Nr. 204 Zweites Blatt. Samstag den 1. September
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Die Wirre« in China.
Die „Köln. Ztg." meldet aus Berlin: Die neuesten schsinesischen Meldungen lauten keineswegs erfreulich, sie bestätigen vielmehr, daß auch in den Süd Provinzen Chinas Schwierigkeiten zu erwarten sind, das Land sei von Beruhigung weit entfernt; die L a n d u n g japanischer Truppen bei Amoy könne nur in gleichem Sinne ausgelegt werden. Desgleichen fange es in Korea an zu kriseln, in Shanghai sei indessen; gegenwärtig eine derartige Flottenmacht versammelt, daß jeder Versuch eines Aufstandes sofort niedergeschlagen werden kann, dazu komme, oaß das chinesische Meer von Transportschiffen aller Nationen wimmelt, die sofort angehalten werden könnten, ihren Kurs auf Shanghai zu nehmen.
Londoner Regierungskreise erklären, daß, solange mit Der Kaiserin-Witwe keinerlei Verbindung bestehe, von der Einleitung von Friedensverhandlungen keine Rede sein könne.
Der „Temps" meldet aus Shanghai vom 26. August: H a n k a u ist seit der Bestrafung der Verschwörer ruhig, doch sieht man init Bangen in die Zukunft. Die Landung der Japaner in Amoy hat auch unter den Franzosen große Erregung hervorgerufen.
Aus London wird gemeldet: Nach einer Meldung aus Shanghai haben die Japaner einen großen Sieg über die Chinesen bei Tehchou davongetragen. Prinz Tu an wurde in der'Schlacht getötet, die Chinesen verloren 1500 Mann. Die Japaner trieben, dem „Daily Telegraph" zufolge, den Rest der Chinesen nach!Tschili zurück. Ferner soll Yuanschikai einen bedeutenden Sieg über die Boxer und die kaiserlichen Truppen, die von Peitsang und Hoh- siwu kamen, davongetragen haben. Auch hier wird die Zahl der gefallenen Chinesen auf 1500 angegeben.
Nach einer Depesche aus Hongkong hat der b ri tische General Gaselee die weitere Truppensendung nach Norden anbefohlen. Wahrschseinlich würden die britischen Truppen nach Amoy gehen. Es wurden weitere 1300 Japaner einschließlich eines Bataillons Infanterie, einer Batterie Artillerie und einer Kompagnie Ingenieure nach Amoy gesandt. Die japanische Truppenmacht dort werde bald größer sein, als zum Schutze der japanischen Unterthanen nötig sei.
In Kanton wurde eine Verschwörung entdeckt, die am 15. September in der Stadt ausbrechen und das Signal zu einer allgemeinen Erhebung der Änheimischlen im ganzen Süden des Reiches geben sollte. Es wurden alle Schritte gethan, der Bewegung Einhalt zu thun.
Es heißt, der Gouverneur von Schensi, Yu, forderte vor etwa acht Tagen die Fremden, angeblich um sie zu schützen, auf, ins Yamen zu kommen. FünfzigPersonen nahmen die Aufforderung an. Alle wurden niedergemetzelt.
Der zweite Admiral des deutschen Kreuzergeschwaders meldet ab Taku: Keine bestimmten Nachrichten von der Front, arich bei andern Nationen nicht. Der Konsul in Tschifu schreibt, daß der Telegraph überlastet sei und viele Telegramme auf Beförderung warten.
Wie aus Shanghai gemeldet wird, unterhandelt ein dortiges deutsches Haus mit dem Vizekönig von Wuchang wegen des Abschlusses einer Anleihe im Betrage von einer Million Taels gegen Verpfändung industrieller Unternehmungen.
Wie verlautet, wird Rußland den Mächten Vorschlägen, die Residenz der Gesandtschaften, solange keine offizielle chinesische Regierung besteht, nach Tientsin zu verlegen.
Die „Evening Sun" sagt, Deutschland stehe dem russischen Vorschlag betreffs Zurückziehung der Truppen aus Peking im Wege.
Die Fahnen der Bataillone des deutschen ostasiatischen Expeditionskorps, die am Donnerstag ihre feierliche Weihe vor dem obersten Kriegsherrn und den Militärbevollmächtigten der deutschen Bundesstaaten erhalten haben, unterscheiden sich, entsprechend der Zusammensetzung des Expeditionskorps aus Freiwilligen aller deutschen Staaten, von den preußischen Fahnen dadurch, daß sie Feldzeichen des gesamten deutschen Reiches sind. Das in weißer Seide gehaltene Feld des Fahnentuches ist durchquert von einem diagonalen Kreuz, dessen Ränder rot und schwarz verbrämt sind, während diese Feldzeichen in der Mitte den goldgestickten Reichsadler und zu 5>äupten Desselben die Kaiserkrone zeigen mit dem Spruchbande „pro gloria et patria". Entsprechend der Farbe der Standarten ist das Standartentuch des ost- Äsiatischen Reiterregiments purpurrot, zeigt aber sonst die selbe Ausstattung wie die Bataillonsfahne des ostasiatischen ^Das Truppentransportschiff Phönizia (mit den Lessen an Bord. D.Red.) ist am 30. August in Kotombo eingetroffen. Der Gesundheitszustand ist vorzüglich.
