Sonntag den 3. Juni
Erstes Blatt.
r Brak
Anrts- und Anzeiseblatt für den "Kreis Gieren
^“ondkri^
8
Wen.
siten.
Aiezugrpreis vierteljährl. Mk. 9,26 monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholkstelle» vierteljährl. Mk. 1,96 monatlich 65 Psg.
Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl. mit Bestellgeld.
1 detail: n.
Alle Lnzeigen-BermittlungSstellen deS In- und Ausland«» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgege». Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auSwäriS 20 Psg.
M ter,
LL-
k\*.
jMrttfaw, «Spedition und Druckerei:
>4»CNr«fct Nr. 7.
»,»«h»r een Anzeigen zn der nachmittags für den senden Deg «rfchriuenden Nummer bi- vorm. 10 ühr. Attest-Lungen fpLtestenS ab««dS vorher.
Man schreibt uns aus Berlin:
Deutschland hat heute im fernen Osten weit wertvollere Interessen zu vertreten, als dies noch vor zwei Jahrzehnten der Fall war, und deshalb bringt unsere politische und unsere Handelswelt den Ereignissen, die sich gegenwärtig in China abspielen, lebhafte Aufmerksamkeit entgegen. Bon jeher hat man beobachten können, daß alle Erhebungen chinesischer Europäer gegen die Christen mehr oder weniger
die teilweise Erschließung deS Landes die Duldsamkeit seiner Bewohner gefördet, nein, der Haß gegen die „Fremden" ist nicht geringer geworden. Wie schon gesagt, ist man in Peking an der leitenden Stelle ebenfalls nicht von freundlichen Gesinnungen gegen die Christen erfüllt, und eS ist nicht zuviel gesagt, wenn wir behaupten, daß die Negierung kaum alle die im Laufe der Zeit vorgekommenen Greuel- thaten an Missionaren u. s. w. verhindert hätte, falls ihr dies möglich gewesen wäre. Die von den betroffenen fremden Mächten geübten Repressalien waren freilich der chinesischen Regierung unbequem, aber schließlich lag ihr nicht allzuviel daran, jedeSmal einige ihrer bezopften Unterthanen als Opfer der Gerechtigkeit auszuliefern und aufknüpfen zu lassen. Aber selbst wenn man in Peking den besten Willen hätte, so würde doch in gar vielen Fällen die Macht gefehlt haben, diesem Willen Geltung zu verschaffen, denn eS ist nicht gut zu leugnen, daß es der Widersacher gegen die jetzige Dynastie sehr viele giebt und daß Aufruhr und Empörung in einzelnen Teilen deS Reichs der Mitte an der Tagesordnung sind.
Die jetzige Bewegung der Boxer und ihre für die ausländische Bevölkerung Chinas so gefahrdrohenden Ausschreitungen sind, so vermutet man in europäischen Kreisen, . nicht ohne Vorwissen der Pekinger Regierung inS Werk ge- I setzt worden, und die letztere hat sich erst dann veranlaßt > gesehen, die Aufständischen zu beruhigen, als die fremden
Gratisbeilage«: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde._________________
abreffe für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.
r
v.» P ' f , r .
in Aussicht stellten. Nach den neuesten Meldungen hat die aufrührerische Bewegung nachgelassen und ihren besorgniserregenden Charakter verloren, was natürlich nicht auSschließt, daß die Fremden fortgesetzt stark auf der Hut sein müssen, denn den Chinesen ist nicht zu trauen. Es ist ja bekannt, daß die jetzt am Ruder besindliche Kaiserin-Witwe am liebsten alle Fremden aus China entfernen lassen und die diesen im Laufe der Jahre gemachten Zugeständnisse wieder zurücknehmen möchte. Infolge dessen ist gefährlichen Anschlägen fanatischer Zopfträger noch mehr als bisher der Weg geebnet. Man darf aber wohl annehmen, baß die Mächte künftig nicht zögern, vollen Ernst zu machen, um nicht die in China erworbenen politischen Rechte und wirtschaftlichen Vorteile aufs Spiel zu setzen. Es wird die Zeit kommen, wo wir den wahren Wert der von der deutschen Reichsregierung befolgten Chinapolitik und des erworbenen Kiautschougebiets recht zu würdigen vermögen. Jedenfalls sind wir infolge unseres dortigen Stützpunktes vor manchem Staate im Vorteil, falls in Ostasien Ereignisse eintreten, die eine größere Machtentfaltung der fremden Reiche erforderlich machen sollten. .
