sich das Staats Ministerium dafür, die Beschlüsse der Budgetkommission des Reichstageszur Flottenvorlage trotz der Abstriche gut zu heiß en. Die preußischen Vertreter im Bundesrat werden demnach ihre Stimmen für dieselben abgeben. Voraussichtlich) wird heute dias Plenum des Bundesrats zusammentreten, um auch bezüglich der Deckungsfrage Stellung zu nehmen und, wie die Budgetkommission verlangt hat, die vom Staatssekretär Frhr. v. Thielmann abgegebene Erklärung sich anzueignen. In der Frage des Fleisch-Beschaugesetzes stellt sich die preußische Staatsregierung im großen und ganzen auf den Boden des Kompromisses, der zwischen dem Reichsamt des Innern und hervorragenden Reichstagsmitgliedern angebahnt ist. Das Zustandekommen der Vorlage ist daher als sehr wahrscheinlich anzusehen. Dagegen stellten sich der vorliegenden Fassung der Novelle zum Wein-Gesetz Schwierigkeiten in den Weg; auch sind Einsprüche erhoben worden, die nicht von der Hand gewiesen werden können. Diese Vorlage wird also für diese Tagung zurückgestellt bleiben.
— Das „Berl. Tageblatt" erfährt, daß der vom preußischen Staatsministerium angenommene Kompromiß zum Fleischbeschaugesetz sich auf einer anderen Grundlage, als die früheren Verhandlungen bezweckten, bewegt. Er nähere sich damit in gewissem Sinne dem Standpunkte der ausgesprochenen Gegner aller Kompromißverhandlungen, die an den Beschlüssen zweiter Lesung festhalten. — Demselben Blatte wird von einem parlamentarischen Korrespondenten bezüglich der Kanalvorlage versichert, daß int Schoße der Staatsregierung die endgültige Entscheidung noch! nicht darüber getroffen worden ist, ob diese Vorlage aus dem Arbeitsplan der laufenden Tagung ausscheiden wird oder nicht. Die Entschließung werde nämlich von dem Verlauf der Arbeiten im Reichstage abhängig gemacht.
— Wegen des Konitzer Mordes hat das Herren- haüsmitglied von Hertzberg -Lottin nach dem „Berliner Tageblatt" folgende Interpellation im preuß. Herrenhaus eingebracht: „Welche Schritte gedenkt die königliche Staatsregierung zu thun, um weiten Kreisen der christlichen Bevölkerung die Gewißheit zu verschaffen, daß die in den letzten Jahren vorgekommenen unaufgeklärten Morde an christlichen Jünglingen und Jungfrauen von den Juden begangene sogenannte Ritualmorde sind?" — Die Begründung geht von der Annahme aus, daß die Morde in S k u r z und Xanten Ritualmorde gewesen sind. Die Interpellation solle nicht nur endlich Klarheit über die „Motive und den mysteriösen Mord in Könitz schaffen, sondern auch hauptsächlich die christliche Bevölkerung darüber beruhigen, daß seitens ihrer berufenen Vertreter alles geschehen wird, um eine Verdunkelung des Thatbestandes zu verhindern. Die Bevölkerung wird durch diese Gewißheit hoffentlich abgehalten werden, sich durch Provokationen seitens der Juden zu Gewalt- thätigkeiten hinreißen zu lassen, die schließlich nur den Juden nützen und die Aufmerksamkeit der staatlichen Organe von der dieser Erregung zu Grunde liegenden scheuß-- ttchen Mordthat abzulenken geeignet erscheinen".
Anstand.
Kopenhagen, 30. April. Der König von Dänemark läßt sich bei der Großjährigkeitserklärung des preußischen Kronprinzen durch den ältesten Sohn des dänischen Kronprinzen, Prinzen Christian, vertreten. Der Prinz Überbringt dem Kronprinzen den Elefant en - orden.
Rotterdam, 30. April. Die d eutsche Torpedoflottille traf heute hier auf ihrer Rheinfahrt ein, und bleibt bis zum 1. Mai früh hier. Die deutschen Offiziere statteten um 12 Uhr dem Bürgermeister auf dem Rathaus einen Besuch ab. Mittags fand im deutschen Verein Reunion statt.
London, 30. April. Wie in hiesigen Finanzkreisen verlautet, streckt die russische Regierung augenblicklich Fühler aus, um den französischen Geldmarkt zu veranlassen, den russischen Anleiheplänen entgegenzukommen. Anscheinend will die französische Regierung ihre Dienste davon abhängig machen, ob Rußland zur Erhöhung des Glanzes der Ausstellung dadurch beitragen will, daß es den Besuch der Ausstellung durch den Kaiser Nikolaus fest zusagt.
