Ausgabe 
4.1.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

hatte nur eine Größe von 2*/, a (16 Ruthen) wurde aber gleichfalls mit461 Mk. bezahlt. Infolge der regen Kauf­lust erzielte Herr Peusch die respektable Summe von 20,692 Mk. Kein Wunder, daß der am folgenden Abend stattgefundeneWeinkauf" in großartiger Weise gefeiert wurde. . ,

Marburg, 1. Januar. In der Nähe der Elisabethkirche spielte sich heute morgen gegen 7 Uhr vor einem Cafä eine Schreckensszene ab. Student H. aus Hanau geriet nämlich mit Vorübergehenden in einen kleinen Wortwechsel, wobei er plötzlich den Revolver zog und blindlings unter die Straßenpassanten feuerte. Der vollständig unbeteiligte Fuhr­mann Möhl, gebürtig aus Wohra im Kreise Kirchhain, der vom Pferdefüttern kam, wurde hierbei von zwei Kugeln tätlich getroffen. Die erbitterte Menge schlug auf den Revolverhelden, der etwa sechs Schüsse abgab, los, und dann erschienen Polizisten, welche sich seiner annahmen. Der Verletzte, ein Familienvater von sieben Kindern, wurde in die Klinik und der Thäter ins Gefängnis gebracht.

Hanau, 1. Januar. Außer dem Projekt einer normal­spurigen Kleinbahn von Wächtersbach nach Bad Orb ge­nehmigte der Kreistag zu Gelnhausen auch noch das Projekt einer Kleinbahn von Gelnhausen über Lützelhausen, Bernbach, Altenmittlau, Neuses, Somborn, Neuenhaßlau nach Bahnhof Langenselbold.

* Wiesbaden, 2. Januar. Eine Bande von Falsch­münzern beiderlei Geschlechts, die sich mit der Her­stellung von Ein- und Zweimarkstücken befaßte, ist hier ver­haftet worden.

Vermischtes.

* Mannheim, 1. Januar. In der Nähe des Militär- lazarettS wurde heute nacht die Prostituierte Helene Bausch aus Heidelberg von dem Schreiner Franz Keller von Ep- pingen erstochen. Der Thäter ist verhaftet.

* Kölnf, 28. Dezember. Nicht geringe Aufregung herrschte am ersten Weihnachtsmorgen auf dem Postamte 12 Hierselbst. Eine avisierte, angeblich in einen Sack ver­schlossene Geldsendung von 600000 Mark sollte zur Weiter­beförderung gelangen. Doch war unter den aufgestapelten Wertsendungen der schwerwiegende Geldsack nicht zu finden. Die Sache drohte bereits zu peinlichen Untersuchungen über­zugehen, da brachte der Draht die erlösende Nachricht, daß die Sendung sich in Brüssel wiedergefunden habe. Der Sack war bei dem starken Arbeitsdrange mit einem anderen verwechselt worden und hatte so die Spazierfahrt ins Aus­land angetreten. Außer den Krupp'schen Werken sind nunmehr auch den Akkumulatorenwerken Gottfried in Hagen und Kalk englischerseits Kriegsbestellungen zugegangen. Bei letzterem Werke handelt es sich um 40 Tonnen Bleikugeln, zu deren schleunigsten Herstellung das Werk die angestrengteste Thätigkeit entwickelt.

* Trier, 2. Januar. Bei einem häuslichen Streit er­schlug der Bildhauergehilfe Jacoby seinen Sohn mit dem Beil.

* Düffeldorf, 1. Januar. Geheimer Medizinalrat Pro­fessor Dr. Mooren ist gestern im 72. Lebensjahr ge­storben. Der Verstorbene war Ehrenbürger unserer Stadt und erfreute sich als Augenarzt eines über Europa hinaus- reichenden Rufes von ausgezeichneter Tüchtigkeit.