Soweit unser Berliner politischer Mitarbeiter. — Ueber die Sekte der Boxer sind noch folgende Angaben von Interesse: Sie wurde im Mai des vorigen Jahres von einem Banditenchef gegründet, und führte pittoreske Bezeichnungen, die im Laufe der Zeit wechselten. So hieß sie Roter Lampenschirm, Schleier der goldenen Glocke, Hemd aus Eisenstoff, zuletzt nannte sie sich Faust des Patriotismus und des Friedens. Seither werden sie auch von den Europäern Boxer, das ist Faustkämpser, genannt. Die Anhänger der Sekte verlocken dadurch zum Beitritt, daß sie den Leuten einreden, die Gesellschaft verfüge über allerlei wunderkräftige Zauberformeln, die stich« und kugelfest machen. Sie gaben sogar vor, daß ihre Mitglieder das Feuer der Kanonen nicht zu fürchten brauchten. Zunächst ließen die Boxer ihre Wut an den Katholiken aus, später wurde aber kein Unterschied mehr zwischen katholischen und protestantischen Christen gemacht. Als der Gouverneur Yu von Schantung 100 Mann gegen sie entsendete, verschwanden | die Rebellen spurlos. Am 11. Oktober vor. Js. aber sammelte der Führer wieder ungefähr 1000 Mann um sich, und erließ eine mit seinem vollen Namen unterzeichnete Bekanntmachung, in der es heißt: „Die Faust des Patriotismus und des Friedens will die Mandschu-Dynastie hochbringen und die Fremden ausrotten." Regierungstruppen, die man gegen sie geschickt hatte, erlitten von den Aufrührern eine Niederlage, und nun häuften sich die Gewalt-
Daß sie unter stetem Kampf alle ihrem Fortschritt ent- I gegengestellten Hindernisse überwindet und hinweggeht über unendliche Trümmerhaufen überholten Wissens, — das offenbart die unzerstörbare, siegende Kraft des Geistes, von dem die altindische Weisheit in den mindestens 2000 Jahren vor unserer Zeitrechnung entstandenen Veda-Ur- | künden sagt, daß aus ihm alles wird, daß er das Höchste । ist das Sein und das Wesen aller Dinge, weshalb der Mensch seine Verehrung auf ihn £ii richten habe. —
Die Geschichte lehrt uns auf jedem ihrer Blatter, daß sie nichts anderes ist, als ein stetiges siegreiches Fort- schreiten des menschlichen Geistes über Unwissenheit, Unwahrheit, Ungerechtigkeit und Gewalt; er führt aus Barbarei'zur Gesittung und Humanität, aus Knechtschaft zur Freiheit, aus Finsternis zum Licht; in den Wissenschaften, die zur Herrschaft der Vernunft leiten und, der Kulturentwicklung die Wege bahnen, feiert er seins Triumphe. Der menschliche Geist ist's, der das Gesetz. der Natur immer wieder aufs neue zur Geltung bringt, das der fromme Weimarische Oberhofprediger Gottfried von Herder so schön und treffend zusammenfaßt m die Worte: „Der Mensch sei Mensch! Er bilde sich seinen Zustand nach dem, was er für das Beste hält".
Wir wissen, die jüngst im Reichstag Unterlegenen werden wiederkommen mit ihren Vorschlägen „zur Hebung der Sittlichkeit", zur Knebelung und Aechtung des göttlichen Geistes im Menschen; und abermals werden? wir zu hören bekommen die Tiraden, daß es gelte, ie a ton nennen, oie ziui iiunui|u#t.H gu । —
vor der „Besudelung" zu behüten. Die Herren sagen sich I A^^ii Truppen landen ließen und ernstere Demonstrationen jetzt erst tierbammten Kerl, den Geist,
Müssen wir doch kriegen!"
Sie'mögen thun, was sie nicht lassen können, wozu ihre, Blindheit sie treibt. Der Geist hat ihnen sein Urteil gesprochen. Immer mächtiger regt er sich, die Einzelgeister zusammenfassend, zu einem Gesamtgeist unter dem Namen Goethe. Und in allen deutschen Orten und Landen erstehen ihm Propheten, die verkünden: In diesem Geist ist
. tni
che«!
M UM«« !"
Pur HL w JJ
(Mögliches igsgeträil ■ ° No. 13559) der ser-Fabrik
‘ Röhrte.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
nt. 128
mit Ausnahme des Montag».
Die Gießener yemintnltÄfter werben dem Anzeiger « Wechsel mit „Hess. 8«nb»irtw n. „Blätter ffcr btff. Volkskunde" whchtt. 4x1 beigelegt.
