Ausgabe 
3.10.1900 Zweites Blatt
 
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Nr. 23t Aweitcs Blatt. Mittwoch dm 3 October 150. Jahrgang 1900

Gießener Anzeiger

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Die Wirren iti China.

Von denjenigen Seiten, die die deutsche Chinapolitik bekämpfen und überhaupt von einer überseeischen Aus­dehnung nichts wissen wollen, werden bekanntlich sehr heftige Angriffe gegen die Missionare gerichtet, die man in erster Linie, wenn nicht ausschließlich, für -den Ausbruch des Fremdenhasses in China verantwortlich macht. Daß die Missionen im Zusammenhang mit andern Erschein­ungen, wie dem Vordrängen europäischer Kultur im all­gemeinen, gegen chinesische Anschauungen und Vorurteile verstoßen haben, liegt auf der Hand, und es kann auch nicht bestritten werden, daß von feiten mancher Missionen Fehler begangen wurden, die zur Aufreizung weiter Be­völkerungsschichten beigetragen haben. Soweit wir bis jetzt sehen konnten, haben sich solche Vorwürfe Weniger gegen die deutschen Missionen gerichtet als gegen die anderer Nationen. Unter diesen Umständen ist es von be­sonderem Interesse, die Verhandlungen des allgemeinen evangelisch-protestantischen Missionsvereins zu verfolgen, dessen Jahresversammlung am 27. September in Hamburg abgehalten wurde. Auf dieser Versammlung hat der Rektor der Berliner Universität, Professor Harnack, einen Vortrag gehalten, der sich durch große Sachlichkeit und Heranziehung neuer Gesichtspunkte auszeichnet. Er verteidigt die Missionare gegen den Vorwurf, als ob sie allein den Fremdenhaß hervorgerufen hätten. Denn wenn auch wohl manches von ihnen versehen worden sei, so habe sich doch das Eindringen einer neuen Religion in ein Land noch niemals ohne schwere Krisen vollzogen, die nm so heftiger seien, je hoher das Volk entwickelt ist. Sodann tritt Harnack mit großem Nachdruck dafür ein, daß zu Gunsten der christlichen Mission niemals Ge­walt einzufetzen oder Gewalt für sie anzurufen sei. Damit die Mission möglichst unabhängig bleibt von politischen Verwicklungen, sollen nicht die Landeskirchen als solche Mission treiben, sondern, wie bisher, freie private Vereine". Die Versammlungerklärte sich mit Harnack in allen wesentlichen Punkten einverstanden". Zugleich aber -be­grüßt siealle staatlichen Bestrebungen mit Freude, die die Hüter der christlichen Gesittung und der Gewissens- und Religionsfreiheit schützen und ihre Verbreitung fördern".

Es ist bis heute nicht bekannt, ob das Edikt über die Bestrafung des Prinzen T u a n und anderer hoch­gestellter Rädelsführer echt ist; auch fehlt es noch an einem Beweise, ob die chinesische Regierung, die Echtheit vorausgesetzt, ihm auch wirklich praktische und ausreichende Folge geben will. Auf solche kaiserliche Erlasse ist ver­zweifelt wenig'Verlaß, und es geschieht nicht selten, daß sie innerhalb 24 Stunden widerrufen oder in ihr Gegen­teil verkehrt werden. Bevor man also auf diese neueste Meldung große Hoffnungen baut, wird man abznwarten haben, ob und inwieweit sie sich bestätigt. Was wir schon wiederholt über die Unzuverlässigkeit, und somit in diesem Falle über die Unzulässigkeit chinesischer Gerichtsver­fahren gesagt haben, bleibt auch jetzt bestehen, wie über­haupt die Bedeutung des Edikts im wesentlichen darin zu suchen wäre, daß die chinesischen Machthaber einsehen und anerkennen, daß ein Widerstand gegen die Mächte ganz aussichtslos ist. Unter eben diesem Gesichtswinkel wird die Nachricht von einem andern kaiserlichen Edikt betrachtet werden müssen, der das Bedauern über die .Ermordung des Herrn v. Ketteler ausspricht und ein'e, große Trauerfeierlichkeit in Aussicht stellt. Auch ein solcher Erlaß würde nur die Bedeutung eines An­zeichens haben dafür, daß die chinesischen Machthaber einzulenken gesonnen sind. Wir möchten darauf Hinweisen, daß dre Veröffentlichung dieser Edikte zusammenfällt mit dem neuerdmgs wieder schärfen gewordenen militärischen Vorgehen der Mächte. Das Bombardement und die Erober­ung von Peitang, die militärischen Erkundungszüge in der Umgebung von Peking, die Vorbereitung von Expeditionen nach Paotingfu und.Schanhaikwan können den chinesischen Machthabern schon sehr wohl bekannt sein und dazu bei- Hetragen haben, ihre wohlberechtigten Bedenklichkeiten zu vermehren.