Die Kosten der China-Expeditton für Deutschland werden nach der „Lib. Korresp." bis Anfang Oktober auf
etwa 100 Millionen Mark berechnet. Diese Angabe wird von unterrichteter Seite als eine willkürliche Schätzung bezeichnet, die sich indessen nicht allzuweit von der Wirklichkeit entfernen dürfte. Eine genaue Aufstellung hierüber wird erst in einigen Wochen möglich sein, vielleicht erst dann, wenn die betreffende Vorlage im Reichsschatz-> amt ausgearbeitet werden wird, um dem Bundesrat und Reichstage zugestellt zu werden.
Wie aus Bremen berichtet wird, hat das Reichsmarineamt den neuen in Flensburg erbauten Dampfer „Löwen- burg^" pon der Bremer Hansa-Linie gechartert, um ihn Mitte September von Wilhelmshaven mit Baracken und Munition nach China zu senden.
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Die Leiche des Freiherrn v. Ketteter ist wieder erlangt und Cordes wiederhergestellt. Die übrigen Mitglieder der Gesandtschaft befinden sich, wie aus Shanghai gemeldet wird, wohl. Die Wache litt schwer.
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Telegramme des Gießener Anzeigers.
Hannover, 31. August. Heute früh 3 Uhr 50 Min. traf ein Teil des auf dem Uebungsplatz bei Paderborn neu formierten 5. ostasiatischen Infanterie-Regiments hier ein. Der Transport bestand aus 26 Offizieren und 727 Mann. Um 4y4 Uhr setzte derselbe die Weiterreise nach Bremerhaven fort. Sofort nach dem Abgang dieses Transportes traf ein in Zeitheim formiertes 6. ostasiatisches Infanterie- Regiment in Stärke von 20 Offizieren und 1027 Mann hier ein. Kurz vor 6 Uhr passierte der dritte Transport mit 27 Offizieren und 748 Mann Artillerie, vom Schießplatz Jüterbogk kommend, hie durch und setzte nach Verteilung von Liebesgaben um 61/* Uhr die Reise nach Bremerhaven fort.
Loudon, 31. August. Die Morgenblätter kommentieren die Meldungen aus New-York und Petersburg über die Zustimmung der Vereinigten Staaten zur Ernennung Li-Hung-Tschangs als Friedensvermittler. Daily Telegraph zufolge liegt dem folgender Thalbestand zugrunde: Die russische Regierung, sehr enttäuscht zu sehen, daß die Großmächte zögerten, Li-Hung- Tschang als Vermittler anzunehmen, habe energisch auf die Regierung der Bereinigten Staaten eingewirkt, damit diese einwillige, im Einverständnis mit Rußland den Großmächten vorzuschlagen, die Truppen aus Peking zurückzuziehen, nachdem die chinesische Regierung formelle Versprechungen für die Zukunft gegeben habe.
London, 31. August. Aus Washington wird LaffanS Bureau gemeldet, daß die Vereinigten Staaten einen formellen Aufruf an die Großmächte gerichtet haben, um mit China Frieden zu schließen.
London, 30. August. „Morning Post" meldet aus Washington: Die Gebiets-Ansprüche der deutschen Regierung seien das Haupthindernis gegen die Friedensverhandlungen (?). Die Missionen sämtlicher Sekten in allen Staaten der Union petitionierten, um die Regierung zu veranlaflen, eine dauernde Garnison in China zu lasten. Diese Petition wird bei der Regierung schwer ins Gewicht fallen, da dieselbe befürchtet, die Kirchen mit ihrem Anhang würden bei der kommenden Präsidentenwahl gegen die republikanische Partei stimmen.
Loudon, 31. August. In hiesigen diplomatischen Kreisen wird versichert, daß die amerikanische und russische Regierung bereits mit der Kaiserin-Witwe von China in Verbindung ständen, und daß die letztere sich bereit erklärt habe, sobald die fremden Truppen Peking verlassen hätten, nach dort zurückzukehren, Fried en s- verhandlungen anzuknüpfen und Garantteen dafür geben zu wollen, daß die Unruhen unterdrückt und solche Vorkommnisse, wie sie in der letzten Zeit sich ereignet haben, nicht mehr eintreten.
Londou, 31. August. Nach einer Meldung aus Washington glaubt man dort, daß der vorgestrige Kabinettsrat einen Vorschlag des russischen Geschäftsträgers beraten hat, der darauf abzielt, die verbündeten Truppen ausPeking zurückzuziehen, sobald die Sicherheit der Ausländer festgestellt sei. In diplomatischen Kreisen sei die Ansicht verbreitet, die UnionS Regierung werde dem Vorschläge zu- sttmmen und dies den Mächten in einer identischen Note mitteilen, worin sie zugleich eine Erklärung über alle Absichten bezüglich der Wiederherstellung der Ordnung in China erbittet. Sie halte dies Ziel für leichter erreichbar, wen« dem chinesischen Hofe die Rückkehr nach Peking gestattet würde.
