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3.1.1900 Zweites Blatt
 
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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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Lokales und UrmmyisÄrs.

Gießen, den 2. Januar 1900.

** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 29 Jahren, am 3. J-nuar 1871, wurde auf deutscher und französischer Seite mit großer Heftigkeit gekämpft. Der an Stelle Manteuffels ge­tretene G.'neral v. Soeben hielt sich mit etwa 10,000 Mann gegen die vierfache Ueb.rmacht Faidherbeß, der zum Entsatz der Festung Peronne vorgerückt war. Die Schlacht blieb jedoch unentlchieden und die kämpfenden Heere zogen in guter Ordnung ab, die Franzosen nordwärts, d'e Deutschen nach Süden.

* Im Personenverkehr find auf den deutschen Eisenbahnen seit heute neue Bestimmungen wegen Bctreten der Perrons ohne Bahnsteigkarteu und wegen Mit­nahme von Hunden ohne Hundekarte in Kraft. Hiernach hat derjenige, welcher unbefugter Weise den ab­gesperrten Teil des Bahnhofes betritt, den Betrag von 1 Mk. zu bezahlen, und wenn festgestellt wurde, daß er ohne gütige Fahrkarte den Zug benutzt hat, die bisher bestimmt gewesenen Nachlösekarten nachzulösen. Der Reisende, welcher einen Hund ohne Hundekarte mitführt, hat zu zahlen: bei rechtzeitiger Meldung den Zuschlag von 1 Mk. zu dem tarifmäßigen Fahrpreise, jedoch nicht über das Doppelte des letzteren, ohne solche Meldung das Doppelte des Hunde­sahrpreises, jedoch mindestens 2 Mk.

'* Mit dem heutigen Tage treten u. a. auch die hessischen Gesetze betr. die Währschaft beim Viehhandel und die Protokollierung der Viehhändel, von 1858, außer Kraft, und kommen statt dieser resp. der gemeinschaftlichen Normen jetzt die Vorschriften in § 481 bis 393 des Bürgerlichen Gesetzbuchs zur Anwendung. Ferner ist eine in Nr. 13 des Reichsgesetzblatts von 1899 enthaltene Kaiserliche Verord­nung über die Hauptmängel und Gewährfriften beim Viehhandel erlassen, mit deren Inhalt sich jeder Vieh­züchter und Händler alsbald vertraut machen muß, wenn er eintretenden Falles sich vor weitgehenden Haftverbindlich, leiten schützen, bezw. den neu-rechtlichen Anzeigepflichten Genüge thun will.

+ Grunberg, 31. Dezember. UnserNeujahrs- markt", der altem Brauche gemäß am letzten Werktag des Jahres stattfindet, war in früheren Jahren einer der be­lebtesten unserer Jahrmärkte. Auf demselben wurden vor- nehmlich Spinnräder, die in verschiedenen Orten des Vogels­bergs angefertigt und oft recht kunstvoll ausgestattet wurden, von den Händlern feilgeboten. Während man sich früher eine Bauernstube ohne Spinnrad und den altertümlichen, hochlehnigen Spinnstuhl garnicht denken konnte, ist heute das Spinnrad vielfach nur noch in der Rumpelkammer zu finden, und die Heranwachsende Generation kennt es fast nur noch dem Namen nach. Seitdem anstelle des Spinnens die mancherleimodernen" Handarbeiten getreten sind, hat sich auch der Neujahrsmarktüberlebt". Auch der sog. NeujahrSweck, ein eigenartig geformtes Gebäck, ohne welchen

kein Marktbesucher heimwärts wanderte, hat in unserer anspruchsvollen Zeit längst seine Bedeutung alsMarkt- stück" verloren. Der gestrige Markt brachte immerhin unserem Städtchen recht regen Verkehr und unseren Ge­schäftsleuten kurz vor Jahresschluß noch eine, ihnen wohl zu gönnende, hübsche Einnahme.

