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4.2.1900 Drittes Blatt
 
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Drittes Blatt

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Fernsprecher Nr. 51.

* Englische Greuel.

Seit alten Zeiten betrachten es die Engländer als ihr Vorrecht, über Verstöße gegen die Menschlichkeit bei andern Völkern ein entrüstetes Wehklagen zu erheben; bekannt ist ihr selbst genügsam-pharisäisches Verhalten gegenüber den Beschuldigungen, die gegen österreichische Feldherren in Oberitalien, gegen den Re Bomba in Neapel und vor nicht langer Zeit von dem alten Gladstone gegen die Tür­ken erhoben wurden. Was sie selbst während des indischen Krieges an wilder Grausamkeit ausgeübt, luie sie seiner­zeit in Spanien gehaust, wie sie das Volk der Matebele ansgemordet, und was sie sonst in allen Teilen der Erde verübt haben, wird verschwiegen. Es ist daher -an der Zeit, einmal an das unheimliche Sündenregister der Eng­länder zu erinnern und damit zu vergleichen, was an schändlichen Nichtswürdigkeiten im gegenwärtigen Kriege das schimpfliche Kapital ihrer Geschichte weiter bereichert. Bei der Zusammensetzung des englischen Heeres ist diese Erfahrung ja nicht weiter wunderbar; aber sie darf um so weniger vergessen werden, je mehr die englischen Blätter sich selbst darin gefallen, die unrühmlichen Eigenschaften ihres Tommy Atkins zu verhüllen, oder vor andern allerdings nur in englischer Einbildung vorhandenen Eigenschaften, wie z. B. märchenhafter Stärke und un­überwindliche Tapferkeit in den Hintergrund treten zu lassen.

Kürzlich wurde von der Infamie erzählt, deren sich Engländer gegen arme Burenfrauen schuldig gemacht haben. Haarsträubende Einzelheiten über diesen Vorgang werden in einer weiteren Zuschrift bekannt, die ein ehe­mals deutscher Artillerie-Offizier E. van der Berg an einen in Dresden wohnenden Herrn gerichtet hat.

Diese Greuel schreien zum Himmel, und es würde ein unauslöschlicher Schandfleck auf das englische Parlament fallen, wenn es unterließe, die von den eigenen Lands­leuten verübten Greuel zu besprechen, während es über solche anderer Nationen sehr redselig zu sein pflegt. Uebri- gens bleibt die Strafe für derartige Uebelthaten nicht aus. Die englischen Lanzenreiter haben dies zu ihrem Schaden erfahren müssen. Allgemein ist bekannt, daß Offiziere und Mannschaften dieses Regiments bei Elandslaagte ver­wundete und gefangene 93uren niederstießen und aus­plünderten. Auch ist bekannt, daß durch die englische Presse unklare Berichte gingen des Inhalts, der Kommandant dieses Regiments, ein Major, einige Rittmeister, Leutnants und ein Manu seien gefallen. Allgemein wurde an der Möglichkeit gezweifelt, daß so viele Offiziere und nur ein

Mann getötet seien. Ein Privatbrief bringt Licht in diese dunkle Angelegenheit. Er rührt von einem vor Ladysmith liegenden Holländer her, und lautet im Auszug:

Wir alle hatten geschworen, den Lanciers keinen Par­don zu «geben, wenn sie uns in die Hände fielen. Vor vier­zehn Tagen attakierten mehrere Eskadrons dieses Regi­ments eine 30 Mann starke Buren-Brandwacht, die das Gelände vor Ladysmith rekognoszierte. Unsere Leute zogen sich langsam in eine breite Schlucht zurück, in welche die Lanciers nachdrängten. Daraus hatte eine Abteilung Frei­staatliche von General Prinsloo nur gewartet; sie besetzten den Eingang der Schlucht, und versperrten den Lanciers den Rückweg. Die Brandwacht erhielt Unterstützung durch 200 Bürger von General Meyers Kommando, und nun saßen die Lanciers in der Falle. Von oben, hinten und vorne regnete es Kugeln. Fünf Mann blieben übrig, einer durfte nach Ladysmith reiten, um die Hiobsbotschaft zu überbringen .

