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1.8.1900 Drittes Blatt
 
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m. '77 Drittes Blatt. Mittwoch den 1. August

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Gießener Anzeiger

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Chamberlains Pläne.

Der englische Staatssekretär sür das Kolonialamt, Mr. Joseph Chamberlain, hat sich im Parlament entschieden dagegen verwahrt, in Südafrika eine Politik der Rache ver­folgen zu wollen. Und doch ist das, was er sowohl in den eroberten Staaten wie auch in der Kapkolonie gegen das holländische Clement plant, nichts anderes als ein Rachezug gegen alle, die sich seinen imperialistischen Bestrebungen entgegengestellt haben. Bae victis! ist die Parole, die er jetzt ausgegeben hat, schonungslose Vernichtung der be­siegten Gegner. ES fragt sich nur, wie weit es ihm gelingen wird, das ganze Kabinett für sein Vorhaben zu gewinnen und ob die englische Nation mit ihren Traditionen der Menschlichkeit und der milden Behandlung der unter­worfenen Völker völlig brechen will. Freilich darf man keine große Hoffnungen auf die humane Gesinnung der englischen Politiker setzen, da zur Zeit, wie es! scheint, die Anschauung eines Kolonialamts mit der des größten Teils der englischen Nation übereinstimmt.

In Bezug auf die künfttge Stellung der Burenrepu­bliken hat der englische Kolonialminister zu wiederholten Malen erklärt, daß er nicht im Entferntesten daran denke, ihnen auch nur ein Atom von staatlicher Selbständigkeit zu lassen. Diese Erklärung hat er im Parlament anläßlich der Debatte über den Antrag Lawson aufs neue abgegeben. Die eroberten Burenrepubkiken sollen, wenn der Friede dort völlig hergestellt sein wird, eine Selbstregierung er­halten, wie sie alle britischen Kolonieen besitzen, d. h. eine lokale Selbstverwaltung unter Aufsicht eines englischen Gouverneurs. Chamberlain ist der Meinung, die Buren werden sich im Laufe der Zeit mit ihrem Schicksal aus­söhnen, und dann werden die ehemals selbständigen süd­afrikanischen Staaten die Organisation einer britischen Kolonie erhalten. Bis dahin freilich müsse die militärische Verwaltung weiter dauern. Daß der Kleinkrieg noch sehr lange dauern werde, glaubt der Kolonialminister in keinem Fall. Die Buren werden bald genug einsehen, daß sie die britische Macht unterschätzt haben und in ihre Farmen zurückkehren. (

Auch die Holländerfrage in der Kapkolonie wurde im englischen Parlament gestreift. Man weiß, daß das hollän­dische Element beim Ausbruch des südafrikanischen Krieges für die Stammesgenossen in den Republiken Sympathie gezeigt hat; zum Teil ist es auch zu einer Erhebung gegen England gekommen, indem viele Holländer in dem Krieg gegen die Engländer teilnahmen. DieseAufftändischen" haben oft nur gezwungen zu den Waffen gegriffen oder den kämpfenden Buren in anderer Weise geholfen, und in jedem Fall ist es einer großen Nation unwürdig, natio­nale Gefühle mit besonderer Härte zu sttafen. Dies be- absichttgt aber Chamberlain ganz entschieden, derselbe Chamberlain, der die Zumutung, sich an den Holländern rächen zu wollen, weit von sich wies. Aber aus den Noten, die zwischen dem Kapministerium und dem Kolonialamt über die Frage der Behandlung der Aufftändischen ge­wechselt worden sind, geht die Absicht des Kolonialministers sehr klar hervor, und es ist recht eigentümlich, daß dieser Meinungsaustausch gerade jetzt bekannt wird, fast in der­selben Zeit, in der Chamberlain seine Erklärung abgegeben hat, die von Billigkeit und Gerechtigkeit trieft.