* Raumburg, 2. Januar. Hier wurde ein englischer Werber verhaftet, der in Corbetha einen jungen Mann zum Krieg gegen Transvaal geworben hatte.

Halle, 1. Januar. Das wiedergetraute Ehe­paar. Jenes junge Ehepaar aus Halle a. S., von dem wir kürzlich berichteten, daß ihm wegen der ungiltigen standesamtlichen Trauung ein Verbot des Zusammenwohnens bevorstände, hat sich gegenüber dieser Drohung eines Besseren besonnen. Im übrigen war der Standesbeamte im Orte Tabarz im Herzogtum Sachsen Koburg-Gotha wohl seitens der Regierung bestätigt, aber noch nicht vereidigt worden. Er hatte an vier jungen Paaren die Trauung vollzogen, weshalb die Behörde allen vieren nachträglich mitteilen mußte, daß die vollzogene Trauung ungiltig und ein zweiter Trauakt notwendig sei. Drei der Paare waren in Tabarz ansässig, sodaß die Zeremonie ohne Umstände vorgenommen werden konnte. Bezüglich des Paares in Halle ist die An­gelegenheit dahin geregelt worden, daß die jungen Eheleute nach Tabarz reifen mußten, um ihre eigenhändige Unterschrift unter ein neu aufgenommenes standesamtliches Protokoll zu geben. Die ohne Verschulden den Leuten entstandenen Reise- kosten sind ihnen seitens der Behörde vergütet worden.

* Salzwedel, 1. Januar. (Ein Reiterstückchen). Einen freiwilligen Sprung auf Tod und Leben, wobei die Beteiligten wie durch ein Wunder gerettet wurden, unter­nahmen zwei Ulanen des Ulanen-Negiments Nr. 16 von hier. Das Regiment hatte Felddienstübung um das nahe Dorf Chüden herum, und zwei Ulanen waren als Vor­posten auf der nahe dem Dorf gelegenen Eisenbahnbrücke postiert. Durch das Geräusch des herannahenden Berliner Schnellzuges wurden beide Pferde scheu. Das erste sprang mit seinem Reiter über das Brückengeländer sieben Meter tief auf die Eisenbahnschienen, wo es mit gebrochenen Beinen liegen blieb. Der besinnungslos gewordene Ulan lag unter dem Pferd. Schon war der Schnellzug bis auf drei Meter an die Unfallstelle herangekommen, als sich das gestürzte Pferd in Todesangst blitzschnell von den Schienen an die Böschung rollte, seinen bewußtlosen Reiter mit sich reißend. In demselben Augenblick, als der Zug über die Stelle hinwegsauste, sprang das zweite Ulanenpferd von der Brücke mit seinem Ulan hinunter. Fast wäre eS auf den letzten Wagen des Schnellzuges gesprungen. Der Reiter wurde abgeschleudert und das Pferd lief dem Zug nach. Während der zweite Ulan ganz unverletzt davon kam, wurde bald darauf fein Kamerad mit einer schweren Kopfwunde unter der Pferdeleiche, die fast in Schnee ver­graben lag, hervorgezogen und in das Lazarett geschafft.

r * München, 30. Dezember. DieAugsburger Abendztg." schreibt: Vom Landgericht München II wurde jüngst die Ehe deS Grafen und der Gräfin Landsberg in Tutzing geschieden. Graf Landsberg hat sich als Arabienforscher einen Namen gemacht. Klägerin war die Gräfin, eine ge­borene Hallberger.

* Wien, 2. Januar. Juliana Hummel wurde heute vom Prager Scharfrichter im Hofe des Landgerichts hin- gerichtet. Es ereignete sich fein Zwischenfall.

Kunst und Wissenschaft.

