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Sonntag bcifl Juli
Erstes Blatt.
1900
Kießwer Anzeiger
Keneral-UHeiger
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Fernsprecher Nr. 6L
Amtlicher Teil.
Bekanntmachung.
Betr.: Abhaltung der Biehmärkte.
Die Abhaltung des Biehmarktes zu Allendors L. d. Lumda am 11. Juli d. Js. kann unter folgenden Bedingungenstattfinden: m} , c
1. Alles nach dem Marktorte gebrachte Vieh muß auf den Marktplatz gebracht, und daselbst der veterinär- ärztlichen Untersuchung unterworfen werden.
2. Geschieht dies nicht, so ist das Vieh quarantäne- pflichtig.
3. Vieh aus Orten, in welchen die Maul- und Klauenseuche herrscht, darf nicht aufgetrieben werden.
Zuwiderhandlungen werden bestraft.
Gießen, den 29. Juni 1900.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Nachstehende Bekanntmachung deS Königlichen Land-
-ratSamtS Marburg bringen wir zur Kenntnis der Jnter- sssenten.
Gießen, den 29. Juni 1900.
Großherzogliches KreiSamt Gieße«, v. Bechtold.
Bekanntmachung.
Der Provinzialrat hat genehmigt, daß seitens des Verbandes der Herdbuchgesellschaften für das Vogelsberger Rind im Anschluß der von ihm veranstalteten Ausstellung am 16. Juli d. Js. aus dem Schweinemarktplatze hier ein Markt für Zuchtvieh Vogelsberger Rasse abgehalten wird.
Marburg, den 26. Juni 1900.
Der Königliche Landrat.
Tu felix Austria nube.
Gießen, den 30. Juni 1900.
„Bella gerant alii, tu felix Austria nube“: Kriege mögen andere sichren, du glückliches Oesterreich, feite Hochzeiten!" Diese Worte beschaulicher Selbstzufriedenheit, wie sie in Oester- reichi geprägt wurden, als ihm das, was andere in heißem Kumpfe zu erringen strebten, durch materiell vorteilhafte Eheschließungen mühelos in den Schoß fiel, haben heute ihre Geltung verloren. Die Zeiten haben sich geändert und wenn fürstliche Heiraten gegenwärtig, noch eine politische Bedeutung besitzen, so ist es im allgemeinen nicht mehr die, d,aß sie den Erwerb von Ländern und Krpnen im Gefolge haben. Aber ein anderes Glück scheint über den neuesten Eheschließungen im Hause Habsburg zu walten: an die Stelle der politischen Vorteile, die einstmals der geschickten Anknüpfung von Familien - Beziehungen entstammten, ist in der letzten Zeit ein mehr persönliches, ja man kann fast sagen, bürgerliches Glück getreten, das! dort strahlt, wo nur unter dem Zeichen der Liebe der Bund füpd ias Leben geschlossen ist. Die Kronprinzessin Stephanie h^t unter Verzicht auf ihre Stellung als kaiserliche Prin-
dem Grafen Lonyay die Hand gereicht, und am morgenden Sonntag wird der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand sich mit der unebenbürtigen Gräfin Sophie lLhotek vermählen.'
Es war ein eigentümliches Schauspiel, dessen Zeugin die Wiener Hofburg am Mittwoch war, ein Schauspiel, das dem uralt-bezopften Anhänger geistiger Versteiner- ungstheorun als der Ausdruck fürchterlich revolutionärer Gedanken erscheinen mag. Ein Sprößling des alten Habsburger Hauses, der künftige Erbe der Kaiserkrone, hat um seiner Liebe willen auf das kostbare Recht verzichtet, das Ratererbe seinen Kinder» und Enkeln zu hinterlassen, et fegte einen feierlichen Eid ab, daß nie und nimmermehr sein Fletsch und Blut Anspruch erheben wird auf Szepter Und Thron. Mitten hinein m den kriegerischen Ernst des Tages Ringen Laute, wie aus den Zeiten des guten Königs Rene, tönen bukolische Klänge, tönen Märchenweisen vorn Prinzen und dem armen Mägdelein, und eine Episode fürstlicher Romantik löste den Ernst ab, der aus den krieger- tsthen Ereignissen in China, der aus dem Heldenkampfe der Buren ehern zu uns spricht.
