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M. 53 Mstes Glatt.Sonntag den 4. März
1900
Meßmer Anzeiger
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Deutscher Reichstag.
158. Sitzung vom 2. März. 1 Uhr.
Tagesordnung: Marine-Etat. Die Vudgetkommission beantragt unveränderte Genehmigung und hat nur bei den Ausgaben für den Sicherheitsdienst auf den Werften 7 768 Mk (für drei Schutzleute) abgesetzt.
Außerdem beantragt die Kommission zwei Resolutionen, die eine dahingehend, daß künftig Umgestaltungen von Schiffen, wie die des KüfienpanzerschiffeS „Hagen" nicht ohne vorherige besondere etats- mäßige Bewilligung vorgenommen werden.
Die zweite Resolution wünscht Erhöhung der Beihilfen für die Gemeinden Gaarden und Ellerbeck dem Bedürfnisse entsprechend.
In Verbindung mit dem Marineetat wird der Etat für Kiautschou zur Beratung gch llt.
Abg. Eickhoff (ftf. Vp.) beantragt, den Etat für Kiautschou ra die Budgetkommission zu verweisen Redner geht dann auf allgemeine Kolonialfragen, auf das Schutzgebiet Ostafrika, auf Usambara aad den Usambarakaffe ein.
Präsident Graf B a l l e st r e m unterbricht den Redner, bemerkend, deß dieser Kaffee aber nicht in Kiautschou gebaut werde. (Große Heiterkeit)
Abg. Eickhof f fortfahrend, erklärt, feineFreundefeien mildem Erwerb von Kiautschou einverstanden, machten sich aber keine Illusionen über die Entwickelung in der nächsten Zukunft. Redner geht ausführlich auf die Kiautschou betreffende Denkschrift ein, welche er in Bezug auf die Ge» sundheitsverhältniffe für zu optimistisch halte, sie verschleiere^auch in dieser Beziehung manches. Bezeichnend sei auch, daß der Etat für ein zweites Lazarett in Tsingtau 200 000 Mk fordern müsse.
Staatssekretär T i r p i tz bemerkt in Bezug auf die Ableistung der Dienstpflicht in Kiautschou, es fei dies so gemeint, daß Deutsche, die längere Zeit dort sind, befugt sein sollten, dort ihrer Dienstpflicht zu genügen. Was die Krankheitsfälle in Kiautschou anlange, so sei er bereit, das diesb.zügliche Listenmaterial in der Kommission vorzulegen. Man brauche aber die Hoffnung nicht aufzugeben, daß sich Kiautschou für uns als geeignet erweisen werde. Es sei eine gute Wafferquelle gefunden worden ganz in der Nähe von Tsingtau, was von außerordentlichem Werte sei.
Abg Hasse (natl.) kann einer Ueberweisung des Kiautschouetats tut die Budgetkommission nicht zustimmen; er bitte gleich um Weiterberatung im Plenum.
Abg. Graf Arnim (Rp.) stimmt dem zu. .
Abg. Richter (ftf. Vp.) meint, et habe schon manches hier erlebt, aber daß man nicht mal solchen Etat an die Budgetkommission weisen wolle, übersteige doch alles. Hier handele es sich doch um ganz erhebliche Ausgabesteigerungen.
Abg. Gras Roon ikons.) spricht sich namens seiner Partei gegen den Antrag Eickhoff aus.
Die Debatte wird geschloffen.
Der Titel „Staatssekretär" wird bewilligt. Ueber den Antrag Eickhoff bleibt die Abstimmung Vorbehalten, bis der Marine-Etat erledigt ist.
Beim Kapitel „Instandhaltung der Flotte und der Werften" bemerkt Abg. Singer (Soz.), daß es früher auf den Werften Gratifikationen von 100 Mk. nach 25jähriger Dienstzeit gegeben habe. Heute gebe man den Werftarbeitern sogen. Dienstaltetszulagen, nach 5 Jahren 6 Mk. und dann steige es jährlich um 1 Mk. Die Zulage werde aber nicht ausgezahlt, sondern gesperrt und einet Sparkaffe zugeführt. Erst nach 25jähriger Dienstzeit erfolge die Auszahlung. Weiter bemängelt Redner, daß die Werftverwaltung in Wilhelmshaven den ganzen Bagger- bettieb an Privatunternehmer verpachte, die billigere holländische Arbeiter beschäftige.
