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2.9.1900 Erstes Blatt
 
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Erstes Blatt

Sonntag den 2 September

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Die Gießener

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Amtlicher Teil.

Bekanntmachung.

Zur Verhütung der Verschleppung der Maul- und Klauenseuche wird die Abhaltung des auf den 6. Sep­tember dS. IS. in Ehringshausen anstehenden Vieh- »arkteS an die Bedingungen geknüpft, welche durch meine den Markt zu Leun betreffende Bekanntmachung in Nr. 168 des diesjährigen Kreisblatts veröffentlicht worden sind.

Aus der Provinz Oberheffen des Großherzogtums Heffen und den preußischen Kreisen Biedenkopf und Marburg dürfen Rindvieh, Schweine und Schafe nicht ausgetrieben werden.

Wetzlar, den 25. August 1900.

Der Königliche Landratsamtsverwalter.

Abdul Kamid II.

Im osmanischen Reiche beging man am Freitag fest­lich!^ den Beginn des 25. Regierungsjahres Sultan Abdul Hamids II., der am 31. August 1876 den Thron seiner Väter bestieg. Es war eine Zeit größter Gefahren für die türkische Herrschaft am Bosporus, von innen und von nutzen breitete sich ein gewaltiger Ansturm gegen sie vor, der Staatsbankerott stand vor der Thür, und eine grenzen­lose Mißwirtschaft hatte die Einnahmequellen des Landes vernichtet. Erbten und Montenegro erhoben die Waffen, in Bulgarien flammte der Aufstand empor, und Rußland hielt den Augenbli ckfür gekomtnen, wo es das Ziel jahr­hundertelang verfolgter Pläne erreichen, die Sehnsucht der breiten Massen seines Volkes befriedigen und das Kreuz! wieder auf die Kuppel der Agia Sofia pflanzen könnte. Rach heldenmütigem Ringen erlag die Türkei der Ueber- macht, und nur die Eifersucht und der Eigennutz der euro­päischen Mächte bewahrte sie vor dem Verlust ihrer sämt­lichen rumelischen Provinzen und vor der Vertreibung des Halbmonds aus Konstantinopel. Doch es schien, als ob auch ohne den gewaltsamen Eingriff das Schicksal der los­manischen Herrschaft besiegelt sei; das Heer war fast ver­

nichtet, jeder Kredit verloren und die mohammedanische Bevölkerung durch ihre ungeheuren Opfer an Gut und Blut furchtbar mitgenommen, sodaß man glauben konnte, der Staat würde sich nie wieder erholen. Und trotz alle­dem besteht das türkische Reich noch jetzt, und wer von Vorurteilen und vorgefaßten Meinungen'frei die Verhält­nisse betrachtet, muß einen dauernden, wenn auch lang­samen Fortschritt aus allen Gebieten feststellen, und wenn Cypern nur noch dem Namen nach osmanisch ist, Kreta verloren ging, und der siegreiche Feldzug gegen Griechen­land keine Früchte trug, so war daran weniger die eigene Schwäche als die europäische Politik schuld.

Es gilt als eine der schwierigsten Aufgaben für den Geschichtsschreiber, den Anteil der Männer, die an ent­scheidender Stelle in das Werden der Geschicke eingegriffen haben, iw wahren Umfang, im gerechten Zumessen von Verdienst und Verschuldung festzustellen, und wenn auch! der Grundsatz gewahrt wird, die großen Persönlichkeiten nach ihrer Eigenart aus dem Zusammenwirken von Zeit und Umgebung und einer Reihe nur historisch entwickelter und erklärbarer Umstände zu beurteilen, so bleiben doch fast iwwer für die Mitlebenden ihre Ziele und Beweg­gründe in tjefes Dunkel gehüllt. Aber diese Schwierig­keit steigert sich noch, wenn es sich um Herrscher und Länder handelt, die in ihren Grundlagen und Lebensbedingungen völlig von dem abweich^n, was dem christlichen Europa als selbstverständlich und naturnotwendig erscheint. Wer den gerechten Maßstab an Abdul Hamid anlegen will, darf nicht vergessen, daß er der Sultan des osmanischen Reiches und der von der arößten Mehrzahl der Moslim anerkannte Khalif ist, und daß ihm daraus ganz besondere Rechte und Pflichten erwachsen, die kein Fürst des Abendlandes mit ihm teilt. lieberblickt man von diesem Standpunkt aus die verflossenen 24 Negierungsjahre, so tritt die Ge­stalt des Sultans als eine der bedeutendsten unter den! Padischahs hervor, die seit Jahrhunderten das Schwert Osmans sich umgürtet haben. Nicht wie Mahmud II., der Vernichter der Janitscharen, mit eiserner Faust, sondern mit unendlicher Zähigkeit hat Abduk Hamid danach gestrebt, den mohammedanisch - autokratischen Charakter seines Staates zu fördern und zu entwickeln, und dieses Streben ist von Erfolg begleitet gewesen.

