Nr 180 Erstes Blatt. Samstag den 4 August
1900
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Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
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Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Feldbereiuigung des auf dem rechten Lahnuser liegenden Teiles der Gemarkung Gießen.
Nachdem sich in dem AbftimmungStermin am 25. September vor. IS. 352 beteiligte Grundeigentümer mit 155,9464 ha Fläche gegen die rubr. Feldbereinigung erklärt haben, während im ganzen 782 Grundeigentümer mit 447,1987 ha an dem Unternehmen beteiligt sind, hiernach also mehr als die nach Art. 6 des FeldbereiniguugS- gesetzeS erforderliche Mehrheit für die rubr. Feldbereinigung vorhanden ist, und nachdem innerhalb der gesetzlichen Frist keine Einwendungen gegen die Zulässigkeit oder RechtS- bsständigkeit dieses Ergebniffes erhoben worden sind, hat Großherzogliches Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe den Beginn der Feld- bereinigungSarbeiteu angeordnet, und den Unterzeichneten zum BereinigungSkommisiär ernannt.
Indem ich dies zur öffentlichen Kenntnis bringe, lade ich in Gemäßheit des Art. 16 des Gesetzes vom 28. September 1887 die sämtlichen beteiligten Grundbesitzer zu einer am DouuerStag, 23. August 1. IS., vormittags lOVa Uhr, in der Turnhalle des Turnvereins, Steiustraße 3, zu Gießen stattfindenden Versammlung ein.
Diese Versammlung hat:
1. zu bestimmen, wie die Bereinigungskosten ausgebracht werden sollen, ob durch Ausschlag aus den Flächengchalt, oder den LbschätzungSwert der Grundstücke, oder durch Bildung und Verkauf von Maffegrundstücken, sowie ferner, ob die Beiträge nach Bedürfnis erhoben, oder ob die Kosten durch Kapitalaufnahme aufgebracht werden sollen;
2. die zur VollzugSkommisfion zu berufenden Sachverständigen und deren Stellvertreter, sowie ein Mitglied des Schiedsgerichts und deffen Stellvertreter zu wählen.
Außerdem können Wünsche und Anträge seitens der Beteiligten vorgebracht und beraten werden.
In dieser Versammlung hat ein jeder anwesende, beteiligte Grundeigentümer eine Stimme; die Beschlüsse erfordern zu ihrer Giltigkeit eine Mehrheit von Zweidritt- teileu der Anwesenden, und sind unter dieser Voraussetzung
Münchener KunstausstellungsSriefe.
Ortgtnalbertcht für den »Gießener Anzeiger"'.
Nachdruck verboten.
I.
Zm Gla8Palast.
Man hatte schon gefürchtet, Paris mit seiner Welt- LuSstellung werde der Beschickung der Münchener Jahres- auSstellung Eintrag thun. Das ist nicht der Fall gewesen. Die 64 Säle des Glaspalastes sind mit Elitesachen angefüllt, und auch in den Durchschnittsarbeiten giebt sich noch echtes künstlerisches Gefühl kund.
Die Zeiten sind auch wohl für das deutsche Publikum vorüber, wo der Philister glücklich war, wenn er in den Bildersälen seine, an einer Spezialität sofort erkennbaren Lieblinge entdeckte: Defreggers, „Bauernstube", Adams „Katzen", Achenbachs „Seestück", RauppS „Nachenbild". Diese guten Bekannten von früher sind ja auch noch vorhanden, aber sie geben der Ausstellung nicht das Gepräge, ja, man hält sich bei ihnen nur. dann länger auf, wenn, wie bei Karl RauppS „Feierabend am Chiemsee" ersichtlich, der Künstler imstande gewesen ist, seinen Motivkreis wie sein technisches Ausdrucksvermögen zu erweitern. In Emil Rau hat Defregger einen Nachfolger gefunden, der ihm auf den ersten Blick zum Verwechseln ähnlich schaut. Kompositionen wie „Jägerlatein", „Begegnung", „Nach der Birsch" zeigen die bekannten Figuren und Gruppen aus dem bayerischen Hochgebirge, nur sind die Bilder Rau'S sonniger und entschieden mehr in Freilichtmanier behandelt. Trumpf auf der Glaspalast-Ausstellung ist diesmal das Portrait, auch ein Zeichen der Zeit deren Kunst von Jahr zu Jahr mehr die Hinwendung zum Persönlichen, Individuellen gewahren läßt. Furore machen die Lenbach- und Kaulbach-Säle.
Die Münchener können sich nicht darüber einigen, welchem der beide» Meister sie diesmal den Preis zuer-
auch für die nicht erschienenen Beteiligten verbindlich. Kommen giltige Beschlüffe nicht zu stände, so hat
Zu 1.:
die VollzugSkommisfion die erforderlichen Beschlüsse zu fassen;
zu 2.:
Großherzogliches Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe, die Sachverständigen und die Schiedsrichter zu ernennen.
