Nr 231 Drittes Blatt. ÄUttwoch den 3- October 15V. Jahrgang looo
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Ans Stadt und Land.
Gießen, 2. Oktober 1900.
** Dem seither widerruflich angestellten Lokomotivführer in der Hessisch-Preußischen Eisenbahngemeinschaft Peter Gern and I. zu Gießen wurde die unkündbare Anstellung in der Hessisch-Preußischen Eisenbahngemeinschast verliehen. — Zum Steueraufseher wurde ernannt der Steuerausseheraspirant Peter Kratz aus Lörzweiler.
** Der Verein für Handlungs-Kommis von 1858 (Kaufmännischer Verein in Hamburg) ist von dem Bestreben geleitet, die Stellenvermittlung, den Hauptzweck des Vereins, weiter auszubauen und namentlich für die im Jnlande Stellung suchenden Mitglieder die Chancen hinsichtlich Erlangung eines ihren Wünschen entsprechenden Postens zu erhöhen. Die Verwaltung dieses bereits über 60 000 Angehörige zählenden Vereins errichtet mit dem 1. Oktober d. I. in Frankfurt a. M. eine selbständige Stellenvermittlungs-Abteilung für Frankfurt a. M. und Umgegend. Bewerbungen um Stellung in Frankfurt und den Nachbarorten werden für die Folge ausschließlich von der dortigen Filiale bearbeitet.
„i“ Kinzenbach, 1. Oktober. Endlich ist in unseren reichen Zwetschensegen etwas regen Fluß gekommen. Ein Händler aus Köln ist hier eingetroffen, um vier Waggon zu verladen. Nach getroffener Vereinbarung erhalten die Leute 2,20 Mk. per Zentner. Die Lieferanten haben auch weiter keine Umstände; sie bringen ihre Zwetschen auf die hiesige Station, wo sie gewogen und in die bereitstehenden Eisenbahnwagen geschüttet werden.
„e“ Launsbach, 1. Oktober. Gestern sand hier in der Psaff'schen Wirtschaft die dritte Handwerker-Versammlung des Kreises Wetzlar statt, die diesmal vorzugsweise von Handwerkern der Bürgermeisterei Launsbach besucht war. Auch jetzt wieder wurde Anregung zu weiterem Zusammenschluß gegeben. — Unser erster Lehrer Hoffmann ist auf p.inen Wunsch vom 1. Oktober ab nach Heddersdorf, Kreis Neuwied, versetzt. Die dadurch vakant gewordene Stelle gehört mit zu den bestdotierten Stellen der Bürgermeisterei Krofdorf und genießt daneben noch den Vorzug, eine überaus gut eingerichtete Lehrerwohnung zu besitzen.
Butzbach, 1. Oktober. Bei dem hiesigen Bataillon traten heute 10 Einjährig-Freiwillige ein, davon sind drei aus Butzbach. — Hauptmann Th Lesen, der an Stelle des zum Major beförderten seitherigen Hauptmanns Melchior von Büsch (Elsaß) nach hier versetzt wurde, übernahm heute die Führung der 3. Kompagnie.
Sin neues Dokument rur Urgeschichte des Werther*).
In einem Buche „Goethe in Wetzlar" erwähnt Wilhelm Herbst eine Garbenheimer Dorftradition, wonach der eine Sohn der jungen Frau in Werther, der, wie im Roman auch in Wirklichkeit Hans, und zwar Hans Bamberger geheißen habe und später nach Norddeutschland ausgewandert sei, sich bei Teilung des kleinen Erbes seiner Mutter statt alles anderen den Holzstuhl auSgebeten habe, ?U' einst unter den Linden gesessen. Ich war
so glücklich, das Schriftstück aufzufinden, aus dem diese Tradition beruht. Der Brief, der eine Reihe intereffanter Einzelheiten des Werther enthält, zeigt, daß jenes von Herbst referierte Gerücht nur annähernd das Richtige wiederaab. Ich lasse zunächst den Brief im Wortlaut folgen:
m v Braunschweig, den 12. Xer 1838.
