Ausgabe 
1.7.1900 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Rr. 151 Zweites Blatt Sonntag den 1. Juli

1900

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Llle Lnzeigru-BrrmittlungSstellen M In- un> ÄuSloiM «hmm Auzeigm für bett Gießener Anzeiger entgeht*. Zeilenpreis: lokal 12 Pfg., auSwSrtS 20 Pfg.

Nezngspreis vierteljährl. Mk. 2I» monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn; durch die Abholeßcll«« vierteljährl. Mk. l,9f monatlich 65 Pfg.

Bei Postbezug Mk. 2,40 vierteljährl mit Bestellgeld.

We*e|*e »** Anzeigen zu der nachmittags für bei faxenden Teg erfchein enden 9 hi Himer dis Bonn. 10 Nhr. »gelungen spätestens ad«dS vorher.

Erscheint täglich mit Ausnahme des

Montags.

Die Gießener MnmiltenSlStler erben dem Anzeiger im Wechsel mitHeff. Snndwirt^ ». Matter Mr heff. Volkskunde" rvgchtl. 4 mal beigelegt.

Amts- und Anzeigeblatt fiiv den Neeis Gietzen.

»**We, Uxpedition und Druckerei:

-chnlßrnße Mr. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Uslksknude.

«dreffe für Depeschen: Anzeiger chistzs».

Fernsprecher Nr. 51.

Die Wirren in China.

Der deutsche Konsul in Tschisu meldet unterm 28. Juni: Seymour ist befreit. Jede nähere Nachricht, auch darüber, ob die Gesandten bet ihm sind, fehlt. Die Eisenbahnverbin­dung mit Taku ist noch gefährdet. Die letzte Strecke bis Timtstn, 12 Kilometer Landweg, ist nur für größere Abteilungen passierbar. 15 geflüchtete Ingenieure find heute von hier zur Wiederherstellung der ganzen Strecke nach Taku gegangen. Die Beschießung von Tientsin von der westlichen Seite dauert fort. Die chinesischen Geschosse explodieren schlecht. Von den Einwohnern find angeblich drei getötet oder verwundet. Die frühem Angaben über Zerstör­ungen in der englischen Niederlassung, wo die meisten Deutschen wohnen, scheinen übertrieben zu sein."

Trotz dieser Nachricht und der gestern von uns ver­öffentlichten Depesche, daß Seymour bedaure, die Befreiung der Gesandten nicht erreicht zu haben, hält das Berliner Auswärtige Amt an der Ansicht fest, daß die Gesandten sich bei dem Landungskorps in Sicherheit befinden. Es wird von zuständiger Seite daraus hingewiesen, daß der Chef des deutschen Kreuzergeschwaders, Kontreadmiral Bendemann, wenn er etwa falsch berichtet worden wäre, seine dienstliche Meldung sofort richtig gestellt hätte, was bisher nicht ge» schehen ist, obgleich bereits ein weiteres Telegramm von ihm eingetroffen ist. Soweit heute anderweitige Meldungen über den Verbleib des diplomatischen Korps vorliegen, ist als einziger verläßlicher Punkt die Angabe zu entnehmen, daß den Gesandten am 19. Juni vom Tsung-li Damen ihre Pässe zugestellt wurden, wa- natürlich gleichbedeutend ist mit dem Abbruch aller diplomatischen Bezieh­ungen. Die chinesischen Provinzialbeamten versichern nach wie vor, sie seien in Sicherheit. So hat der Vizekönig in Nanking, Liukunyi, noch in diesen Tagen dem stellvertretenden englischen Konsul in Shanghai telegraphisch mitgeteilt, er habe die solgende kaiserliche Kundmachung erhalten:Die fremden Gesandtschaften in Peking genießen fortdauernd, wie gebräuchlich, jeden Schutz der kaiserlichen Regierung.

Es ist jedoch nicht hinzugefügt, wann diese kaiserliche Kundgebung in Peking abgegangen ist; war das vor dem 19. Juni, so ist sie, wenn man ihr sonst auch Glauben bei- meffen wollte, wertlos; ist sie aber später abgegangen, also zu einer Zeit, wo die Gesandten laut Aufforderung der chinesischen Regierung Peking verlassen haben mußten, so ist und bleibt unverständlich, weshalb die chinesische Re­gierung es den Gesandten, wenn diese wohlauf und in Sicherheit waren, nicht ermöglicht, ihren Regierungen selbst ein Lebenszeichen zukommcn zu lasten.Daily Telegraph" meldet aus Washington, dort sei ein Telegramm eingelaufen, daß die fremden Gesandten nicht bei Seymours Truppen seien. Von englischer Seite wird aus Grund einer an­geblich amtlichen chinesischen Meldung behauptet, die Ge­sandten befänden sich noch in Peking und seien unversehrt. Auch ein heute in Berlin eingetroffenes amtliches Tele­gramm enthält nichts, was darauf hindeuten könnte, daß sich die Gesandten bei Seymour befinden.

