1900
Samstag den 1. September
M. 204
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Aus den Kämpfen um Tientsin.
Den ihr zur Verfügung gestellten Briesen des Kapitänleutnants Kühne vom Kanonenboot „Iltis", aus Tongku, 7. Juli, entnimmt die „Straßb. Post" nachstehende Schilderung der Rückkehr der Expedition Seymour nach Tientsin, sowie der Erstürmung des Tientfiner Ostarsenals durch Russen und Deutsche am 28. Juni:
„Am 24. Juni sollte eigentlich schon eine größere Expedition losgehen, um die nördlich von Tientsin eingeschlossenen Peking-Entsatztruppen zu befreien, doch waren die Mannschaften von den Anstrengungen der letzten Tage noch so erschöpft, daß ein sofortiger Weitermarsch ausgeschloffen war. Aber am 26., bei Tagesanbruch, marschierte ein kombiniertes Korps — darunter auch eine Kompagnie von un- serm Seebataillon — los. Am nächsten Morgen kam die frohe Kunde, daß die Expedition geglückt sei, und die Truppen mit den Entsetzten in kurzer Frist einrücken würden. Ich begab mich zum Bahnhof hinaus, wo sie die Geleise passieren mußten. Der Bahnhof war ein wüstes Bild der Zerstörung. Alles war zerschossen und niedergebrannt, auf den Wegen lagen halbverbrannte Chinesenleichen und andere, die von Hunden angefreffen waren und schon lange dort lagen — entsetzliche Bilder! Gegen 9 Uhr kam die Spitze des Zuges (Engländer) langsam an mit einer Menge Verwundeter. Admiral Seymour sagte mir, daß unsere Mannschaften gleich folgten. Es war ein reiner Trauerzug, diese abgespannten, ermüdeten und abgemagerten Gestalten. Dann sah ich bald die Unsrigen und begrüßte Kapitän von Usedom und die übrigen Kameraden, von denen leider Kapitän Buchholz fehlte und mehrere schwer verwundet waren, darunter Schlieper mit einem Schuß durch das Bein und H. v. Krohn mit einem ausgeschossenen Auge; außerdem hatten wir noch 50 Verwundete. Der Zug ging dann durch die Stadt nach der großen chinesischen Universität vor unfern Walle, die ich sür unsre Mannschaften in Beschlag genommen hatte und wo sie sehr gut untergebracht wurden. Die Verwundeten kamen in den in ein Hospital umgewandelten deutschen Klub. Am nächsten Vormittag wurden die Leute, die erst am Tage vorher von all den Anstrengungen zurückgekehrt waren, Plötzlich wieder alarmiert, da der russische General das große chinesische Oftarsenal stürmen wollte und dazu unsre Unterstützung erbat. Nur mit Mu- nition versehen, ohne Feldflasche und Proviant, ging es los bei fürchterlicher Hitze. Das Arsenal lag ungefähr dreiviertel deutsche Meilen nordöstlich von der Militärschule am anderen User des Peiho. Im schnellsten Tempo ging es los, da die Ruffen schon in Stellung waren und wir nicht zu spät kommen wollten. Meine Leute blieben zwar zurück, um den Wall besetzt zu halten, ich aber wurde mit zum Stabe des Kapitäns v. Usedom kommandiert und mußte ebenfalls gänzlich unvorbereitet mit. Als wir dann am Eisenbahndamm ankamen, sausten bereits die ersten Kugeln über unsre Köpfe. Dann ging es im Laufschritt über das Feld, hinter den Schutz eines großen Ziegelosens, und von hier aus konnte man menige hundert Meter vorwärts die russische Linie überblicken, an die wir unS rechts anschließen sollten. Links vom Bahnhof her dröhnte der Donner der russischen Kanonen, die das Arsenal beschossen, und vor uns knatterte die Infanterie Salve auf Salve. Aber auch vom Arsenal her, deffen Wälle stark besetzt waren, donnerten feurige Grüße und heftiges Gewehrfeuer. Unsre Leute gingen jetzt in die Linie der Russen und nahmen das Feuer auf. Da plötzlich — steigt vom Arsenal eine mächtige schwarze Wolke auf, Balken und Steine fliegen in die Luft — eine Granate war in ein Pulvermagazin geschlagen. Mit Hurrah ging es nun vorwärts, immer sprungweise, bis in die nächste Deckung; aber die Strecken, die man im dichtesten Kugelregen zurücklegen mußte, waren doch so groß, daß es ein Wunder ist, daß unsre Verluste nicht größer als drei Schwerverwundete