Staatssekretär Tirpitz erwidert, die Gesamtausgabe der sogen. Dienstalterszulagen bettage jetzt über 100,000 Mk, während sie unter dem früheren Modus nur 20,000 Mk. betragen hätten. Und die Arbeiter hätten jetzt ein Recht, statt einer Gabe.
Abg. Singer (Soz.) wendet sich nochmals gegen solche Art des Wohlthuns durch Sparzwang. Man solle doch lieber die Arbeiter durch höhere Löhne in die Lage versetzen, selber zu sparen.
Staatssekretär Tirpitz entgegnet, die Arbeiter selbst seien mit den DienstalterSzulagen zufrieden, die Arbciterausschüffe hätten den Werft- verwaltungen ihren Dank ausgesprochen.
Abg. Rickert (frs. Vg.) bemerkt, daß auf der Danziger Werft bezüglich der Lohnherabfetzungen in jedem einzelnen Falle mit der größten Rücksichtnahme vorgegangen werde. Fragen wolle er noch, wie es sich mit einem durch die Presse gegangenen Gerüchte verhalte, daß Akkordarbeiten nicht mehr als 30% Nebenverdienst übet den Tageslohn haben
Staatssekretär Tirpitz bezeichnet das Gerücht als falsch.
Die Debatte wird geschlossen. Das Ordinarium wird gemäß den Kommissionsanträgen genehmigt. K8K8KK7 , •><£■--, - • ; V .?»<;
Bei den einmaligen Ausgaben, Titel: Beihilfen an Ellerbeck und Gaarden 25 01.0 Mk. wird die oben erwähnte Resolution der Kommission mit zur Beratung gestellt.
Abg. Stockmann (kons.) befürwortet eine von ihm beantragte Resolution, bett. Vorlegung eines Gesetzentwurfs, durch welchen die Bei- tragspflicht der Reichsbetriebe zu den Kommunallasten grundsätzlich anerkannt und gleichzeitig der Maßstab für die Beitragspflicht festgestellt wird. Redner emfiehlt die Resolution, dabei die Verhältniffe in Gaarden schildernd. Et hebt hervor, wie sehr die Steuerfähigkeit bet dortigen Zivilbevölkerung beeinträchtigt werde durch die von der Werft eingerichteten Wohlfahrtseinrichtungen, nämlich durch das Warenverkaufsge- schäft der Werft.
Geh. Rath Plath erwidert, die Werften seien keine Gewerbe, nicht auf Erwerb gerichtet, es fehlten also die Voraussetzungen, die Reichsbetriebe ähnlich zur Kommunalbesteuerung heranzuziehen, wie das in Preußen mit den Staatsbetrieben geschehe.
Abg. Graf Stolberg (kons.) erklärt sich namens seiner Freunde für die Resolutton der Kommission zu Gunsten von Gaarden und Ellerteck. Die Resolution Stockmann lehnten sie ab.
Abg. Kitsch (Zentr) erklärt, leine Freunde würden gegen die Resolution Stockmann stimmen, weil der Ausdruck Reichsbetriebe zu allgemein gefaßt sei. Es sei nicht einmal gesagt „Reichsgewerbe- ober ähnliche Betriebe".
Abg. Sattler (nl.) schlägt vor, bie Resolution an bie Kommission zu verweisen.
Nach weiterer Debatte werden sowohl die Resolution der Kommission wie die Resolution Stockmann angenommen. Gleichfalls angenommen wird die Resolution der Kommission bett. Umgestaltung von Schiffen; auch der Antrag Richter, auf Verweisung de- Kiautschou-Etats an die Kommission, gelangt zur Annahme.
Morgen 1 Uhr: Etat der Zölle, Verbrauchssteuern und Stempelabgaben.
Schluß 6% Uhr.________________________________________
* Vom Kriegsschauplatz.
London, 2. März. Der „Liverpooler Courier" berichtet, das Zeughaus von Woolwich habe einen Auftrag zur Herstellung von 84 Feldgeschützen und 140 Marinegeschützen erhalten.
Berlin, 2. März. Nach hier vorliegenden Telegrammen aus London soll Cecil Rhodes in Kimberley eine Statue errichtet werden zum Andenken und zum Dank für seine Dienste während der Belagerung.
Dem „Standard" wird vom 28. Februar aus P a a r d e- b er g telegraphiert, die Kavallerie sei in Fühlung mit dem Feinde, der beträchtlich starke Artillerie habe; im Osten hätten Scharmützel begonnen.
