Dienstag den 3. Juli
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Die Wirren in China.
Von den Gesandten und Ausländern in„Peking fehlt much heute Morgen noch jede zuverlässige Nachricht. Sind sie noch in Peking, wie der chinesische Zollvorsteher in Tientsin behauptet, sind sie anderwärts? Niemand weiß darüber glaubwürdige Auskunft zu geben und auch Admiral Seymour hat aus seinem verunglückten Zuge auf Peking über ihr Schicksal nickfts in Erfahrung bringen können. Dagegen veröffentlichte die englische Admiralität den folgenden, am 29., 10 Uhr 5 Min. von Tschifu pchgegangenen telegraphischen Bericht des Sir Edward Seymour über die Expedition der M ächte nach Pekin g: „
M habe Peking nicht mit der Eisenbahn erreichen können und bin mit meinem Detachement nach Tientftft Lnrückgekehrt. Am 13. Juni wurden zwei Angriffe der Boxer auf die Vorhut mit großen Verlusten für die Boxer und ohne Verluste für uns zurückgewiesen. Am 14. griffen die Boxer in Longfang unfern Zug an, wurden aber wieder zurückgeschilagen, sie hatten ungefähr 100 Tote, wahrend aufs Ulnserer Seite fünf Italiener fielen. Am Nachmittage desselben Tages griffen die Boxer die englische Wache an, die zum Schutze der Station Lofa zurückgelassen worden war. Es wurden Verstärkungen dorthin abgeschlickt und wieder wurde der Feind mit einem Verluste von ungefähr 100 Mann zurückgetrieben, von unfern Leuten wurden zwei Matrosen verwundet. Bei unserer Ankunft in Anting fanden wir die Eisenbahn so- beschädigt, daß jedes Vorwärts- ßommen mit der Eisenbahn unmögliche war. Wir beschlossen deshalb, nachl Yangffum zurückzukehren, um dort eine Expedition zu organisieren, welche, dem Flusse folgend, nach Peking marschieren sollte. Nach meinem Abgänge von Langfang wurden zwei Züge, die unfern Truppen folgen sollten, ain 18. Juni von Boxern und kaiserlichen? Truppen, die von Peking gekommen waren, angegriffen. Die Chinesen hatten 400 bis 500 Tote, unsere Belüfte beliefen sich auf 6 Dotre und 48 Verwundete. Diese beiden Züge erreichten mich in Yangtsun, wo dev Schienenweg ebenfalls vollständig zerstört war. Da nnr knapp an Proviant waren und die Verwundeten uns hinderlich waren, mußten wir nach Tientsin zurück- kehren, von wo wir seit 6 Tagen keine Nachrichten halten. Die Verwundeten wurden am 19. Juni auf ein Boot gebracht und das Detachement trat den Marsch längs des Flusses an. In allen Dörfern stießen wir auf Widerstand: In einem Dorfe geschlagen, zogen die Aufständischen sich auf ein benachbartes Dorf zurück und besetzten gut gewählte Stellungen, von denen aus sie unfern Werter- marsch aufhielten; sie mußten aus diesen Stellungen vrel- fatfX mit dem Bayonett und unter mörderischem Feuer vertrieben werden. Am 23. Juni machten wir einen Nachtmarsch und erreichten bei Tagesanbruch das «oberhalb Tienffin gelegene kaiserliche Arsenal,.wo die Chinesen, nachdem sie uns erst fteundschaftlich entgegen gekommen waren, in verräterischer Weise Feuer auf uns eröffneten. Es gelang uns, die Stelllung zu umgehen, und ein Geschütz wegzunehmen. Während dieser Zeit g e - lang es den Deutschen, ein lveni weiter vorn zwei Geschütze zum Schweigen zu bringen und sich- ihrer, nach, Ueberschreitung des Flusses, zu bemächtig en. Hierauf wurde das Arsenal von den verbündeten Truppen besetzt. Die Chinesen versuchten noch an demselben und auch am folgenden Tage vergebens, das Arsenal wieder zu nehmen. Im Arsenal fanden wir Geschütze und Gewehre neuesten Modells. Wir richteten mehrere ^Geschütze ein und bombardierten die etwas nach vorn gelegenen chinesischen Forts. Da wir im Arsenal Munition und Reis gefunden hatten, hätten wir uns dort einige Tage halten können, da wir aber durch die Verwundeten gehindert wurden, baten wir um Hilfe von Tientsin, die am 25. eintraf. Am 26. sind wir in Tientsin angekommen; das Arsenal haben wir, ehe wir es verließen in Brand gesteckt. Es betragen die Verluste der Engländer 27 Tote, 96 Verwundete; der Amerikaner 4 Tote, 28 Verwundete; der Franzosen 1 Toter, 10 Verwundete; der Deutschen 12 Tote, 62 Verwunde te; der Italiener 5 Tote, 3 Verwundete; der Japaner 2 Tote, 3 Verwundete; der Oesterreicher 1 Toter, 1 Verwundeter; der Russen 10 Tote, 27 Verwundete.