x Grünberg, 1. Januar. Der älteste Bewohner unserer Stadt, Herr Rentner Johannes Jöckel, feierte heute, am Neujahrstage, seinen 94. Geburtstag. Trotz des hohen Alters erfreut sich der ehrwürdige Greis noch bewundernswerter Rüstigkeit und Geistesfrische, die es ihm ermöglichen, bei günstiger Witterung weite Spaziergänge zu unternehmen, sowie alle Vorkommnisse im Gemeinde- und politischen Leben mit Interesse zu verfolgen. Möchte ihm noch eine weitere Reihe von Jahren in gleicher Rüstig­keit beschieden sein! Wie in einer am vorigen Freitag stattgehabten Versammlung der verschiedenen Vereinsvorstände beschlossen wurde, soll der bevorstehende Geburtstag Seiner Majestät des Kaisers durch ein Festbankett in der Turn­halle gefeiert werden. Um eine zahlreiche Beteiligung an der patriotischen Feier zu ermöglichen, wird das sonst übliche Festessen diesmal nicht stattfinden.

O Blcichenbach, 30. Dezember. Die hiesige Gemeinde hat inmitten des Dorfes einen Spring brunnen und neben diesem eine größere Anzahl Pumpbrunnen. Ersterer liefert ein vorzügliches Wasser, während alle übrigen ganz minderwertiges, trübes, mit allen möglichen Fäkalien ge­mischtes Wasser haben. Mit der Zeit wurde die Leitung des Springbrunnens undicht, sodaß auch dieses Wasser viel an Reinheit zu wünschen übrig ließ. Obwohl ein großer Teil der Bürgerschaft fortschrittlich gesinnt und für Ver­besserung der Quellenfassung des Springbrunnens, sowie für Hausleitung bedacht ist, mußte das Projekt jederzeit an der konservativen Haltung des Gemeinderats scheitern. Eine Neuwahl im Gemeinderat brachte fortschrittliche Elemente in das Kolleg, und als das Projekt vom Kreisamt Büdingen kräftige Unterstützung erfahren durfte, wurde die Wasser­leitung amtlich genehmigt, und so ist zurzeit die Firma Gebrüder Becker-Darmstadt damit beschäftigt, dieselbe an- zulegen. Mit der Quellenfassung war eine Firma aus Worms betraut, welche durch drei Italiener die Arbeit gründlich ausführen ließ. Das Reservoir faßt 80 Kbm. Wasser. Da die Quelle weit höher gelegen, als das Dorf, so konnte die Leitung selbst bis an das hochgelegene Pfarr­haus gebracht werden. Die Beaufsichtigung für die Ge meinbe lag in den Händen des Herrn KreistcchnikerS Kraft zu Nidda.

Butzbach, 30. Dezember. In der am 29. Dezember stattgehabten Gemeinderatssitzung wurde beschlossen, von der Stadt Kapitalien aufzunehmen und zwar zu 4 Proz. Eine dahin zielende Annonce soll sofort veröffentlicht werden. Die städtischen Rechnungen pro 1898/99 wurden vorgelesen und mit Ausnahme einiger Posten, die der Gemeinderat

glaubte beanstanden zu sollen, genehmigt. Auch fand die Rechnung der Realschule die Genehmigung des Gemeinderats. Dem Referate über die vorletzte Gemeinderatssitzung ist noch nachzutragen, daß die Erhöhung des Preises des elektrischen Lichtes ihre Begründung darin hatte, daß der Voranschlag des elektrischen Werkes pro 1900/1901 mit einem Defizit von ca. 5000 Mk. abschloß.