Es W hier nich^t der Ort, der Untersuchiung nachzugehen, wie weit aus dem Ringen zwischen Christentum und Islam, das die Kreuzfahrer bis nach, Palästina und in das Land der großen Ströme Mesopotamiens und türkische Feld­herren vor die Mauern Wiens und an den Jsonzo führten, Anschauungen uns überkommen sind, die einst gerecht, jetzt ungerecht geworden sind. Jedenfalls ist bei den mehr oder weniger freundschaftlichen Ratschlägen der Diplomatie zu Verbesserungen im osmanischen Reich selten zwei maß­gebenden Faktoren Rechnung getragen worden: der Ver­schiedenheit des Orients von Europa und der Zeit; und deshalb sind die Noten und Reformpläne schätzbares Ma­terial geblieben. Weit mehr als sie hat für die gedeih­liche Entwicklung der Türkei die friedliche Arbeit von Handel und Industrie gethan, und zwar mit unausgesetzter Unterstützung durch den Sultan selbst, der im besonderen an dem Ausbau des Eisenbahnnetzes einen sehr großen Anteil hat. Vielleicht waren es weniger wirtschaftliche als staatliche Gründe, die ihn dabei leiteten, denn jedes Kilo­meter Straßen, Telegraphenlinien und Schienenwege be­deutet eine Stärkung der Regierungsgewalt, aber die

Folgen für die Volkswohlfahrt sind vorhanden. In der europäischen Türkei gab es 1876 im ganzen 1180 Kilometer Eisenbahn, jetzt 1993, in Asien 512 jetzt 2245 Kilometer, und für die lange geplante Verbindung von Konstantinopel zum Persischen Golf ist ein neuer aussichtsvoller Anlauf genommen. Sie würde dem Weltverkehr neue Gebiete er­öffnen, die jetzt brach liegen, und die türkische Herrschaft in Gegenden sichern, die sich bis heute fast unabhängig gehalten haben. In dem begonnenen Bau der Bahn nach Mekka äußern sich religiös-politische Zwecke. Als Khalif schpfft der Sultan den Gläubigen, die ihre Pilgerfahrt zu dem Heiligtum des Islam auhführen wollen, eine leichtere, schnellere Verbindung, und mit begeisterter Zu­stimmung, die sich in Spenden aus allen Erdteilen äußert, hat die mohammedanisch^ Welt diesen Gedanken begrüßt. <Äe enger an das geistliche Oberhaupt zu knüpfen, ist Abdul Hamid gelungen, aus dem Herzen Afrikas, aus Mittelasien und von den Inseln des malayischen Archipels kommen Muslim nach Konstantinopel, um den Khalifen zu sch>auen und kehren als eifrige Mitarbeiter am Werke des Panis­lamismus in die Heimat zurück. Dazu sind überall Zeit­ungen entstanden, welche die Zusammengehörigkeit der Mohammedaner verfechten, und nicht ablassen von der Aufforderung, sich eng um den Khalifen zu scharen, der selbst die religiösen Vorschriften des Korans streng beob­achtet und tief in die verschlungenen Gänge der Auslegung des Gesetzes eingedrungen ist. Einen mächtigen Anstoß hat die Anlage von Schuten im türkischen Reiche durch den Sultan erfahren, man zählt die Anstalten, die unter seiner Regierung entstanden sind, nach Tausenden, und die Kennt­nis von Lesen und Schreiben wird Eigentum immer weiterer Kreise. Auch für die höhere Schulbildung ist viel geschehen, und in den Provinzen giebt es viele neue, MHsts mit Internaten verbundene Anstalten, deren innere Ein­richtung und Haltung anerkannt ist. Sie bereiten für die Fachschulen in der Hauptstadt vor, von denen die Kriegs­schule in Pankaldi durch pie frühere Thätigkeit des Generals v. d. Goltz und die Medizinschule in Gülhaneh durch die Thatkraft des aus Bonn berufenen Professors Dr. Rieder sich besonders gut entwickelt haben.