Villgeltebter Bruder Hannes ich habe von Meinem Sohn gehört das du den Für mtch So merkw'lchen** ***)) Stühl von gerüßamell"'**) hast dießen Stuhl habe ich So Vill mahl unter die Linde getragen wo ihm unsere Selige liebe mutter Mußte immer The mußte machen und er ihn unter der Linde getrunken hat auch nach den letzen abend vor Seinem ende uoch da getrunken hat und mich den abend noch alleine mitnahm weil er mich Vor allen andern Vorzog bis an den Trauben © t e i nf) wo er Sich hinsetzte und mich auf den Schos nahm und mich So Vill Küßte und mir dan einen Laub Stahler-j-f) gab und Sagte ich Solte nun zu Haus gehen und die Eltern grüßen als er das Sagte lifen ihm die Tränen über die backen und leider den andern Morgen um 6 uhr kam Schon ein botte das er Sich er Schossen ich und mein
*) Wir entnehmen diesen Aufsatz dem „EupboriSm, Zeitschrift für Litteraturgeschichte, herg. von August Sauer", VII. Bd. 2. Heft. (Jährlich erscheinen 4 Hefte, Preis deS Heftes 4 Mk. Verlag von Karl Fromme in Wien.)
**) merkwürdigen.
***) Dialektischer Anlaut und Metathesis der Endsilbe. Es soll Jerusalem heißen.
t) Auf halbem Weg zwischen Wetzlar und Garbenheim. Lanbthafer^ ^lginal nicht ganz deutlich, ich lese Laubsthaler gleich
-pp- Bad-Nauheim, 1. Oktober. Die zu Ende gehende Saison hat uns am Sonntag im Kurhaussaal noch einen Kammermusikabend der Frankfurter Quartettvereinigung gebracht, der wie die zwei vorausgegangenen den Kunstfreunden nur Befriedigung gewährte. Mozart, Beethoven, Haydn erschienen aus dem Programm und fanden durch die Herren Hock, Dippel, Allekotte, App an eine von lebhaftem Beifall gefolgte Wiedergabe.
Darmstadt, 1. Oktober. Das Präsidium des Landesverbandes der Kriegerkameradschaft „Hassia" widmet dem Prinzen Heinrich von Hessen in der jüngsten Nummer seines Organs, der „Parole", folgenden Nachruf:
Am 16. September ist Se. Großh. Hoheit Prinz Heinrich von Hessen in München, wo er seit sieben Jahren seinen Wohnsitz genommen hatte, verstorben, mit ihm der letzte Bruder unseres unvergeßlichen Großherzogs Ludwig IV. Der hohe Verblichene, welcher die Feldzüge 1864, 1866 und 1870 mit großer Auszeichnung mitgemacht hatte, war unserer Hassia immer ein huldreicher Gönner und Förderer. Dreizehn Jahre lang, von 1881—1894, führte er das Ehrenpräsidium des Verbandes, und auch nach seinem Wegzug von Darmstadt bewahrte er unseren Bestrebungen stets ein freundliches, reges Jntereffe. Das Jahr 1900 ist für unser geliebtes hessisches Fürstenhaus wahrlich ein Jahr ernster Prüfungen und tiefer Trauer geworden und wir alte Soldaten nehmen an diesen Schicksalen eifrigsten Anteil. Unfern Prinzen Heinrich aber werden wir allezeit, neben feinen in Gott ruhenden Brüdern, in treuem, dankbarem Gedächtnis behalten.