Nachstehendes, denMünch. N. N." aus Amsterdam zugegangene Schreiben schildert das Schicksal einer Anzahl von Buren, die in der Schlacht von Magersfontein am 11. November verwundet wurden, sowie das unerhörte Verhalten der englischen Behörden gegenüber einer von Jakobsdal aus auf das Gefechtsfeld vorgegangenen Sani­tätsabteilung des Oranje-Freistaats. Konnte man die bis­her berichteten Mißhandlungen von verwundeten oder ge­fangenen Buren als Ausschreitungen einzelner ansehen, oder der Rohheit der geworbenen englischen Söldner zur Last legen, so zeigt das Verhalten der englischen Offiziere und Beamten bis zu den Generalen hinauf, daß die Sol­daten ihrer Führer, und die Führer ihrer Soldaten wert sind. Die Thatsachen geben ein deutliches Bild von dem Geist, der das englische Volk in seiner Gesamtheit beseelt, und zeigen ganz unzweifelhaft, was die Menschheit von der in englischen Augen so segensreichen englischen Welt­herrschaft zu erwarten hätte. Das Schreiben lautet:

Die aus Transvaal eingetrofsenen Blätter enthalten folgenden offiziellen Rapport des Leiters der Ambulanzen in Jakobsdal, Dr. Ramsbattom, an Präsident Steijn, der von neuem Zeugnis ablegt, von dem brutalen und hoch­fahrenden Wesen der Engländer, das sich um keinerlei Forderungen der Humanität oder des internationalen Rechtes kümmert:

Dienstag, den 12. Dezember mittags, bekam ich von General Cronje den Befehl, mit dem Lazareth nach dem Schlachtfelde zu kommen, da die Briten zurückgeworfen seien. Als wir bei der Station ankamen, war das Feuer so heftig, daß wir zunächst nicht weiter konnten. Andern

Tags gingen wir auf das Gcfechtsfeld und fanden zwei. Häuser voll Verwundete. Ich teilte nun die Mannschaften in zwei Teile, für jedes Haus eine Abteilung. Ich blieb bei dem einen, Dr. Krause bei dem andern Teil. Während ich die Verwundeten verband, erschienen zwei englische Offiziere und teilten mir mit, daß alle Verwundete kriegs­gefangen seien, wir aber thun könnten, was wir wollten. Nachdem ich fertig war, ging ich mit Dr. Bidwell zu. Dr. Krause, wo ich erfuhr, daß sämtliche Mitglieder der Ambulanzen ebenfalls kriegsgefangen wären.

Sofort schrieb ich dem kommandierenden englischen Offizier um einen Passierschein, damit wir mit dem La- zaret zurückgehen könnten, und teilte ihm gleichzeitig mit, daß der Freistaat die Genfer Konvention mitunterreichnet habe, sowie daß in Jakobsdal eine große Menge Kranker aus uns warteten. Auf diesen Brief erhielt ich keine Ant­wort. Zwei Stunden später schrieb ich nochmals demselben Offizier und ersuchte ihn um Verpflegung, denn wir hätten nichts zu beißen und zu brechen, weder für uns selber, noch für die Verwundeten. Auch dieser Brief blieb unbeant­wortet. Etwa vier Stunden später kam ein Soldat, und befahl mir, zu Major Reid zu kommen, wo ich erst identifi­ziert werden müßte. Daraus wurde mir in langer Rede von diesem Herrn auseinandergesetzt, daß er mich nichb gehen lassen könne, sondern den General befragen müsse.

Abends mußten wir in einer Scheune schlafen, worin Hühner und Truthennen am Brüten waren, und es von Ungeziefer förmlich wimmelte. Die Thüren wurden ver­riegelt, und Soldaten bewachten uns. Den nächsten Mor­gen (Donnerstag) erhielten wir glücklich etwas zu essen von unserem eigenen Wagen und mittags auch von den Briten. Um 3 Uhr kam ein Offizier vom Generalstab und teilte uns mit, daß wir in einer Stunde nach Kapstadt abfahren müßten. Ich fragte ihn:Verstehe ich Sie recht, daß eine offiziell angestellte Ambulanz eines der Genfer Konvention beigetretenen Staates, wenn sie ihre Verwundeten pflegt, als kriegsgefangen angesehen werden soll??"