0*«. *
thaten. , .
Es ist für uns außer Zweifel, daß in der nachdrücklichen Zurückweisung und dauernden Verhinderung der- artiger Ausschreitungen und Rechtsverletzungen, die alle bedrohen, sämtliche Großmächte volle Emigkeit und Ent- schiedeuheit an den Tag legen werden. Der le.ne deutsche Kreuzer „Iltis" ist von Tsingtau nach Taku in See ge- "u„b auch das deutsche Kreuzergeschwader unter offen H Beifalls der "Pekinger Regierung sich erfreuten. I Admiral «enbemann durste nicht allzu Denn niemand darf sich etwa der Täuschung hingeben, daß I wirb eS ein Leichte« fein, oen
Ins Asingstftft.
’ W. Gießen, 2. Juni.
Alljährlich begeht die Christenheit das Fest des Pfingst- wunders, das nach der Apostelgeschichte die Erfüllung der SSeissagung des Propheten Joel war: die Ausgießung de s hl. Gei ste s über die Jünger des am Kreuze gerichteten ^göttlichien Nazareners, der da deu Minen irnd Enterbten Evangelium der Liebe verkündet hatte. Unter gewaltigem Brausen und in Gestalt feuriger Zungen kam er, wir es im Buche der Bücher heißt, herab, der heilige Geist, auf jeden der zu gemeinsamer Feier versammeltes Christusbekenner, daß sie redeten in fremden Sprachen und so der herbeigeeilten Volksmenge Anlaß gaben zu der spöttischen Bemerkung: „Sie sind voll süßen Weines".
Das Pfingstfest ist also die Verherrlichung des Afistes, den der fromme Christ von Gott ableitet, wie in der Stelle bei Joel: „Und es geschieht hernachmals, ich gieße aus meinen Geist über alles Fleisch, und danu prophezeien eure Söhne und eure Töchter". Die erste Christengemeinde unterschied sich von der übrigen Welt durch den neüen Geist, der in ihr sich lebendig zeigte, nicht nur in der äußeren Begeisterung, die sich in Worten kund thcü, sondern in den Werken des Geistes im öffent-t tickten Leben als eines Geistes der Wahrheit, und vor allem! der Liebe.
So ist es noch. Ein M e n s ch verkennt seinen Namen, nur dann, wenn Geist in ihm ist, und ein rechter, echter Mensch, stets nur, wenn der rechte echte Geist der Wahrheit und der Liebe in ihm ist. Eine Nation verdient, den Namen Nation nur, wenn nationaler Geist, nationales! Leben in ihr ist; fehlt das, so istAe im Absterben. Das nulionale Leben darf aber nachher nicht blos in Phrasen, sich kundthun, sondern muß in nationalen, Menschen und Völker beglückenden Werken sich auswirken. Eine religiöse Geni ein schäft verdient nur dann ihren Namen, wenn der Geist ihres Stifters in ihr waltet, wenn der tote Buchstabe durchweht wird von seinem Lebenshauch, wenn unter dem Lichte seines Geistes das tote starre Gesetz Leben, gewinnt und in seiner wahren Bedeutuiig als ein. Fuhr«- nm Heil und nicht blos als ein verdammender Rickster sich daustellt. „Die Worte, die ich rede, sind Geist und Leben .
Pfingsten soll uns eine lebendige Mahnung sein: „Werdet Kinder des Geistes, deß Wahrheit und Liebe immer kräftiger aufwachsen und gedeihen . Pfchgsten mch seinem neuen Leben in der Natur, mit seinem kräftigen Er-i rurken der Saaten, verursacht durch den neuen Lebenshauch, ber die Natur durchweht, ist so recht dazu angethan, uns in, fehren• Nur der Geist macht lebendig.
