M. 151 Drittes Blatt. Sonntag de» 1. Juli
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Amtlicher Teil.
Protokoll
der ueuuuudzwauzigsten Sitzung des Provtuzialtags der Provinz Oberhefseu.
Geschehen Gießen, den 25. Mai 1900. Anwesend:
1, Der Vorsitzende: Großh. Provinzialdirektor Geheimerat von Bechtold,
2. Großh. Regierungsrat Dr. Wagner,
3. Großh. Kreisamtmann Freiherr Schenck zu Schweinsberg,
4. Der Provinzialbaubeamte Großh. Kreisbauinspektor Stahl,
5. Großh. Kreisamtmann Sandmann von Büdingen,
6. Die Provinzialtagsabgeordneten: Bürgermeister Alles, Nieder-Florstadt, Bürgermeister Arnold, Alsfeld, Beigeordneter Braun, Nidda, Mühlenbesitzer Erk, Nidda, Mühlenbesitzer Falck, Friedberg, Bürgermeister Fendt, Schotten, Bürgermeister Geißler, Lollar, Oberbürgermeister Gnauth, Gießen, Justizrat Dr. Gutfleisch Gießen, Kommerzienrat Heyligenstaedt, Gießen, Justizrat Jöckel, Friedberg, Bürgermeister Ohnacker, Nieder-Ohmen, Oberamtsrichter Rabenau, Büdingen, Johannes Reibling I., Brauerschwend, Bürgermeister Schmalbach, Crainfeld, Kommerzienrat Trapp, Friedberg, Bürgermeister Weidner, Herchenhain, Bürgermeister Zinßer, Schlitz,
7. Der Protokollführer: Büreauvorsteher Schiffnie.
Der Vorsitzende eröffnete den Provinzialtag unter Begrüßung der erschienenen Abgeordneten, und gedachte sodann des so rasch aus dem Leben geschiedenen Prinzen Wilhelm von Hessen, Großherzogliche Hoheit, dessen hervorragende Eigenschaften rühmend hervorhebend. Er bat die Anwesenden, sich zur Ehrung des hohen Verstorbenen von ihren Plätzen zu erheben. Dies geschuh. ^urke nun die Beschlußfähigkeit der Abgeordneten sestgestellt. Entschädigt fehlten die Abgeordneten
Heinrich Brauer, Ober-Ofleiden,
Geheime Kommerzienrat Buderus, Gießen, Justizrat Dr. Geyger, Assenheim, Graf Oriola, Büdesheim, Gutspachter von Oven, Hungen, Landgerrchtsrat Dr. Schäfer, Gießen, Ingenieur Schiele, Gießen,
Berliner Brief.
(Plaudereien aus der Kaiserstadt.)
(Nachdruck verboten.)
Berliner Redensarten. — Wie das Volk überseht.
Schon in den Jugendtagen unserer Großväter soll es eine unausrottbare Angewohnheit des Urberliners gewesen sein, sich in den verschiedensten Situationen mit bestimmten, immer wiederkehrenden Redensarten mehr oder weniger origineUen Gepräges abzufinden. Es ist das eine Erscheinung, die sich manchen anderen deutschen Landsleuten wohl auch nachrühmen läßt; nur treibt keiner mit diesen manchmal sehr drolligen, oft aber auch geradezu blödsinnigen und witzlosen Schlagwörtern einen so unerhörten Luxus wie der liebe Spree-Babylonier, der ja bekanntlich nicht auf den Kopf gefallen sein soll, auf den, Mund schon ganz gewiß nicht!
„Machen Se keene Witze, Männeken!" würde so ein Waschechter warnend sagen, wenn er mir jetzt über die Schulter sehen könnte, denn er kann „furchtbar leicht un- jemütlich" werden, wenn ihn „irgend was nich' in'n Kram paßt" und er Verdacht schöpft, „verhohnepiepelt" werden zu sollen. Aber er ist ebenso leicht versöhnt, wenn man ihm gut zuspricht, und mit dem langlebigen Worte aus Angely's uraltem „Fest der Handwerker"; „Dadrum keene Feindschaft nich!" besiegelt er gern den Frieden; wenn man gar fteiwillig die Kriegskosten in Gestalt von ein paar „Leichenwagen mit Troddeln" oder „Dampfspritzen mit Pechfackeln" zahlt, so ist er, um nochmals mit Angely zu reden, ganz wie der fröhliche und flotte Tischler Hähnchen, ,,allemal, derjenige, welcher". Solch eine „Dampfspritze mit Pechfackeln" ist natürlich eine besonders beliebte — Liqueur-Mischung, um die Sache ein bischen zu Schönfärbern; so ähnlich wie auch „Nordlicht mit Morjen-
Graf Friedrich zu Solms-Laubach, Erlaucht, Kommerzienrat Wenzel, Lauterbach, Bürgermeister Zimmer, Grünberg.
Zu iUrkundspersonen wurden die Abgeordneten Bürgermeister Ohnacker und Oberamtsrichter Rabenau bestellt und Büreauvorsteher Schiffnie mittelst Handschlags als Protokollführer verpflichtet.
Nunmehr wurde in die Tagesordnung eingetreten.