Das Kolonialamt betrachtet jede Kundgebung seitens der Holländer in der Kapkolonie sür die um ihre staatliche Selbständigkeit ringenden Buren als Hochverrat, und alle, die an diesem Hochverrat mehr oder weniger teilgenommen, sollen nach dem Grade ihrer Schuld bestraft werden. Daß alle, die den Ausstand gegen die englische Herrschaft or­ganisiert oder gefördert, oder sich Gewaltthätigkeiten gegen die englisch gesinnte Bevölkerung erlaubt haben, vor Ge­richt gestellt werden sollen, wird man noch begreiflich, finden. Man muß nur abwarten, wie das Urteil lauten wird, ob es von Haß und dem Wunsch nach Vergeltung diktiert sein wird, oder lediglich nur der Ausdruck der staatlichen Autorität sein soll, die das englische Gouverne­ment auftecht erhalten will und muß. Gegen diejenigen, die in den Reihen der Buren gefochten, oder ihnen Lebens­mittel geliefert, selbst olche, die den Kämpfenden durch Zuttagen von Nachrichten genützt haben, soll, falls sie sich reuig für schuldig erklären, aus eine Geldstrafe er­kannt werden, mit der aber die Entziehung des Wahl­rechts verbunden sein soll. Aber auch solche, die nachweisen können, daß sie nur gezwungen zu den Aufftändischen ge­halten haben, sollen mit dem Verlust des Wahlrechts be- sttaft werden. Chamberlain ist sogar der Ansicht, daß der Verlust des Wahlrechts nicht temporär, sondern lebens­länglich zu verhängen sei. Im Parlament hat er es auch offen ausgesprochen, daß es äußerst thöricht wäre, den Feinden Englands die Waffen zu entwinden, aber ihnen das Wahlrecht zu lassen.

Die Abstimmung über den Antrag Lawson und die Stellungnahme des Parteiführers der Liberalen, Camp- bell-Bannermann, in dieser Debatte haben zur Genüge gezeigt, daß Chamberlain seine Absichten wohl durchsetzen Tann und wird. Er ist auch der Mann dazu, sich ruhig

über den schreienden Gegensatz zwischen den Ansprüchen der britischen Regierung in der Uitlandersrage und dem Verhalten Englands in der Angelegenheit der burenfteund lichen Kapkolonisten hinwegzusetzen. Vor noch kurzer Zeit hat die englische Regierung nicht genug über das bittere Unrecht klagen können, das in Transvaal den Uitlandern angethan worden, indem man dort Leuten, die von ihrer feindseligen Gesinnung gegen die Republik gar keinen Hehl machten, erst nach einer Reihe von Jahren das Wahlrecht geben wollte. Und jetzt sollen Bürger, die gezwungen an fter Sympathiekundgebung für ihre Stammesgenossen teilgenommen haben, für immer als politisch rechtlos er­klärt werden!

Tas englische Kolonialamt giebt sich! der zuversicht­lichen Stimmung hin, der Kleinkrieg der Buren in Trans­vaal werde bald sein Ende finden. Ob sich aber nicht unterdessen in der Kapkolonie ein gefahrdrohender Herd der Unzufriedenheit und der Erbitterung bilden wird? Meint man chjenn an der Themse wirklich, daß sich Bürger für Lebenszeiten ruhig zu Heloten werden herabwürdigen lassen? Und gesetzt der Fall, die Holländer würden jetzt, da die englische Herrschaft in Südaftika über ein großes Heer verfügt, ihren Grimm verbergen und die drakoni­schen Maßregeln scheinbar ruhig über sich ergehen lassen, so können ja im Laufe der Zeit Wandlungen eintreten, die es die englische Regierung gereuen lassen werden, solche Saat des gerechten Hasses und der Feindschaft ausgestreut zu haben. Das englische Gouvernement ist für viele Jahre dazu verurteilt, nicht nur in den ehemaligen Republiken, sondern auch in der Kapkolonie wie in einem eroberten Lande mit Gewehr bei Fuß zu stehen.

Daß Chamberlain in seinem Haß gegen die Holländer sich selbst treu bleibt, ist eigentlich nicht zu verwundern. Wohl aber i]i es ebenso verwunderlich wie bedauerlich daß die gesamte Regierung wie auch die Mehrheit der Volks­vertretung ihm darin folgt. Ist man jenseits des Kanals gegen die Gefahr, die mit dieser schonungslosen Ausrot­tungspolitik verknüpft ist, völlig blind? Von dem Gefühl der Gerechtigkeit, das dadurch verletzt wird, wollen wir schon gar nicht reden, da man sich jetzt in vielen Kreisen leider gewöhnt hat, die Moral von der Politik zu trennen! ftnd erstere nur dann gelten zu lassen, wenn sie auch bare Vorteile bringt. Ter Begriff der Moral in der Politik gehört zurzeit zu den veralteten Anschauungen, von denen Realpolitiker" wie Chamberlain nichts wissen wollen.