-m- Darmstadt, 30. September. Am 4. Oktober, nachmittags 3 Uhr wird hier im Saale des Darmstädter Hofes der Hessische Zweig des großen „Jnternatio- nalenVereinsderFreundinn en junger Mädchen" unter dem Vorsitz der Gräfin zu Erbach- Schönberg eine Konferenz abhalten. Das Verständnis für die segensreiche Arbeit dieser fast über alle Länder oer Erde verbreiteten Vereinigung ist in stetem Wachsen begriffen, und die Mitteilung, daß dem Verein und seinem Wirken jetzt in Paris die goldene Medaille zuerkannt wurde, wird gewiß, bei allen Mitgliedern lebhafte Genng- thuung erwecken. Auch in unserer Stadt hat i>iefe Arbeit einen guten Boden gefunden. Wir sehen, daß,die Unterhaltungsabende zahlreich besucht sind und daß die jungen Mädchen mit großer Freude an ihnen teilnehmen. Dadurch, daß im Marthahaus durch die Beihilfe des Vereins und vorzüglich durch die reicye Gabe der Vorsitzendeu ein prächtiger Raum, dessen Einweihung demnächst bevorsteht, geschaffen wurde, können die Versammlungen nun in ausgedehnterem Maße stattfinden, und den Besucherinnen kann mehr geboten werden wie bisher. Eine besondere Anregung wird die Konferenz durch die Anwesenheit der verdienten Schriftführerinnen Fräulein A. und H. Vollmar aus Berlin erhalten. Beide Damen stehen im Mittelpunkte der Arbeit und haben über zwei wichtige Fragen Vorträge zu halten zugesagt. Mit dem kurzen Hinweis für Ferner- stehende, daß es oas Hauptziel der Freundinneu fft, jedem
lieber Vatter und mutter gingen gleich nach Wetzlar als wir hinkamen lebt er noch weil der Schos ander Saite bei dem uhr durch gegangen der Oberpfahrer Reis Sas bei Seinem bett und bette ehm was Vor ergab mit einer bewegung mit dem zu Verstehn das er oles Verstand ich und meine Eltern Musten zu ihm an das bett treden wo er uns allen die Hand gab & So hat er noch 24 Stunde gelebt nun kanst du lieber bruder Selbst d'ch an meine Stelle denken wie wichtig mir dißer Stuhl ist ich bitte dich lieber bruder die größte liebe die du mir als bruder erzeigst wan du mir disen mir zu Merkwircklichen Stuhl Schückst meine Seelige Mutter Sagte mir noch als ich 1800 zu Haus war und meine Scheine zum Meister werden holte das ich nach ihrem Tod dißen Stuhl Solte haben Sie ist aber nun tobt und hat es Vergeßen mich zu sagen ich bin Best über zeugt hätte Sie es auch gesagt das ihr mir ihn geschückt nun bitte ich dich lieber bruder das du mir die einzige bite nicht abschlegst und mir dißen Stuhl Schückst was du dafür Verlangst wil dir gerne als dein Elster bruder bezahlen las mich aber nicht Vergeblich biten und Schicke ihn mir du Must die beine herausmachen und die leine*) losmachen und mache dann eine kleine Kiste und pakke ihn ein und dann Mache das Zeichen H. B. und einen frachtbrief mit dem- Selben Zeichen dabei und Schicke ihn nach Gißen (Gießen) in das Gasthaus zum Hirsch da hatt mir auch der Selige Vatter die butter hingeschickt und ich habe es immer erhalten die Attreße Anden Schneider Meister Bamberger auf dem Bohllweg haus Nomero 1997 ich bin in der Veste erwartung und rechne auf deine Brüderliche liebe meine bite zu erfüllen alle die Kosten die du da Von hast will ich dir als rechtlichem Bruder bezahlen ich bitte noch wohl ihn mir Sobald als möglich zu Schücken eine größere Freundschaft kanst du mir nicht erzeigen als wenn du ihn mir Schückst
Jh Verbleibe dein dich liebender Bruder nebst Villen grüßen von uns Johann Heinrich Bamberger.
Der Brief beweist also 1. daß Goethe, wenn er seines Werthers Sommertreiben in Garbenheim schildert, ihm nicht blos Züge von sich selbst lieh, sondern daß auch Jerusalem oft und gerne die ländliche Stille des nahen Dorfes aufgesucht hat und trotz seines sonst bezeugten menschenscheuen und verschlossenen ja erbitterten und sarkastischen Wesens sich die innige Zuneigung der einfachen Naturkinder in ungewöhnlichem Grade zu erwerben wußte; 2. daß Jerusalem am nachmittag vor seinem Tode noch an seinem Lieblings
jungen Mädchen, dem bas Band ber eigenen Familie mangelt und das in den Gesichtskreis des Vereins tritt, freundliche Aufmerksamkeit zu schenken, und, wenn es nötig, ihm Hilfe und Schutz angedeihen zu lassen, wird nochmals darauf hingewiesen, damit keine der Freundinnen aus Darmstadt und den Nachbarstädten die Konferenz versäume. Gäste, von Freundinnen eingeführt, sind willkommen.
Mainz, 1. Oktober. Der in der jüngsten Stadtverordnetensitzung gestellte Antrag, Arbeiter zur Weltausstellung nach Paris zu entsenden, wurde vom Finanzausschuß ab gelehnt. Der Finanzausschuß erklärte, daß die Industrie stark genug sei, ihre Arbeiter aus eigenen Mitteln nach Paris zu schicken. In das städtische Budget soll aber ein Betrag eingestellt werden, um von Fall zu Fall die Entsendung von Arbeitern zu unterstützen.