DemStandard" wird aus Shanghai vom 28. v. M. gemeldet: Im hiesigen Arsenal wird Tag und Nacht an der Herstellung von Kriegsmaterial ge­arbeitet, das nach dem Norden und Westen verschifft wird. Wie verlautet, verstärken die Vizekönige am Pangtse schleunig die Verteidigungsmittel der Flußhäfen. Die Times" erfährt aus Peking vom 24. v. M.: Wie amtlich gemeldet wird, waren die Engländer aufgefordert worden, an dem Angriffe auf Peitang teilzunehmen; da sie aber zu spät eintrafen, fanden sie das Fort bereits im Besitze der Russen, Franzosen und Deutschen. Aus Hong­kong wird derTimes" vom 28. v. M. gemeldet, daß die Unruhen am Ostflusse sich weiter ausbreiten. Dw rheinische Mission in Tungkun sei zerstört Horden, und eine strenge Bewachung des Hinterlandes von Kautung würde daher nötig sein.

Ans Tientsin wird vom 28. gemeldet: General Gaselee ist heute morgen hier eingetroffen und wird nach! einem Besuch beim Feldmarschall Grafen Waldersee sich natty Taku begeben, um Admiral Seymour einen Besuch ab- zustatten. Nach seiner Rückkehr wird eine Besprechung der Befehlshaber der verbündeten Truppen abgehalten wer­den. Gestern abend wurden von den Deutschen zu Ehren des Grafen Waldersee ein Fackelzug und Zapfenstreich ver­anstaltet.

Die 2. Division des ersten deutschen Ge­schwaders traf am 28. September in Taku ein.

DieTimes" veröffentlichten heute folgendes Tele­gramm aus Shanghai, 29. September: Der chine­sische Kaiser hat an den deutschen Kaiser einen Brief folgenden Inhalts gerichtet:

Der Kaiser von China entbietet dem deutschen Kaiser seine Grüße. Ein plötzlicher Aufstand in China hat die Ermordung Ihres Gesandten zur Folge gehabt. Meine Untertanen haben schlecht gehandelt und leider sind alle freundschaftlichen Beziehungen zwischen uns abgebrochen worden, was ich tief bedaure. Ich habe heute Befehl erteilt, daß der hohe Rat Kongan der Leiche des getöteten Gesandten die Trauerehren erweise und daß Li-Hung- Tschcmg und Liukunyi aus allen Kräften die Ueberführung des Sarges nach Deutschland erleichtern. Außerdem habe ich meinen Gesandten in Berlin angewiesen, ebenfalls der Leiche bei ihrer Ankunft die Trauerehren zu erweisen. Ich drücke Ihnen über das Geschehene mein tiefes Bedauern aus umsomehr, als vorher unsere Länder im besten Frieden miteinander lebten. Ich richte nunmehr an Sie die Bitte, in unserm gemeinsamen Interesse die Verhandlungen zu eröffnen, um den ewigen Frieden wieder herzustellen.

.. (gez.:) Kuangsü".

Feldmarschall Graf Waldersee hat nach seinem Ein­treffen in Taku am 27. v. M. seine militärische Thätigkeit in Petschili begonnen.