* * Der neue Stil im deutschen Kunstgewerbe. Auf dem Gebiete der bildenden Kunst, insbesondere der Malerei hat sich be­kanntlich in neuerer Zeit eine tiefgehende Bewegung vollzogen. Eine Anzahl namhafter Künstler verwirft nämlich die seitherige Kunstan­schauung und sucht durch eine scharfe Beobachtung der Natur ihren Schöpfungen den Eindruck vollster Naturweisheit zu verleihen, so wie in der Wirklichkeit das Bild vom Blick erfaßt wird. Diese naturalistische Kunstrichtung hatte jedoch keineswegs allseitigen Beifall gefunden, und unter der Künstlerschaft selbst zu der bekannten Scheidung oder Sezession geführt. Es kann auch nicht behauptet werden, daß die Werke der Sezession den Beschauer so anmuten, als dies bei Gemälden der alten Schule der Fall ist; selbst Kunstfreunde, ganz besonders aber Laien müssen sich erst daran gewöhnen und Verständnis dafür zu gewinnen suchen. Ist dieses gefunden und weiß man weshalb so gemalt wird, dann ändert sich in vielen Fällen das Urteil, und die Auffassung des Künstlers findet Anerkennung insoweit sie es verdient. Diese Be­wegung mit ihren naturalistischen Grundsätzen ging auch gleichzeitig auf die dekorative Malerei und mithin auf das Kunstgewerbe über. Eine Berechtigung hat diese neue Kunstanschauung auf jeden Fall, dies geht schon unzweifelhaft daraus hervor, daß sie stetig an Ausbreitung zu- nimmt, daß sie fortwährend neue Anhänger gewinnt, daß machtvolle Gönner sie unterstützen, und daß sie auf das Kunstgewerbe bereits einen mächtigen Einfluß ausübt, und sich darin schon den weitesten Eingang verschafft hat. Gerade hier fand die moderne Kunst ein großes Feld für ihre Weiterentwickelung, hier konnte sie in der Originalität ihrer Schöpfungen, in der individuellen künstlerischen Auffassung, und in der Wiedergabe der Formen- und Farbenschbnheit der Natur ihre Grund­sätze offenbaren. Nicht willkürliche Schnörkel sind es, die die Ornamente des neuen Stils bedingen, und die dem Auge, das noch an den alten Formen hängt, wohl gar bizarr oder lächerlich erscheinen. Es sind Suiten der Natur abgelauscht, aus dem Pflanzen- und Tierreich ent­nommen, aus Steinbildungen, Wolken- und Landschaftskonturen in stili­sierter Wiedergabe. Nur die Symbolik nimmt noch ihre Ideen und Vorbilder aus der Mythologie, oder sie entlehnt sie aus der antiken oder ostasiatischen Kunst. Für die Farbenwirkung gelten die nämlichen Grundsätze, und der feinsinnige Kunstfreund wird den Reichtum der Ideen zu schätzen wissen, welcher der neuen Richtung zu Gebote steht, und der ihren Vertretern aus dem Formenschatz der Natur eine unver­siegbare Quelle neuer Anregungen zu künstlerischem Schaffen eröffnet hat Und wenn auch noch in der Entwickelung begriffen, wenn noch Härten beseitigt und Ausschreitungen vermieden oder gedämpft werden müssen, die neue Kunstrichtung wird nicht mehr nötig haben, sich ihre Vorbilder ausschließlich aus vergangenen Zeiten zu holen. Die Orna­mente der Gothik, der Renaissance und des Rococo paßten sich dem Geschmack und der Lebensweise damaliger Zeiten an, und gingen damit auch auf alle Gebrauchsgegenstände über; ihr Kunstwert wird sich stets erhalten und ist keineswegs zu unterschätzen. Die neue Zeit hat jedoch wieder andere Ideen, sie hat andere Bedürfnisse und Lebensgewohn­heiten, diesen zu folgen liegt in der Aufgabe der Kunst. Trifft diese das Richtige und löst sie ihre Aufgabe so, daß die Eigenart ihrer Ideen allgemeine Annahme und Verbreitung findet, so entwickelt sich daraus ein Stil. Die Schwierigkeiten, welche sich den Künstlern neuer Richtung entgegenstellten, um ihre Ideen