Paris, 30. April. Bei den gestrigen Senatswahlen stimmten im Pas de Calais 70 Nationalisten für den Präsidenten Krüger.
Lissabon, 30. April. Im Auftrage des Königs überbringt der Herzog von Oporto dem Deutschen Kronprinzen zum 6. Mai das Collier des Turm- und Schwert orden S.
Konstantinopel, 30. April. Der Sultan bewilligte die Forderungen Frankreichs in der Angelegenheit der syrischen Bahn. Der Botschafter Constans erhielt ein Jrade übermittelt, wonach der Sultan auf den konzessions- mäßigen Weiterbau der Linie Beyrut-Damaskus- Rajak nach Biredjik verzichtet und die Konzession zum Weiterbau nur als von Rajak nach Homs-Hamam, ungefähr 200 Kilometer, bestehend, umgeändert ist. Die jetzt definitiv angenommenen französischen Forderungen wurden von deutscher Seite auf das wärmste beim Sultan unterstützt.
— Der zum General-Gouverneur von Tripolis ernannte Staatsrat Ismael Kemal, der vorgestern auf einem kaiserlichen Dampfer nach Tripolis abreisen sollte, hat wenige Stunden vorher auf einem englischen Frachtdampfer sich ins Ausland geflüchtet.
Aus Stadt und Land.
Auszeichnung. Dem Rittmeister 'z. D. Grafen v. Schwerin, Bezirksosfizier und Pferde-Vormusterungs- Kommisfar bei dem Landwehr-Bezirk Schwerin, seither Eskadronchef im 2. Großh. Heff. Dragoner-Regiment (Leib-
K
Zur
Feuersbrunst in Ottawa.
Wie unsere Leser erfahren haben, ist die Vorstadt Hüll der kanadischer Stadt Ottawa und ein Teil der Stadt selbst ein Raub der Flamme« geworden. Ottawa liegt am gleichnamigen Fluß und ist seit 1858 die Hauptstadt der Dominion of Canada. Die Vorstadt Hüll liegt auf dem anderen Ufer des Fluffes. In unserer nebenstehenden Abbildung ist die Vorstadt mit einem Kreuz bezeichnet.
Dragoner-Regiment) Nr. 24, ist das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen worden.
•* Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten- Versammlung Donnerstag den 3. Mai 1900, nachmittags 31/2 Uhr: 1. Gesuch des Theodor Haubach wegen Benutzung des städtischen Weges an der Moltkestraße zum Gelände des Gaswerks. 2. Baugesuch des Heinrich Winn für die Crednerstraße; hier DispenS. 3. Gesuch des Kaufmännischen Vereins um Erlaß der Bauverpflichtung auf dem Gelände an der Nordanlage. 4. Anlage erhöhter Bürgersteige; hier: Spezialvoranschläge. 5. Aufstellung eines neuen Pisioirs am Seltersthor. 6. Anlage von Gruppengräbern auf dem Friedhöfe und Wiederbelegung von Gräbern daselbst. 7. Uebernahme von Medikamenten- Rechnungen der Apotheker an Arme auf die Armenkasse. 8. Gesuch des Turnvereins zu Gießen um Gewährung einer Unterstützung seitens der Stadt. 9. Das 13. Deutsche Bundesschießen im Jahre 1900 zu Dresden; hier: Gesuch des Festausschusses um Bewilligung einer Ehrengabe.
** Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus, die Sonne scheint, die Fruchtbäume sind mit voller Blütenpracht besäet, überall leuchtet und flimmert der Frühling, schießt das Grün aus der Erde, schießen die Spargel, — schießen die Studenten. Zur Feier des Eintritts in den Wonnemonat veranstaltete der 8. C. in der vergangenen Nacht seine Maifeier am Kriegerdenkmal. Mit brennenden Kerzen und gefüllten Gläsern zogen die Studenten nach dem Marktplatz, wo nach dem üblichen Salamander das Lied: „Deutschland, Deutschland über alles" stieg.
O Silbernes Jubiläum. Heute beging die Firma Moritz Gregori und Sohn Hierselbst, am Kreuzplatz, das Fest ihres 25 jährigen Bestehens. Der Inhaber der Firma, Herr Müller, hat es verstanden, das aus kleinen Anfängen hervorgegangene Geschäft durch rastlose Thätig- keit zu dem bedeutendsten der Branche in Gießen empor zu bringen. Die Angestellten des Hauses gratulierten heute morgen ihrem Chef und überreichten ihm als Andenken an den Tag eine photographische Aufnahme des gesamten Personals.
