Ausgabe 
4.5.1900 Zweites Blatt
 
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Und jetzt? Dasbach hat seine Mandate keineswegs niedergelegt. Das ist das Typische an dem Fall: Der Kaplan, der als Gralswächter der Lex Heinze die Moral seiner Nächsten beschützt und behütet, setzt sich, über die Grundbegriffe eben pieser Moral mit einer erstaunlichen Leichtigkeit hinweg und er, der lediglich in die eigene Lasche wirtschaftet, nimmt nicht einmal die Entschuldigung für sich in Anspruch, daß der schöne Zweck die schönen Mittel heilige. Das Zentrum aber hört dies alles und liest dies alles und es leidet alles ohne zu klagen.

Aus Stadt und Land. "

Die Aussichten für die Verwirklichung des Eisen­bahnprojektes WetzlarButzbach scheinen nicht sehr günstig zu sein, wie aus dem folgenden Berichte desBerliner Aktionär" hervorgchen dürste: Die Petition um Erbauung verschiedener Eisenbahnstrecken zur Abkürzung der Verbin­dung Münster i. W.Frankfurt a. M. ist vom preußischen Abgeordnetenhause der Regierung als Material überwiesen worden, nachdem auf eine Anfrage des Abg. Willebrand der Minister der öffentlichen Arbeiten, von Thielen, erklärt hatte, er möchte die Hoffnung, daß die Linie Münster i. W. -Frankfurt a. M. in absehbarer Zeit gebaut wird, nicht nähren.Ich bin, so sagte der Minister, auch fest über­zeugt, wenn ich mich mit einem derartigen Projekt an den ehemaligen Oberbürgermeister von Frankfurt wenden wollte, ich wahrscheinlich bei ihm sehr wenig Anklang finden würde. Denn diese Linie ist eine lineare Papierlinie, die sich un­gefähr alle Wasserscheiden ausgesucht hat, die zwischen den beiden Orten liegen, und die allerdings, mit dem Lineal gemessen, in der Luftlinie die Abkürzung Hervorrufen, aber in der Ausführung wahrscheinlich nicht kürzer und in der Fahrzeit jedenfalls länger werden würde, als die jetzt bestehenden Linien. Es kann in dieser Beziehung also vorläufig eine Aussicht auf Herstellung einer durchgehenden Linie MünsterFrankfurt, für die überdies ein Verkehrsbedürfnis wohl schwerlich zu konstruieren ist, da zwei Linien schon bestehen, die vollständig geeignet sind, im Schnellzugsverkehr diese Verbindung auszusühren, hier nicht eröffnet, werden. Ich möchte daher in dieser Be­ziehungbitten- einstweilen keine Hoffnung auf Verwirklichung dieses Planes zu hegen.

Friedberg, 1. Mai. Auf Einladung des national­liberalen Wahlausschusses erstattete am vergangenen Sonn­tag unser Reichstagsabgeordneter Graf Oriola Bericht über seine Thätigkeit während der letzten Reichstagssession! und die politische Lage. Zahlreich hatten sich Wähler aus! Stadt und Land eingefunden, um unseren Reichstags-Ab­geordneten, der im angenehmen Gegensatz zu so vielen/ Reichsboten stets eifrigste Fühlung mit seiner Wählerschaft unterhält, zu hören. Nachdem der Vorsitzende, Rechts- anwalt Windecker, die Versammlung eröffnet und die Er­schienenen begrüßt hatte, verbreitete sich Graf Oriola iw meisterhafter, von echt patriotischem Geiste getragener^Rede zwei Stunden lang über das zur Verhandlung stehende Thema. Eingehend behandelte er das Fleischbeschau- gcsetz, die lex Heinze, wies auf die großen Fort­schritte der Gewerbe-Novelle hin, welche unter an­derem den Neunuhrschluß der Geschäfte und die Besser^ stellung der so sehr geplagten Hausindustrie bringe, und bekannte sich als entschiedener Anhänger der von national­liberaler Seite vorgeschlagenen Arbeitskammern, da diese im stände feien, den Frieden zwischen Arbeitgeber und Arbeiter jaufs günstigste zu fördern. Bezüglich seiner Stellungnahme zur Regierung erklärte der Redner, bafci er das Vertrauensvotum für den Reichskanzler geteilt und sich dafür erttärt habe, ohne sich aber in wirtschaftlichen Fragen zu präjudizieren. Sehr ausführlich verbreitete sich dann unser Reichstagsabgeordneter über die Flotten- Vorlage. Seit der Bewilligung der vorletzten Flotten-, Vorlage hab? sich die Weltlage geändert. In England herrsche der Imperialismus, der ein Afrika vom Kap bis zum Nil Joifogre, Frankreich habe trotz Faschoda die rechte Seite voP^Äftika in die Tasche gesteckt; unaufhaltsam dränge Rußkand in Asien vor. Selbst Amerika habe längst die Monroe-Doktrin verlassen und habe unter dem Vor­wand des Befreiungskrieges Kuba und die Philippinen annektiert. Nur unserer Schwäche auf dem Meere gegenüber habe sich England die völ­kerrechtlichen schweren Verletzungen in

