Mittwoch den 1 August
Nr 177 Zweites Blatt.
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Gießener Anzeiger
Generat-NHeiger
König Humbert von Italien.
Der Reichs-Anzeiger schreibt:
Der König von Italien ist das Opfer eines fluchwürdigen Ber- brechms geworben. Ueberall im deutschen Reich erweckt dieser neue grauenvolle AuSbruch anarchistischer Mordsucht den tiefsten Abscheu gegen den THLter. Die tiefste Teilnahme für die Herrscher-Familie und die Bevölkerung des verbündeten Königreichs Jtalim. Das jähe Hinscheid en des edlen Monarchen trifft auch unser Vaterland als ein großer schmerz, licher Verlust. Der Kaiser beweint in dem Entschlafenen einen treuen unvergeßlichen Freund und mit der italienischen Raston teilt an der Bahre ihres geliebten Königs alle herzlichen Sym- pathleen für seinen erlauchten Sohn und Nachfolger das gesamte deutsche Volk.
Die Nordd. Allg. Ztg. sagt:
Durch sein enges Freundschafts-Verhältnis zu Kaiser Friedrich, durch viele, grade das deutsche Gemüt ansprechende Züge seiner ebenso liebmswürdigen wie hoheitsvollen Persönlichkeit, hat sich König Humbert in dem Herzen des deutschen Volkes einen Platz gesichert, wie kaum je ein ausländischer Fürst. Wir klagen um ihn, als sei einer der Besten aus Deutschlands eigenen Fürstenhäusern dahingegangen. Unsere innigste Teilnahme gilt der schwergeprüften königlichen Frau, die ander Seite des Verewigten den Thron Italiens geziert hat und aus bewegtem Herzen bringen wir heiße Segenswünsche dem erlauchten Prinzen, der unter so erschütternden Umständen zur Krone berufen wird.
Die Post schreibt:
Die Nachricht von der Ermordung des Königs von Italien hat in hiesigen politischen Kreisen Entsetzen und Empörung über diesen neuesten Akt anarchistischer Blutgier hervorgerufen. Es liegt kein politisches Verbrechen vor, sondern einzig ein Akt anarchistischer Mordlust und Blutgier.
Fast die gesamte Presse der Welt äußert sich in ähnlicher Weise. Sämtliche Berliner Abendblätter besprechen in langen Artikeln den an dem König verübten Mord und geben ihrer tiefen Entrüstung über das Verbrechen Ausdruck.
Aus Berlin wird uns geschrieben: Die Ermordung des Königs von Italien hat hier eine außerordentlich tiefgehende Entrüstung in allen Schichten der Bevölkerung hervorgerufen. Im italienischen Botschaftsgebäude in der Wilhelmstraße wurden den ganzen vormittag zahlreiche Coudolenzbesuche abgestattet. Graf Lanza, der italienische Botschafter ist nicht hier, ebenso Graf Bülow. Den Beileidsbesuch dürste deshalb der Reichskanzler der hiesigen italienischen Botschaft abstatten, während der Kaiser selbst, so vermutet man, außerdem direkt condolieren wird. Die hiesigen Staatsgebäude haben sämtlich halbmast geflaggt. Wer als Vertreter Deutschlands nach Italien geht zur Beerdigung des Königs, ist bisher nicht bestimmt. — Von anderer Seite wird uns aus der Reichshauptstadt geschrieben: Als die Nachricht von der Ermordung König Humberts in Berlin eintraf, war weder bei dem Auswärtigen Amt noch bei der italienischen Botschaft die Trauerkunde eingegangen. Nm 10i/3 Uhr begab sich der Vertreter des abwesenden Grasen Lanza nach dem Auswärtigen Amt, wo die Schreckensnachricht soeben eingelaufen war. Um 11 Uhr traf das offizielle Telegramm, welches das Ableben des Königs anzeigte und aus Rom datiert war, bei der Botschaft ein. Sofort hißte das Botschafts-Palais die Flagge auf halb- mast. Unter den zahlreichen Leidtragenden, die sich in der Botschaft einfanden, erschien als erster der Minister des königlichen Hauses von Wedel, dann der russische und der französische Botschafter, die Flügel-Adjutanten von Boehn und von Jacobi. Es folgten viele Mitglieder des diplomatischen Korps, Justizminister Schönstedt und andere. Um l1/« Uhr traf der Botschafter Graf Lanza aus Schwerin hier an. Oberbürgermeister Kirschner hat ein Beileidstelegramm an den Bürgermeister von Rom gesandt.