auf das Kunstgewerbe zu übertragen, zeigten sich vornehmlich auf solchen Gebieten, auf denen nicht allein die Schön­heit der Form maßgebend war, sondern auf denen der praktische Ge­brauch seine Anforderungen erhob. Hier fanden die Künstler ihren Ideen Grenzen gezogen und sich selbst vor Aufgaben gestellt, die zum Teil nur mit Hilfe tüchtiger Fachleute gelüst werden konnten. Einer der bedeutensten Vorkämpfer naturalistischer Kunstanschauung H. E. von Berlepsch in München, der auf allen Gebieten der Kunst so vorzügliches geleistet, deffen Werke die letzte Münchener Kunstausstellung in so her­vorragender Weise zierten, hat es nicht verschmäht, das Handwerk in seinen Werkstätten aufzusuchen und selbst thätig mitzuarbeiten, nur um seine Pläne dem Kunstgewerbe dienstbar zu machen; und gleiche Opfer wurden von anderen Künstlern erbracht. Die Fortschritte im Kunstdruck können wir täglich verfolgen; wir finden die neuen Formen bei Schmuck- und Silbersachen, bei keremischen Gegenständen, bei Schmiedearbeiten und im Bronzeguß, in der Teppichweberei, bei Möbeln und allen mög­lichen Gebrauchsgegenständen in einer solchen Fortentwickelung begriffen, die das Beste hoffen und erwarten läßt. Es ist bemerkenswert, daß gerade bei Tap.-ten der neue Stil erst in der allerjüngsten Zeit Eingang gefunden hat. Wie es scheint, fehlte es den Musterzeichnern an der nötigen Anregung zur richtigen Behandlung der Materie. Es mag auch sein, daß den Fabrikanten dieses Feld noch zu gewagt erschien, da die Kauflust in letzter Zeit sich mehr dem weichen englischen Genre zuwandte, oder noch zu starke Nachfrage nach einfarbigen Streifen vorhanden war, sodaß ein rentabler Absatz zweifelhaft erschien. Bahnbrechend erwies sich nun auch hier wieder die Tapetenfabrik von H. Engelhard in Mannheim. Nach den Entwürfen von Professor Otto Eckmann in Berlin stellte sie mit großen Opfern die erste Serie von Tapeten im neuzeitlichen Stile her, welche im Oktober vorigen Jahres auf der Kunstausstellung in Darmstadt bei Kennern ungeteilten Beifall fand. Die zweite Serie ist jetzt zur Ausgabe gelangt, und zeugt von der Beharrlichkeit des Künst­lers, der Eigenart seiner Ideen, die sich in nichts an fremdes anlehnen, oder dagewesenes enthalten, zur Geltung zu bringen. Professor Eckmann, einer der führenden unter den Künstlern der neuen Richtung, hat sich bereits um das Kunstgewerbe außerordentlich verdient gemacht, und sich dadurch Ruf erworben. Seine Pläne wurden daher für die ganze Aus­stattung und für die innere Ausschmückung der Gemächer aus der neu­erbauten Pacht der Kaiserin zu Grunde gelegt, und nach feinen Ent­würfen wurden alle Arbeiten ausgeführt. Derselbe will die Tapete auf ihren eigentlichen Zweck, als den einer ruhig wirkenden Flächenbekleidung zurückführen. Also frei von jeder scheinbaren Plastik, frei von allen störenden Farbenkontrasten, sollen die Ornamente in ihren Motiven die Grundsätze des neuen Stilh enthalten, und sollen in ihrer dekorativen Farbenwirkung allen Anforderungen an Kunst und Schönheit entsprechen. Ob ihm dieses in allen Stücken gelungen ist, darüber mag jetzt das Urteil der Käufer seine Entscheidung fällen. Wir wollen hoffen und wünschen, daß der neuerstandene germanische Stil mit der Zeit die ihm gebührende allseitige Anerkennung finden möge, daß durch ihn das Kunstgewerbe wieder neu belebt und zu einem solchen Grade der Voll­kommenheit erhoben wird, so daß im Wettbewerb mit anderen Nationen es seinen achtunggebietenden Platz behält. Die Unterstützung aller wahren Kunstfreunde wird ihm dabei hoffentlich nicht fehlen.

