Nr. 178 Zweites Blatt. Donnerstag de» 2. August
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Kerzog Alfred von Kachsen-Kovurg-KoLha f-
Gießen, 1. August 1900.
Der Herzog von Sachsen-Koburg-Gotha ist am 30. Juli abends 10 Uhr auf Schloß Rosenau gestorben. Zu dem Hinscheiden sch>reibt die „Nordd. Allgem. Ztg": „Durch seinen Tod werden neben dem großbrittannischen Königshause die kaiserliche Familie und verbündete deutsche Fürstenhäuser in Trauer versetzt. Den Verlust, den Regierung und Bevölkerung der ihres Fürsten beraubten Lande von Sachsen-Koburg-Gotha erleiden, begegnet auch in andern deutschen Bundesstaaten aufrichtiger Teilnahme."
Besonders das Großherzogtum Hessen wird durch, den Tod des Herzogs Alfred in tiefe Trauer versetzt. Hat doch unsere Landesmutter, I. K. H. die Frau .Großherzogin, in dem Verstorbenen ihren Vater verloren, nach den schimerzlichen Verlusten her letzten Monate eine um so herbere Heimsuchung, die das Hessenvolk im Innersten berührt. Erst im Vorjahre, am 6. Februar 1899, wurde unserer Großherzogin einziger Bruder, der Erbprinz Alfred von Kobura-Gotha, im köstlichen Alter von 25 Jahren durch ein schreckliches Leiden aus diesem Leben abberufen. So folgt ein schwerer Schsick- salsschlag dem anderen. Klagend stehen Fürsten und Völker an der Bahre des hohen Herrn. Wir können nur wünschen und hoffen, daß unsere Großherzogin alle die schweren Schickungen mit ihrer blühenden Jugendkraft überwinden «und Trost finden möge in der treuen Liebe und herzlichen Verehrung, die ihr ganz Hessen entgegenbringt.
Herzog Alfred von Sachsen-Koburg-Gotha erlag einer plötzlichen Herzlähmung. Die Todesnachricht kommt der breiten Öffentlichkeit ziemlich unerwartet, emgeweihte Kreise aber waren sich längst darüber klar geworden, daß der Zustand des Herzogs, der in den letzten Jahren fortwährend kränkelte und alle möglichen Kuren gebrauchte, recht ernster Natur war und kaum der Hoffnung Raum ließ, daß der Souverain der koburger und gothaischen Lande noch eine sonderlich lange Spanne Zeit zu leben habe. Wurde auch, eine Herzlähmung zur unmittelbaren Todesursache, so ist diese bod)i zurückzuführen auf dasselbe Leiden, das Kaiser Friedrich leider allzu früh von dannen führte, auf Kehlkopfkrebs, der derart entwickelt war, haß hervorragende Wiener Spezialärzte, die konsultiert wurden, erklärten, der Herzog habe nur noch Wochen zu leben, sein Tod könne aber auch jeden Tag eintreten, zumal das Uebel so tief saß, daß eine Operation völlig aussichtslos erschien. Herzog Alfred selbst hatte keine Ahnung von dem wahren Ernst seines Zustandes und starb, ohne zur völligen Erkenntnis desselben gekommen zu sein.