Und eine Reihe bunter Bilder tritt vor unser Auge. Meder empfinden wir das Leid der Bernauerin, und .wir freuen uns des stolzen blondlockigen Pattiziertöchter- lefns von Augsburg, der schönen Philippine Welser; Ka- » tharina die Erste war eines Tagelöhners Weib, ehe sie den Thron bestieg, und die furchtbare Tsu-Tsi, die mit Dämonischer Energie heute zum Vernichtungskampfe-gegen!
die Fremden ihr Volk bewaffnet, hat in dem dumpfigen. Wohnraum eines chinesischen Arbeiters den ersten Atemzug gethan. Aber noch ein anderes Bild wird vor uns lebendig, ein Bild von unendlicher Zartheit und rührender Tragik, ein Bild von tiefem Leid und herber Entsagung, von treuem Pflichtbewußtsein und tttännlichem Ueber-, winden. In der Seele, in der Phantasie des Volkes wird Wilhem l. fortleben als der Alte, als der königliche Greis, der in drei Kriegen Sieger war und das Deutsche Reich er- chuf, der in der Königsstadt der Bourbonen die Kaiserkrone ich auf das ehrwürdige Haupt gesetzt hat und zu den, Vätern ging, während eine Welt in Trauer versank. Er schied als ein Glücklicher, und dennoch hat auch ihn einftt tiefes Erdenleid betroffen, und er, dem das Schicksal den. Weg auf der Höhe gewiesen, wanderte einst durch das tiefe Thal menschlichen Leides. Der Kampf, den er um Elisa Radziwill führte, bildete den Inhalt eines der rührendste^ Dokumente fürstlicher Tragik. Erzherzog Franz Ferdinand! gelangt morgen an das Ziel seines Sehnens und er wird herzlicher Teilnahme überall dort begegnen, wo man das. rein Menschliche höher stellt, als die Macht der Ueber-, lieferung; Prinz Wilhelm hat verzichtet, weil er die eherne Klammer eben dieser Ueberlieferung nicht durchbrechen konnte, ohne mit der Staatsstotwendigkeit in einen harteU Konflikt zu geraten. So wie jetzt die Gräfin Chotek, so galt einst Elisa Radziwill, so hoch auch ihr Rang war, nicht äcks ebenbürtig für einen Prinzen aus dem stolzen Hause der Hohenzollern. Selbst der freundliche Wille des Vaters zerschellte an t)-er eisernen Macht der Tradition, und Todesweh int Herzen, schrieb der Prinz an den Ver- ttauten, als seine Hoffnungen zerfielen: „Oester hatte ich mir die böse Katastrophe vorgestellt; daß sie mich aber so überwältigen würde, ahnte ich kaum." Und er klagte über „die Welt, die ihm- öde und freudlos vorkommt", ihm, dem Fürstensohne, der einst Herrscher werden sollte. Und als ihm der Machtspruch! seines Königs die letzte Hoffnung raubt, da schreibt er nur:
„Ich werde Ihr Vertrauen rechtfertigen und durch Bekämpfung meines tiefen Schmerzes und durch Standhaftigkeit in dem Unveränderlichen, in dieser Prüfung bestehen. Gottes Beistand werde ich anrufen. Er verließ mich in so vielett schmerzlichen Augenblicken meines Lebens nicht, er wird mich auch jetzt nicht verlassen."
Nur wer die Eisenkur des Leids mit standhaftem Herzen ertrug, dem schenkt das Schicksal das Höchste.
