hier muß daher König Viktor Emanuel zuerst Hand anlegen, wenn er sein Reich neu ansbauenl und seine Verwaltung verjüngen will. Die Berufspoliti­ker und mit ihnen d!as Volk haben vergessen, daß der 3toC(f des Staates die Förderung des gemeinsamen Wohles ist; statt dessen kämpft jeder für seine eigenen Interessen und geht sofort zur Opposition über, wenn nicht sein Wille geschieht. Der neue König muß den selbstsüchtigen Po­litikern mit derselben Festigkeit und derselben Strenge zu rufen, daß sie einzig und allein dem Staate zu dienen haben, wie dies einst Brandenburgs großer Zkurfürst seinen trotzigen Ständen gegenüber that. Erst dann wird Italien die Bahn zu neuem Fortschritt auf allen Gebieten betreten können._________________________________________

Die Wirren in China.

Amtlich ist bis jetzt die Nachricht, daß der Vormarsch auf Peking bereits begonnen habe, nicht bestätigt. Es scheint jedoch!, daß die- Russen und Japaner schon am vorigen Samstag ihre Spitzen den Peiho entlang auf Peitsang und Sjangtsuu vorgeschoben haben, und der japanische General Fukuschima soll erklärt haben, er hoffe binnen drei Tagen Yangtsun, etwa 9 Kilometer nordwestlich von Tientsin, wo größere chinesische Truppenmassen etwa 15 000 Mann gemeldet waren, besetzen zu können. Auch wurde den Japanern die Absicht zugeschrieben, ohne Unterstützung durch die übrigen Mächte abzuwarten, in Eilmärschen auf Peking vorzugehen und die Welt mit der Nachricht zu über­raschen, daß sie die chinesische Armee vernichtet hätten. Inzwischen wird demNew York Herald" aus Tientsin gemeldet, die japanische Avantgarde sei geschlagen und habe 150 Mann an Toten und Verwundeten verloren. Die Russen, so sagt dieselbe Meldung, sollen in der Rich­tung auf Peking belegene, 16 Kilometer von Tientsin liegende Forts genommen haben. Die 10 000 Mann starke chinesische Besatzung habe die Flucht ergriffen. Diese beiden Meldungen des amerikanischen Blattes stehen zu einander in Widerspruch, denn wenn die Russen schon weit über Vangtsun hinaus Erfolge erfochten haben, so können die Japaner nicht wohlUn! ihrem Rücken geschllagen worden sein, man müßte denn annehmen, daß sich jenes Gerücht be­stätigte und die Japaner-auf eigene Faust vorgegangen, den Russen vorausgeeilt wären, und daß dabei ihre Avantgarde eine Schlappe erlitten hätte. Das wäre dann der erste Beweis, wie mißlich diese Kriegführung ohne einheitliches Kommando ist und würde auf die Lage der Fremden in Peking vielleicht nachteilig zurückwirken. Wie ber Stanbarb" aus Tientsin vom 22. Juli berichtet, geht aus Schriftstücken, bie man im Mmen bes Vizekönigs $uhi gefunben hat, hervor, baß ber Vizekönig von Tschili den Boxern in jeder Weise Unterstützung zuteil werden ließ. Dasselbe Blatt meldet aus Shanghai vom 22. Juli, Li- Hung-Tschang habe abermals leine'Denkschrift an den Thron gerichtet, worin er erklärt, seine Bemühungen, den Frieden wieder herzustellen, seien fruchtlos, solange die Regierung nicht ernstlich anfange, die Boxer zu unterdrücken. Reuter meldet aus Shanghai, Admiral Seymour sei am 1. August auf dem englischen Kriegsschiff Alacrity in See gegangen, um sich mit Dem Vizekönig Liukunyi in Nanking zu beraten. Wie verlautet, sind in Schensi 50 Missionare ermordet worden.

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Attentat auf den Schah^von Persien.

Kurz nach Redaktionsschluß, der gestern wegen des [Fugendfestes etwas früher als sonst erfolgte, traf mittags folgendes Telegramm ein, bas wir sofort durch Aushang bekannt gaben:

Paris, 2. August. Ein Italiener versuchte heute vormittag den Schah von Persien zu erdolchen. Der Schah parierte den Stoß und blieb unverletzt. Der Attentäter ist verhaftet.

Eine andere Meldung, die uns kurz nachher per Tele­phon zuging, lautet: .

