Freitag den 3 August
Erstes Blatt.
Nr. 179
1900
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren
Ut Ärtjrigai-8mnitthmg8fte8en bei In. und
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Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auswärts 2Ö Pf,.
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WiliMie, WMdiNoa und Drucker«: >4efHf*6< Nr. 7.
Oraüsbeilagnt: Gießener Familienblätter, Der heWche Landwirt, Klitttrr für heUche UoLstmndr.
Ad reg« für Depeschen: Anzeiger chieMn.
Fernsprecher Nr. 51.
AMicher Teil.
Gießen, den 1. August 1900. Betr.: Feier des Namenstags Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs.
Die
Großh. Kreis-Schulcommission Gießen
au die Schulvorstände des KreiseS.
Wir beauftragen Sie, rubr. Fest am 25. d. M. in der seither üblichen Weise in den Ihnen unterstehenden Schulen feiern zu lasten.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
B e tr. :j Die Veranstaltung von Verlosungen innerhalb des Großherzogtums.
Der Stadtvorstand von Nidda beabsichtigt mit dem am 3. September 1900 stattsindenden Herbstmarkte eine Verlosung von Vieh und landwirtschaftlichen Geräten und sonstigen Gebrauchsgegenständen zu verbinden, um die Mittel zur Prämiierung des zu Markte gebrachten Viehs zu gewinnen. Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubnis zur Veranstaltung dieser Verlosung unter der Bedingung erteilt, daß nicht mehr als 8000 Lose zu 0,50 Mk. das Stück, ausgegeben werden dürfen, und mindestens 60 Prozent des Bruttoerlöses aus dem Verkaufe der Lose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind. Zugleich ist der Vertrieb der Lose in der Provinz Oberhesten gestattet worden.
Gießen, den 30. Juli 1900.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
______________ v. Bechtold.____________________
Bekanntmachung.
Betr.: Feldbereinigung des auf dem rechten Lahnuser liegenden Teiles der Gemarkung Gießen.
Nachdem sich in dem Abstimmungstermin am 25. September vor. IS. 352 beteiligte Grundeigentümer mit 155,9464 ha Fläche gegen die rubr. Feldbereinigung erklärt haben, während im ganzen 782 Grundeigentümer mit 447,1987 ha an dem Unternehmen beteiligt sind, hiernach also mehr als die nach Art. 6 des FeldbereinigungS- gesetzes erforderliche Mehrheit für die rubr. Feldbereinigung vorhanden ist, und nachdem innerhalb der gesetzlichen Frist keine Einwendungen gegen die Zulässigkeit oder Rechtsbeständigkeit dieses Ergebnisses erhoben worden sind, hat Großherzogliches Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe den Beginn der Feldbereinigungsarbeiten augeordnet, und den Unterzeichneten zum Bereinigungskommissär ernannt.
Indem ich dies zur öffentlichen Kenntnis bringe, lade ich in Gemäßheit des Art. 16 des Gesetzes vom 28. Sep lember 1887 die sämtlichen beteiligten Grundbesitzer zu einer am DouuerStag, 23. August l. Js., vor- mittags 10V2 Uhr, iu der Turnhalle des Turn- vereiuS, Steiustraße 3, zu Gießen stattfindenden Versammlung ein.
Diese Versammlung hat:
1. zu bestimmen, wie die Bereinigungskosten aufgebracht werden sollen, ob durch Ausschlag auf den Flächengehalt, ober den Abschätzungswert der Grundstücke, oder durch Bildung und Verkauf von Maffegrundstücken, sowie ferner, ob die Beiträge nach Bedürfnis erhoben, oder ob die Kosten durch Kapitalaufnahme aufgebracht werden sollen;
2. die zur Vollzugskommission zu berufenden Sachverständigen und deren Stellvertreter, sowie ein Mitglied des Schiedsgerichts und dessen Stellvertreter zu wählen.
Außerdem können Wünsche und Anträge seitens der Beteiligten vorgebracht und beraten werden.
In dieser Versammlung hat ein jeder anwesende, beteiligte Grundeigentümer eine Stimme; die Beschlüsse erfordern zu ihrer Giltigkeit eine Mehrheit von Zweidrittteilen der Anwesenden, und sind unter dieser Voraussetzung auch für die nicht erschienenen Beteiligten verbindlich. Kommen giltige Beschlüsse nicht zu stände, so hat
Zu 1.:
die Vollzugskommission die erforderlichen Beschlüsse zu fassen;
zu 2.:
Großherzogliches Ministerium des Innern, Abteilung für Landwirtschaft, Handel und Gewerbe, die Sachverständigen und die Schiedsrichter zu ernennen.