Herzog Alfred war der zweitgeborene Sohu der greisen Königin von England. Unser Kaiser betrauert in dem Verstorbenen einen Onkel mütterlicherseits. Herzog Alfred war am 6. August 1844 zu Schloß Windsor geboren. Seine erste Erziehung erhielt er meist von englischen Lehrern, teilweise (1856—1857) in Genf, wo er auch Unterricht in den fremden Sprachen erhielt. Nachdem er sich frühzeitig für den Seemannsberuf entschieden hatte, bereitete er sich auf die Eintrittsprüfung als Kadett vor, die er im Jahre 1858 bestand. Dem Wunsch seiner Eltern entsprechend, war ihm diese Prüfung recht schwer gemacht worden. Er diente auf verschiedenen Stationen der Marine, namentliche im Mittelmeer und in Amerika. Im Jahre 1862, nach dem Sturz des Königs Otto, wurde ihm dre griechische Königs kröne angeboten, die er jedoch ausschtug. 1866 bewilligte ihm das Parlament ein Jahresgebalt von 15 000 Pfund, das nach seiner Vermählung um 10000 Pfund erhöht werden sollte. Als Herzog von Edrn- burg wurde er im Mai 1866 ins Oberhaus berufen. Im folgenden Jahre erhielt er das Kommando der Fregatte Galatea, auf der er zuerst eine Reise nach Australien unter
nahm. Am 12. März 1868 gab ein Irländer, Namens I O'Farrell, bei einem Picknick in der Nähe von Port Jackson I (Neusüdwales) einen Pistolenschuß auf den Herzog I ab, der eine leichte Wunde im Rücken erhielt. Der Prinz I bereiste in der Folge Ostasien, wobei er vom Mikado I empfangen wurde, dann Indien, später Italien. Am I 23. Januar 1874 vermählte er sich in Petersburg mit der | einzigen Tochter des Kaisers Alexander II. von Rußland, I Maria Alexandrowna, und hielt einige Monate darauf I einen feierlichen Einzug in London. Im November 1882 I wurde er zum Vizeadmiral befördert und führte mehrere I Kommandos, zuletzt als Befehlshaber des Mittelmeer-Ge- I chwaders, in welcher Eigenschaft er 1888 einen feierlichen I Besuch in Spanien machte. 1889 schied er aus der aktiven I Marine. Nachdem er bereits im Juni 1888 zum General I der Infanterie a la suite der preußischen Armee ernannt I tvorden war, folgte er am 22. August 1893 seinem kinder- I losen Oheim Ernst II. als Herzog von Koburg und Gotha. I Der Eidesleistung wohnte Kaiser Wilhelm II. bei.
Als regierender Fürst hat Herzog Alfred es verstanden, I durch Nachgiebigkeit und möglichstes Entgegenkommen, sich die Zuneigung feiner Landeskinder in den Herzogtümern zu erwerben. Von jeher hat zwischen den beiden Landes- I teilen eine gewisse Eifersucht bestanden, und mit Spannung I wartete jedes der beiden Ländchen auf den Einzug der I herzoglichen Familie, das pünktliche Eintreffen der gleichr- zeitig mitkommenden Theatertruppe und Beamtenwelt. Noch heute streiten sich! die beiden Landtage um die noch immer ungelöste Domänenfrage. Während der Berater des Herzogs für Gotha, der Staatsminister Dr. Strenge, ein ehemaliger liberaler Rechtsanwalt, ein ziemlich scharfes Regiment führte, das oft zu hitzigen Verhandlungen in den Landtagen Anlaß gab, bemühte sich Herr v. Wittken in Koburg, um einen artuellen Ausdruck zu gebrauchen, „sein Gesicht zu wahren", d. h. die von den koburgischen Land- | tagsabgeordneten tapfer verteidigte Selbständigkeit des । Herzogtums auch seinen Ministerkollegen gegenüber zu behaupten. Zwischen den Vorschlägen dieser beiden Ratgeber hat der Herzog jederzeit mit klugem Maßhalten zu wählen verstanden. Obgleich die Thatsache, daß Herzog Alfred mehr Engländer als Deutscher war, manches Unterthanen- herz zu Anfang gegen ihn eingenommen hatte, hatte die Art und Weise, wie die herzogliche Familie sich gab, doch bald zur Folge, daß die Zuneigung zu ihr von Jahr zu Jahr wuchs. Der Herzog selbst zeigte sich in der Oeffent- ! lichkeit ungezwungen, er ging oft ohne Begleitung über I den Marktplatz seiner Residenzen.
Die Hochzeiten! der Töchter des herzoglichen Paares gaben den Koburgern manchen Anlaß zur Freude. Prinzeß Maria vermählte sich am 10. Januar 1893 in Sigmaringen mit dem Prinzen Ferdinand von Rumänien, am 19. April 1894 fand die Hochzeit der damals 18 jährigen Prinzessin Viktoria Melitta mit unserem Großherzog', Erüst Ludwig in Koburg statt. Die Vermählung der Prinzessin Alexandra mit dem Erbprinzen zu Hohenlohe- Langenburg folgte am 20. April 1896. Die jüngste Tochter Prinzessin Beatrix ist noch unvermählt.