Paris, 2. August. Heute vormittag halb 10 Uhr, in dem Augenblick, als ber Schuh von Persien bas Hotel des Souverains in per Avenue bu Bois be Boulogne ver­ließ, um einen Wagen zu besteigen, ber ihn nach ber Almabrücke bringen sollte, von wo er sich zu Schiff nach Sevres begeben wollte, stürzte sich ein Italiener, ber am Thorgitter gelehnt hatte, auf ben Schuh unb wollte einen [Dolchstich gegen ihn ausführen. Mit einer bewundcrungs- würdigen Kaltblütigkeit aber erfaßte ber Schah seinen An­greifer an ber Kehle, zog einen Revolver aus ber Tasche lunb hielt ihn dem Manne so lange vor bie Stirne, bis er dingfest gemacht (var.

Die ausführlichen Melbungen über ben Zwischen- f a l l, bie heute früh vorliegen, gehen sehr auseinanber. Einem Augenzeugen zufolge erfolgte bas Attentat unter fvlgenben Umstänben. Kaum hatte ber Zweispänner, ber den Schuh nach per Almabrücke bringen sollte, bas Hofthor überschritten unb bie Avenue Malakoff eingeschlagen, als vor Nummer 10 dieser Straße sich ein junger Bursche auf das Trittbrett des Wagens schwang unb entgegen ber ersten Lesart mit einem Revolv e r auf den Schah zielte. Der Großvezier, welcher den Schuh begleitete, faßte sofort den Angreifer am Handgelenk, und zwar so rasch, daß ber Revolver bem Attentäter aus ber Hand fiel. Er wurde später im Wagen gefunden. Ein Polizist, der den Wagen uuf dem Fahrrad begleitete, nahm den Kerl fest, andere Polizisten kamen hinzu und führten ihn einstweilen in die Pförtnerloge des Hotels des Souverains. Der Schuh war über den Vorgang sichtlich nicht besonders aufgeregt; er befahl seinem Zttttscher, die Fahrt fortzusetzen,, und schiffte sich an der Almabrücke programmgemäß mit seinem Gefolge nach Sevres ein. Im Augenblick seiner Verhaftung (rief der Attentäter aus: Vivent les enfayts du peuple! Auf die Fragen des Polizeileutnants verweigerte der Bursch? zunächst die Antwort, später sagte er: Ich habe gethan, was Mir zu thun gefallen hat. Er spricht sehr gut fran­zösisch, aber mit einem südlichen Accent, sodaß man annimmt, baßer, wenn nicht Italiener, so dochSüdfranzpse ist. Man fand Lei ihm einen Dolch und ein Taschentuch mit einer Matrikelnummer des 128. Infanterie-Regiments. Papiere hatte er nicht bei sich Als er nach dem Polizei- K-mmissariate gebracht wurde, rief die Menge: Nieder mit dem Italiener! Tod dem Italiener! Unterwegs machte der Bursche vergebliche Anstrengungen, sich seiner Fesseln zu entledigen.

Eine andere Lesart lautet: Der Zwischenfall, der nachmittags den SchahvonP ersien betroffen hat, spielte sich sehr rasch ab. Der Schah hatte, begleitet von dem Großvezier und dem General Parent, zu Wagen den Palast der Souveräne verlassen, als an ber Ecke ber Avenue Malakoff ber Verbrecher, ber sich zwischen zwei Automobilsahrzeugen verborgen hatte, hervorstürzte, bett radfahrenben Polizisten, ber eben bem Wagen des Schahs nachfahren wollte, zu Boden warf unb zwei bis breimal einen Revolver gegen ben Wagen des Schahs richtete. Ge­rade als er die Linke auf den Wagenrand stützte, schlug ihm ein Offizier mit der flachen Säbelklinge die Schußwaffe zur Seite, während sich der Polizeibeamte auf den Mann warf und ihn fest umklammert hielt. Der Wagen des Schahs, der einen kurzen Aufenthalt erlitten hatte, setzte wenige Augenblicke danach die Fahrt fort. Der Verbrecher, der 2728 Jahre alt zu sein scheint, soll bei der Festnahme zu den Polizisten gesagt haben:Euer Herr wird gut thun, zu demissionieren, wir werden ihn kriegen". Er trug eine weite, bauschige Sammethose nach Art der Zim­merleute, wollenen Tricot, eine Tuchmütze und hatte einen Weißdornstock. Auch ein Messer wurde bei ihm gefunden. An Geld hatte er 2 Frcs. Er spricht mit stark südlichem Accent, aber man glaubt nicht, daß er ein Italiener ist. Der Verhaftete wird scharf bewacht. Er verweigert bis jetzt jede Auskunft über seine Identität. Kurz vor der Ausfahrt erhielt der Schah einen aus Neapel datierten und in Paris zur Post gegebenen Brief, der mit einem an­scheinend aufi" endigenden Namen unterzeichnet war «ttd den Schah benachrichtigte, daß ein Mord an schla g ttuf ihn stattfinden werde. Der Schah legte dem Bericht reine Bedeutung bei, sondern begnügte sich damit, ihn -vem Polizeikommissar zu übergeben.