Einem Telegramm der „Voss. Ztg." zufolge veröffentlichen die „Times" eine Depesche aus Ladysmith vom 28. Fe- bfctar, des Inhalts, daß am Abend desselben Tages dreihundert Mann der leichten Reichskavallerie und der Na- talenser Karabiniers einmarschierten, ohne auf Widerstand zu stoßen. Die Begeisterung der Belagerten spottete jeder Beschreibung. Der Entsatz ist gegenwärtig nur ein teilweiser; man erwartet jedoch, daß die Buren die Belagerung ausgehoben haben.
Major Albrecht sprach sich über die Taktik des Generals Cronje sehr abfällig aus. Anstatt die Truppen in das Loch zu führen, hätte er die umliegenden Anhöhen besetzen müssen. Uebrigens sei der Krieg noch keineswegs beendet. Noch stünden, so versicherte Major Albrecht, 75 000 Mann im Felde. So abfällig er sich auch über Lord Methuen aussprach, so sehr lobte er Roberts' Kriegsführung.
In dem in schrecklichem Zustande befindlichen Burenlager des Generals Cronje wurden 200 Verwundete gesunden, die ohne jede Pflege waren und wie die Truppen selber, seit mehreren Tagen gehungert hatten. Die Buren behaupten, sie hätten nur 50 Tote verloren.
Aus Kapstadt wird gedrahtet, die gefangenen Buren von Paardeberg würden auf dem Platz für athletischen Sport, zwei Meilen von Kapstadt, einquartiert werden.
* *
Telegramme des „Gießener Anzeiger".
London, 3. März. Nach einer Meldung aus Durban wurde dort das Bild des Präsidenten Krüger von der aufgeregten Volksmenge öffentlich verbrannt.
Loudon, 3. März. Zeitungsmeldungen zufolge sandte auch Kaiser Franz Josef ein Glückwunsch-Telegramm an die Königin aus Anlaß der Gefangennahme der Armee Cronjes.
London, 3. März. Ein Telegramm aus dem englischen Haupt Quartier im Oranje-Freistaat von gestern berichtet: Die Entsetzung von Ladysmith hat unter den Truppen die größte Begeisterung hervorgerufen. Die Mannschaften verlangen wetter vorzudringen. Es scheint, daß die Bevölkerung des Freistaates bereit ist, Frieden zu schließen, aber dieRegierung ist entschlossen, dis zum äußersten Widerstand zu leisten.
London, 3. März. Die „Times" bringen folgendes Telegramm aus Kapstadt von gestern mittag. Cronje ist heute früh mittelst Spezialzuges in Begleitung des Obersten Pretyman eingetroffen. Ec wurde vom Befehlshaber der Kap-Kolonie, Balker und dessen Stab empfangen. Die Garde präsentierte beim Herannahen Cronjes das Gewehr. Cronje wird die Wohnung des Admirals an Bord des Kreuzers Doris beziehen.
London, 3. März. General Buller meldet aus Ladysmith von gestern abend 6 Uhr 30 Minuten: Ich erfahre, daß die Niederlage der Buren vollständiger i st, als ich z u e r st a n n a h m. Das ganze Gebiet östlich von Ladysmith ist von den Buren geräumt, mit Ausnahme des Vanreenen-Paß. Man sieht nicht einen einzigen Wagen der Buren in der ganzen Umgegend. Der letzte Zug der abgehenden Buren hat Modderspruit gestern nachmittag verlassen. Der Feind sprengte alsdann die Brücke. Sein Wagenpark ist seit sechs Tagen von Ladysmith auf Umwegen verschwunden. Sie ließen große Mengen Munition, Fourage und Lager-Material zurück, haben aber ihre Geschütze bis auf zwei mitgenommen.
London, 3. März. Das Kriegsamt veröffentlicht folgendes Telegramm des Marschall Roberts
von gestern nachmittag 4 Uhr 5 Minuten: Ich kehre soeben von einem Besuch in Kimberley zurück. Die Begeisterung der Bevölkerung ist groß. Die verwundeten Soldaten sind in öffentlichen Gebäuden, welche in Spitäler umgewandelt sind, aufs beste versorgt. Ich bemerkte mit großer Befriedigung die freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Soldaten und den verwundeten Buren, welche sich gegenseitig über die letzten Kriegs-Ereignisse unterhalten. Unsere Soldaten teilen sogar ihre Rationen mit den Buren, welche teilweise den größten Hunger zeigen.