Politische Tagesschau.

Als eine sehr segensreiche Einrichtung hat sich im Feldzuge 1870/71 unsere Feldpost glänzend bewährt. Sie bildete ein Bindeglied zwischen Feld und Heimat, erwies sich als äußerst leistungsfähig und erfreute sich infolgedessen im Heere sowohl wie unter der heimischen Bevölkerung großer Beliebtheit. Gerade die Organisation der Feldpost hat den Namen des ersten deutschen Generalpostmeisters mit einem Nimbus umgeben, daß er immer unvergeßlich bleiben wird. Die Beamten der Poftverwaltung müssen sich fortgesetzt über die aus den Feldpostdienst bezüglichen Be­stimmungen aus dem Laufenden erhalten, im Einverständnis mit den militärischen Behörden ist eine besondere Feldpost­dienstinstruktion ausgearbeitet worden, deren einer Teil zu den Schriftstücken gehört, die geheim gehalten werden müssen. Schon im Frieden sind die Beamten und Untcr- beamten bezeichnet, die im Falle einer Mobilmachung zum Feldpostdienst ausgehoben werden; ebenso werden alle Materialien, Fuhrwerke usw. vorrätig gehalten, damit sie jeder Zeit in Benutzung genommen werden können. Die Wirksamkeit der deutschen Feldpost im letzten Kriege war so musterhaft, daß die Einrichtung von vielen Staaten nach­geahmt worden ist. Auch den Truppen, die jetzt nach China abgehen, sind Beamte und Unterbeamte der Postverwaltung zugeteilt worden, deren Ausgabe cd ist, den brieflichen 23er- kehr zwischen den einzelnen Truppenkörpern und zwischen diesen und der Heimat herzustellen. In Anbetracht der besonderen Verhältnisse und der nicht großen nach China entsandten deutschen Militärmacht, ist die abkommandierte Feldpost von nur geringem Umsange, doch wird es ersorder- lichen Falls möglich sein, sie durch die im Kiautschougebiet bereits thätigen Beamten zu verstärken. Jedenfalls darf man die Hoffnung hegen, daß auch neuerdings die Feldpost ihren alten Ruf bewahren, und im vollen Maße den in sie gesetzten Erwartungen entsprechen wird. Der moralische Einfluß, den ein geregelter Briesbesörderungsdienst von und nach der Heimat aus die Truppen auöübt, ist nicht gering zu veranschlagen, und man darf voraussetzen, daß dieser Einfluß bei der großen Entfernung, die jetzt in Betracht kommt, sich erst recht Geltung verschafft. Die in Aussicht genommene Einrichtung von chiffrierten Feldtele­grammen auS China kann im Interesse der Beteiligten

nur freudig begrüßt werden, da sie auch dem unbemittelten Soldaten die Möglichkeit gewährt, in dringenden Fällen kurze Mitteilungen telegraphisch in die Heimat zu senden, waS in vielen Fällen dazu beitragen wird, den Angehörigen Beruhigung über das Schicksal der im Felde Stehenden zu verschaffen.

Der Deutsche HandelStag veranstaltet gegen­wärtig bei seinen Mitgliedern, zu denen sämtliche Handels­kammern und gleichbedeutenden Körperschaften zur Ver­tretung der Interessen von Industrie und Handel deS Deutschen Reichs gehören, eine Umfrage über die Errichtung einer Auskuuftsstelle für den auswärtigen Handel in Deutschland.

