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KV» 58 ErRes Blatt Samstag den 3. November 150. Jahrgang LAOEV
Gießener Anzeiger
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National-Ztg. völlig überein.
Die Liberalen haben selbstverständlich wegen ihres Feldzuges in Sachen der lex Heinze die Mißstimmung der Centrumswählerschast wachgerufen; bereits haben bei Wahlen sich Centrumswähler in der Unterstützung auch der Freisinnigen Volkspartei so schwierig gezeigt, daß davon Abstand genommen werden mußte. Die Ergebniffe davon werden äbzuwarten sein.
. . . Behandlung einer von den Gegnern für politisch gleichgiltig erklärten Vorlage als so wichtig, daß allmählich auch zu zurückhaltendem Urteil geneigte Politiker annehmen mußten, die Regierung wolle es auf eine Kraftprobe mit dem Agrarkonseroatismus ankommen lassen; dann ausdrückliche Ankündigung derselben, Drohung mit der Auflösung des Abgeordnetenhauses, Warnung vor Beschlüssen, welche das Verhältnis der Regierung zu den Konservativen verändern müßten; hierauf nach der Verwerfung der Vorlage die Zurdispositionsflellungen, die verfassungsrechtlich und politisch nur begründet sein konnten, wenn eine Politik beabsschligt wird, die mit den abgesetzten Beamten als Organen der Regierung unmöglich gewesen wäre — und alsdann nichts, schlechterdings nichts, was zu solchem Verfahren paßte, vielmehr sehr bald das Gegenteil einer dazu passenden Politik.
Wir hoffen bestimmt, daß dergleichen unter dem neuen
I in der Regierung auf, dann ist auch wieder der feste Punkt gegeben, I um welchen sich eine zuverlässige Reichstagsmehrheit einigen kann. Aber auch jetzt schon, in der Erwartung, daß der im kräftigsten Mannesalter stehende, unzweifelhaft thatkrästige Neue leitende Staatsmann die Zügel straffer in seiner Hand halten wird, ist es wünschenswert, daß die positiven politischen Parteien und Gruppen, auf deren Mitwirkung bei den bevorstehenden Zollverhandlungen gerechnet werden muß, ein ver- I ständnisvolles Zusammengehen vorbereiten. Die radikale Linke ist jetzt schon emsig bemüht, einen gewaltigen Sturm zu organisieren, um die Verwirklichung eines ausreichenden Schutzes für die nationale Produktion auf dem Boden des Interessenausgleiches zu verhindern. Die übrigen Parteien würden also eine Unterlassungssünde begehen, wenn sie sich gegen diesen Ansturm, von dem verkündet wird, er werde derart sein, daß noch niemals etwas ähnliches in Deutschland gesehen worden sei, nicht rechtzeitig und genügend rüsten würden.
Die „Schles. Ztg." spricht sich nicht deutlich genug aus, um erkennen zu lassen, ob sie mit der Warnung, den neuen Kanzler „von vornherein mit weitgehenden Forderungen zu bestürmen"' die Eingabe des Vorstandes des Bundes der Landwirte im Auge hat, die schon an demselben Tage erlassen wurde, als die Ernennung des | Grafen Bülow im „Reichs-Anzeiger" stand. Jedenfalls i geht aus der ganzen Redeweise hervor, daß die Konser- ! vativen in Bezug auf den neuen Kanzler ihrer Sache keineswegs sicher zu sein glauben. Dasselbe ist aber auch ! bei den Liberalen der Fall, von denen die „Schles. Ztg." sagt, daß sie einen „Ansturm" vorbereiteten, wie er ähnlich in Deutschland noch nicht gesehen sei. Man sieht das aus einem Artikel der manchmal sehr offenherzigen „Saaleztg.", worin gesagt wird, es sei schon mancherlei an die Oeffent- lichkeit gedrungen, das die Besorgnis rechtfertige, Graf Bülow werde sich keineswegs als der starke Mann erweisen, den man in der Nachfolge Hohenlohes gebrauche, wenigstens nicht als der starke Mann vom Standpunkte der Liberalen aus. Letzteres glauben wir auch nicht. Es will uns bedünken, daß er in feinen politischen An» schauungen mehr Anknüpfungspunkte mit den Konfervativen als mit den Liberalen hat, wenn er auch schwerlich auf das konservative Parteiprogramm