Leider haben unsere braven Seeleute ihre Tapferkeit mit schweren Verlusten bezahlen müssen. Nach den amtlichen Mitteilungen befanden befanden sich bei Admiral Seymour an deuffchen Seeleuten: 22 Offiziere, 2 Aerzte und 486 Mann, zusammen 510 Köpfe, sodaß die Deutschen etwa den vierten Teil des Expeditionskorps ausmachten; sie haben denn auch, nächst den Engländern, die 915 Mann gestellt hatten, die größten Verluste zu verzeichnen. Die inzwischen eingetroffene Verlustliste des Kapitäns v. Usedom giebt etwas kleinere Zahlen als der Bericht Seymours; er nennt 11 Tote, darunter KapitänBuchholz, und siebenSchwerverwun»- dete, darunter nicht weniger als vier Offiziere..
An Leichtverwundeten zählt der deuffche Bericht nur zwer ganz leicht verwundete Offiziere auf, während Seymour die Zahl der verwundeten Deutschen auf 62 angiebt.
Aus einer Depesche des Vice-Admirals Bendemann geht hervor, daß das deutsche Expe- ditions»-Korps vom Kapitän zur See v. Usedom, Kommandanten des großen Kreuzers „Hertha", befehligt war und daß die beiden nächsthöchsten deuffchen Offiziere Korvetteü-Kapitän v. Buchholz, erster Offizier auf dem großen Kreuzer „Kaiserin Augusta", und Kapitän Schlipper, erster Offizier auf dem großen Kreuzer „Hansa" waren. Es ist ein eigenartiges Geschick, daß sämtliche dreiHöchstkommandierenden von feindlichen Kugeln getroffen wurden. Kapitän zur See v. Usedom ist leicht, Kapitän-Leutnant S. v. Meyer schwer verwundet und Korvettem-OKapitän Buchholz ist tot. Aus dem Berichte des Admirals Seymour geht klar und deutlich hervor, daß es die deutschen Truppen waren, die eigentlich die Rettung der ganzen Abteilung herbeigeführt haben. Daher sind auch die starken Verluste der Deutschen leicht verständlich, denn die Erfolge sind offenbar dem kühnen deuffchen Opfer- und Wagemut zum Teil der ganzen Abteilung zuzuschreiben. Auch der glücklich bewerkstelligte Rückzug des Seymourt- schM Korps wird fortan ein Ruhmesblatt bilden in der Geschichte der deutschen Marine.
Wie der „Reichsanzeiger" meldet, hat Kaiser Wilhelm am 24. und 30. Juni an den Ches deS Kreuzer- geschwaderS, Vize-Admiral Affn bemann, zwei Telegramme gesandt. Das erste Telegramm vom 24. Juni lautet:
Voller Freude über die Bravour deS „IMS" und seiner Erfolge bei Taku spreche ich dem Kommandanten und der Besatzung meine Anerkennung und meinen Kaiserlichm Dank aus. Ich sehe, die Tapferen des alten „IMS" find neu erstanden; es wird meinen Schiffen nie daran fehlen, detz bin ich sicher. Dem Kommandanten Lans verleihe ich den Orden Pour le merite, für alle Offiziere und Mannschaften find Ordensvorschläge telegraphisch einzureichen. Ehre den Gefallenen.