Das Auswärtige Amt in London erhielt eine, aus die dem Tientsiner Zolltaotai aus Peking zugekommene Meldung sich gründende Nachricht, daß die Gesandt­schaften noch in Peking seien. Weiter berichtet das Reuter'sche Bureau: Admiral Kempff meldet aus Tschisu vom 29. d. M., daß die von Seymours befehligt? Expedi­tion mit 200 Kranken und Verwundeten sich in Tientsin banden. Die Gesandten, sowie die in Peking lebenden Ausländer seien nicht bei ihm, auch lägen keine Nach­richten von ihnen vor.

Nach einer Meldung aus London verlautet aus guter chinesischer Quelle, daß die chinesische Regierung über die fremden Kriegsvorbereitungen beunruhigt sei, und ein Edikt erließ, worin die schleunigste Unterdrückung des Boxeraufstandes befohlen und der Beschluß kundgegeben wird, die Gesandtschaften aus alle Fälle zu schützen.

* *

Nach einem in Shanghai veröffentlichten Dekret wurde am 16.Juni der kaiserliche Palast in Peking nieder­gebrannt. In dem Dekret heißt es weiter, daß Wachen an den Stadtthoren aufgestellt wurden, um die kaiserliche Person gegen Angriffe der Boxer sicher zu stellen. Man hat die Empfindung, als ob auch diesekaiserliche Kund­gebung" nur ein Glied in einer Kette von Erfindungen sei, die jetzt ersonnen werden, um die chinesische Regierung zu entlasten, und ihre Schuld zu verkleinern. Indessen, es hat keinen Zweck, sich in Vermutungen über die Ereignisse in Peking zu verlieren, und man muß sich gedulden, bis zu­verlässige Nachrichten eintreffen. In der Zwischenzeit braucht man die Hoffnung nicht auszugeben, daß die Befürchtungen über das Schicksal der Gesandten, die täglich durch allerlei

Tatarennachrichten genährt werden, ebenso übertrieben sind, wie es die Sorge um das Leben der Ausländer in Tientsin war. Die Geschütze der Chinesen scheinen in der dortigen Fremdenstadt ebensowenig Schaden angerichtet zu haben, wie die Kanonen der Buren in Ladysmith und Kimberley.

Admiral Seymour weilt jetzt mit der Entsatztruppe für Peking in Tientsin, sodaß die dortige Besatzung stark genug ist, allen Möglichkeiten die Stirn zu bieten. Auch seine Verluste scheinen nicht so schwer zu sein, wie vor einigen Tagen angegeben wurde; er hatte, wie im Londoner Unter- Hause mitgeteilt wurde, kurz bevor der Entsatz ankam, 40 Tote und 70 Verwundete. Für den Vormarsch der ver­bündeten Truppen auf Peking ist es wichtig, durch eine Meldung der Daily News aus Weihaiwei vom 27. zu er­fahren, daß die Bahnlinie bis 12 Kilometer nördlich von Tientsin, also etwa bis Peitsang, wo Seymour, in einem kleinen Arsenal verschanzt, das Hilfskorps aus Tientsin er­wartet haben soll, fahrbar, darüber hinaus aber zerstört sei. Ueber die Stärke der Streitkräfte, über die die Mächte zurzeit verfügen, teilt Admiral Kempff in einem Telegramm aus Tschisu vom 28. mit, es befänden sich jetzt ungefähr 12 000 Mann fremder Truppen an Land. Die nach China entsandten Mannschaften sollten sich in Taku anstatt in Tschifu melden. Bon Paris aus wird offiziell die Einigkeit der Mächte betreffs China bestätigt. Das inter­nationale Heer wird auf 80 000 Mann gebracht werden und zwar werden Rußland und Japan je 12 000, England 10 000, Frankreich 8000 und die übrigen Mächte je 5000 Mann stellen. Das sibirische Armeekorps wird nur im äußersten Falle in China einrücken.