Des Erzherzogs Ferdinand Zukunft wird weniger reich sein an Trauer und weniger reich an Erfolgen. Er wird das Szepter tragen, aber er wird seinen Söhnen das Erbe nicht hinterlassen. Und wenn ihn der Hermelin schmückt und der Stolz des Herrschens seine Brust schwellt, dann wird plötzlich die Demütigung auch an ihn heran- treten und schmerzlich wird er es empfinden, daß auch für ihn die Tradition unüberwindlich! blieb. Denn sein Weib wird nicht neben ihm stehen, das kleinliche Zeremoniell wird es verbieten, neben ihr in der Hofloge zu erscheinen, beim festlichen Mahle an ihrer Seite zu fitzen, und all die kleinen Nadelstiche werden ihn treffen, die sonst das Leben den Mächtigen erspart. Und obwohl man mit menschlicher Teilnahme es begrüßt, daß eine Frau nichtfürstlichen Standes die Gattin eines Kaisers fein wird, so wird man dennoch! nicht mit ungeteilter Genugthuung die Lösung des Konfliktes aufnehmen, der sich an der Hofburg erhob. Denn wie man mit Staunen und nicht ohne ein Gran von Entrüstung den seltsamen Windungen folgte, die sich in dem (Streit um Lippe ergaben, wie man nicht in den Gedanken sich! finden wollte, daß die späten Nachkommen einer Modeste von Unruh nur deshalb des Fürstentums unwürdig seien, weil ihrer Ahnfrau Adel nicht genügend erwiesen war, wie mau mit Achselzucken an der Behauptung vorübergehen würde, daß unsere Kaiserin nicht eine Zierde des Thrones sei, weil in den Adern einer Urelternmutter das Blut eines recht tüchtigen Bürgers floß, so sttäubt sich auch- heute das Selbstgefühl, die Minderwertigkeit einer schönen, zarten und edelsinnigen Frau anzuerkennen, nur weil der ererbte Rang nicht dem Range eines Erzherzogs gleicht. Adel muß verdient werden, so lautet ein Wort aus Huttens Tagen. Unsere Zeit, die Zeit, die aufgebaut ist auf den Errungenschaften der französischen Revolution, baut das Wort weiter: Es giebt nur Adel, der selbst verdient wurde. Tief hinein in unserer aller Seelen drang ein unauslöschlicher demokratischer Hauch, und Schiller, auch wenn ihn ein Weimarer Fürst nicht geadelt hätte, würde uns als adeliger gelten als irgend ein Prinz, der das Recht seiner Geburt nicht durch tüchtige Thaten neu gewinnt.
Und nicht nur die Schule der Geschichte hat uns gelehrt, mit staunendem Auge die wunderliche Thatsache zu betrachten, daß eine Fürstin Wertheim-Freudenberg Kaiserin werden kann, weil ihre Ahnen an einem bestimmten Tage gerade noch reichsunmittelbar herrschten, daß aber eine Gräfin Chotek nur die Staffel einer morganatischen Gattin erklimmen kann, sondern auch die Lehren der Naturwissenschaft haben uns zu der Erkenntnis geführt, -daß die stete
Mischung des gleichen Blutes verhängnisvolle Wirkungew heraufführen kann. Die enge Vereinigung katholischer Fürstengeschilechter bildet vielleicht den letzten Grund mancher Tragödie, deren Schauplatz ein Königsschloß war. Und andererseits will unsere Logik nicht standhalten, toentt. wir den Enkel eines Seidenhändlers auf Schwedens Thron erblicken, auf den nur das Recht der Revolntton den Ahneir erhob, und wenn uns Bernadottes und Beauhamais Enkelkinder als ebenbürtig gelten müssen. Wenn Sophie Chotek Kaiserin von Oesterreich würde, so würden vielleicht einige adelsstolze Erzherzoginnen die Nase rümpfen über die „Crapüle", aber jeder Bürger würde sich freuen und deo Frau, deren Reiz und Tugend sie erhob, gern und willig unterthan sein.
Die lippische Frage.