Landwirtschaftliches.
Zur Herbstdüngung. Die Aussaat von Roggen und Weizen steht bevor; da ist es höchste Zeit, die Auswahl der besten Saatsrucht und der zweckmäßigsten Düngemittel zu treffen. Es empfiehlt sich daher, zwecks besserer Bestockung der Pflanzen, ein Düngemittel zu wählen, welches möglichst alle Nährstoffe, die zu einer gedeihlichen Entwickelung der Frucht notwendig sind, in sich vereint. Vielfach werden heutzutage Ammoniak- Superphosphate im Herbst angewandt, da dieselben sowohl Stickstoff, als auch Phosphorsäure, jedoch in künstlicher Mischung enthalten. In den letzten Jahren, nachdem der echte ausgeschlossene P e r u g u a n o „Füllhornmarke" von den Anglo-Eontinentalen (vormals Ohlendorffschen) Guanowerken im Preise erheblich ermäßigt worden ist, hat sich nun dieses natürliche Düngemittel nicht nur als vorzüglicher Frühjahrsdünger, sondern auch für die Herbstdüngung von Weizen und Roggen wieder Eingang verschafft. Die Frucht bestockt sich hierdurch besser, die Halme werden kräftiger und sind widerstandsfähiger gegen Lagern; die Aehren entwickeln sich ebenfalls besser und auch die Qualität der Körner ist nach dieser Düngung stets eine besonders gute. Peruguano vereinigt eben Stickstoff in den verschiedensten Verbindungen, welche sich allmählich im Boden zersetzen, mit Phosphorsäure in leichtlöslicher Form, sowie Kali, und da außerdem im Peruguano noch bedeutende Mengen von Kalkerden und gewisse Prozentsätze von Magnesia, Kieselsäure und Eisenoxyd vorkomchen, so enthält er alle Nährstoffe, die Pflanzen zu ihrem Gedeihen bedürfen. Aus diesen Gründen wird man für die Herbstdüngung von Roggen und Weizen wohl immer mehr auf dieses natürliche, nachhaltig wirkende Düngemittel zurückkommen.
platz war, während man bisher aus dem Bericht Kestners nur wußte, daß er am Abend vorher auf der Starkenweide, dem lahnabwärts vor dem Stlhöferthor gelegenen Stadtwäldchen herumgeirrt fei; er giebt 3. eine Schilderung der letzten Stunden des Unglücklichen aus dem Mund eines ganz naiven Menschen mit neuen Einzelzügen, deren einer die Thatsache, daß Jerusalem ohne den kirchlichen Segen bestattet wurde, noch markanter macht als es bisher schon der Fall war, und endlich 4. erklärt uns der Bries das Entstehen der Legende, daß Jerusalem in Garbenheim in dem Wirtschaftsgarten (jetzt Hennop) begraben liege, auf Grund deren sich ein während der Freiheitskriege durch Garbenheim kommender russischer General die auf dem angeblichen Grabe zu Unrecht ausgestellte Urne in seine Heimat schicken ließ, und die der Wirt in seinem Interesse auSbeutete, bis der Regierungspräsident bei einem Besuch in Garbenheim die Beseitigung des falschen Grabes anempsahl. Davon daß der Brief sprachlich und wegen des naiven Stils an sich nicht ohne Reiz ist, daß wir aus ihm erfahren, daß also Johann Heinrich Bamberger derjenige war, der sich den Stuhl ausbittet, aus dem Jerusalem (nicht Goethe) zu sitzen pflegte und zwar von seinem Bruder Hannes, ferner daß dieser Johann Heinrich, einer der Söhne der jungen Frau im Werther, nach Braunschweig auswanderte und sich dort als ehrsamer Schneidermeister niederließ, wie schon seine Mutter eine Art Näherin gewesen sein muß (ein ihr von Goethe geschenktes Scheergehenge, am Gürtel zu tragen, mit niedlichen bemalten Rococo-Porzellanschildchen hat mir einer ihrer Nachkommen vor kurzem noch gezeigt) — von alle dem will ich erst in zweiter Linie reden. Jedenfalls ist der Brief ein hübscher Beitrag zur Kenntnis der historischen Grundlage von Goethes berühmtestem Prosawerk.
Wetzlar. Hans Hofmann,