Ueber die Befreiung Seymours wird aus Lon­don telegraphiert: Oberst Dorwald, der Kommandeur der Entsatzarmee, traf die Seymour'sche Abteilung bei Losa. Es gelang ihm, die sie umzingelnden Chinesen! nach schwerem Kampfe zu vertreiben. Seymours Leute be­fanden sich in kläglicher Verfassung. Sie hatten 15 Tage lang beständig gekämpft, dabei unter dem Mangel an Lebensmitteln ungemein ge­litten. Die Kolonie war nun ein kleines Stück über Lofa hinaus gelangt, als Seymour die Nutzlosigkeit jedes Ver­suchs eines nördlichen Vorstoßes durch die in vielfacher! Uebermacht den Weg versperrenden chinesischen Horden ein­sah. Er wollte deshalb nach Tientsin zurückkehren, um Verstärkung zu holen, dabei stieß er auf eine starke chine­sische Armee, die von Nordwesten aus heranzog und ihm! den Rückweg versperrte. Er beschloß, sich an Ort und, Stelle zu verschanzen und auszuhalten, bis Entsatz käme. Die Leiden von Seymours Truppen verschlimmerten sich täglich. Die Abteilung litt nicht nur unter Nahrungsi­mangel, sondern besonders auch durch schlechtes Wasser, wodurch beinahe alle erkrankten. Auch die Munition ging aus, als man 15 Kilometer von Tientsin eintraf. Als man endlich die heliographische Verbindung mit der Stadt bewerkstelligte, waren die Truppen vollständig er­schöpft. Aus unterwegs eingebrachten chinesischen Gefan­genen waren keine zuverlässigen Nachrichten über Peking! herausAubringen; die Chinesen glaubten, die Heere aller fremden Völker geschlagen zu haben und bewiesen Sey­mours Truppen gegenüber eine fanatische Tapferkeit. Der Rest von Seymours Abteilung ist mit den Entsatztruppen auf Peking weiter marschiert. Die russische Abteilung von 4000 Mann, die Tientsin vier Tage nach Seymour ver­lassen, ist nicht mit dem Admiral zusammengetroffen, letz­terer hat auch nichts über ihren Marsch vernommen.

Nach einer Meldung des Expreß aus Shanghai lief dort in chinesischen amtlichen Kreisen die Nachricht ein, ganz Nordchina, von der Mandschurei bis zur Halb­insel Liaotung und Port Arthur, sei gegen Rußland aufgestanden, das militärische Ansehen Rußlands sei vollständig zerstört.

Ein weiteres Telegramm meldet, daß die Armee des Generals Nieh am Montag das Fr em den viertel in Tientsin nochmals an griff und dasselbe aufs neue bombardierte. Als dieses Telegramm abging, dauerte das Bombardement noch fort. Das ist wohl nichts als eine Wiederholung der obigen Nachricht des deutschen Konsuls in Tschifu. Die Engländer haben beim Kampfe um Tientsin 4 Tote und 47 Verwundete gehabt.

Eine beruhigende Nachricht aus Schantung verbreitet dieTimes". Aus Shanghai wird dem Blatte vom 28. gemeldet:Glaubwürdigen Erkundigungen aus Schantung zufolge unterhält der Gouverneur Yuan- fchikai freundlichste Be Ziehungen zu den frem­den Beamten und steht den Mifsionsanstalten nach bestem Vermögen bei. Von den zahlreichen Boten, die der Gou­verneur kürzlich nach Peking gesandt hat, soll keiner zurück- gekehrt sein." General Yuanfchikai hat also dem Rufe der Kaiserin nach Peking offenbar nicht Folge geleistet; so lange er mit seinen gut geschulten Truppen bei seiner fremdenfreundlichen Haltung beharrt, dürften die in den

letzten Tagen aus Schantung gemeldeten Ausbrüche des Fanatismus gegen die Missionare vereinzelte Erschein­ungen bleiben. Dagegen scheint unter den Chinesen Shanghais die Panik weiter um sich zu greifen, der­selbe Berichterstatter telegraphiert von dort:Die Chinesen verlassen scharenweise Shanghai, eine unvernünftige Panik veranlaßt die Eingeborenen, nach ihren Geburtsorten zurüc^ukehren; so kommt es, daß während viele hier ihre Zuflucht suchen, andere hingegen sich nach Kanton und! Ningpo begeben."