Samoa erlauben können; wenn England jetzt Sa-i moa abgetreten habe, so habe es seiner Not in Afrika gelwrcht. Ueberall sei auf der Welt bei den maßgebenden, Völkern ein Ruf nad) Weltpolitik erschallt; Deutschland, Müsse unter diesen Umständen für einen möglichen Zu­sammenstoß gerüstet sein. Die heutige Flotte biete nicht einmal einen Schutz gegen eine Blokade, durch welche unser Nationalvermögen ruiniert würde. Die Ehre, Macht Und! Sicherheit des Vaterlandes erheische unabweisbar eine starke Flotte. Nicht allein im Interesse der Industrie, nein auch in dem der Landwirtschaft liegt die Vermehrung der Flotte, denn auch die Landwirtschaft wolle den Frieden gesichert haben. Erkenne die Landwirtschaft diese Aufgabe und.ihre Pflicht zur Mitwirkung, so sei es um so gewisser, !daß fie auch da ihre Förderung sinde, wo es dringend not thue, nämlich durch A b s ch l i e ß u n g n e u e r H a n d e l s- v er träge, bei denen die Landwirtschaft nicht zurückgesetzt werden dürfe und einen anderen Schutz wie bisher finden müsse. Die Deckung per Kosten sei durch! Besteuerung tbe§ Saccharins, Einführung einiger Luxus­steuern, Vermehrung der Börsen- und Lotteriesteuer zu bestteiten. Anhaltender Beifall lohnte den Redner, und folgte eine längere Diskussion, an der sich Brauereibesitzer Steinhäußer, Landwirt Seibold und Werkführer Friese be­teiligten. Nachdem Rechtsanwalt Windecker auch noch ein­mal darauf hingewiesen hatte, daß bei den künftigen Han- delsvertrfigen die Landwirtschaft nicht der Prügelknabe sei, sondern daß Landwirtschaft und Industrie als gleichberechtigte Faktoren des deutschen Vol­kes zu schützen seien, schloß er mit einem begeistert auf­genommenen Hoch auf den Kaiser die Versammlung.

(Friedbg. Ztg.)

Zellhausen, 2. Mai. Ein umfangreicher Wald- brand wütete heute in unserer Gemarkung, der sich bei der herrschenden Dürre mit rasender Geschwindigkeit über ein Terrain von ca. 150 hessischen Morgen verbreitete. Der 14- bis 20 jährige Kiefernbestand wurde vollständig vernichtet. Der erwachsene Schaden dürfte auf 60000 bis 70000 Mk. zu schätzen sein.

** Zur Gutenbergfeier in Mainz sind bis jetzt offiziell 400 Vertreter der Presse angemeldet, Den Herren wird von der dortigen Bürgermeisterei eine eigene Tribüne für die Huldiguugsfeier am Denkmal und zur Besichtigung des Fcstzuges zur Verfügung gestellt.

bm. Mainz, 3. Mai. Die hier stattfindende inter­nationale Katzen-Ausstellung wird heute eröffnet. Wegen der zahlreichen Anmeldungen hatte das Ausstellungs- Komitee große Schwierigkeiten, alle zur Ausstellung an­gemeldeten Tiere unterzubringen. Endlich soll nun die bereits zu einer wahren Seeschlange gewordene Blad'sche Erbschaft zur Auszahlung kommen. Nach einer Mit­teilung des Vermögensverwalters an den Prozeßbevoll­mächtigten der Stadt Mainz ist die gesamte vermachte Summe der Stadtverwaltung von Berlin überwiesen worden, die in den allernächsten Tagen die einzelnen Legate zur Aus­zahlung bringen wird. Beiläufig sei erwähnt, daß hier wieder eine zweite große Erbschaft viele Gemüter aufregt. Dieselbe soll von einem vor langen Jahren nach Amerika ausgewanderten Mainzer stammen, der dorten ohne Leibes­erben zu hinterlassen gestorben ist. Das Vermögen soll mehrere Millionen betragen und ganz unbemittelte Leute Anrechte daran haben, die teilweise hier, teilweise in Aschaffenburg wohnen. An Stelle des zum Bischof er­wählten Dr. Brück wurde am 1. Mai durch das Dom­kapitel Propst Fehr in Worms, der auch unter den Kanditaten für den hiesigen Bischofssitz war, in das Maizer Domkapitel gewählt. Fehr, der in Bens­heim an der Bergstraße geboren ist und im 67. Lebensjahre steht, wirkt seit dem Jahre 1860 an St. Peter in Worms.

m. Ziegenhain, 2. Mai. Bürgermeister Söffer zu Ziegenhain wird auf seinen Antrag zum 1. Oktober d. I. mit Pension in den Ruhestand treten. Sei der Finkels- rnühle bei Olberode wurde vorgestern nacht ein freches Bubenstück verübt. Auf der Bleiche wurden etwa 8 Steigen Tuch mit einem Messer von einem Ende zuw andern durchschnitten. Der Thäter hat bis jetzt noch nicht ermittelt werden können.

Vermischtes.