Kitteratur.

Eine Goethe-Ansgabe für zehn Pfennige. Die Festes­freude an Altmeisters 150. Geburtstag ist verrauscht. Der 28. August liegt gemäß unserem schnelllebigen, nervösen Zeitalter weit hinter uns. Ruhe und Stille und Vergessenheit haben sich niedergesenkt. Vergessenheit?! Mit Nichten. Aus dem Becherklang und Jubelgetön, den weihevollen Festvorstellungen mit Prologen und nicht minder schwungvollen Toiletten, aus dem Gewirr von schwarzen Letterkobolden, die in so und so viel Gedichten, Leitartikeln, Feuilletons, Remlniizensen und Nachrufen ihre taktvollen und taktlosen Reigen aufführten, hat sich in den grauen Werkeltag ein stilles, leises Schassen hinübergerettet, und ein einzelner weicher Ton klingt und klingt wieder und wieder so lange, bis er auf einem köstlichen Eiland ein Echo gefunden in der deutschen Volks­seele. Wir hatten neulich Gelegenheit, an dieser Stelle von einer

Sammlung der besten modernen Lieder zu sprechen, die in der stattlichen Auflage von einer Million für den Preis von Zehn Pfennigen den Minderbemittelten gewidmet werden sollte. Der Herausgeber, *Dr. Ludwig Jacobowski, hat nun in bedeutend besserer Ausstattung, hübschem, glatten Papier und eleganten Schwabacher Lettern eine Bluten­lese aus Wolfgang Goethes dichterischem Schaffen folgen kaffen. Das schmucke Büchlein erscheint im Verlage von G. E. Hitzler in Berlin und kostet zehn Pfennige. Das Volk steht unserem größten Dichter fremd und kalt gegenüber Diese offenkundige Thal- fache wurde letzter Zeit durch eingehende Recherchen, auch vielseitige Umfragen in allen Ständen und Gegenden bis zu einer Evidenz be­stätigt und erwiesen, die der größte Skeptiker auf diesem Gebiete nicht vorausgeahnt. Die Bemerkung eines Altfrankfurters gelegentlich der jüngsten Goethefeier'-Was is das for e Gedez mit dem Gödne; mr könnt' moane, 's wär d'r Stolze", ist mit all' ihrer Komik die Sig­natur für die Denkart Tausender und Abertausender in allen Gauen unseres Vaterlandes. Und, um von den sogenanntenGebildeten" zu reden, hat nicht eine Breslauer Studentenverbindung die Göethefeier abgelehnt mit der Begründung, der Mann habe nichts für die deutsch- nationale Sache gethan? Ist der Leutnant desSimplicissimus" blose Karrikatur, wenn er näselt: Donnerwetter, möchte wissen, wo dieser Goethe als Wirklicher Geheimrat und Staatsminister die Zeit her- genommen hat, die Menge Jedichte zu machen?"--

Keiner war wohl berufener, in einem Buche von 160 Seiten den Mann des Volkes wenigstens einen Hauch des großen Titanen ver­spüren zu lassen als Ludwig Jacobowski. Werden doch feinen eigenen jüngsten SchöpfungenLoki, Roman eines Gottes" und Leuchtende Tage", Neue Gedichte, (I. C. Bruns Verlag, Minden) Goethe'scher Geist und Goethe'sche Weisheit nachgerühmt.