•• Ein Bubenstreich Am Sonntag Nachmittag wurde im Teufelslustgärtchen ein junger Mensch, der harmlos am Fenster stand, von einem bis jetzt Unbekannten mittels eines Flobertgewehres in die Hand geschossen. Die Kugel befindet sich noch in der Hand des Verletzten.
*• Diebstahl. In der Nacht vom 29. zum 30. April wurde in einer Küche durch das Fenster in der Franksurter- straße eingebrochen, und aus der Speisekammer zirka 40—50 Pfund Wurst gestohlen. Der Dieb wurde heute morgen in der Person eines hier vor einigen Tagen zugereisten Gauners beim Verkauf eines Quantums der gestohlenen Wurst betroffen und dingfest gemacht.
** Schützenverein. In der Montagabend im Schützenhause stattgehabten außerordentlichen General-Versammlung des Schützenvereins erstattete der Oberschützenmeister Bericht über das vergangene Winterhalbjahr. Dem Rechner wurde nach Prüfung der Rechnung pro 1898-99 Entlastung erteilt. In Erledigung des nächsten Punktes der Tagesordnung: „Beteiligung an der Einweihung des Kriegerdenkmals", wurde beschlossen, sich an der Spalierbildung beim Empfang des Großherzogs möglichst vollzählig zu beteiligen. — Zur Herstellung der Schießanlagen wurde ein Kredit von Mark 700 bewilligt. Der aus der Vereins- und der Baufondskasse gedeckt werden soll. Im übrigen ist es dank der Opferfreudigkeit der Mitglieder gelungen, durch Ausgabe von Anteilscheinen den zur Er- fverbung der Schießanlagen erforderlichen Betrag aufzubringen und den Schützenverein in die angenehme Lage zu versetzen, Ende des Monats die Scheibenstände definitiv vom geschäftsführenden Ausschuß übernehmen und mit den offiziellen Schießübungen beginnen zu können. Nach Beendigung des sogenannten Anschießens wird am Abend in den Räumen des Schützenhauses ein Festkommers mit Damen stattfinden, zu dem sämtliche Mitglieder der Ausschüsse des vorjährigen Verbandsschießens Einladungen erhalten werden. Auswärtige und hiesige bewährte Humoristen und Komiker haben ihre gute Mitwirkung zur Ausfüllung des humoristischen Teiles des Kommerses bereits zugesagt, sodaß den Teilnehmern durch ein abwechselungsreiches Programm äußerst genußreiche Stunden in Aussicht stehen.
Darmstadt, 1. Mai. (Telephonmeldung des H®. A.") Der Großherzog und die Großherzogin nebst Prinzessin Elisabeth werden nächsten Freitag mittag 3 Uhr 39 Min. aus Italien hier wieder eintreffen. Der Groß' Herzog begiebt sich am Samstag dem 5. Mai, abends 7 Uhr 44 Min. nach Berlin zur Feierder GroßjährigkeitS- erklärung des Kronprinzen. In seiner Begleitung werden sich befinden Oberst Freiherr v. Grancy, beauftragt mit den Funktionen eines GeneraUAdjutanten, und die Flügel' Adjutanten Major Freiherr v. Roeder und Rittmeister
Kraemer. — Gestern abend fand hier eine durch die freiwillige litterarische Kunst - Gesellschaft veranlaßte Ver. sammlung von Kunst - Interessenten statt zur Gründung eines Goethe-Bundes. ES wurde eine Kommission von 5 Personen ernannt, worunter Professor Harnack, Oberstleutnant Dad, Vorsitzender des Schriftsteller« und Journalisten-BereinS, Dr. Heilbronn, Vorsitzender des hiesigen Zweigvereins der deutschen Bereinigung für ethische Kultur, Maler Bader, Vorsitzender der freien Vereinigung Darmstädter Künstler und Herr Elias, 2. Vorsitzender des freiwilligen litterarischen Vereins dahier. Derselben liegt die Ausarbeitung der Statuten und die Vorbereitung für eine demnächst einzuberufende konstituierende Versammlung ob. — Der erste Ausschuß der zweiten Kammer ist heute zu mehrtägiger Beratung, hauptsächlich wegen der Eisenbahnfrage, zusammengetreten.
UugliicksMe in der pariser Weltausstellung.