Ueber das Verbrechen geht uns aus Rom folgende Meldung zu: Ganz Italien trauert um den König, der noch bis um 10 Uhr Preisverteilungen anläßlich des Turn-^ festes beiwohnte. Sofort nachdem der König mit seinem Adjutanten den Wagen bestiegen hatte, drängte sich ein junger Mann heran, der drei Revolverschüsse ab- feuerte. Der König sank in die Wagenkissen zurück und verstarb bald darauf. Der Mörder wurde sofort verhaftet. Die Polizei mußte ihn gegen die Lynchversuche des Volkes schützen. Die erregte Volksmenge verfluchte den Mörder. Derselbe heißt Angelo BreSci aus Prato in ToScana. Der Ministerpräsident reiste sofort nach Monza. Das junge Königspaar befindet fich auf einer Orientreise. — Der erste Schuß traf den König, während er im Wagen aufrecht neben dem General Ponzlo-Vaglia stand, in die-Brust, dicht unter dem zum Gruße erhobenen rechten Arm. Der zweite Schuß traf das Herz und der dritte durchbohrte die linke Schulter. Der König erhob heftig, wie zum Schutze, den rechten Arm und sank dann sofort lautlos in die Kissen des Wagens zurück. Die scheu gewordenen Pferde verließen in raschem Tempo den Schauplatz des furchtbaren Attentats. BreSci's Verhalten ist ruhig und gleichgiltig.
„Laßt mich in Ruhe, laßt mich schlafen", erklärte er. Sein Bruder ist Offizier im 10. Infanterieregiment. Der Revolver, von kleinem Kaliber, war mit drei weiteren Schüssen geladen.
Da in Mailand und Sizilien der Ausbruch der Revolution befürchtet wird, beschloß der Ministerrat, bei den geringsten Unruhen den Belagerungszustand über einzelne Distrikte, eventuell ganz Italien zu verhängen. Der Mörder gestand seine That ohne eine Spur von Reue ein. Die Börse und die Geschäfte in Rom sind geschloffen. Die Stadt ist vollständig schwarz beflaggt und aus allen Landesteilen treffen tausende von Kondolenz-Depeschen ein. Von allen ausländischen Fürsten und Regierungen sind Beileidstelegramme eingelausen. Heute nachmittag sand ein Kronrat statt. Der junge König kann erst in drei Tagen eintreffen und wird am Donnerstag den Eid aus die Verfassung leisten. Bis dahin führt das Ministerium die Regentschaft.
* * *
Wir leben in einer Zeit, die erschrecklich reich ist an „Tyrannenmorden". Abgesehen von dem Bubenstreich, den jüngst ein minderjähriger Bursche gegen den Prinzen von Wales glücklicherweise ohne Erfolg zur Ausführung zu bringen fuchse, welche entsetzlichen Morde und Mordversuche haben wir nicht alle in jüngster Zeit erlebt! Die Kaiserin von Oesterreich, eine unglückliche Mutter und kranke Frau, die niemals auch nur irgend wie provokatorisch hervor- getteten war, starb im September 181)8 durch Mörderhand. Präsident Carnot, einer der persönlich liebenswürdigsten Präsidenten, die Frankreich besessen hat, fand ein ähnliches Endx.. ebenso Stambulow, der bulgarische Staatsmann. Und nach am Sonntag verübter Ermordung Humberts kommt heute aus Paris die Nachricht von einem Attentatsversuch auf den Schah von Persien (Vgl. Ausland.)