* Insterburg, 1. Mai. Nach einer bei dem hiesigen: 12. Ulanenregiment eingetroffenen Depesche sind die vier Leutnants Walzer, Mack, Stand und Loebbecke, die einen Fernritt unternommen haben, gestern Abend 5 Uhr wohlbehalten in Straßburg im Elsaß eingetroffen. Die Strecke beträgt 1931 Kilometer, dazu wurden dem Programm gemäß 25 Tage gebraucht. Die Reiter bleiben einige Tage in Straßburg und reiten bann wieder nach Berlin zurück. Die Reiter und die Pferde befinden sich in guter Verfassung. Von Berlin erfolgt die Rückreise nach Insterburg mit der Bahn.

In Oberbayern und Tirol beabsichtigt die Innsbrucker Automobilwagengesellfchaft während der dies­jährigen Reisesaison eine Reihe der frequentesten Alpen­postlinien mit Autumobil-Omnibussen zu befahren. Die neuen Fahrzeuge sind mit je 14 Sitzplätzen aus­gestattet und werden an Bequemlichkeiten die bisher ge­bräuchlichen Postwagen übertreffen. Vorläufig sind die Linien Innsbruck - Seefeld - Mittenwalde - Garmisch Parten- kirchen sowie die Anfangsstrecken der geplanten großen München-Mailänder Bahn zur Befahrung mit Automobil- Omnibussen in Ausficht genommen.

Mehrere neue Alpenbahnen erhält Tiro! jetzt. So steht die Eröffnung der von Innsbruck am Berg Jsel und Schloß Ambras vorüber ins waldreiche Mittel­gebirge hinaufziehenden Jgler Höhenbahn bevor. Weiter ist von Jenbach (wo auch die Bahn zum Achensee ihren Ausgang nimmt) eine Eisenbahn in das Zillerthal im Bau begriffen; diese Touristenbahn wird Fügen, Zell und andere Ortschaften berühren und Mayrhofen als Endstation er­halten. Auch für das Stubaithal kann der Bau einer Eisenbahn Innsbruck - Wilten über die Sommerkolonien Natters, Mutters und Telfes nach FulpmeS als gesichert betrachtet werden; sie wird von FulpmeS an der südlichen Berglehne über Mieders und Schönberg wieder das Wipp- thal erreichen und dann in der Station Matrei in die Brennerbahn einmünden. Endlich wäre nebst anderen Bahn- Projekten: Vintschgauerbahn, Fernpaß- und Ritterbergbahn, sowie den in Aussicht genommenen Eisenbahnen nach Täufers im Pusterthal und nach Ampezzo noch zu erwähnen, daß auch der Plan des Baues von Gossenfaß am Brenner zur 2751 Meter hohen Amthorspitze alle Aussicht auf baldige Verwirklichung hat.

* Sern, 2. Mai. Freiherr Max v. Putkkamer- Rittergutsbefitzer in Zarrenthin bei Köpitz (Pommern), tourbe von feiner Frau, einer geborenen v. Enke- vort, geschieden. Nach einem Gerichtsurteil muß das Kind Maxa dem Vater herausgegeben werden; allein Frau, v. Puttkamer flüchtete sich mit dem Kinde nach der Schweiz. Die deutsche Gesandtschaft in Bem ersuchte den Bundesrat .irm Ermittelung ihres Aufenthaltsortes. Sie hielt sich int Kanton St. Gallen auf. Dns Bezirksamt St. Gallen ordnete die Herausgabe des Kindes an den Vertreter des Freiherrn v. Puttkamer, Rechtsanwalt Gelpke in Luzern, an. Allein es gelang Frau v. Puttkamer, sich mit dem Kind zu flüchten. Sie soll gegenwärtig mit ihm in Hol" land ein.

Zandel «ud Verkehr. Volkswirtschaft.

Frankfurter Börse vorn 8. Mai.

Wechsel auf New-York zu 4.21-22.

Prämien auf Kredit per ult. Mai 1.50 r/o, do. per ult. Juni 2.40%, Diskonto-Konunandit per ult. Mai 1.60%, do. per ult. Juni 2.50 %, Lombarden per ult Mai 0.70%, do. per ult. Juni 1%, Berliner Handelsges. per ult. 2%.

Notierungen: Kreditaktien 266.90-227.20-00, Diakonto- Kommandit lB5.50-70-40-90-80-90,ßf»at8bahn 136.50, Gotthard 141.80, Lombarden 27.10-oo.00, Ungar. Goldrente 97.70, Italiener 95.40, Sproz. Mexikaner 2&45, Oestwr. Coupons 84, Amerik. Coupons 4.19, Privat-Diskont 4%-4%%.

l%-2% Uhr: Kreditaktien 227.10-40-00, Diskonto-Kom- mandit 185.90-186.70, Staatsbahn., Lombarden 27.10,

Limburg a. d. Lahn, 2. Mai. Hruchtmärkt. Durch­schnittspreis pro Malter Roter Weizen 13.55 Mk., Weißer Weizen . Mk., Korn 11.55 Mk., Gerste 9.80 M., Hafer 7.18 Mk., Erbsen . Mk., KartoffelnM.

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