waren. Dazu kam die furchtbare Hitze. Die Zunge klebte am Gaumen — nichts zu trinken mit — ein Mann hatte zufällig etwas Rotwein und Wasser in seiner Feldflasche und ließ mich trinken. Dann ging es wieder weiter und weiter immer im Sturmschritt. Immer dichter wurde der Kugelregen, hart neben mir schlugen die Geschosse ein, daß mir der Sand ms Gesicht spritzte. Etwa 200 Meter vom Arsenal entfernt, hinter einem Damm, wurde die letzte Pause gemacht und Schnellfeuer auf den Feind abgegeben. Da — ging wieder ein Pulvermagazin im Arsenal in die Luft. Es sah wundervoll cu6, wie die mächtige, diesmal weiße Wolke wre eine Garbe hoch stieg — ohne jeden Knall, ebenso wie vorher. Gleich daraus begann der Sturm mit Hurrah, und
die Chinesen flohen aus der festen, fast uneinnehmbaren Stellung. Wir verfolgten sie bis auf die andere Seite des Arsenals, wo sie in wilder Flucht über die Felder rannten, eine Menge Toter zurücklassend. Nun erst hatten wir Ruhe — aber wo war etwas zu trinken? Da, ein Loch mit schmutzigem Wasser, aus dem die Leute gierig schlürften. Ein schmieriger Russe hatte eine Flasche mit kaltem Thee und bot sie mir freundlich an. Was machte mir jetzt der Schmutz, wo ich am Verdursten war — ich trank in großen Zügen und war dem Kerl sehr dankbar. Das Arsenal war unser. Die Russen machten sich sofort daran, es anzustecken, worin sie eine große Virtuosität besitzen, und wir hatten für heute genug und traten den Rückmarsch an. Mit Hurrah und Gesang marschierten wir zurück. Das Lied: „Ich halt' einen Kameraden" hat jetzt einen ganz eigentümlichen Klang. Begeistert erschallte „Die Wacht am Rhein" und lustig tönten die Weisen von „Mein Herz, das ist ein Bienenhaus". Unsre Kerls waren wirklich famos, nach all der Anstrengung so munter, als ob nichts gewesen wäre. Da kam der russische General mit seinem Stabe auf der anderen Seite des Wallgrabens, nahm die Mütze ab und schrie fortwährend „Bravo!" was mit Hurrah'beantwortet wurde. Die Waffenbrüderschaft mit den Russen ist überhaupt sehr enge. Die russischen Offiziere sind begeistert von unfern Leuten, und der russische General, der den Oberbefehl führte, sagte unumwunden, das wären seine besten Truppen. Totmüde kamen wir wieder in die Stadt zurück nach fünsstündigem Marsche und Gefecht in glühender Hitze, und da ein Angriff nicht mehr zu befürchten war, so konnte ich beruhigt schlafen."
Politische Tagesschau.
Das Hauptthema des demnächst in Mainz zusammen- tretenden sozialdemokratischen Parteitags ist Punkt 9 der Tagesordnung: Die Taktik der Partei bei den Landtagswahlen. Mit großer Mehrheit hat der hannöversche Parteitag im vorigen Jahre diese Frage auf die Tagesordnung der diesjährigen Generalverfammlung gefetzt. Zuvor hatte man sich mit gleicher Mehrheit Über die von dem Führer Bebel entworfene programmatische Resolution geeinigt, der zufolge die Partei die Notwendigkeit, ihr Programm zu ändern, abweist und für ihr Verhältnis zu anderen Parteien als Grundsatz aufstellt: daß sie ein Zusammengehen mit Vertretern der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung von Fall zu Fall nicht ablehnt, wenn sich eine Stärkung bei den Wah lein daraus ergiebt, aber jede Aktion in dieser Beziehung nur als einen Schritt betrachtet, der die Umsturzbewegung ihrem Endziel näher bringt. Den äußeren Anlaß zu einer besonderen Behandlung der Landtagswahltaktik hat das Verhalten der bayerischen Sozialdemokratie gegeben, die bei den vorjährigen bayerischen Landtagswahlen mit dem Zentrum ein Wahlkartell eingegangen war, das zwar der Sozialdemokratie eine volle Fraktion, dem Zentrum aber auch die Mehrheit in der bayerischen Kammer verschaffte, so daß die Gefolgschaft des Genossen v. Vollmar dadurch ihre bisherige Stellung als Zünglein an der Wage verlor. Es kam hinzu, daß in der nächsten Zeit in den Landtagen im Königreich Sachsen, in Württemberg, Baden, Weimar und Coburg-Gotha Neuwahlen und Ergänzungswahlen bevorstehen.