A Seligenstadt, 1. Januar. Herr Sparkassenrechner AntonBurkard dahier trat heute im Alter von 69 Jahren nach 40 jähriger tadelloser Dienstführung in den wohlver­dienten Ruhestand. Mit seltener Gewissenhaftigkeit und Berufstreue waltete er 40 lange Jahre hindurch an der hiesigen Bezirkssparkasse, einem der bedeutendsten Geld­institute Hessens, seines verantwortungsvollen Amtes. Die behördlichen Kassenrevisionen sicherten ihm regelmäßig schmeichelhafte Anerkennungsschreiben, und der Landesherr ehrte ihn durch wiederholte Ordensauszeichnungen. Der Verwaltungs- resp. Aufsichtsrat der Kasse würdigte seine Verdienste durch Verleihung der Rechte eines CivilstaatS- dieners. Das Vertrauen der Bürgerschaft dokumentiert sich in der Thatsache, daß Herr Sparkasserechner Burkard schon seit 34 Jahren das Ehrenamt eines Beigeordneten ver­waltet. Möge es dem allbeliebten Pensionär beschieden sein, in seinem bekannten Biedersinne im neuen Jahrhundert sich noch lange des Ruhestandes zu erfreuen. Zum Amts­nachfolger wurde Herr Jakob Burkard, der 33 jährige Sohn des Pensionärs und bisherige Sparkassegehilfe erwählt. Derselbe übernahm heute die Dienstgeschäfte, nachdem er 19 Jahre lang als Unterbeamter im Kassendienste thätig war.

Ehringshausen, 30. Dezember. In vergangener Woche waren es 50 Jahre her, daß der Schäfer Konrad Schütz Hierselbst die Hütung der hiesigen Schafherde übernommen hat. Die Schäferei verehrte ihm, weil er stets treu über Eigentum der Mitglieder gewacht hatte, aus diesem Anlaß einen Sessel. Bei Gelegenheit dieses Jubiläums kam auch eine andere merkwürdige Thatsache an's Licht. Es wurde nämlich ausgerechnet, daß der Jubilar bis heute nicht weniger als 13 Gentner Tabak und zwar nur Schirmer- sches Fabrikat im Werte von etwa 1200 Mk. geraucht hat. Hiesige Einwohner machten einen zufällig in Ehrings­hausen anwesenden Gießener Herrn auf diesen jedenfalls recht bemerkenswerten Verbrauch mit der Anhcimgabe auf­merksam, dem Herrn Fabrikanten Schirmer in Gießen davon Kenntnis zu geben. Dies ist geschehen, und so hat der getreue Verehrer des Schirmer'schen Tabaks dieser Tage von Herrn Schirmer ein 10 Pfund-Packet mit Tabak und eine halblange Pfeife als Weihnachtsangebinde er­halten. Ehre, dem Ehre gebührt und gut Rauch!

m. Jesberg, 1. Januar. In der Böhnert'schen Wirt­schaft zu Reptich fand gestern Nachmitttag eine Ver­sammlung der Schmiede- und Schlossermeister des Löwensteiuer Grundes statt. Vertreten waren die

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Feuilleton.

§ ßinige Erinnerungen

aus der rheinischen Erdöeöenzeii von 1869|70.

Das zu Ende gehende Jahrhundert hat nicht umhin gekonnt, auch noch einmal in unserer Gegend*) an der alten Erdkugel zu rütteln. Seismos, der Erdgewaltige, hat ein wenig mit der Schulter geruckt, und alsbald sind die Mensch­lein von etlichen Dutzend Städten, Städtchen und Dörfern durch einander geraten, wie Ameisen, denen ein Menschen­ungetüm den mühsam zusammengetragenen Haufen mit einem Stock durcheinander gerührt hat, als wäre eS eitler Chaussee­staub oder Dinkelspreu.

Die Nachrichten aus dem Ried und den angrenzenden Gegenden über die Erdstöße am 19. Dezember v. I. riefen mir eine Reihe von Erinnerungen aus der Erdbebenzeit 1869/70 wach. Ich lebte damals an der Bergstraße, und machte die ganze Campagne, wenn man so sagen darf, mit. Die nachfolgenden Notizen denn nur solche wollen es sein haben vielleicht einiges Interesse für den Leser, weil sie von einem Augenzeugen herrühren. Hast Du schon ein­mal ein Erdbeben miterlebt? Oder einen Eisenbahn­zusammenstoß? Wenn nicht, bann kennst Du bas Gefühl menschlicher Hilflosigkeit nicht. Und nun zur Sache.

j Das Erdbeben vom 19 Dezember wurde auch an den süd­lichen Abhängen des VogUSberges verspürt.