Wie aber steht es heute mit dem Pfingstgeist? Es ist iw dieser Hinsicht gar viel anders geworden, als in des 18 Jahrhunderts Neige, in der Aufklarungsepoche, die man wohl auch ein Pfingsten der Weltgeschichte genannt hat, die Besten des Volkes es verhießen Lessings geläuterte, duldsame Religion, die die universellen Zuge des, Geisteslebens in den Vordergrund stellt, seine zeitgeschichtlichen Beschränkungen aber zuruck,chiebt, gilt heute beinahe aö§ das Urbild seichter Glaubensaufklarung, wahrend doch Lessing den erhabenen Lehrsatz vertrat, daß Religion Herzenssache des Einzelnen sei. Heute fehlt nicht viel, daß ^er Hauptpastor Götze in Hamburg im Gegensatz zu Lessing als der verständigere und urteilsfähigere Mann verehrt wird weil er die Antwort auf das religiöse Verlangen des Menlckunberzens fix und fertig in den vor Hundertenc von. [ Jahren für alle Zeiten in gleicher Weife gütigen Lehr- uiffE^gen'ffi unbeabsichtigt und unbewußt die Probe darauf gemacht worden, wie der heutige Zeit-, arist auf den Geist des Aufklärungszeitalters eingeht, als drr Goethebund gegründet wurde, der in der That recht eigentlich aus dem Geiste der klassischen Zei geboren ist. W^is vor hundert Jahren sicherlich emeallgemem Bleweauna der Geister hervorgerufen hatte, was überall eine That auf dem Gebiet der Geistestultur gegolten Len würde, ist heute für viele, die. sich fonft mit Recht ■u ben Aufgeklärten zählen, eine epteleret, eine Schwärmerei" eine Kuriosität, die sie ernster Erörterung nicht für ^"llnd^wird doch so viel gesündigt gegen den Geist, maen den gevffenbarten Geist der Gottheit, gegen dm b!ttioe und unverletzliche, dem Geiste der Gottheit ent- avo smpftnrhnuna! Immer wieder will man den Müt^in Fefteln schlagen, vernichten dieses teure &ut des » » kiitnrifdv öenEenben Menschen. Und doch, was ^nn man b« chun chs für sich si'in höchstes mensch- bleckt ber freien Entwickelung des Geistes m An» Lch ^nehmen nicht allein um seinetwillen sondern !im des Fottschritts der Menschheit, der Kulturentwickelung
Aber alle Versuche nach dieser Mchtung hin können die lk^itturmenschheit ihVem natürlichen Beruf, immerfort vor- «artTunb «ufwärtä zu schreiten, nicht entziehen.
Rettung. _ . . Y ,
Aber auch da, wo die Geister aufeinauderplatzen, auch | wo in hartem Kampfe um die Wahrheit gerungen wird, j da soll man der Liebe nicht vergessen, da soll man sich bewußt bleiben, daß der Gegner, ob er gleich über: den. Wea zum Ziel anderer Meinung ist, doch bemfelbekrVolke und Staate angehört, demselben Vaterlande zu dienen' wünscht. In unseres Vaters Hause sind viele Wohnungen, lasset u'ns sein trotzalledcm gute Hausgenossen ! ■
Wer aber aus Mißmut und Unzufriedenheit über dieses! und jenes in unserer geistigen und politischen Entwickelung sich etwa anschicken sollte, an dem Kampfe um diese Ent^ Wickelung nicht mehr teilzunehmen, die Dinge laufen zU lassen, wie sie gehen, der hat Unrecht und setn KlEnut ist verwerflich. Nicht kopfhängerisch möge er durch die Frühlingslandschaft schreiten, sondern bosMungsvoll ausblicken. Und es macht ja auch Freude, die berechtigte Freude anderer zu beobachten. Unsern hessischen Volksschullehrern hat die Zweite Kammer unseres Landes durch Annahme des Antrages Backes eine außerordentlick-e Pfingstfreude bereitet, die ihnen! wahrlich zu gönnen ist, und Freude rnußte auch jedem! Kunstfreunde die vortreffliche Landtagsrede des Ministe-i rialrats Braun am 30. v. M. machen, eine Rede, wie man sie leider nicht allzu häufig von deutschen Minister- tischen aus hört, außer etwa bei ähnlichen Anlasseii iw Dresden und Karlsruhe. Und endlich ist für uns Gießener und die Cmtwickelung unserer Universität erfreulich, daß unsere städtischen Behörden für das vom Staate zu erwerbende Gelände zur Erbauung einer neuen chirurgischen und ophthalmologischen Klinik, sowie einer zeitgemäßen Veterinäranstalt einen Zuschuß von 200 000 Mk. bewilligt haben.
Es geht also, Gott sei Dank, doch nicht alles geaeu den Geist, an dessen allversöhnenden göttlichen Beruf das! Pfingstfest uns gemahnt, und der uns die Worte des Sängers in den Mund legt:
Sieh der Saaten schwellende Felder, Sieh das sonnige Grün der Wälder, Wonnige Winde regen sich, Menschenherz, 0 freue Dich!
Zur Lage iu China.
Iirung kmäler.
rui° 5520
etC*
Syenit
Fe* ,6L