Im französischen Ministerrat teilte der Minister des Auswärtigen, Delcasse, mit, daß die Franzosen und übrigen Europäer Mnnanfu am 24. Juni verlassen und sich am 27. in Tunghai, auf dem halben Wege nach Tong- king, befunden hätten. (Tunghai liegt auf dem ersten Drittel des Weges von Wnnanfu bis zur Grenze Tong- kings.) Der Vizekönig von Mnnan ließ die Rädelsführer der Aufständischen gegen die Fremden in Mnnan ent­haupten. Die französische Regierung wird, um den Nachrichtendienst der französischen Truppen in China zu erleichtern, eine Abteilung für den Dienst mit optischen Telegraphen diesen Truppen beigeben. Die Abteilung wird bestehen aus 25 Gemeinen, 3 Korporälen und 1 Ser­geanten. Sie geht heute (Samstag) mit dem Dampfer Nive gleichzeitig mit den anderen Truppen ab. Arn 4. Juli werden von Toulon aus die Schiffe Colombo und Uruguay weitere Truppen pach China befördern. Das Pariser Journal" veröffentlicht eine Depesche aus Brest, wonach der französische KreuzerDentrecasteaux", der sich' gegenwärtig in China befindet, gesunken fei. Das französische Marineministerium hat über den Vorgang keinerlei Nachricht und hält die Nachricht für unrichtig.

Die9?ew Mrk Tribüne" meldet aus Washington: Kontre-Admiral Remey wird voraussichtlich am Sonntag Admiral Kempfs im Kommando ablösen und ihn nach! Nagasaki oder Tschifu schicken. Die Frage der Nichtbeteiligung Kempffs an dem Angriffe auf die Takuforts wird, wie es heißt, unterftlcht werden, wenn die Lage die Einleitung des Untersuchungs- Verfahrens gestattet.

Aus Mkohama wird derTimes" vom 28. gemeldet: Die in Japan lebenden Chinesen richteten an die japanische Regierung die Bitte, sie möge ihren Einfluss geltend machen, um die fremden Mächte zu veranlassen, den Kaiser von China wieder einzusetzen und die Hauptstadt nach dem Süden zu verlegen. Dies seien die einzigen Mittel, um die Ruhe wiederherzustellen und Re­formen in China einzuführen." Japan ist das Haupt­quartier der aus China geflüchteten Mitglieder der Re­formpartei des Kaisers Kuangsü. Sie unterhalten enge Fühlupa mit den die Reformen in China begünstigenden Engländern, die in ihrer Presse ebenfalls die Verlegung der Hauptstadt Chinas nach Nanking, an den Mngtse, also, in den von England beanspruchten Jnteressenbezirk und in den Bereich der britischen Kriegsschiffe befürworten. Da Rußland und auch andere Mächte in eine solche Ver­schiebung der Machtverteilung in China schwerlich willigen werden, so wäre es verständiger, derartige Spekulationen aüs dem Spiel zu lassen, so lange es sich lediglich um das gemeinsame Interesse aller handelt, das Leben der Aus-, länder in China zu retten. Nach einer anderen Meldung erneuerte die japanische Regierung bei den Mächten den Vorschlag, zur Regelung der chinesischen Frage eine Kon­ferenz einzuberufen.

Der deutsche Geschwaderchef telegraphiert: Die Ex-? peditionskorps sind nach Tientsin zurückgekehrt. Die Anstrengungen waren außerordentlich, die Leistungen unserer Leute vorzüglich. Gefallen sind Kapitän Buchholz, die Matrosen Lausten, Zimmer­mann und Appermann von derKaiserin Augusta", Baatz von derHertha", Goedicke, Riek, Viner, Herbst, Bading und Feddermann von derHansa". Schwerverwun- d e t sind: Kapitänleutnant Schlieper, die Oberleutnants Krohn und Lustig, Leutnant Pfeiffer und der Obersanitäts­maat Burmann von derHansa", Matrose Gräfe von bet Hertha", Heizer Otto von derGefion". Leichtver­wundet sind Kapitän Usedom und Oberleutnant Zerssen. Der Gesundheitszustand ist gut. Von den Gesandten liegen keine Nachrichten vor. Die Expedi­tion kehrte bei Langfang um; sie war nicht in Pe­king. lieber die Verwundungen berichtet das Telegramm des Chefs des Kreuzergeschwaders, Vice-Admiral Bende- mann, folgendes: Kapitän-Leutnant Schlieper Schußsrac- tur am Unterschenkel, Oberleutnant Krohn Shrapnellschuss in linkes Auge, Oberleutnant Lustig Lungenschuß, Leutnant Pfeiffer Ellenbogenschuß, Obersanitätsmaat Burmann von derHansa", Matrose Gräfe von derHertha" und Heizer Otto vonGefion" leicht verwundet, Kapitän Usedom und Oberleutnant Zerßen ganz leicht verwundet.

Wie man aus Kiel meldet, ist der deutsche Kreuzer Fürst Bismarck', der seine Kriegsausrüstung beendet hat, gestern vormittag zu einer letzten Probefahrt in See ge­gangen. Die Abfahrt der nach China abgehenden Truppen erfolgt derartig, daß das erste verstärkte Seebataillvn und