Friedberg, den 27. Juli 1900.
Der Großherzogliche Bereinigungskommissär:
I. V.:
Spamer, Kreisamtmann.
Zum Tode König Humberts von Italien.
Gießen, 2. August.
Wir sind in der Lage, unseren Lesern den soeben ein- geiroffenen Privatbrief einer deutschen Dame aus Siena in Italien mitzuteilen, der die Trauer des Volkes in anschaulicher Weise schildert:
Siena, 30. Juli.
Ich war früh morgens in der Dombibliothek und sah, wie der Custode die prächtigen seidenen Fahnen verschiedener Gemeinden verteilte. Vorbereitungen zum Palio (einem sienesischen Volksfeste), dachte ich und fuhr in meiner Arbeit fort. Gegen 9 Uhr wollte ich in die Akademie gehen, fand dieselbe aber geschlossen und konnte kaum durch das Volksgedränge vorwärts kommen. Die schönen Fahnen, die ich an allen Palästen, öffentlichen Gebäuden und auf den größeren Plätzen sah, waren mit Trauerflor versehen und auf Halbmast gestellt. Gruppen hatten sich gebildet, „La Nazione" wurde laut vorgelesen, Menschen aus allen Ständen, vornehme Damen in Trauerkleidern, Bäuerinnen mit ihren großen Florentiner Hüten, Männer, Weiber, Kinder, alles wogte durcheinander, schob, drängte und summte wie ein Bienenschwarm.
Ich begriff nicht, was dies alles bedeute; die Läden, die öffentlichen Gebäude geschlossert und die Menschen in einer Aufregung, von der man sich kaum eine Vorstellung macht; gestikulierend, weinend, scheltend und viele mit bestürzten, fragenden Mienen.
Endlich konnte ich mir eine Zeitung „La Nazione" verschaffen. Da las ich das Furchtbare: DerKönig von Italien ist ermordet!
Am 30. abends 10 Uhr 30 Minuten war der König, der sich zu seiner Erholung in Monza bei Mailand aufhielt, vom Campo in Mailand zurückgekehrt, wo er der Preisverteilung für die gymnastischen Uebungen beigewohnt hatte. Plötzlich wurden drei Revolverschüsse auf den König abgefeuert.' Als Mörder erwies sich ein dürrer, junger Mensch in schwarzem Gewände mit kaum sprossendem schwarzen Schnurrbart.
Nur mit Mühe konnten die Polizisten das Volk hindern, den Unglückseligen auf der Stelle zu zerstückeln.
Im Wagen des Königs saßen außer ihm noch der Syndikus von Monza und der Deputierte Penati.
Der König wurde in seine Villa zurückgeführt und starb nach wenigen Augenblicken.
Der Mörder heißt Angelo Bresci, ist 31 Jahre alt, stammt aus Prato und war in einer Fabrik in Monza beschäftigt.
Ich ging wieder durch die tosende Menge und sprach hie und da mit einem Bürger. „Es ist mir wie eine doppelte Schmacht, sagte mir einer, „daß der Mörder ein Toskane ist, aber, Gott sei Dank, er ist nicht Sienese, er ist Florentiner." Die „arme, schöne, geliebte Königin" hörte ich! vielfach bedauern.
Aus jedem Worte klang ein jähes Entsetzen über die Möglichkeit einer solchen That, eine ehrliche' Trauer um den Verlust des geliebten Herrschers. „König Humbert war wohl sehr beliebt", fragte ich einen Bürger, dessen Intelligenz mir öfter aufgefallen war. „Er war ein edler, guter Fürst", ,antwortete er, „und wir verehrten voller
Dankbarkeit in ihm den Sohn unseres unvergeßlichen Königs Viktor Emanuel, derJtalienneugesch affen hat." —
Der Mann übertreibt nicht. Wer Italien durchwandert^ wird mit Leichtigkeit erkennen, daß Viktor Emanuel es! verstanden haben muß, mit gewaltiger Schöpferkraft baä Volk aus feinem Schlummer aufzurütteln, ohne Erbarmen das Abgestorbene, Ueberlebte zu opfern, um Boden zu gewinnen für neues Leben und eine neue Kultur. Was hat er für die Bildung der Jugend, für die Hebung des Ackerbaues, für die vernünftige Ausbildung des Militärs gethan.