eingeschworen sein dürfte. Das übrige thun dann vielfach die Umstände, die Erfordernisse der Lage. Es gibt konservative Staatsmänner, die mehr in liberalem Sinne regiert haben, und liberale, bei denen das Umgekehrte der Fall war. Auch Herr v. Miquel hat den Ministersessel im preußischen Finanzministerium schwerlich mit der Absicht bestiegen, feine Amtszeit dem Dienste der konservativen Partei zu weihen, und doch werfen die Liberalen ihm das vor. Man muß eben bedenken, daß ein Staatsmann, der nicht als Parteiführer die Leitung einer Regierung übernimmt, große Rücksicht auf die bestehenden parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse nehmen und statt gegen Wind und Wellen zu fahren, leicht bestrebt I fein wird, feine Segel nach der herrschenden Luftströmung zu stellen. Man kann das nicht ohne weiteres als verwerflich bezeichnen, weil hierin ost die einzige Möglichkeit liegt, vorwärts zu kommen. Nur soll man nicht schwanken, eine Regierung, die heute liberal und morgen konservativ regiert, ein Zickzackkurs taugt unter keinen Umständen etwas. Die „National-Ztg." hat nicht Unrecht, wenn sie in dieser Beziehung die Haltung der Regierung bei der Kanalvorlage als abschreckendes Exempel konterfeit:
Gießen, 2. November 1900.
•* Sarafate-Konzert. ES ist vielfach die Ansicht verbreitet, Frau Berthe Marx-Goldschmidt wirke ledig- lich als Begleiterin im Vereins-Konzert am Sonntag mit.
An der Schwelle der Reichstags-Verhandlungen.
Vom Zusammentritt des Reichstages trennen uns nun» Mehr nur noch zwei Wochen; man merkt es an dem immer lebhafter werdenden Pulsschlag dcS politischen Lebens. Der , Ruf zur Sammlung", den einst Herr v. Miquel erschallen ließ, ergeht jetzt von allen Parteileitungen an ihre Getreuen, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß der parlamentarische Winterfeldzug in diesem Jahre heißer werden wird, als viele Jahre zuvor.
Mehrere Umstände haben zusammengewirkt, um die Zuzuspitzen. Da ist zunächst die Chinaexpedition, welche Geldsummen gekostet hat, die schon fast die Höhe Hes ordentlichen Etats erreicht haben, ohne daß sie, was besonders hervorzuheben ist, vom Reichstage bewilligt wurden. Die Chinafrage wird heftige Debatten provozieren, aber ganz gewiß noch heftiger dürfte die Frage der Erneuerung der Handelsverträge die Geister aufeinanderplatzen lassen. Zahlreiche Kreise und Jnteressenten- gruppen erblicken in der Art, wie das geschieht, eine Existenzfrage, und zugleich fallen bedeutsame politische Bestrebungen damit zusammen, indem der Liberalismus nicht undeutlich die Erwartung auöspricht, daß er im Falle einer Niederlage des „Agrarkonservatismus" selbst ans Ruder gelangen werde. Von beiden Seiten werden die größten Kraftanstrengungen gemacht, um das Feld zu behaupten, und auch an dem neuesten Ansturm gegen den Grafen Posa- öowsky sind offensichtlich dahingehende Bestrebungen mit beteiligt. Zu dem allen kommt noch der Kanzler wechsel, der nicht nur in verschiedenen Parteilagern Hoffnungen und Bffürchtungen mannigfacher Art erregt, sondern auch die Kampflust anftachelt, weil ein jüngerer Mann an die Spitze der Geschäfte getreten ist, der selbst Rede und Antwort stehen wird, statt, wie sein Vorgänger that, die Staatssekretäre und Minister für sich reden zu laffen.
Ueberall scheint die Stimmung zwischen Hoffnung und Sorge zu schwanken. Für die Auffassung der konservativen Kreise sind folgende von der „Kreuzzeitung" । wiedergegebene Auslassungen der „Schlesischen Zeitung" bezeichnend:
I Das ist indessen eine ganz irrige Annahme. Die Dame I ist eine Pianistin von großer Bedeutung, eine Schülerin I Steffen Hellers, die nur als Solistin sich hören laßt. I Die Begleitungen am Klavier hat, wie ja auch das Pro- I gramm sagt, Herr Otto Goldschmidt, der Gatte der I Künstlerin, freundlichst übernommen.