Wenn die Menschenhand bessernd oder frevelnd mit Thaten, die die Welt erschüttern, in den natürlichen Gang der Ereignisse der Geschichte eingreift, so fragt der Ursache und Wirkung vermittelnde Verstand der Mitlebenden zuerst nach einer Erklärung ihres Beginnens. Für den Fanatismus der Boxer und bezopften Mordbuben in China findet er wenigstens eine solche Erklärung, die Thaten des Anarchismus sind ihm ein schwarzes, unlösbares Rätsel, so lange er sich dagegen sträubt, einen bestialischen, seuchenhaft ansteckenden Mordwahn als Erklärung zuzulassen. So erscheint auch die Ermordung Umbertos als ein unerforschi- liches Rätsel, dsenn blinder und wahnwitziger hat nie eine Kugel ihr Ziel erreicht, als die, mit der Angelo Bresci den Herrscher getroffen, dessen Hochherzigkeit, Edelmut, Milde und Menschenfreundlichkeit wir gestern schon erwähnten und die ihn, wie man glaubte, für alle Zeit vor solch frevler Unthat gefeit hätten. König Humbert ist bei einer der Herrscherhandlungen, die über die Pflichten des Königs hinausgehen und d.urch die grade der Ermordete es verstand, immer und immer wieder den Beweis zu liefern, daß er an allen Regungen seines Volkes Anteil nehme, von der Hand des Mörders ereilt worden. Der Turnverein „Stark und Frei" hatte auf Sonntag den 29. Juli die Vereine der Provinz Mailand zu einem Wettbewerb nach Monza geladen, zwanzig Vereine waren der Aufforderung gefolgt, und König Humbert war selbst erschienen, um nach dem Wettturnen die Preise an die Sieger zu verteilen. Als er abends halb elf Uhr nach der Preisverteilung mit seinem ersten Flügeladjutanten den Wagen bestieg, um sich ins Schloß zu begeben, fielen die tötlichen Schüsse.
Wir erwähnten gestern schon den 1878 gegen König Humbert verübten Mordanfall. Vor drei Jahren erst, am 22. April 1897, als der König zu Rom nachmittags nach dem Rennplatz fuhr, verübte der 24 Jahre alte Schmieds arbeitet Acciarito ein zweites Attentat, indem er durch einen Dolchstoß den König zu töten versuchte. Das dritte Mal hat ihn der Frevel erreicht, und das Herz, das ganz feinem Volke gehörte, vorzeitig gebrochen.
Werfen wir einen Blick rückwärts auf das Leben des ermordeten Königs, so sehen wir, eine wie weite Laufbahn sein Land und sein Volk zurückgelegt haben, welche Fortschritte vollendet wurden, seit er zur Regierung kam.
Die Nachfolger solcher Fürsten, denen es vergönnt gewesen, mit eigener Kraft und mit Hilfe günstiger Zeitströmungen große fruchtbare Umwandlungen im Leben ihrer Staaten zu vollbringen, haben in der Beurteilung weder der Mitwelt noch der Nachwelt einen glücklichen Stand. Insbesondere ist die Mitwelt, verwöhnt durch die glänzenden Thaten einer großen Entscheidungsepoche, tote die der nationalen Einigung Italiens und Deutschlands war, stets zu einem unbilligen Vergleich zwischen dem naturgemäß bescheideneren Wirken der Nachfolger und den blendenden Erfolgen der Vorgänger bereit und ist geneigt, den füllen Ausbau dessen, was im Sturm der Ereignisse rasch errungen worden, mit dem Maßstab der Ungeduld
zu messen und sich enttäuscht zu fühlen, wenn die in den Tagen des nationalen Aufschwunges erhofften Früchte nicht o schnell reifen wollen, wie der Baum gepflanzt war. Diesem Mißgeschick, wenn man es so nennen darf, war König Humbert umsomehr ausgesetzt, als der leichtbeweg-- lichen aber ernsten Tiefe entbehrenden Mehrheit des ita- ienischen Volkes jenes schiefe Urteilen besonders nahe liegt, da sie durch äußeren Glanz leicht entflammt, aber zu geduldiger Arbeit, die späte Frucht bringt, minder befähigt ist, und da vor allem das durch die Einigung Italiens ge- chaffene Staatsgebilde einem Gewand zu vergleichen ist, in das die Mehrheit der Nation moralisch und materiell noch lange nicht hineingewachsen war. Enttäuschungen konnten in Italien um so weniger ausbleiben, als-durch eine liberale Verfassung der Schwerpunkt der Regierung in die erwählte Vertretung einer politisch noch unreifen Bevölkerung gelegt war, und daher Ueberschätzung der eigenen Kraft neben schweren Vernachlässigungen des dringend Notwendigen kaum zu vermeiden war.