Friedberg, den 27. Juli 1900.
Der Großherzogliche BereinigungSkommisiär:
I. V.:
Spam er, KreiSamtmann.
Schwarze Diamanten.
Aus dem Schoße der Erde schassen fleißige Männer Tag für Tag die Kohle, den schwarzen Edelstein, nach dessen Besitz Millionen verlangen. Denn er erst bringt gemütliches Behagen in das kalte Heim des Armen, und wehe dem, der nicht mehr soviel hat, daß et die Kohle erschwingen kann, doppelt wehe ihm, wenn der Winter eiskalt wird und die Scheiben frieren!
Mit Sorgen blickt ein großer Teil unseres Volkes dem Winter entgegen, denn er bringt die neben der Brotfrage wichtigste Frage des yrmen Mannes: die Kohlenfrage. Wir stehen wieder einmal in einer Zeit des Kohlenmangels, und erfahrene Männer rechnen bestimmt mit einer Verschärfung der Kohlennot. Von gut unterrichteter Seite wird bestimmt versichert, daß am 1. September weitere Preiserhöhungen der heute schon teuren Kohlen zu erwarten sind.
In erster Linie eidet unter diesen Teuernngsverhält- nissen der Konsument, namentlich dec kleine Mann, aber auch das Gewerbe wird sehr empfindlich getroffen. Die Schiffahrt stockt, die Industrie muß aus Mangel an Feuer- -ungs - Material Betriebseinschränkungen ins Auge fassen, die dem Arbeiter gefährlich werden können. Das ganze wirtschaftliche Leben der Nation ist von der Kohlennot bedroyt.
Greifen wir einige Fälle aus der Praxis heraus, welche gut bezeugt sind. Die Handelskammer zu Insterburg schreibt in ihrem soeben erschienenen Jahresbericht wörtlich:
„Ebenso wirkte auf die Industrie ungünstig die eminente Steigerung der Kohlenpreise. Zeitweise waren Kohlen überhaupt für fein Geld zu haben, sodaß es z. B. beinahe soweit gekommen wäre, daß die hiesige städtische Gasanstalt ihren Betrieb aus Mangel an Gaskohlen zeit-
kenuen sollen. Fast scheint es, als ob die Waage sich mehr zu gunsten Kaulbachs neigen sollte, der außer dem großen Repräsentationsstück: „Die deutsche Kaiserin mit der kleinen Prinzessin", das ja schon in einer Menge von Vervielfältigungen den Weg ins Publikum gefunden hat, mit einer Serie intereffanter Frauenköpfe und Kindergesichter, die gänzlich von der Üblichen Baby-Schablone abweichen, vertreten ist. Unter seinen Herrenbildniffen nimmt das des Darmstädter Freiherrn von Heyl den ersten Platz ein.
Von entzückender Charmie ist auch das Portrait der hessischen Großherzogin Viktoria Melitta. Lenbach und Kaulbach haben jetzt den Berührungspunkt miteinander, daß sie nicht müde werden, in den letzten Jahren ihre jungen schönen Frauen und ihre Kinder zu malen.
Außer Kaulbach und Lenbach hat der Prinz Luitpold noch den Malern Pernat (München) und Gabriel Schachinger gesesien. Letzterer hat die lebensgroße Gestalt des Prinzen, der die hellblaue Uniform trägt, in einen Kranz von Hortensien gefaßt. Die Hortensie ist die Lieblingsblume des bayerischen Königshauses, die auch bei allen Familienfesten eine dekorative Rolle spielt.
Der vor dem Portrait Max Koner's niedergelegte, mit schwarzer Trauerschleife umwundene Lorbeerkranz erinnert uns daran, daß einer der feinfühligsten Portraitisten vor der Zeit aus der Reihe der Lebenden geschieden ist.
Ein Prachtstück im Porttait ist das Bild des Spaniers HerreroS de Tejada, das den jungen König Alphons XIII. auf stattlichem Vollbluttiere, die Mütze zum Gruß gezogen, darstellt. Es sind nicht die großen Dimensionen, es ist das Forsche, Lebendige, waS an dem Bilde fesselt. Der junge König scheint aus dem Rahmen herauszusprengen.
Den Großen im Portraitsach müsien wir gleich den Namen einer Frau anschließen, den der Frankfurterin Ottilie Röder stein, die in den Pariser Kunstsalons fast noch bester bekannt ist als in ihrer Heimat.
In der Landschaft macht sich der Zug nach der
weilig hätte einstellen müssen. Auch für Heizfohlen stiegen die Preise, die bisher um 1 Mark pro Zentner geschwankt hatten, auf 1,60—1,70 Mark. Diese Kohlennot wurde von der Arbeiterbevölkerung um so schwerer empfunden, als der Winter ein ziemlich strenger war".