Aus Tientsin wird vom 27. gemeldet: Feldmarschall Graf Waldersee ist heute nachmittag hier eingetroffen. Bei seiner Ankunft hatte eine Ehrenwache aus Truppen aller verbündeten Mächte auf dem Bahnhofe Aufstellung genommen. Der deutsche Gesandte Mumm v. Schwarzen­stein ist am 29. dort eingetroffen und vorläufig im deutschen Konsulat abgestiegen. Die Witwe des Gesandten Frhrn. v. Ketteler fährt auf dem deutschen DampferHalle" nach Japan.

Der Petersburger Regierungsbote veröffentlicht ein Telegramm des Gesandten v. Giers aus Taku vom 27. ds., worin es heißt: Auf allerhöchsten Befehl fahre ich mit der ganzen Gesandtschaft nach Tientsin.

Wie der russische Admiralstab bekannt giebt, trat Vize­admiral Skrydlow am 20. September den Oberbefehl über das Stille Ozean-Geschwader an und setzte seine Flagge aus dem Kreuzer Rossija vor Taku. Der bisherige Chef des Stillen Ozeangeschwaders, Vizeadmiral Hilde­brandt, ist in Petersburg eingetroffen.

Ein Telegramm aus Taku vom 28. September meldet, daß die kombinierte Land- und Schiffsexpedition nach Schau haikw an, die am 1. ds. von Taku abgehen soll, aus 4000 Mann Landtruppen bestehen solle. Die Flottenstärke sei noch nicht bestimmt. Südlich von Schau- haikwan sollen die Truppen gelandet werden, um mit einem beträchtlichen, bereits auf dem Wege dorthin befindlichen russischen Kontingent zusammen vorzugehen.

DerDaily Expreß" meldet aus Schanghai: Die Verbündeten ergriffen Besitz von Schanhaikwan und hinterließen eine starke Besatzung, um es gegen die Boxer zu halten, die offenbar einen neuen Angriff beab­sichtigen. Die Deutschen marschieren in starker Kolonne nach Tongschwang, um die Kaipung Minen zu beschützen, die unter der Direktion Tschangyin Maos die Arbeit wieder ausnehmen werden. Die Engländer ergreifen starke Maß- regelu, um die Russen an der Besitznahme von Tiai- Tschwang-Tai zu hindern.

Aus Tientsin wird vom 28. September telegraphiert: Die Vorbereitungen zur Zurückziehung der amerikanischen Truppen haben begonnen. Es verlautet, ein Regiment Infanterie, eine Schwadron Kavallerie und eine Batterie Artillerie würden in Peking zurückgelassen zum Schutz der amerikanischen Interessen. Der Rest der Truppen geht nach Manila.

* * *

Telegramm des Gießeuer Anzeigers.

London, 2. Oktober. Li-Hung-Tschang erklärte in Tientsin, daß die Auslieferung der Boxerführer unannehmbar sei, weil dies eine Herabsctzuug Chinas zu einem Vasallenstaate gegenüber Europa sein würde. Ebenso könnte eine Hinrichtung des Prinzen Tuan

nicht zugestanden werden, weil an einem kaiserlichen Prinzen dieser Akt nicht vollzogen werden dürse.

London, 2. Oktober. Die Russen haben den Pe­kinger Sommerpalast regelrecht ausgeraubt. Große Kisten lagern zum Abgang nach Rußland bereit. Die Ver­luste, die die reichen Chinesen erleiden, sind sehr bedeutend, da auch die Engländer plünderten. Von wohl informierter chinesischer Seite wird dem Korrespondenten derMorning Post" berichtet, TuanS Tod würde die Krisis vereinfachen. China benutze den gegenwärtigen Waffenstillstand, um seine Waffenvorräte zu ergänzen.

Petersburg, 2. Oktober. Angesichts der Depeschen über die Absetzung und die Bestrafung der Häupter der Boxer, unter denen sich auch kaiserliche Prinzen wie Tuan an der Spitze befinden, sowie angesichts der Bereit­willigkeit des Kaisers von China, das Grab Kettelers per­sönlich zu besuchen, wird mächtig zum Rückzug geblasen. Die Blätter erwarten einen sofortigen Beginn der Friedensunterhandlungen und Einstellung der Feindseligkeiten. Es verlautet, der russische Einfluß durch Li Hung-Tschang habe diesen Umschwung am chi­nesischen Hose bewerkstelligt.