Das Portrait Goethe's zu Anfang des Buches ist entsprechend seinem Inhalt, der uns zumeist Jung-Goethe's Schaffen vor Augen führt, eins seiner besten Bi'der aus der Jugendzeit. Im benachbarten Wetzlar, wo er als blühend schöner Jüngling in den Träumertagen der Wertherperiode dem Neichskammergericht angehörte, steht allerdings die mangelhafte Büste eines ollen Murmelgreises. Wetzlar war aber für den Herausgeber nicht maßgebend. Es folgt eine ganz knappe, in charakteristischen Linien das Leben und Schaffen des Dichters zeichnende Einleitung mit dem Schlußhinweise:Heute ist sein Einfluß stärker als je, und alle Gebiete der deutschen Kultur werden mit stiller Kraft von feinem Wesen und Wirken durchtränkt." Hierauf eine Auswahl Gedichte, beginnend mit dem ewig-jungenHeidenröslein" und endigend mit demGöttlichen" desgroßen Heiden":Edel fei der Mensch, hilfreich und gut. Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen." Man lächle nicht als über etwas selbstverständliches. Denn die Lessingworte,wir wollen weniger erhoben und häufiger gelesen sein", könnte auch der große Olympier ausrufen, wenn er in seinem Wald von kalten Denkmälern einsam frieren mufr Nicht einmal bei Reklam ist eine Einzelausgabe seiner Gedichte erschienen. Selbst der Anhänger deskleinen, feingebil­deten Goethekreises" wird, besonders im weiteren Verlaufe des Büch­leins, unwillkürlich gefesselt werden, Seite um Seite überfliegen, mit Genugthuung das alte Bekannte, mit heimlicher Freude das übersehene Neue in sich aufnehmen Die kostbarsten Perlen eines altvertrauten Familienschmuckes sind hier vereinigt in einet nur winzigen, aber des­halb um so wertvolleren Sammlung. Auf die Gedichte folgtGötz von Berlichingen", und zwar wörtlich die markantesten Szenen, in denen Goethe's Meisterschaft für individuelle Zeichnung dominiert; alles übrige in kurzer, leicht verständlicher Inhaltsangabe.

Auf das ungestüme, waffenklirrende Erstlingsdrama der romantischen Periode als Lichtblick ein Strahl aus der Sonne Italiens: Aus der Italienischen Reise" und zwar die Bruchstücke:Rom" Neape l".Aber weder zu erzählen noch zu beschreiben ist die Herr­lichkeit einer Vollmond-Nacht, wie wir sie genoffen, durch die Straßen über die Plätze wandelnd, aus der Chiaja, dem unermeßlichen Spazier­gang, sodann am Meeresufer hin und wieder. Es übernimmt einen wirklich das Jefühl von Unendlichkeit deS Raums. So zu träumen, ist denn doch der Mühe wert.....Dann: Faust.EineTragödie".

Die Zueignung vollständig, die Himmelsszene auszugsweise. Mit fein­sinnigem Verständnis ist das für die Volksseele unmittelbarste, die Gretchentragödie, herausgeschält. Das philosophische Element mußte naturgemäß zurücktreten. Aber es fehlen nicht die gewichtigsten Stellen der eignen Brust geheime tiefe Wunder". Die verbindende Inhalts­angabe verdient ihres einfach-verständlichen, volkstümlichen Tones wegen hohe Anerkennung, umsomehr, als der Herausgeber sich ebensowohl von aufdringlich-doktrinärer Sprache als auch gesuchter Naivität fernzuhalten wußte. Er will eben nicht durch eigene Geistesgaben glänzen; nur er­klären und auch verstanden werden. Ein Mangel macht sich allerdings auf den ersten Blick fühlbar. Der Herausgeber hätte, trotzdem aus­schließlich von dem ersten Teile die Rede ist, in der Erwägung, daß fein zukünftiges Publikum aus Novizen einer werdenden Grethe- gemeinbe bestehen soll, wenigstens andeuten können die Quinteffenz dieses subjektivesten und gewaltigsten von Goethes Meisterwerken, daß der Mensch nur im Wirken für die Menschheit unermeßliche und dauernde Befriedigung findet, daß eine Sühne durch ein Leben und nicht durch den Tod die mannhafteste und wahrhaft edle Sühne ist. Möglicherweise teilt Jacobowski die Ansicht von des Dichters erstem Biographen (bekanntlich der Engländer Lewes) und klassifiziert beide Teile deS Faust als zwei verschiedene Dichtungen und nicht als zwei Teile ein und desselben Gedichtes. Vielleicht hat der Verfasser auch mit Absicht damit zurückgehalten, da er in edler Uneigennützigkeit am Schluffe des Buches erklärt:Jeder werbe in feinem Kreis Freunde für diese Büchlein. Jeder lerne die Dichter seines Volkes lieb gewinnen und sie ehren. Wer noch mehr über sie wissen, noch mehr von ihren Werken lesen will, der soll getrost an uns schreiben. Wir wollen ihm gernAntwort und Rede stehen".......Auf den nächsten Blätter schlüpft hinter