Daß der Kohlenmangel den Fortbestand der Gasbeleuchtung auch, an anderen Orten gefährdete, bestättgt u. a. auch die Handelskammer zu K o n st a n z. Der Fall, daß Betriebe aus Mangel an Kohlen zeitweise eingestellt werden mußten, trat öfter ein.
Leider sind auch im Augenblick die Aussichten auf ein Ende der Kohlennot sehr gering. Alle Anzeichen sprechen für ein Andauern des Mangels und der hohen Preise, js nach einer Meldung der gut informierten „Bresl. Ztg." soll vom 1. September eine Erhöhung der ober- schlesischen Kohlen preise um 2 Pfg. pro Zentner in Kraft treten. Auch dabei wird es wahrscheinlich nicht bleiben. Anzeichen weisen darauf hin, daß die Preise wesentlich steigen werden. Wird doch gemeldet, daß bei Breslauer Kohlen-Submissionen für städtische Gas- und Wasserwerke keine Offerte einlief, ebenso ging es der Submissiou des Polizeipräsidiums, mir die Reichspost hatte mehr Glück, sie erlangte eine Offerte. Auch aus dem rheinisch-westfälischen Kohlenbezirk kommen Meldungen, daß die Förderung nicht zur Deckung des Bedarfs ausreicht.
Unter solchen Umständen ist es u. E. unhaltbar, daß große Mengen von Kohlen an das Ausland abgegeben werden. Man sollte doch annehmen, daß zurzeit inländischer Kohlenteuerung jede Ausfuhr aufhören müsse. Nach der neuesten Statistik sind im ersten Semester 1900 noch 89 485 029 Doppelzentner Stein- und Braunkohlen rc. ausgeführt worden, d. h. mehr als in den letzten Semestern, denn 1899 betrug die Ausfuhr in der gleichen Zeit nur 79 390 705 Doppelzentner und 1898 gar nur 76 280481 Doppelzentner.
Müßte nicht die Ausfuhr von Kohlen ins Ausland in Zeiten der Kohlennot überhaupt aufhören? Die Handelskammer zu Krefeld verlangt, daß die Kohlenausfuhr eingeschränkt und in er st er Linie das Inland versorgt werde. Ebenso wie der Staat die Schätze unserer Wälder hütet, damit nicht durch kurzsichtige Waldverwüstung unwiderbringliche Güter zerstört werden, könnte er nicht auch in ähnlicher Weise für die Erhaltung der dem Bolke so notwendigen Kohlenvorräte sorgen?
Politische Tagesschau.
Die ruchlose Thal von Monza wird von der anständigen Presse aller Länder scharf verurteilt. Interessant ist es aber doch, die Stimmen der öffentlichen Meinung Frankreichs zu verfolgen, welche zwar ebenfalls den
Ebene, dem Strande, den flachen Nfergegenden geltend. Was die Dachauer, Worpsweder und Glasgower nach dieser Richtung bringen, steht obenan. Für das Hochgebirge scheint die Vorliebe erloschen. Aber dafür wird die Stimmung, die der Wechsel der Beleuchtungen und Jahres- zeiten mit sich bringt, eifrigst und mit Feingefühl aus- genutzt. Paul Gruppe'S (Haag) „Auf dem Landwege" und August Fink'S „Winterabend vor Sonnenuntergang" lösen in der Seele des Beschauers die Gefühle aus, die während des Schaffensprozesies beim Künstler vorhanden gewesen sein wüsten.
An Märchenstücken und symbolischen Kompositionen fehlt eS nicht.
Gleich dem großen Historienstück macht sich der religiöse MotivkreiS weniger geltend als in den letzten Jahren. „Emmaus" von Rudolf Eichstaedt (Berlin) ist eine riesige Leinwand und stellt den Moment dar: „Und sie erkannten ihn an dem, wie er das Brot brach". Aber, obwohl die Gestalt des Herrn von einem weißen Lichtmeer umflossen ist, bringt die Austastung keine innerliche Wirkung hervor. Nm wieviel schlichter und ergreifender hat s. Z. Rembrandt den gleichen Vorgang geschildert! (Großh. Gemäldegalerie Darmstadt.) Dr. M.
Humoristisches.
Chinesisch Bayerisch. A.: Bitt schö', Herr B., kinnas ma nett 10 Mark pumpen? (China.)
v.: Na, na, da kunnt a jeda daher kemma (Taku)! A propos, Eahnan Schang (Jean) ha'i gestern a scho 5 Mark gelieha. (Shanghai).
A.: So, di entsinn' i mi net (Tientsin). („3R. I.")
Londoner Gespräch. Ein Parlamentsmitglied fragte bet Lord Roberts an, ob es wahr sei, daß die Lazarette mit Zehntausenden »ok kranken Engländern belegt mären.
„Das ist eine unverschämte Lüge!" antwortete der Feldherr. „5Bir haben ja fast gar keine Lazarette!" („Münchener Jugend*.)