London, 31. August. „Morning Leader" meldet aus Washington: Der deutsche Kaiser habe sich geweigert,
die deutschen Truppen ausPeking zurückzuziehen, solange Rußland die Mandschurei besetzt halte.
London, 31. August. „Daily Mail" berichtet auS Petersburg, die Russen hätten in Nord-Korea große Verheerungen angerichtet.
Paris, 31. August. Zwischen dem englischen Kontingent und den Soldaten der anderen Nationalitäten in Shangai herrscht ein gutes Einvernehmen. Bisher haben die Engländer alle neuankommenden fremdländischen Abteilungen, zuletzt eine französische, freundlich empfangen. Allerdings ist es nicht Sympathie allein, die die Engländer veranlaßt, jedes landende Truppentransportschiff zu begrüßen. Sie zähle« genau, wie viel Soldaten angekommen sind, und sorgen dafür, daß England in Shangai stets doppelt so stark ist, wie alle fremdländischen Kontingente zusammen genommen.
Madrid, 31. August. Die spanische Regierung empfing ein Telegramm des Ministers Collogan, worin mitgeteilt wird, daß der französische und belgische Gesandte in Peking sich in der spanischen Gesandtschaft befinden.
Washington, 31. August. Der Unterstaatssekretär Adee erhielt heute ein Telegramm von Conger, wonach die russischen, deutschen, französischen und Italien- ischen Truppen am 28. August in den königlichen Palast eingedrungen sind. Die internationalen Truppen defilierten durch den Palast, worauf derselbe geschlossen wurde. Prinz Tsching wird in den nächsten Tugen in Peking erwartet.
Der Krieg in Südafrika.
Der Standard meldet aus Belfast vom 28. dS.: Wir stehen an der Schwelle eines schwierigen Geländes, wo die Reiterei nicht operieren kann und Fieber auf Regen folgt. Ob die Buren beabsichtigen, uns in das Herz dieses Geländes hineinzuziehen, ist noch ungewiß. Sie scheuen ebenfalls das Sumpffieber und ziehen sich auf das hohe Veldt zurück, wenn die Fieberdünste anfangen aufzusteigen. Daily Mail meldet aus Pretoria vom 28. ds.: Botha hat sich nach den entsetzlichen Bergen nordöstlich von Macha- dodorp zurückgezogen. French fährt fort in seinen Versuchen, ihn zu überflügeln. Es verlautet, die Kampfgenossen De WetS seien des Krieges müde und verabscheuten die Taktik ihres Anführers. Vor ein paar Tagen ergaben sich 38, da sie den Abschub nach Ceylon der Fortsetzung des Kampfes vorzogen. Nach einer Laffanmeldung aus Pretoria vom 28. ds. sollen Baden-Powells und HickmannS Truppen Warmbaths besetzt halten, die Truppen Jan Hamiltons und Mahons in Pretoria angekommen sein. Der letzten Nachricht gegenüber sei daran erinnert, daß Roberts gemeldet hat, Baden Powell und Paget seien aus dem Buschfeld zurückgekehrt. Aus den Meldungen über die Kämpfe zwischen Bothas Truppen und Roberts Hauptarmee ergibt sich soviel, daß sich weitere Kämpfe in den nördlicher gelegenen Lydenburger Bergen vorbereiten.
Central News meldet aus Johannesburg vom 29. ds., ein Buren-Kommando unter Theron setzt die Offensive südlich von Johannesburg fort. Es stehe gegenwärtig in der Richtung auf den Klipriver. Gestern (28.) sei ein Gefecht im Gange gewesen, daS Feuer habe man in Johannesburg gehört. Eine Erkundigung am Platze bestätige die Ansicht, daß noch einige Monate vergehen müßten, ehe Johannesburg imstande sei, einen großen Zustrom von Einwanderern aufzunehmen.
Jeden Augenblick ist, wie aus Maseru das Bureau Reuter meldet, ein Angriff auf Ladybrand zu er- warten. Man sieht die Wachtfeuer der Buren aus den Bergen. Die Militärbehörden von Maseru haben beschlossen, Ladybrand gegen den Feind zu halten.
Dem Reuter'schen Bureau wird aus Lorenco Marques gemeldet, daß die britischen Gefangenen in Noitgedacht von den Buren fr ei gelassen worden seien und nach Waterwalboren marschieren, um sich den Truppen des Lords Roberts anzuschließen.
Präsident Krüger und alle Beamten befinden sich in N e l s p r u i t.
Lord Roberts scheint in der Lage zu sein, Truppen entbehren zu können. DaS erste Bataillon des Regiment« Gloucester und das zweite Bataillon Kings Royal Rifies erhielten Marschbefehl nach China und werden sich diese Woche in Durban einschiffen.
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Frau Richard Chamberlain, die Schwägerin des Kolonialsekretärs, ist auS Südafrika heimgekehrt, wohin sie sich als Krankenpflegerin begeben hatte. Sie