In Groß-Gerau ging eS vor 30 Jahren zuerst los. Die Sache schien uns jüngeren Leuten anfangs, besonders weil die Beberei im Ried vor sich ging, wo doch nach da­maliger Ansicht absolut keine Neigung zu Erderschütterungen vorhanden fein konnten so ungeheuerlich, daß vielfach darüber gespottet wurde. Aehnliche Erfahrungen konnte man vor zehn Jahren machen, als die Influenza, auf dem Lande gewöhnlichJnfaulenzia" genannt, heftig auftrat. Wer sie' noch nicht hatte und ihre Wirkungen noch nicht verspürte, der spottete über den unsichtbaren grimmigen Feind; wer aber einmal in seinen Krallen war, der bekam einen heiligen Respekt davor.

So ging es auch bei un8. Das Erdbeben nahm die Richtung nach Süden gegen Lorsch und weiter, zweigte dann aber auch östlich nach Bensheim durch das Lauterthal über Elmshausen nach Reichenbach bis hinauf zur Neunkircher Höhe ab. Eines Morgens stand ich bei dem Knecht im Pferdestall; der Knecht hatte den Feldzug 1866 als Chcvaux- leger mitgemacht, war ein ruhiger, touragierter Bursche und pflegte zu lächeln, wenn von Erdbeben die Rede war. An jenem Morgen verging ihm das lachen; es mochte ein Viertel nach 7 Uhr gewesen fein, als sich von Osten her ein ganz eigentümliches Dröhnen, Tosen, Rollen, Knirschen, Zittern, Rütteln und Schütteln bemerkbar machte. Zuerst schien es ein mächtiger, schwer beladener Güterfrachtwagen zu sein, der sehr rasch über eine frisch beschotterte Chaussee daher raste; mit dem Getöse, das ein Eisenbahnlastzug hervor- bringt, läßt sich das Erdbebendröhnen nicht vergleichen,

weil ersteres viel zu glatt dagegen erscheint. Nun war der Teufelslärm unter uns und wir hatten das Gefühl, als wände sich eine ungeheure Schlange im Erd­bauche dahin, die uns von unten her mit ihrem gewaltigen Schweife einen fürchterlichen Schlag versetzte, worauf gleich darauf ein zweiter, weniger heftiger Schlag folgte. Nach diesem zweiten Schlage schien das Ungetüm in west­licher Richtung davon zu rasen, wie es gekommen war. Der Knecht hatte ein ledernes Pferdekopfgestell in der Hand, welches er fallen ließ, worauf er kreidebleich wurde und den Mund anssperrte. Das im Stalle befindliche Pferd sprang rückwärts und riß an der Kette, bann roieber vor­wärts, setzte sich auf die Hinterhacken und sprang mit den Vorderbeinen in die Krippe. Entsetzt schauten wir einander an wahrscheinlich machten wir keine besonders klugen Gesichter dabei. Ein Erdbeben! sagte ich; ja, antwortete der Knecht, da vergeht einem der Mutwille, und ich meine, es habe auch geblitzt dabei.*)

Wir schauten uns, nachdem das Pferd beruhigt war, bei unseren Bekannten um. Es waren einige Schornsteine eingestürzt, Uhren stehen geblieben, Kalk von den Wänden gefallen, Teller und Schüsseln von den Brettern gefallen und noch manches andere. Auf Frauen mit zartbesaiteten Gemütern brachten die Erdbeben baß Gefühl der Seekrank­heit hervor. .

Völlig irrig waren die Ansichten über die Dauer der

*) ES wurden oft Lichterfcheinungen bei den Erdstößen gesehen.