Der Thronfolger in Koburg-Gotha ist der am 19. Juli 1884 in Claremont geborene Herzog von Alba wy, der Sohn des kurz vorher verstorbenen gleichnamigen vierten und jüngsten Sohnes der Königin Viktoria und der Prinzessin Helene von Waldeck-Pyrmont, nachdem im vorigen Jahre bei der durch den Tod des Erbprinzen notwendig gewordenen Regelung der Thronfolge der dritte Sohn des Prinzen Albert und der Königin Viktoria, Herzog von Conaught, für sich und seinen Sohn auf die Ansprüche auf den herzoglichen Thron Verzicht geleistet hatte. Der Herzog von Conaught, der wahrscheinlich einmal Oberkommandierender der britischen Armee werden wird, giebt seine militärische Laufbahn in seiner Heimat nicht gern auf, und für ihn wie für seinen Sohn spielt auch eine Apanaaefrage mit, die auch für den Herzog von Albany in Frage kam. Man hatte im Oktober v. I., als die Thronfolgefrage gelöst war, gehofft, daß der Herzog von Albany mit seiner Mutter dauernd Wohnsitz im Lande nehmen und sich von frühester Jugend an mit Land und Leuten vertraut machen würde. Die Voraussetzung, daß ihm von der Hofhaltung eine standesgemäße Wohnung und eine ausreichende Apanage bewilligt würde, ist indes Nicht verwirklicht worden, und die Herzogin und ihr Sohn suchten und fanden während des vergangenen Winters an dem verwandten Stuttgarter Hofe gastfreundliche Aufnahme, worauf sie im Frühjahr nach der Einstellung des Herzogs in die preußische Armee nach Potsdam übersiedelten. Der 1883 geborene Sohn des Herzogs von Conaught hat seine Erbrechte nur für den Fall Vorbehalten, daß der von Albany ohne männlichen Nachkommen sterben sollte. Vormund des Herzogs von Albany ist der Erbprinz von Hohenlohe-Langenburg, der Sohn des kaiserlichen Statthalters in Elsaß-Lothringen. Bis zur Einsetzung einer Regentschaft führt verfassungsgemaß das Staatsministerium die Regierung gemeinschaftlich.
Politische Tagesschau.
Die „N. H. volksbl." schreiben:
Zu unserer großen Freude können wir mttteiten, daß sich das Befindm deS Finanzministers Küchler derart gebelfert hat, daß er das Krankenhaus verlassen und in seine Wohnung in ba Neckarstrabe zurückkehren konnte.
Ferner meldet ein Privattelegramm des „Mainz. Jouru." von Darmstadt aus durchaus sicherer Quelle, daß an eine Ausnahme der ministeriellen Thätigkeit deS Ministers Küchler nicht mehr zu denken sei, obwohl die ausS neue vorgenommcne Operation im allgemeinen gut verlaufen und der Patient sich den Umständen entsprechend wohl befinde.
Endlich finden wir in der Münchener „Allgem. Ztg." folgenden Artikel aus Darmstadt:
„Unser in allen politischen Kreisen verehrter Finanzminister hat seine Entlassung erbeten. Seit Beginn seiner Laufbahn war er von einem tückischen Halsleiden heimgesucht, dem durch schwere operative Eingriffe zeitweise Einhalt geboten wurde; jetzt hat er sich einem neuen Eingriff unterziehen müffen, aber noch vor demselben, da er sich nicht mehr diensttauglich fühlte, um seine Entlassung gebeten. Ob diese von dem Großherzog bewilligt wird, steht noch dahin, allein damit wird zu rechnen sein, daß seine politische Thätigkeit ihr Ende erreicht hat. Da» ist für Hessen ein ganz außerordentlich schwerer Schlag, der nicht leicht zu verwinden sein wird. Die Neuorganisation des Finanzministerium», bet der er der bestimmende und in den Hauptteilen auch ausführende Faktor war, ist noch nicht durchgeführt, die neuen Steuergesetze sind noch nicht in ihrer Wirksamkeit erprobt; wir hätten dieser starken Hand noch dringend bedurft, um das Angefangene auszugestalten und zu vollenden. Es ist ein tragisches Geschick, daß von dem Augenblick an, da Finanzminister Küchler an die Stelle berufen wurde, auf der er dem Lande seine außerordentlichen Fähigkeiten beweisen konnte, sich dre unheilbare Krankheit bemerklich machte. Aber er hat auch so Staunen«' wertes in der etwa