Sein Volk wußte, was es an seinem Könige hatte. Fast in jeder Stadt Italiens ist ihm ein Denkmal errichtet, ist ein bedeutender Platz nach ihm genannt Und aus diesem selben Volke, aus der Nation, für die er sein lebenlang arbeitete, um ihm eine neue Zukunft zu erschließen, aus dem Volke, für das er mit Ernst und Treue feinen geliebten Sohn zu seinem Nachfolger heranbildete, erhob sich jetzt die Mörderhand, um dem Leben dieses Sohnes, des allgemein verehrten und geliebten Königs Humbert ein Ende zu machen. —
Welches ist die dämonische, finstere Macht, die dem unerfahrenen grünen Jungen aus Prato das tätliche Werkzeug in die Hand drückte, um selbst sicher und gedeckt in der Verborgenheit zu bleiben? A. D.
Aus dem Leven König Kumverts.
„Nicht ihre Thaten machen bedeutende Männer unsterblich, häufiger noch die Anekdoten, die man juty von ihnen erzählt". Wenn dieses Paradoxon, das man unserem Altmeister der Geschichte, Ranke zuschreibt, nur einen Schein von Wahrheit beanspruchen darf, so wird es auf König Humbert Anwendung finden müssen, denn bei ihm überwog die anekdotische, d. h. die menschliche Seite, bei weitem die rein historische seiner gewinnenden Persönlichkeit.
Wie fein Vater, der re galantuomo Viktor Emanuel, ist auch König Umberto der Held ungezählter Anekdoten gewesen und wird in ihnen fortleben, wenn längst sein historisches Bild im Laufe der Zeiten verblaßt ist.
Es dürften daher die folgenden Heinen Erzählungen, in denen die rein menschliche Seite König Humberts in helle Beleuchtung gerückt wird, auf einiges Interesse rechnen.
Es war am 11. Oktober 1889, als Kaiser Wilhelm II. seinen glanzvollen Einzug in Rom hielt. Ganz in der Nähe des Bahnhofes, aus der Piazza di Termini, hatte die Stadt Rom einen großen Triumphbogen errichten lassen, durch den der Kaiser seinen Einzug halten sollte. Schön war diese Ehrenpforte nicht, sie machte den Eindruck eines Bühnen-Dekorationsstückes; denkt das Material, aus dem sie bestand, war Pappe und Holz. Die Römer selbst spotteten über diese architektonische Ungeheuerlichkeit, und auch König Umberto war wenig erfreut über das Bauwerk, das sein Gast gleich beim Eintritt in die Feststraße zu sehen bekommen sollte. Jndeß ließ sich daran nichts mehr ändern, da der Bogen erst kurz vor der Ankunft fertiggestellt worden war. Aber es sollte noch schlimmer kommen. In dem Augenblick, da König Humbert mit unserem Kaiser diese Ehrenpforte passierte, regnete es vom höchsten Punkte des Bogens rote Zettel aus die beiden Monarchen herab, auf denen in Schwarzdruck der folgende seltsame Willkommensgruß stand: „Äbasso Tripplice- Alleanza! — Abasso Germania!" Der König wurde bleich vor Entrüstung, aber bald gefaßt, las er, noch bevor Kaiser Wilhelm einen jener ominösen roten Zettel erhaschen konnte, seinem Gaste mit lauter Stimme den Willkommensgruß vor, der jetzt freilich etwas anders lautete: „Evviva Trippliee-Alleanza — evviva Germania!" Damit war die Situation gerettet. Erst in Neapel wurde dem Kaiser der wahre Sachverhalt bekannt. . . .
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König Humbert war ein Freund der Journalisten, und so mancher liebenswürdige Zug, so manches liebenswürdige Wort legte Zeugnis ab von dem Verständnis, das er für den Beruf des Publizisten besaß und von dem Wohlwollen, das er den Vertretern der öffentlichen Meinung entgegenbrachte. . . . Man wird sich vielleicht seines Scherzwortes erinnern, das er einem amerikanischen Pressemanne gegenüber, mit dem er sich längere Zeit unterhalten hatte, äußerte: „Wenn ich nicht König wäre, möchte ich wohl Journalist sein wollen!"
Wieder war es in Rom, und zwar auf dem Abendfeste, das das römische Munizipium seinen Gästen während der Kaisertage veranstaltet hatte. Auch die Presse, namentlich die ausländische, war reichlich mit (rinlabungen bedacht worden. Als die Cour und das Konzert beendet waren, stürzte alles auf die Buffets zu, auf denen die erlesensten Leckerbissen aufgetürmt waren. Der König, der dies sah, trat auf einige vordringende Offiziere zu und sagte lächelnd: „Aber meine Herren, bei dem Sturm auf diese Festung lassen Sie diese Herren (auf die Jour-