einem Bollwerk von Titeln und Untertiteln und einem tiefgründigen Weisheitsspruche die holde Lichtgestalt Friederikens hervor, wie sie sichauf einem erhöhten Fußpfad hinbewegt; die Anmut ihres Betragens schien mit der beblümten Erde und die unverwüstliche Heiterkeit ihres Gesichtes mit dem blauen Himmel zu wetteifern." In spätem Alter diktierte der noch Ungebeugte mit leiser Stimme, unter Seufzen und Pausen feinem Sekretär von diesem Urbild edler Weiblichkeit, die so herrliche Rosen auf seinen Lebenspfad gestreut, Rosen, die alle leb.n blieben und weiter rankten und gediehen, während Friederike Brion selbst, nachdem sie ihr bestes hingegeben nein, keine unerquicklichen, litterar.historischen Erörterungen. Aus den nunmehr angeschlossenen Gesprächen Goethes mit seinem Sekretär Eikermann ist am interessan­testen der jedenfalls nicht ohne Absicht citiette eigene Ausfpruch deS Dichters über fein Verhältnis zum Volke:.....Es ist wunderlich,

gar wunderlich, wie leicht man zu der öffentlichen Meinung in eine falsche Stellung gerät! Ich wußte nicht, daß ich je etwas gegen das Volk ge­sündigt, aber ich soll nun ein für allemal kein Freund des Volkes sein. Freilich bin ich kein Freund des revolutionären Pöbels, der auf Raub, Mord und Brand auvgeht und hinter dem falschen Schilde des öffent­lichen Wohles nur die gemeinsten egoistischen Zwecke im Auge hat. Aber bin ich darum kein Freund des Volkes. Denkt denn jeder rechtlich gesinnte Mann etwa anders?" Auf den drei letzten Seiten endlich kommt dieWeisheit" des Goethe der heiteren Greisenjahre zum Wort in Sprüchen, darunter wohl mancher dem und jenem aus dem Volke geläufig und allbekannt; nur daß der Schöpfer selbst für ihn der große Unbekannte" ist und er seinem richterlichen Gewissen über Namen und Art des Kleinodienspenders keine Auskunft zu geben vermag. Dr. Ludwig Jacobowski hegt die Absicht, noch mehr Dichter, in eben­solcher Weise dem Volke näher zu bringen und die Serie dieser Bändchen fortzusetzen. Qai vivra, verra . . . Vor allem, adern wäre es ein großer, ein unendlicher Gewinn,ein Ziel, aufs innigste zu wünschen", wenn daS kommende Jahrhundert den mächtigen Olympier von seinen erzenen, marmornen und granitnen Ruhmessockeln hieße herabsteigen und Wolf­gang Goethe als größten deutschen Dichter Spielhagen nannte ihn jüngsthin den deutschen xat 6$o^v in der Seele und dem Herzen seines dankbaren Volkes siegreichen Einzug halten.

Jul. B-r. (Gießen).