DaS zweite Telegramm hat folgenden Wortlaut:
Es gereicht mir zu besonderer Genugtuung, daß das ExpedttionS» Korps des Kreuzer-Geschwader« fich unter dm äußersten Anstrengungen in fernen Landen vorzüglich gehalten hat. Die unerwartet an dasselbe herangetretenen Aufgaben stellten es vor eine ernste Probe. Würdig schließt sich die Haltung von Offizieren und Mannschaften den Thaten an, mit welchen der deutsche Nam« verknüpft war, wo immer eS sei. Ehre den Gefallenen, meine warme TeUnahme den Verwundeten. Dem Kapitän v. Usedom verleibe ich den Kronenorden 2. Klasse mit Schwertern. Für Offiziere und Mannschaften find AuSzeichnungS-VorschlSge einzureichen.
Die deutschen Gesamtverluste betragen nach den bisher vorliegenden amtlichen Meldungen: 3 Osfizitre (Hellmann, Friedrich und Buchholz), 30 Mann tot, 7 Offiziere, 99 Mann verwundet. Davon entfallen auf die Kämpfe bei Taku 8 Tote und 14 Verwundete, Tientfin 13 Tote und 23 Verwundete und aus das Seymour'sche Detachement 12 Tote und 62 Verwundete.
Aus Taku berichtet eine Depesche von Laffans Bureau, daß die Kolonne, die den Entsatz Seymours bewirkte, unter dem Oberbesehl des russischen! Obersten Stößel steht und jetzt vermutlich aus dem Wege nach Peking ist. Im ganzen find bisher 3200 britische, 1300 deutsche, 4500 russische und 500 französische, 330 amerikanische, 200 italienische, 150 österreichische und 3500 japanische Mannschaften gelandet worden. Außerdem werden noch weitere 2000 japanische Mannschaften auSgeschifst. Ein französisches Bataillon von Saigon wird stündlich erwartet. Der englische Torpedo-Zerstörer „Fame" ging ein Stück weit oberhalb Tientfin den Peiho hinaus und untersuchte das Fort von Hsinchung. Man fand es verlassen und zerstört. Leutnant Fayne vom amerikanischen Kriegsschiff „New-York" rekognoszierte die Gegend zwischen Taku und Tientsin.
Aus Shangai wird gemeldet, daß die ganze Provinz Shantung sich in vollem Aufruhr befindet. Die Boxer sollen die deutschen Kohlenwerke in Jtschaufu zerstört, Tsingtau erobert und die Missionshäuser vernichtet haben. Die Missionare hätten fich noch flüchten können. Weiter sollen die Boxer Niut- schwang, das von russischen regulären Truppen und japanischen Freiwilligen verteidigt wird, bedrohen.
Nach Meldungen aus Kiel hat der deuffche Panzerkreuzer „Fürst Bismarck" die Ausreise nach China angetreteu. Um 10y4 Uhr vormittags ist das Schiff durch den Kanal nach Wilhelmshaven abgegangen. Admiral Köster war am Samstag vormittag an Bord des Kreuzers zur Vornahme der Besichtigung erschienen. Der Admiral hielt eine Ansprache au die Besatzung und wies dabei aus die neuesten Verluste in Ostafien hin.
Jn WilhemShaven besichtigte am Samstag Staatssekretär v. Tirpitz die beiden ExpeditionSdampser für China. Dieselben werden sahrplanmäßig am 17. August in Tsintau eintreffen.
Das erste Seebataillon verließ am Sonntag nachmittag Kiel. Es trifft Montag ftüh mittelst SonderzugeS in Wilhelmshaven ein, wo die Einschiffung an Bord deS „Wittekind" sofort erfolgt. Das zweite Bataillon wild voraussichtlich erst am Morgen des 3. Juli eingeschifft werden. Da der Kaiser bereits Montag nachmittag mit der „Hohen- zollern" in Wilhelmshaven eintrifft, so ist noch nicht bestimmt, an welchem Tage die Besichtigung der Expeditionstruppen stattfinden wird. Die Flutverhältnisse bedingen, daß die beiden tiefgehenden Transportschiffe den Hafen mit Hochwasser, also gegen 4 Uhr nachmittags verlassen.