Dem ersten Unglücksfall in der Pariser Weltausstellung am Sonntag Nachmittag ist am Montag Nachmittag eine zweite Katastrophe gefolgt. In dem großen Fest saale stürzte ein Gerüst zusammen, wobei 3 Personen getötet und mehrere verletzt worden sind. Die Aufregung in der Ausstellung, so lautete die uns bereits gestern abend zugegangene telegraphische Met düng, ist groß.
Die „Frkft. Ztg." meldet darüber folgendes: Ein neuer Unglücksfall, der 4 Opfer gefordert hat, hat sich ; am Montagmittag nach 1 Uhr in der Ausstellung, und zwar in der Galerie des Machines ereignet. Ein Gerüst, auf dem 4 Maler an der Dekoration der oberen Galerien arbeiteten, ist eingestürzt. Drei der Arbeiter sind bereits tot, der Zustand des vierten scheint hoffnungslos.
Inzwischen wird über das UnglückvomSonntag folgendes gemeldet: Von den 60—70 Personen, die a b - gestürzt sind, wurden sofort vier Männer und eine Frau unter den Trümmern tot hervorgezogen. Fünfzig । Personen, darunter viele Kinder, erlitten Verletzungen, einige schwer. Mit dem Tode ringt ein Infanterist. Die Leichtverletzten wurden teils nach den Ambulanzen innerhalb der Ausstellung gebracht, teils nach den städtischen Hospitälern. Die Toten sind der Ingenieur Lhomme, die Herren Damard und Samuel, des letzteren Gattin, ein vierzehnjähriges Mädchen, angeblich deren Verwandte, endlich der ungarische Staatsbürger Nebu. Eine aus fünf Personen bestehende Pariser Familie wird noch vermißt. Alle diese, sowie die Verwundeten hatten die Straße unterhalb des Gehsteges passiert. Dieser, aus Privatmitteln hergestellt, sollte dem Publikum dienen, das, von der Jena brücke kommend, nach dem höhergelegenen Himmelsglobus wollte. Der Skeg war noch nicht behördlich geprüft Demzufolge trifft die Direktion der Ausstellung kein Verschulden. Fachmänner meinen. I der Einsturz erfolgte, weil viel zu früh das Gerüst entfernt worden sei.
Zeugen versichern, der Zusammensturz des Gehsteges ! epfolgte, nachdem in drei kurzen Intervallen ein Krachey vernehmbar geworden war, das mehrere Passanten veranlaßte, zurückzuweichen. „Was giebts denn? Warum lauft Ihr davon?" fragten die Rückwärtsstehenden, und drängten vor. Dieser Teil des Publikums fiel der.Kata strophe zum Opfer. Ein Soldat, der sich unter den Nach drängenden befand, wurde von einem Herrn zurückgehat ten. Der Soldat gab ihm, weil er sich beleidigt glaubte, einen Faustschlaa, dankte aber später kniefällig seinem Lebensretter. Fachmänner versichern, daß nicht die Anwendung des Eisencementes, der sich anderwärts gut bewährte, das'Unglück verursachte. Eher sei die Annahme überhasteter Arbeit gerechtfertigt. Jedenfalls wird der Verkehr über die Gehstege entlastet werden. Von der verlebten Personen sind während der Nacht zwe> im Krankenhause gestorben; der Zustand mehrerer anderer giebt zu ernsten Besorgnissen Anlaß. Architekt Galle von, der den Gehsteg errichtete, gab beim ersten Verhör an. daß das angewandte System der Cementbekleidung des In genieurs Mettrey alle Garantien der Sicherheit zu bieten schien. Die äußere Ausstattung des Gehsteges war luxuriös, himmelblau, gehalten. Er trug eine Art Baldachin, an dessen vier Enden reiche Schnitzereien, Nixen und Fluß götter, prangten. Solche leichte Gehstege giebt es im Ge biete der Ausstellung in größerer Anzahl. Diese Stege mußten geschaffen werden, weil das Ausstellungsgebiet von den Pariser Verkehrsstraßen durchschnitten wird, sodan Man also die Gehstege passieren muß, will man nicht neue Tickets lösen.
Wie in Deputiertenkreisen verlautet, werden die Katastrophen Gegenstand einer Interpellation in der Kammer werden. Der Minister rat beschäftigte sich mit dem ersten Unglücksfall. Ministerpräsident Waldeck-RoufN" ordnete die Untersuchung an. Den durch den Unfall Betroffenen werden, falls nötig, Unterstützungen gewährt Miller and legte dar, meldje Maßregeln für die Sicherheit in der Ausstellung getroffen seien. Die Kommissare hätten sich von der Solidität aller Gebäude überzeugt unb für alles Sorge getragen, was die Sicherheit des Verkehrerfordert.
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