Daraufhin antwortete er:Ja!" Auf meine noch­malige Frage, ob das Lazaret unter denselben Umständen wieprize of war" würde behandelt werden, antwortete er ebenfalls mit Ja, und daß dies seine Instruktion fei.

Wir wurden darauf zusammen mit den Verwundeten in Viehwagen per Bahn nach Grootriver gebracht. Dann ging es weiter, mit Spitzbuben zusammen, nach De Aar. Unser Kaffee wurde für alle in einem Eimer gebracht, das Brod in einem groben Sack. In De Aar verbrachten wir die Aufenthaltszeit des Zuges in einem vor Schmutz star­renden Kasferngefängnisse. Dann ging es wieder in

Vorstand.

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Feuilleton.

Berliner Brief.

(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)

(Nachdruck verboten.)

Schlechte Ernte. Schlimmere Taschendiebe. Neue Heil­mittel. Von Brettern und Brettlen.

Der düstere Schatten, der diesmal über Kaisers Ge­burtstag lag, hat seine Wirkungen in der verschiedensten Weise merkbar werden lassen. Das Schloß lag in Finster­nis gehüllt; die Botschafter-Paläste, die sonst abends in einem Meer von Licht strahlen, blieben dunkel, und auch viele, viele Privathäuser und Geschäfte, die sonst in wunder­barer Weise illuminieren, hatten fich diesmal nicht in ihr schimmerndes Festgewand gehüllt. Lag es nun an dieser durch den Trauerfall in der Kaiserfamilie hervorgerufenen Beschränkung des festlichen Treibens, daß die Polizei an diesem Tage nicht einmal die halbe Ernte an Langfingern einzuheimsen hatte wie im vorigen Jahre? Oder sind bei der Jahrhundertwende so und soviel in sich gegangen, und haben ein neues besseres Leben angefangen? Ach, ich glaube nicht daran, denn die Katze läßt das Mausen nicht! Ich fürchte fast, die Herren von der Firma Stibitzer und Greifenberger haben sich im Hinblick auf die nahe Pariser Weltausstellung derartig ausgebildet, daß nur noch die Stümper unter ihnen, die Talmikünstler, sich bei der Ausübung ihres die lieben Mitmenschen so schnell erleich­ternden Berufes fassen lassen!

Denn auf allen anderen Gebieten des unsterblichen Gaunertums hat sich im neuen Jahrhundert noch durchaus kein Rückschritt konstatieren lassen! Im Gegenteil!

Besonders hat sich die Biedermännerzunft der Kau- tionsschwindler in letzter Zeit recht hervorgethan. Um diese braven Leute mit ihren treuherzigen Gesichtern, hinter denen die Schurkerei lauert, mit ihren vertrauenerwecken­den Titeln, die ihnen nie zukamen, oder die sie doch längst verscherzt haben, mit der stilvollen Wohnungseinrichtung, von der keine Möbelauaste ihnen gehört, sind zehnmal schlimmer als die Taschendiebe, die sich in unsere Paletots verirren, oder mit einem kühnen Griff nach den Uhren anderer Leute die Zeit kontrollieren!

Unter der Vorspiegelung, ihnen eineLebensstellung" zu übertragen, dafür aber auch die notwendige Sicherheit garantiert zu bekommen, locken sie jungen, unerfahrenen Kaufleuten und auch manchem älteren Manne die Erspar-, nisse vieler Jahre ab, um eines Tages, wenn ihnen der Boden zu heiß wird, oder keine neuen Gimpel mehr ins Garn gehen wollen, spurlos zu verduften. Selbstverständ­lich stellt die Provinz den größten Teil dieser elend Be­trogenen, da die Berliner Kinder, vor all diesem Schwindel von Jugend auf gewarnt, viel vorsichtiger sind. Es kann darum gar nicht oft genug wiederholt werden: Laß Dich von keinem äußeren Schein blenden, wenn Dir ein Unbe­kannter eine Kaution abfordert! Frag erfahrene Leute um Rat und verzichte lieber auf eine sogenannte gute Stelle, wenn nicht alle Verhältnisse klipp und klar vor Dir liegen. Ein reeller Kaufmann wird Dir Deine Kaution zweifellos sicher stellen!