Ganz außerordentlich hat sich die Wehrkraft des Reiches gehoben. 1876 bestand das stehende Heer, abgesehen von den Hilfswaffen, aus 181 Bataillonen, 145 Ähwadronen und 118 Batterien, jetzt sind 318 Bataillone, 199 Schwa­dronen und 258 Batterien vorhanden. Noch wichtiger als die Vermehrung der Linie ist der Ausbau des Landwehr­systems, das 364 Ergänzungsbezirke mit ebensoviel Batail­lonen umfaßt, die schon im Frieden ihre Berufs-Offi- ^iercadres bis zur Division hinauf haben, ein Vorteil für die Mobilmachung, dessen die meisten europäischen Heere entbehren. Um den Ueberschuß der Wehrpflichtigen aus­zunutzen, sind im vorigen Jahre noch die Stäbe für 150 Jlaweh - Bataillone aufgestellt worden, Truppenteile, die alle bisher von der Dienstpflicht im Frieden befreiten Mannschaften in kurzen Uebungen für den Kriegsfall vor­bereiten sollen. 496 weitere Bataillone sind im Entstehen begriffen, sodaß in einigen Jahren das Feldheer auf eine Verstärkung von rund 650 000 Mann rechnen kann und die gesamte Kriegsstärke auf eineinhalb Millionen steigt. Der Wert der Redif-Organisation hat sich bei den vielen Mobil­machungen, die in dem letzten Jahrzehnt erfolgten, klar gezeigt, und an ihrer weitern Vervollkommnung wird dauernd gearbeitet. Ebenso geht es mit der Wissenschaft-

Meratur.

a chinesische Mission im Gericht der derrtschen

Aeitungspresse.- Seit dem Ausbruch der chinesischen Wirren find durch angesehene deutsche Zeitungen, wie z. B dieHamburger Nach­richten"' und dieKölnische Zeitung" u. v. a. immer wieder schwere Anschuldigungen gegen die Mission, besonders die evangelische Mission erhoben werden, daß sie mit eine Hauptursache sei an der fanatischen Volkserhebung int chinesischen Reich. Sonderbarer Weise hat man sich durchweg damit begnügt, die Anschuldigungen zu erheben, ohne sie sachlich zu begründen, ja man hat sich in gehässigen Ausfällen bis zu dem Satz (Hamb. Nachr. Nr. 167) verstiegen: Man freut sich fast, wenn die Missionare von den Chinesen umgebracht werden.

Es war hohe Zeit, daß gegenüber diesen unerhörten Verdächtigungen und Angriffen ein energisches deutliches Wort zur Abwehr wie zur Auf­klärung über die wahre Sachlage erschien. Dies ist enthalten in der jüngst erschienenen Broschüre: Die chinesische Miss ion imGe- richt der deutschen Zeitungspresse von Prof. 0. G. Warneck. (Verlag von Martin Warneck Berlin W. Preis 25 Pfg., bei Bezug von 50 Exemplaren 20 Pfg.) W. gilt heutzutage allgemein als der hervorragendste Kenner evangelischer Missionsthätigkeit. In ruhiger, vornehmer, überall auf Thatsachen sich stützender Art weist D. W. seinen Gegnern nach, wie sich ein und dieselben Zeitungen in ihren verschiedenen Artikeln widersprechen, indem sie z. B. die chinesische Religion bald als hochstehend, bald als völlig korrupt bezeichnen, der Missionare Thätigkeit teils als direkt schädlich, bald als eines gewiffen Verdienstes nicht entbehrend binstellen. W. zeigt ferner an mehreren Beispielen, wie die Urteile der Artikelschreiber über die vorliegende Frage durch^Unkenntnis der Dinge häufig sehr getrübt find, wie fie aber chre Behauptungen ganz ruhig dem deutschen Publikum zu bieten I »aflen, weil fie leider nur zu sicher auf die Indifferenz »der gar 1

auf die Feindseligkeit der großen Mafien gegenüber aller Missionsarbeit rechnen können.