Als Zweck einer solchen Stelle ist gedacht, den Ge­werbetreibenden Auskunft zu geben über dasjenige, was sie zur Anbahnung, Erhaltung und Erweiterung geschäftlicher Beziehungen mit dem Auslande wißen müssen. Zu diesem Zwecke sollen gesammelt und für Nachfragen zur Verfügung gehalten werden Auskünfte über ausländische Gesetze, Ver­ordnungen u. dergl. betr. Zollwesen, Gewerbe- und Handels­recht, Patent-, Muster, und Zeichenschutz, Steuern u. a., sür den Handel wichtige Statistiken, Auskünfte über Be­förderungswege und Frachten, Länder und Orte für den Bezug und Absatz, auch Marktberichte u. s. w., Uber Per­sonen und Firmen für Bezug und Absatz, Rechtsanwälte. Die Fragen an die Mitglieder des Handelstages lauten in erster Linie, ob die Errichtung einer derartigen AuskunftS- stelle erstrebenswert sei, bezw. ob das von ihr zu Bietende nützlich und erreichbar sei. Fernere Fragen beziehen sich aus den Charakter der Einrichtung (Veranstaltung deS Reiches oder der Gewerbetreibenden selbst bezw. ihrer In- teressenvertretungen), die Organisation (Anstalt in großem Maßftabe oder bescheidenere Einrichtung), die sür die Lei- tung der Anstalt und die Durchführung ihrer Aufgaben anzustellenden wissenschaftlich gebildeten und kaufmännisch geschulten Beamten, die an diese zu stellenden Anforderungen, thre Besoldungen u. s. w. Weiter wird gefragt, wie zur Gewinnung der Kenntnisse der Verkehr mit den heimischen Behörden, den deutschen Konsuln, den deutschen Kaufleuten und deutschen Handelskammern im Ausland, und wie zur Verbreitung der Kenntnisse der Verkehr mit den heimischen Gewerbetreibenden zu gestalten sei. Endlich sollen die Handelskammern darüber Auskunst geben, wie hoch die Zahl der Gewerbetreibenden in ihrem Bezirk zu schätzen sei, die Jahresbeiträge sür die AuSkunstSftelle entrichten würden, wenn diese aus 100 Mk. und wenn sie aus 50 Mk. bemessen würden, und welche Beiträge die Handelstagsmitglieder selbst leisten würden.

Vermischtes.

* Lehrer Liebknecht. Im Neuen Weltkalender erzählt Liebknecht, wie er in seiner Jugend als Schulmeister wirkte. Im Herbst 1847 verließ Liebknecht Marburg und begab M;. nach, Zürich, wo er Lehrer an der Fröbel- schsetn Musterschule wurde. Aus jener Zeit berichtet er u. a. folgerndes:Nebenbei machte ich noch ein pädago­gisches Experiment auf eigene Faust. Ich bereitete einen neunzehnjährigen Bauerns ohn aus der Umgegend von Zürich, der nur die Dorfschule oesucht und nie lateinisches und griechischen Unterricht gehabt hatte, binnen sieben Monaten in den alten Sprachen, Deutsch und Geschichte so erfolgreich vor, daß er das Maturitätsexamen! gut bestand und im Herbst 1848 die Universität Zurich, beziehen konnte. Ich hatte, empört über die Zeit- und Kraftvergeudung bei dem altklasfi­schen Sprachstudium, mir in Gießen eine eigene Lehrtheorie zurechtgemacht und war nicht wenig stolz, daß sie sich hier bewährte. Seitdem habe ich erfahren, daß Schliemann das Griechische nach einer ganz ähnlichen Methode erlernt hat. Beiläufig die einfachste Me­thode der Welt, denn sie besteht darin, sich möglichst großen Schatz von Wörtern und Wendungen an­zueignen, waS am besten durch möglichst rasches Lesen und Wiederholen des Gelesenen, bis es ge­läufig ist, sich erreichen läßt. Um nicht zu ermüden und um das Interesse der Lernenden rege zu halten, sind diesen zum Lesen nur solche Bücher zu geben, die sie auch fesseln. Daß dabei die Grammatik nicht zu kurz kommt, ist Sache der Lehrer ..." ,

* Eine Geschichte, die zu denken giebt. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht Adolf Bartels irrtKunst- wartt (Verlag von Georg D. W. Callwey in München! einen lesenswerten Aufsatz, dessen ersten Absatz wir hier wieder­geben möchten: In einer deutschen Residenzstadt mit großer geschichtlicher Tradition (also Weimar . ®. Web. b. ®. Ä.) tauchte vor einigen Monaten das Gerücht von einem neu* entdeckten Dichter auf, der, noch Primaner, mft