Seit 1883, nach dem Tode des Grafen Karl zur Lippe-Biesterfeld, bezog Graf Ernst zur Lippe-Biesterfeld als nächster Agnat des damals regierenden Fürsten Waldemar aus der Nebenlinie die jährlich 10000 Thaler betragende sogen, lippische Rente. Die Weißenfelder Linie bestritt nun feit einiger Zeit die Berechtigung des Grafen Ernst zu dieser Apanage und berief sich auf den Brüder- vergleich von 1749, nach dem für den Genuß der Rente Abstammung aus ebenbürtiger Ehe gefordert wird. Sie behauptete, die Stammmutter der Biesterselder, Modeste v. Unruh, fei nicht freiherrlichen Standes gewesen und habe somit dem § 18 des betr. Brüdervergleiches nicht genügt; selbst ihre adelige Abkunst sei nicht erwiesen, sie habe somit nicht einmal dem gemeinrechtlichen Ebenbürtig- keitSerfordernis des niederen Adels entsprochen. Das Landgericht in Detmold hatte die Adelsfrage ununtersucht gelassen, da eS sich auf den Grundsatz stellte, für die SuccessionS- fähigkeit in die lippische Rente gelte überhaupt keinerlei Ebenbürtigkeitserfordernis mehr. DaS Oberlandesgericht Celle hat auf Aushebung des Detmolder ErkenntniffeS entschieden, indem es feststellte, daß zur Ebenbürtigkeit in den Linien Biesterfeld und Weißenfeld mindestens freiherrlicher Stand der Braut oder Frau erforderlich, atfo § 18 des Brüdervergleiches noch in Kraft sei. Da Modeste v. Unruh erwiesenermaßen nicht freiherrlich war, kam eS auf die Frage, ob sie überhaupt adelig gewesen, weiter nicht an.
Zunächst wird sich das ReiHssgericht endgiltig mit der Angelegenheit zu besaffen htMn. Wenn dieses den Celler Spruch bestätigt, so argumentieren die Gegner der Biesterselder Ansprüche, stellt sich ein sonderbares Mißverhältnis zwischen diesem Erkenntnisse und dem Schiedsgerichtsspruche heraus. Zum Genüsse der Rente von 10000 Thalern müßte darnach die nächste Nebenlinie ihre Ebenbürtigkeit nach § 18 des Vergleiches nachweisen, während nach dem Schiedssprüche das diesem Erfordernis nicht entsprechende Haupt der künftigen fürstlichen Linie (Graf Ernst) für Lippe fuccessionsfähig wäre. Daß darin ein Mißverhältnis liegt, läßt sich nicht bestreiten. Indes giebt es gegen den Schiedsspruch keinerlei Appellation mehr, und die Regentschaft und Thronfolge des Grasregenten wird durch irgendwelche Entscheidung in Leipzig nicht im geringsten berührt. Inwieweit seine Söhne davon betroffen werden, läßt sich jedoch noch nicht Voraussagen, da über deren Successionssähigkeit vielleicht noch ein weiteres Schiedsgericht zu urteilen haben wird, das an die Begründung des Spruches des ersten Schiedsgerichtes nicht gebunden ist, da dieses sich lediglich mit der Succession des Grasen Ernst befaßte.
Graf Erich zur Lippe-Weißenseld konnte nur einen Teil der Rente einklagen, da, wenn er genußberechtigt ist, noch eine Anzahl Mitglieder seiner Linie Anteil hat; aber diese letzteren werden, wenn Leipzig für den Grafen Erich günstig entscheidet, jedenfalls auch ihre Rechte geltend machen, und dann wird der Nutznießer der Einkünfte des fürstliche» Hauses fortan jährlich an die Weißenfelder 30000 Mk. zu zahlen haben, bis auf eine kleine Summe, die schon jetzt an die weniger bekannte Linie der Grasen von Lippe- Falkenflucht in Württemberg gezahlt wird.
Handelt es sich somit schon nach dieser Seite um ein recht erhebliches Objekt, so ist noch in Betracht zu ziehen, daß im Falle des Obsiegens der Weißenselder ohne Frage auch die jährliche Summe von 30000 Mk. nachträglich mit Zinsen an die Weißenfelder herausgegeben werden müßte, welche die Biesterselder Linie seit 1883, seit dem Tode pes noch dem § 18 genügenden Grafen Karl Friedrich zur Lippe-Biesterseld, zu Unrecht bezogen haben toürbe,« uttb das macht, etwas über eine halbe Million Mark aus. Es ist aber gar nicht abzusehen, wohn diesir. Bettag genommen