Das Traurigste jedoch von allem ist dies, daß man der evan­gelischen Mission offen als Schuld aufrechnet, worin allein die ka­tholische Mission anzuklagen ist, nämlich in der Frage der Inanspruch­nahme der weltlichen Mächte zum Schutze der Missionsbestrebungen. Die Verhandlungen des Bischofs Anzer mit der deutschen Regierung anläßlich der Ermordung zwei katholischer Missionare, die darauffolgende Besitz­ergreifung Kiautschous ist der offenkundige Beweis, wie die katholische Mission mit vollem Bedacht den weltlichen Arm zur Verfolgung ihrer Zwecke in Anspruch nimmt, und dadurch ein gut Stück mitbeiträgt, den Fremdenhaß bei den Eingeborenen zu schüren. Grundsätzlich halten sich die evangelischrn Missionen von einer solch verhängnisvollen Ver­kettung fern, sie treiben ihr Werk für sich und wollen sich dabei auf keine weltliche Gewalt stützen. Allein es wiederholt sich hier die oft zu konstatierende Thatsache, daß man aus Furcht vor der mächtigen katho­lischen Preffe schweigt, während man ohne Skrupel die bescheiden auf­tretende evangelische Mission zum Sündcnbock machte, weil nun einmal Einer in der ganzen Sache der schuldige Teil sein soll.

Wie wenig übrigens die ultramontane Partei dem deutschen Reich Dank weiß für sein energisches Eingreifen zur Sühne der ermordeten Missionare beweist, ein ebenfalls bei Warneck abgedruckter Artikel aus der päpstlichen Zeitung: La voce della veritadie wahre Ursache der chinesischen Wirren", in welchem Deutschland wegen seiner Besitzergreifung des südlichen Schantung für alle Unruhen verantwortlich gemacht wird und aus welchem ferner hervorgeht, wie es der päpstliche Stuhl nicht verschmerzen kann, daß das Protektorat über die chinesische Mission 1890 von dem universalen, katholischen Frankreich auf das nationale Deutsch­land übergegangen ist.

Bezeichnend endlich ist, daß dem Verfaffer ein für dieWoche"' bestimmter Artikel, der als Antwort auf einen ebenda erschienenen, der ev. Mission feindseligen Artikel von derWoche" selbst erdete« worden

war, zurückgereicht worden ist mit dem Bedauern, ihn nicht abdrucken zu können mit Rücksicht auf die kathol. Leser des Blattes und dabei brachte der Artikel nur gründlich belegte Thatsachen als Erwiderung ans den vorliegenden Angriff.

Es ist eine Ehrensache für jeden ev. Christen, daß er in dieser wichtigen Frage, über die die wenigsten Sachkenntnis, geschweige ein klares Urteil haben, sich informiert an der richtigen Quelle, damit er ungerechtfertigten Angriffen mit Beweisen entgegentreten kann. Hierzu bietet ihm die vorliegende in ruhiger, vornehmer Klarheit und unan­fechtbarer Sachlichkeit verfaßte Schrift D. Warnecks die beste Gelegenheit. In wenig Wochen hat dieselbe nun die 7./10. Auflage erlebt. Dr. Gr.

Katechismus der Logik von Friedrich Kirchner. Dritte, vermehrte und verbesserte Auflage. Mit 36 in den Text gedruckten Ab­bildungen. In Originallemenband 3 Mk. Verlag von I. I. Weber in Leipzig. Der verstorbene Autor hat sich als Dozent an der Humboldt- ?k°demie zu Berlin und als Schriftsteller um die Ausbreitung philo- o?? Kemttniffe in weiteren Kreisen außerordentlich verdient gemacht.

Katechismen hat er sechs Bände geliefert, die sich sämtlich a Klarheit und Tiefe der Erkenntnis auszeichnen, die sie zu ver- schaffen vermögen. Das nun hier in dritter Auflage vorliegende kleine k <rüet? Durchsicht den verewigten Verfaffer bis kurz vor seinem Tode beschäftigt hat, führt in die Erkenntnistheorie, die Elementar- und Methodenlehre em und belebt den Stoff durch Beispiele, Figuren und Uebungsaufgaben. Eine sehr nützliche Ergänzung bietet die ausführliche Geschichte der Logik. Als brauchbares Hilfsmittel für Studierende und Examinanden hat fich das Büchlein zwar schon oft bewährt, doch ist zu betonen, daß der praktische Nutzen des Studiums der Logik sich nicht nur bei jeder wiffenschaftlichen Beschäftigung, sondern auch im täglichen Leben zeigt.