Vor allen Dingen hat die sozialdemokratische Partei das Bedürfnis, zu einer bestimmten Stellungnahme zu den preußischen Landtagswahlen zu gelangen und zu Mandaten im preußischen Abgeordnetenhause. Im preußischen Abgeordnetenhause hat bisher noch kein Sozialdemokrat gesessen. Der erste Anlauf dazu wurde im Jahre 1898 unternommen, aber nur in etwa 10 Wahlkreisen und mit „halber" Kraft. Die Partei als solche hatte eine Beteiligung an den Landtagswahlen abgelehnt und den Ge- noffen der einzelnen Wahlkreise die Entscheidung überlassen; die eklatanten Mißerfolge erbrachten dann auch den Beweis, daß die Trauben noch immer zu hoch hingen. Um so mehr Erfolge hat die Sozialdemokratie in den parlamentarischen Körperschaften der meisten übrigen Bundesstaaten aufzuweisen. Nur im Königreich Sachsen ist infolge der Aenderungen des Wahlrechts die Zahl der Sozialdemokraten von fünfzehn aus vier zurückgegangen. In der bayerischen Kammer sitzen elf, in der württembergischen Kammer einer, in der badischen Kammer sieben, in der Hessischen fünf Sozialdemokraten. Sachsen-Weimar und Oldenburg, Reuß ä. L. und Schwarzburg haben je einen
Sozialdemokraten im Landtag, Koburg-Gotha sechs, Altenburg fünf, Meiningen fünf bei 24 Mitgliedern, Renß j. L. hat bei 15 Mitgliedern drei Sozialdemokraten; dazu kommen dann noch elf sozialdemokratische Mitglieder in bet „Bürgerschaft" der freien und Hansestadt Bremen.
Königin Wilhelmine von Kolland
WA
Heute, am 31. August, feiert die schöne Königin Wilhelmine von Holland ihren 20. Geburtstag, ein Fest, das in den ganzen Niederlanden mit großer Pracht gefeiert werden wird. Mit Recht nennt der Niederländer seine jugendliche Königin „ons" Wilhelmina, denn von allen Nachkommen des Hauses Oranien erfreute sich bisher keiner einer gleich großen Beliebtheit. Auch heute beim Geburtstag der Königin werden Gerüchte laut, daß die jugendliche Herrscherin sich zu verloben gedenkt, deren Bestätigung den nächsten Tagen Vorbehalten bleiben muß.
Aus Stadt und Kand.
Gießen, den 31. August 1900.
Auszeichnung. Dem Kreisrat des Kreises Friedberg, Geh. Regierungsrat Dr. Julius Braden, wurde das Komturkreuz 2. Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.
•• Personalnachrichten. Der evangelische Pfarrer August Röm Held zu Düdelsheim, zurzeit in Darmstadt, und der evangelische Pfarrer Dr. Emil Hansult zu Lehrbach wurden auf ihr Nachsuchen in den Ruhestand versetzt, desgleichen der Kanzleidierer am Landgericht der Provinz Rheinhessen Philipp Glock auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treuen Dienste mit Wirkung vom Dienstantritt seines Dienstnachfolgers.
♦* Zur Aufklärung des Raubmordes in Kloppenheim (f. „Gieß. Anz.^ Nr. 196) erläßt die Staatsanwaltschaft zu Gießen folgendes Ausschreiben: „Am 19. August 1900 wurde im hinteren Wäldchen bei Kloppenheim die Leiche des Taglöhners (früher Schuhmachers) Heinrich Möller aus Sontra mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Die Leiche war der Hosen und aller Wertobjekte beraubt und nur noch mit rotem, weiß kartiertem, fast neuem Baumwollenhemd, blau und weih kartiertem Metzgerkittel, darüber dunkelblau und weiß kartierter Tuchweste bekleidet; Legitimationspapiere usw. fehlten. Es liegt Raubmord vor, der am 13., 14. oder 15. August begangen sein muß. Ueber der Leiche fand sich in einem blutigen, mit W. gezeichneten rot und weiß kartiertem Taschentuchs ein spitzer Stein, der offenbar als Mordwaffe gedient hat. Der Ermordete war am 9. März 1852 geboten, ein Witwer, war dem Trunk und der Vaga- bondage ergeben, hatte untersetzte Statur (1.55 Meter groß), dünne, halblange Haupthaare, blonden, kleinen Schnurrbart, jüngeres Aussehen, trug runden, weichen, schwarzbraunen Filzhut, braungrauen, abgetragenen Sackrock und ganz neue, hell und dunkelgraue gestreifte Hosen. Möller hatte zuletzt in Hattersheim bei Johann Wilhelm Schlacket gearbeitet, war dort am 13. August ausgetreten, hatte sich mit etwa 10 Mark in Bar nach furt a. M. begeben. Vom Thäter fehlt jede Spur, jedoch dürfte das Nachstehende zur Ermittelung beitragen können Es wurden nämlich am 14. August in Dortelweil und auf