Washington, 2. Oktober. Wie verlautet, beabsichtigt die amerikanische Regierung, in ihren Verhandlungen die Kaiserinmutter ganz bei Seite zu lassen und nur mit dem Kaiser zu verhandeln. Der General Chaffee traf bereits die Auswahl unter den amerikanischen Soldaten, die in Peking überwintern werden. Der amerikanische Ge­sandte in Peking, Conger, telegraphierte am 27. September, daß Prinz Tsching ihm die Namen von drei weiteren Friedensvermittlern angegeben habe, nämlich Tsong-Li, Ju- Kun-Gi und Tschung-TschstTung.

Der Krieg in Südafrika.

Die schon seit mehreren Wochen in Aussicht gestellte Ernennung des Feldmarschalls Lord Ro­berts zum Oberbefehlshaber der Armee an Stelle des Feldmarschalls Lord W o l s e l e y wird nun pmt- lich mitgeteilt. Vermutlich wird Lord Roberts bald Süd­afrika verlassen, wo es ihm nicht nur -richt beschieden war, neuen Ruhm zu erwerben, sondern er sich auch um den Ruf eines wohlmeinenden und großherzigen Soldaten brachte, der ihn seit seinen erfolgreichen Feldzügen in Indien auszeichnete. Seine völkerrechtswidrigen Prokla­mationen, sowie die Erschießung des früheren Transvaal- Offiziers Cordua bilden für alle Zeiten einen Flecken auf der Ehre des Siegers von Kandahar. Es bleibt dabei freilich die Frage offen, wie weit Lord Roberts bei seinem unentschuldbaren Thun aus eigenem Antrieb ging unb wie weit er dabei unter dem Einfluß des Herrn Chamber­lain stand. Die Kriegslage in Südafrika wird Lord Ro­berts nicht zurückhalten, seinen Posten in London zu übernehmen. Von einer ordentlichen Kriegführung kann weder in Transvaal, noch im Oranjefreistaat mehr die Rede sein, und was dort noch zu thun übrig bleibt, darf ruhig Minder bewährten Führern überlassen bleiben. Ruhm ist bei der Erfüllung der Aufgabe, die noch der Losung harrt, ohnehin nicht mehr zu gewinnen. Welche Bedeu­tung der nachstehenden Meldung aus London beizumessen ist, wird sich wohl bald ergeben:

DieMorn. Post" erfährt aus Pretoria vom 29. Sep­tember : Barend Vorster, eines der schlimmsten Mit­glieder der alten Volksraad-Partei, hat im Distrikt Zontpansberg eine Republik hergeftellt. Botha sei mit 2000 Buren abmarschiert, um sich Vorster in Petersburg anzuschließen."

Das Reutersche Bureau meldet aus Lourenzo Marques: Der DampferStyria" vom österreichischen Lloyd geht mit 400 Flüchtlingen aus Transvaal in See. Es befinden sich darunter die italienischen, irischen, amerikanischen und französischen Kontingente. Mle Ausgaben an Bord trägt die Transvaal-Regierung, außerdem erhält jeder Flüchtling 10 Pfund Sterling Md hat freie Wahl bezl. des Hafens, wo er landet.

Aus Lourenzo Marques wird gemeldet: In Komatipoort fand eine furchtbare Explosion statt, während die Engländer die von den Buren iin Stiche gelassene Munition vernichteten. 20 Go r d o n - h vchl ander wurden getötet. Weitere Nachrichten aus Komatipoort besagen, daß durch die Explosion nicht 20 englische Soldaten getötet wurden, sondern nur zwei. Da­gegen wurden 18 Mann verwundet, darunter ein portu­giesischer Soldat.

Aus Pretoria wird vom 1. Oktober gemeldet: Ba den-Piowell übernimmt morgen das Kommando der P o l i z e i t r u p p e für Transvaal und den Oranje-Frei flaut Es ist eine Polizeitruppe von 12 000 Mann borge schlagen.