Aber ich weiß es schon, es ist doch alles in den Wind gesprochen oder in den Sand geschrieben. Wie die Motten dem Lichte, werden auch künftighin die thörichten Opfer den raffinierten Schwindlern zufliegen. Gegen das Besser- wisfen der Neunmalklugen giebt es kein Heilmittel, so wenig wie gegen den Größenwahn Old-Englands. Die guten Vettern mit der neuen englischen Krankheit sie haben nämlich Bullern im Magen werden auch nicht eher ruhen, als bis ihnen der furchtlose David das große lange Goliathsschwert aus der Scheide gezogen hat. Vor­läufig ist noch ein großes Prahlen an der Themse, obwohl dergefährliche Mann mit den Tressen uno der Klunker am Hut" schon aus mancher bösen Wunde blutet! Da nun mit der Tinte, soviel auch schon davon verschrieben ist, die Menschheit doch nicht zu bessern ist, hat jüngst ein Jünger Aeskulaps Bäder aus Tinte verordnet, um diesen schwarzen Saft guf diese Meise zum Heile der Mensch­heit wirken zu lassen. Licht, Luft und Lehm sind über­wundene Irrtümer; in der Tinte liegt die Wahrheit, nach­dem >d>ie Wahrheit so lange in der Tinte gelegen i Wer's nicht glaubt, mache einen Versuch damit; nur schlucke er nichts über; denn innerlich angewandt, soll Tinte immer noch die alte unangenehme Wirkung haben, nicht gerade helle" zu machen, wie man in Sachsen sagt! . . .

Von unseren Theatern erfreut sich augenblicklich das Thalia-Theater mit einer flotten Grunewaldposse lebhaf­

testen Zuspruchs. Das Stück heißtIm Himmelhof" und hat manchen aktuellen Schlager, der von Thomas oder Thielfcher auch mit der nötigen Berliner Trockenheit ver­zapft wird. ImWintergarten" singt Anni Dierkens unb der famose Kinematograph vermittelt dem Publikum unter größter Spannung Szenen aus dem Transvaal-Feldzuge. DasWeiße Rößl" aber ist aus dem Lessingtheater nach ca. 300 Aufführungen umgestallt und zwar nach der Hasenheide! Das ist das Los des Schönen auf der Erde!

Humoristisches.

* Irr der französischen Stunde. Lehrerin:Wie heißt: ich", Fräulein Emilie?"

Emilie:Je!

Lehrerin:Gut! Wie heißtdu", Fräulein Antonie?"

Antonie:Ta!

Lehrerin:Gut! Wie heißter", Fräulein Meta?"

Meta (zerstreut):Eduard!"

* Ein neuer Berg. Fräulein:Haben Herr Leutnant schon 'mal den Pilatus bestiegen?"

Leutnant:Ne, aber den Pontius!"

* Scherzfragen. Warum ist in London der Himmel so grau? Weil die Engländer das Blaue heruntergelogen haben.

Welcher Heilige hat vier Füße?

Der Heilige Stuhl.

* Neues von Serenissimus. Durchlaucht wohnt einer Ballet­aufführung bei und scheint sich höchlich zu amüsieren. Im Zwischenakt erscheint auf seinen Wunsch der Intendant in der Loge und wird huld­vollst angesprochen:Recht nett, lieber Intendant, muß sagen, recht nett, aber äh warum wird so leise gesprochen, habe kein Wort verstanden."

* Protzenkinder. Mutter: Nun, Elsa, hast Du Dich aus der Hochzeitsreise recht amüsiert?

Tochter: Sehr, liebe Mama; denke Dir, dreimal hat Edgar unterwegs aus Mutwillen die Notbremse gezogen.

* Galgenhumor.Haben Sie bezüglich der Henkersmahlzeit einen speziellen Wunsch?"

Delinquent:Vor allem besorgen Sie mir einen Wein, nach welchem neue Lebenslust durch meine Adern rollt l"

*Haben Sie schon gehört, daß die Frau von Martens täglich mindestens ein Liter Kölnisches Waffer trinkt?"

Nicht möglich!"

Freilich - sie lebt ja in Köln." (Münch. Jugend.)