zweijährigen Zett seines Wirkens erreicht. Al« Finanzminister Weber seine Entlassung nahm, richteten sich alle Bücke i sofort nach Worms, wo Küchler damals als Oberbürgermeister thättg war. Aus dem nicht sehr ansehnlichen Provinzialstädtchen hatte Küchler eine Stadt von lebhaftestem, industriellem Verkehr gemacht und den Wohlstand in einer außerordentlichen Weise gehoben; was WormS heute ist, verdankt eS ihm. Von dort hat er in Wort und Schrift m seiner packenden und treffenden Art für die Steuerreform in Heffen energisch Propaganda gemacht, und seine erste That als Finanzminister war denn auch die vollständige Umbildung der Steuerverhältniffe. Waren dafür auch Vorarbeiten bereits gemacht, war das Vorbild in der preußischen Reform gegeben, so war doch die Schnelligkeit, mit der die Entwürfe ■ erschienen und die Gründlichkeit, mit der sie durchgearbeitet waren, aus l das höchste anzuerkennen. Mit Ausnahme der Weinfieuer hat auch di- ganze Vorlage kaum Widerspruch bei den gesetzgebenden Körpern gefunden. War die Grundlage gegeben, so war es ein schwieriges Werk, das Gesetz in die Praxis überzusühren. Auch dies hat Finanzminister Küchler durch Verordnungen und Ausschreiben in die Wege geleitet. Hand in Hand damit ging die Organisation und Vereinfachung der steuererhebenden Behörden. Auch hier hat er ein gewaltig Stück Arbeit geleistet. Doch nicht die Steuerverwaltung allein unterft'ht dem Finanzminister, auch Forst- ünb Kameralverwaltung, Bauwesen und Eisrnbahnverwaltung gehören zu seinem Ressort. Auch diesen hat Finanzminister Küchler sein Organisationstalent gewidmet. Die Forstverwaltung wurde durch bedeutende Vermehrung der Orer- försterstcllen und Verkleinerung der Bezirke umgestaltet, der Bauabteilung durch Zusührung frischer, lhatttäfliger Persönlichkeiten I neues Leben etngegeden. Aber seine Wirksamkeit war erst im Beginnen. Von seiner Energie durfte man eine Verjüngung deS ganzen | politischen Lebens, von seiner rastlosen Thätigkeit die Turchdringung I des ihm unterstellten hessischen Beamtentums erwarten. Dabei war I ihm eine Kraft der Rede, eine U-berzeugungsfähigkeit in seinen I Darlegungen gegeben, die in der Kammer ihren Eindruck nie verfehlte Es ist tief zu bedauern, daß eine solche Persönlichkeit, deren <öt ff en nicht viele hat, von der Thätigkeit, zu der sie berufen war, I abtreten muß. Für die nationalliberale Partei, in deren ersten Reihen Küchler alS Oberbürgermeister stand, bedeutet sein Zurücktreten einen schweren V-rlust. Mit ihm konnte ste zeigen, wie ihre Grundsätze für daS Volk in Thaten umgesetzt werden und wie ein wahrer Volksmann für sein Land zu wirken versteht."
Mr behalten uns eine Würdigung der Thätigkeit unseres Finanzministers vor. Die wesentlichste Frage ist jetzt, wer wird sein Nachfolger? Sollte man vielleicht wiederum die Absicht haben, den Oberbürgermeister einer hessischen Stadt zum Finanzminister zu machen? DaS würde I für unS vielleicht einen außerordentlich schweren Verlust I bedeuten. ___________________
Zum Tode König Humberts von Italien.
Gießen, 1. August.
Man metbet aus Rom:
König Humbert that seinen letzten Atemzug, ms der I Wagen in das Thor der Villa Reale rollte. Die Königin war von dem Attentat in Kenntnis tzesetzt worden und er- I wartete den Wagen am Thor. Als sie von dem Tod ihres I Gemahls erfuhr, verfiel sie in Weinkrämpfe. Das Toten - I bett, auf das £'er König provisorisch gebettet ist, ist von I der Königin eigenhändig mit prächtigem Blumenschmuck I versehen worden. Immer wieder bricht sie unter heftigem I Weinen in die Worte aus: „Mein Gott, mein Gott, es ist I das schändlichste Verbrechen an diesem Manne vergangen, der keinem Menschen etwas zu Leide gethan hat, wohl aber Überall Gutes um sich verbreitete". Niemand darf den | Palast in Monza betreten Bewaffnete Karabtrnen Kabeu