Aber es erfüllte sich doch das schlichte Wort seines Vaters, Viktor Emanuels I.: „Humbert wird mit feinem gesunden Sinn und guten Herzen seine Sache als König gut machen". Er hatte sich das Pflichttoort des großen preußischen Königs, daß der Fürst des Staates erster Diener zu sein habe, rückhaltlos zu eigen gemacht. Ihm war das Bewußtsein, ein konstitutioneller Monarch zu sein, dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, daß es für ihn in verfassungsrechtlichen Fragen kein Schwanken, keine Unsicherheit gab, er vielmehr stets mit nie versagendem Feingefühl die konstitutionellen Schranken seiner Stellung genau innehielt, wie er aber auch anderseits darauf bedacht war, die versasfungsmäßigen Rechte der Krone M- verfehrt zu erhalten. Nie hat er den Versuch gemacht, dem Lande etne Regierung und eine Politik aufzudrängen, die dieses nicht wollte, nie den Versuch eine Regierung und eine Politik zu halten, nur weil er sie wollte. Auf einem Gebiete freilich zog er dem freien Spiel der politischen Kräfte eine unübersteigliche Schranke, die Grundlinien der auswärtigen Politik bestimmte er, insbesondere die Bündnispolitik war sein Werk und der Gegenstand feiner von keinen innerpolitischen Tagesströmungeu beeinflußten Fürsorge. Mit dem weiten und scharfen Blick, den er sich schon in jungen Jahren erworben hatte, erkannte er, baft die Zukunft Italiens nur dadurch zu sichern fei, daß es den engsten Anschuß an Deutschland suche und jede Lockerung der Bündnisse, die sich aus diesem Grundsatz ergeben, s orgsam verhüte und vermeide.
Mancherlei Wechselfälle hat Italien unter Humberts Regierung durchgemach, Sieg und Niederlagen auf dem llnheilsboden Afrikas, politische, wirtschaftliche und soziale Krisen, Erschütterungen der öffentlichen Ordnung in verschiedenen Laudesteilen hat es durchleben müssen, aber mich gewaltiger Fortschritte darf es sich rühmen, und wenn es, wie wir hoffen, die jetzt durch die Ermordung König Humberts heraufbeschworene Krise unschwer überwindet, dann dankt es die Kraft dazu zum guten Teil dem Wirken dieses trefflichen Fürsten, dessen Sohn und Thronfolger voraussichlich die gleichen Bahnen wandeln wird.
Der „Prinz von Neapel", auf den die Krone Italiens übergegangen, ist, soviel man weiß, ebenso konstitutionell gesinnt wie sein Vater, und ein ebenso überzeugter Anhänger der Dreibundpolitik. So tief und herzlich die Trauer um König Humbert ist, die das deutsche Volk bewegt, ebenso innig und aufrichtig sind die Wünsche, die es seinem Sohne, dem Freunde unseres Kaisers, entgegenbringt und die darin gipfeln, daß er seinem Volke dasselbe werden möge, was fein unglücklicher Vater ihm gewesen ist.
Die Nachricht von der Ermordung des Königs Humbert wurde in Frankfurt gestern in den Vormittagsstunden bekannt und erregte mit Rücksicht auf persönliche Beziehungen besondere Teilnahme. Seit der König zum Chef des hessischen Husaren-Regiments Nr. 13 ernannt worden, hat er auf seinen Berliner Besuch sr eisen stets in Frankfurt Halt gemacht, um dieses Regiment, das die Namenschiffre „U" auf der Achselklappe klappe trägt, zu besichtigen. Aus seine Verwendung hin hat der Kaiser das Regiment, dessen Versetzung nach Saarburg bereits beschlossen war, in der Garnison Frankfurt belassen. Bei diesen Anlässen haben ihn die Frankfurter kennen gelernt. Er war schlank, nicht groß von Gestalt, überragte aber doch seinen Sohn, den jetzigen König, um mehr als Haupteslänge. Sein ernstes Gesicht erhielt den charakteristischen Ausdruck durch die gutgewölbte Stirn und den buschigen Schnurrbart. Sein Kopfhaar toar vorzeitig grau und in den letzten Jahren weiß geworden ^n seiner ganzen Erscheinung machte der König den Umdruck eines Mannes, der seinen Berns nicht leicht nimmt und wenig Freude daran finbet. Der Ernst seiner Natur wich am wenigsten von ihm, wenn er gezwungen war m (ne Ceffet (Weit zu treten. Aber einmal haben ihn doch die Ber mer herzlich lachen sehen. Das war, als er das letztemal tue