•• Französische Vorträge. Wie im Annoncenteil an- I gezeigt, wird Lektor Goetschy die für dieses Semester | angekündigten sechs französischen Vorträge schon am I 14. November beginnen, und zwar wird er in seinem I ersten Vortrag die Frage von dem „Einfluß derFrauen I auf die französische Litteratur" überhaupt be- I sprechen.
•* Vortrag. Wie im Inseratenteil angekündigt, wird I auf Veranlassung des Kaufmännischen und des Ortsgewerbe- I Vereins Dr. Alexander Olinda am kommenden Mon- I lag im Theatersaale eine Allers -Soiree vorführen. I C. W. AllerS ist einer der bedeutendsten und originellsten I der jetzt lebenden Zeichner. Seine Schöpfungen: „Die I silberne Hochzeit", „Klub Eintracht", „Eine Hochzeitsreise I durch die Schweiz", „Hinter den Koulissen des Zirkus I Renz", „Spree-Athener", „Fürst Bismarck in Friedrichsruh", I „Unser Bismarck", „Capri", „Unsere Marine", „La bella I Napoli“, „Die Hochzeitsreise nach Italien", „Das deutsche I Jägerbuch" find Meisterwerke, die auch noch nach Jahr- I Hunderten ihren Wert, ihre Bedeutung behalten werden. I Sich selbst übertroffen hat aber Allers in den Zeichnungen, I die er von seiner neuesten Reise um die Welt heimgebracht. I Die Vorführung dieser ganz einzig in ihrer Art dastehenden I Bilder begleitet ein teils geographisch-wissenschaftlich, teils I humoristisch gehaltener, fesselnder Vortrag Dr. Alexander I Olindas, dessen Vorträge in den Wiffenschaftlichen, I Bildungs-, Kaufmännischen und Gewerbe-Vereinen stets die | reichste Anerkennung geerntet haben.
I O Befitzwechsel. Die Hofraite des Zimmermeisters I Ruckstuhl, Asterweg 55, einschließlich des angrenzenden I Zimmerplatzes ging für 31000 Mk. durch Kauf in den I Besitz des Bäckermeisters Loeber über.
| 0 Geliindeankaus. Die Stadt verhandelt durch einen
Vertrauensmann schon längere Zeit mit den betreffenden | Eigentümern wegen Ankaufs von Gelände auf der Höhe des Seltersberges, auf dem die weiteren projektierten Kliniken errichtet werden sollen. Zum Teil find schon für 5 Mk pro Quadratmeter Verkäufe vorbehaltlich der staatlichen Genehmigung abgeschlossen, während andere Besitzer des benötigten Geländes je nach beffetr Sage erklären, es unter 8 und 10 Mark nicht berqeben zu wollen.
** Jubiläum. Gestern waren es 30 Jahre, daß unser städtischer Gasmeister F r e i d r i ch M a y in Diensten des hiesigen Gaswerks steht. Gut geschult in namhaften Maschinenfabriken, insbesondere auch bei Riedinger in Augsburg, der im Jahre 1856 unser Gaswerk erbaute, hat Herr May nicht nur seines Amtes als Gasmeister ! immer in treuer Pflichterfüllung gewaltet, sondern auch bei den mancherlei Umgestaltungen des Werkes, die dasselbe seit seinem Bestehen erfahren, fleißig mitgearbeitet, insbesondere a^cl) bei den bedeutenden Erweiterungen der Anlage seit deren Uebergang in städtischen Besitz. Direktor Bergen nahm gestern Veranlassung, dem Jubilar ferne Anerkennung und Glückwünsche auszu- sprechen. Auch die Beamten und die Arbeiter des Gas- und Wasserwerks schlossen sich diesen Glückwünschen an und gaben der .Hoffnung Ausdruck, daß es dem Jubilar bei guter Gesundheit noch lange Jahre vergönnt sein möge, seines Amtes zu walten.