Telegramme deS Gietzeuer7AuzeigerS.
London, 2. Zuli. Rach einer Depesche des britischen Konsuls in Tschifu bestätigt es sich, daß der deutsche Gesandte in Peking am 13. Zuni von chinefischeu Soldaten ermordet wurde.
Berlin, 2. Juli. (Privattelegramm des Gießener Anzeigers, 1 Uhr 30 Min. mittags.) Laut an amtlicher Stelle eingelassener Meldung ist der deuffche Gesandte in Peking, Frh. v. Ketteler, am 18. Juni ermordet worden. Graf Bülow hat fich sofort nach Wilhelmshaven begeben.
Wien, 2. Juli. In hiefigen diplomatischen Kreisen ruft die Meldung von der Ermordung des deutschen Gesandten in Peking große Erregung hervor. Man ist der Ansicht, daß die Mächte nunmehr einmütig und ohne Rivalität ihre volle Macht einsetzen werden, um den offiziellen Beschützer der Boxer in Peking für immerwährende Zeit zu zeigen, daß die Mächte stark genug sind, die chinesischen Machthaber zur Verantwortung zu ziehen und die nunmehr notwendig gewordene Regelung der politischen Frage ohne Rücksicht auf die chinesische Regierung durchzusetzen.
Wilhelmshaven, 2. Juli. Auf Grund neuerlicher Bestimmungen wird die ostasiatische Expedition schon heute abend 6 Uhr in See gehen. Die Einquartierung erfolgte nach Ankunft des Kieler Bataillons heute Nacht drei Uhr. Nachmittags fand die Einholung der Fahne durch eine in Tropenuniform gekleidete Kompagnie des Bataillons vom Stationskommando und daran anschließend die Inspizierung statt. __________________________
Der Krieg in Südafrika.
Feldmarschall Roberts telegraphiert aus Pretoria vom 29. Juni: General Paget teilt aus Lindley mit, daß er am 26. Juni den ganzen Tag mit den Buren gekämpft habe, die große Verstärkungen erhalten hätten. Am selben Tage sei ein für die Garnison von Lindley bestimmter Wagenzug angegriffen worden, doch sei diese Wagenkolonne nach einem heftigen Gefecht der Nachhut in Lindley angelangt. Die Verluste der Engländer betragen 10 Tote und ungefähr 54 Verwundete, worunter sich 4 Offiziere befinden. In einem andern Gefechte wurden dreiZ Mann getötet, und 23 verwundet, und in einem Scharmützel bei Ficksburg wurden 2 Offiziere getötet und 4 Mann verwundet. GeneralMethuen hat den Feind in der Richtung nach Lindley auf eine Entfernung von 19 Kilometer verfolgt und ihm 8000 Hammel und 500 Stück Hornvieh abgenommen. Von den Truppen MethuenS wurden 4 Mann verwundet. General Hunter hat, ohne aus Widerstand zu stoßen, seinen Marsch nach dem Vaal fortgesetzt. Die Buren haben gestern morgen Springs angegriffen, das gegen Osten die Endstation der Eisenbahn von Johannesburg ist. Die Garnison hat sie zurückgeworfen.
Deutsches Deich.
Berlin, 1. Juli. Aus Lübeck wird vom 30. Juni gemeldet: Der Kaiser unternahm heute früh einen Spaziergang am Strande bei der Lübecker Bucht und hörte dann den Vortrag des Generals Villaume. — Bei dem Festmahle im Ratskeller erwiderte Prinz Heinrich auf eine Ansprache des Bürgermeisters Dr. Klug, in der dieser darauf hingewiesen hatte, daß die Ereignisse in China der Erkenntnis Bahn brechen Müßten, daß wir einer Vermehrung der AuSlandsslotte bedürfen: Der Kaiser habe ihn beauftragt, seinen Dank für die Einladung zu der heutigen Veranstaltung deS Lübecker YachtklubS und zugleich sein Bedauern auszudrücken, daß er durch dringende Regierungsgeschäfte am Erscheinen verhindert sei. Der Kaiser