Brüssel, 2. März. Gegenüber der pessimistischen Auffassung der Kriegslage seitens eines großen Teiles der ausländischen Presse weisen die hiesigen Burenkreise darauf hin, daß die Lage keineswegs eine verzweifelte sei. General Joubert sah bereits in seinem! Bericht vom 27. Oktober die Notwendigkeit voraus, schließlich das besetzte englische Gebiet zu räumen, weil die Burenmacht zu einer andauernden Offensive nicht ausreiche. Der eigentliche Krieg beginne jetzt erst. Lord Roberts wirb jeden Schritt vorwärts erzwingen müssen, da die Buren wissen, daß England die Annexion ihres Vaterlandes anstrebt. Man glaubt nicht, daß England die Buren endgültig bezwingen wird. — Nach einer Meldung desselben Blattes aus Petersburg fordert und erwartet die gesamte russische Presse, daß endlich Europa einschreite für die Buren. Die Erregung in Petersburg ist groß. Trotz der Feiertage der Butterwoche nehmen die Nachrichten vom Kriegsschauplätze das ganze Interesse in Anspruch.
London, 2. März. Der Times-Korrespondent telegraphiert aus Ladysmith: Man hätte vielleicht noch sechs Wochen aushalten können, doch nur unter großen Entbehrungen. Infolge von Krankheit und Mangel an Geschütz-Munition hätte man nicht die Angriffe wie den vom 6. Januar zurückschlagen können. Bei Beginn der Belagerung waren 18 000 Mann eingeschlossen. 8M0 Soldaten passierten durch das Hospital. Seit Mitte Januar war jeder Kranke so gut wie verloren, da Arzneimittefl fehlten. Vom 15. Januar ab wurden jeden Tag Pferde und Maulesel geschlachtet. Die Feldbatterien waren ohne Bespannung und permanent ausgestellt. Kavalleristen wurden als Infanteristen in den Schanzgräben verwendet.
Deutsches Keich.
Berlin, 2. März. Der Reichskanzl-r Fürst Hohen« lohe gab gestern abend ein Diner zu Ehren der außerordentlichen spanischen Gesandtschaft. Demselben wohnten u. a. die Mitglieder der hiesigen spanischen Botschaft, die Staatsminister und Staatssekretäre, sowie zahlreiche Beamte des Auswärtigen Amtes bei.
Berlin, 2. März. Der Seniorenkonvent des Reichstages machte sich heute dahin schlüssig, daß am Donnerstag dem 8. März, die 2. und 3. Lesung der wichtigeren Vorlagen, auch der sogen. lox« Heinze, ftatlfinden sollen. Bis zum 8. bezw. Mitte März hofft man die 2. Beratung des Etats beendigen zu können.
— In der Wahlprüfungs-Kommission des Reichstages ftnb die Wahlen der Abgeordneten Boltz (natl.) und Zwick (frs. Vp.) beanstandet und diejenige des Abgeordneten Müller-Rudolstadt (natl.) für giltig erklärt worden.
— Nach einer Meldung des „Lok. Anz." aus Kopenhagen ist die Verlobung der Prinzessin Marie von Griechenland mit dem Großfürsten Georg Michael von Rußland laut Nachrichten, die am dänischen Hofe eingetroffen sind, nunmehr definitiv aufgehoben.
— Aus Madrid wird der „Voss. Ztg." gemeldet: In hiesigen diplomatischen Kreisen glaubt man bestimmt, daß Deutschland die Inseln des Sulu-Archipels, die in die Abtretung der Philippinen an Nordamer i ka ni eingeschlossen wurden, erwerben wird. Dieser Tage fanden hierüber Verhandlungen statt zwischen Silvela, dem deutschen und dem nordamerikanischen Botschafter.
AuslmÄ.
Wien, 2. März. Die Vermählung der Kronprinzessin Stephanie findet am 22. März statt.
Rom, 2. März. Heute früh empfing der Papst das Kardinalkollegium, welches ihm durch Oreglia seine Glückwünsche zum heutigen Geburtstage darbrachte. In seiner Aytwort sprach der Papst, welcher vortrefflich aussah, seinen Dank aus. Er erklärte die Manifestationen anläßlich der Giordano-Bruno-Feier für unwichtig und flehte vom. Himmel den Frieden zwischen Transvaal und England herab. , .
Konstantinopel, 2. März. Gestern und heute wurden wiederum zahlreiche Verhaftungen borge-