*• Neue Ansichtspostkarten. Eine Reihe neuer Ansichtspostkarten ist soeben in der Hof- und Universitätsbuchhandlung von August FreeS, Seltersweg, erschienen. Außer einer kolorierten, geschmackvoll ausgestatteten Totalansicht von Gießen liegt uns eine sprechend ähnliche Karte mit dem sprechend ähnlichen Porträt des Großherzogs vor. Alle Liebhaber einer echten Künstlerpostkarte dürfte die Mitteilung interessieren, daß Meister Lenbach eins seiner intimsten und reizvollsten Gemälde, die er im Jahre 1900 geschaffen, das Porträt des Prinzregenten Luitpold von Bayern, auf einer Postkarte hat wiedergeben laffen, auf der die unvergleichlich feine Art des Lenbach'fchen Kolorits und seiner Pinselführung unverkennbar zu Tage treten. Die Reproduktion ist in allen zartesten Farben- mian^cn ganz vorzüglich gelungen und erregt im Schaufenster der genannten Firma die Bewunderung der Vorüber- aehenden. — Eine nicht minder hübsche Serie neuer Ansichten von Gießen ist im Verlage von Karl Bourgeois, Markt 1, erschienen. Die uns vorliegenden, in weißem Prägedruck auf verschiedenfarbigem Untergründe
Wir wollen keineswegs leugnen, daß an gewissen Stellen im kon- leLDI?lU)e,l.2aß«rr Meinung verbreitet ist, Graf Bülow habe als Staats- fekretär des Auswärtigen die landwirtschaftlichen Interessen Nicht in dem Maße berücksichtigt, als es wünschenswert gewesen eS’<?r“nbeteä ist es, ob Graf Bülow als Verwalter eines Ä“*?/ ^begrenztes Ressort vertritt, und etwas Ederes, ob er als Reichskanzler für die Gesamtpolitik des Reiches ver- antwortbch ist. Zudem ist, wie man nicht aus den Augen verlieren darf, die erwähnte Meinung ««s Grund unverbürgter Nachrichten entstanden. So war erst bei Ge^genhert des Kanzlerwechsels noch das Gerücht verbreitet worden daß Graf Bülow beim Fleischbeschaugesetz sehr entschieden gegen die Beschlüsse der Kommission und der zweiten Plenarbe7atuna eingetreten und ein sehr scharfer Gegner des Doppeltarifs sei, und dieses 'Ge-ücht ist wenige Tage darauf von authentischer Seite als unrichtig bezeichnet worden. Es empfiehlt sich also, in dieser Hinsicht vertrauensvoll abzuwarten; schon in der nächsten Zeit werden über alle jene Dinge i '
unzweideutige Aufklärungen erfolgen müssen. Die freihändlerische Linke I Kanzler nicht Mehr vorkommt uno stimmen Darin mit der macht es, so lange eben Graf v Bülow noch auf dem innerpolitischen " """
Gebiete ein „unbeschriebenes Blatt" darfiellt, zur Hauptaufgabe, die „agrarischen" Parteien anzuschwärzen und sie zu unbesonnenem Vorgehen herauszufordern. Es könnte aber keine falschere Taktik eingeschlagen werden, als daß man Freihändlern den Gefallen thäte, dem neuen Reichskanzler von vornherein mit Mißtrauen entgegenzutreten oder ihn mit weiigehenden Forderungen zu bestürmen. Damit würde man nur die Wukung erzielen, den Grafen Bülow schon von Anfang an zu verstimmen und ihn dem von freihändlerischer Seite beharrlich genährten Glauben näher zu bringen, daß es in der That unmöglich sei, die „Agrarier" zu befriedigen und mit ihnen im Frieden zu leben. Verbreitet also jetzt die Linke Lesarten über den neuen leitenden Staats, mann, die ihn besonders in wirtschaftlicher Hinsicht als den liberalen Auffassungen zunetgend erscheinen lassen, so ist die Absicht leicht erkennbar. Mag auch in manchen Fällen hierbei der Wunsch Vater des Ge- dank-ns sein, so kann der Zweck dieser absolut unverbürgten Ausstreuungen doch nur der sein, die .Agrarier" kopfscheu zu machen und sie- aufzureizen. Hören die in den letzten Jahren üblichen Schwankungen
Amtlicher Heil.
Gießen, 1. November 1900.
Betr.: Feier des Geburtstages Seiner König!. Hoheit des Großherzogs und Ihrer König!. Hoheit der Großherzogin.
Die Großh. Kreisschulkommissilm Gissten
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir beauftragen Sie, rubr. Feier am 24. d. Mts. in
-der seither üblichen Weife in den Ihnen unterstehenden Schulen feiern zu lassen.
v. Bechtold.,