1. Prüfung der Rechnung der Proviuzialkaffe und Erstattung des Rechenschaftsberichtes pro 1898/99.
Der Vorsitzende verweist auf eine den Abgeordneten als Anlage zum Entwurf des Voranschlags für 1900/1901 gleichzeitig mit der Einladung zur heutigen Sitzung zugegangene summarische Uebersicht über die wirklichen Einnahmen und Ausgaben der Provinzialkasse pro 1898/99, und trägt das Rechnungsergebnis der einzelnen Rubriken hieraus vor. Er bemerkte dazu, daß der Abgeordnete Herr Oberbürgermeister Gnauth die Rechnung vorgeprüft und nicht zu beanstanden gefunden habe. Der Provinzialausschuh beantrage Gutheißung derselben.
Hierauf verliest der Vorsitzende den Verwaltungsbericht des Provinzialausschusses pro 1898/99 und stellt diesen und die Rechnung zur Diskussion.
Da sich niemand zum Wort gemeldet hatte, wird dem Antrag des Vorsitzenden gemäß die Rechnung für 1898/99 in allen Teilen gutgeheißen und werden damit die vorliegenden Kreditüberschreitungen und die Ausstände genehmigt.
2. Voranschlag der Proviuzialkaffe für 1900/1901.
Der Vorsitzende trägt die einzelnen Voranschlagskredite, mit der Ausgabe beginnend, vor und bezieht sich auf die dem Voranschlag beigedruckten Erläuterungen. Zu den Rubriken 18 und 19 — „Unterhaltung der Kreisstraßen" und „Neubau von Kreisstraßen" — referiert der Großh. Provinzialbaubeamte Stahl soweit erforderliche
Bürgermeister Alles fragt an, ob von den in dem Kreise Friedberg vorgesehenen Straßenneubaustrecken nicht doch, noch die eine oder andere Strecke in das Budget ausgenommen werden könne, wenn auch erst kürzlich die Projekte vorgelegt worden seien. Es sei dies sehr wünschenswert, da der Kreis Friedberg, der doch seine Beiträge zur Provinzialkasse leisten müsse, sonst gar keine Gegenleistung habe.
Provinzialbaubeamter Stahl schlägt hierauf vor, das Budget unverändert genehmigen zu wollen, da es nicht möglich sei, jetzt noch Aenderungen daran vorzunehmen. Der Provinzialtag habe s. Zt. bestimmt, daß bis zum 1. Oktober die Neubauprojekte für das nächstfolgende Etatsjahr bei der Provinzialdirektion Oberhessen einzulaufen hätten, damit dieselben geprüft, etwaige Aenderungen daran vorgenommen und bann in den Voranschlag noch ausgenommen werden könnten. Der Kreis Friedberg habe aber erst vor einigen Tagen, am Tage vor der Sitzung des Provinzial-Ausschusses, in welcher der Voranschlag beraten
rot" oder „Magenschrubber mit Nachpolitur" und wie die wärmenden und herzstärkenden Kompositionen alle heißen! Wehe Dir, wenn Du erklärst, dergleichen nicht immer ganz zweifellose Flüssigkeiten nicht zu genießen! Sie lachen Dich heillos aus, die „dollen Brüder, mang die Du nu mal jeraten bist" und so wie der sidele Wiener vielleicht sagen würde: „Dös d'erzähln S' der Frau Blaschke!" so ruft in diesem Falle Urberlin: „Det machen Se Kulicken seine Jroßmutter vor! Bei uns jiebt's det nich! Immer ran! Keene Müdigkeit vorschützen. Sie oller Marketender von die Heilsarmee!"
Und seltsam, auch! die besseren Stände ergehn sich wenn auch! nur scherzhaft, doch von Zeit zu Zeit gern in diesem merkwürdig spitzen und stellenweise doch auch recht brutalen Jargon. Der alte Wrangel ist nicht vereinzelt in seiner Vorliebe für Berlinismen, es soll sogar vorkommen, daß ein viel jüngerer Feldmarschall sich rm reinsten Urberlinisch ziemlich kräftig darüber äußert, von wein dieser oder jener seiner Herren Söhne blos diese Stilblüten herkriegt! „Ick sage nischit, ick lache blos!" bemerkt hierzu der Spree-Athener.
Im April und Mai, während der Gönczi-Verhand- lungen war es einmal Mode geworden, die naiven Aeußer- ungen dieses eisenstirnigen Verbrechers, die er als letzte Ausflucht aus allen Schlingen des ihn umstrickenden Netzes stets auf der Zunge hatte, zu Schlagworten des Gesprächs zu erheben. „I bitt schön, i weiß von nix!" klang es an allen Ecken und Enden. Wer war die Wendung dem Berliner schließlich zu „weanerisch" oder waren die durch das Wort immer wieder heraufbeschworenen Schandthaten des fluchwürdigen Raubmörders doch zu bitter und gräßlich: das Wort hat sich, Gott sei Dank, auf die Dauer nicht gehalten. Dafür ist jetzt augenblicklich entweder „alles in Butter", oder „nich zu blasen!" Wenn Lehmanns ein Diner geben oder ein Sommerfest veranstalten und es klappt alles, der Braten ist weich, der Wein kühl, die Be
worben sei, seine Projekte vorgelegt, und da sei es ganz unmöglich! gewesen, dieselben einer Prüfung zu unterziehen. Er müsse im Interesse der Kreise dringend bitten, daß diese die Vorlage rechtzeitig machten.
Mühlenbesitzer Falck bemerkte, daß die Verwaltungsbehörde in Friedberg an der verspäteten Vorlage die Schuld trage, aber er glaube, daß man nicht den ganzen Kreis Friedberg darunter leiden lassen könne, und es würde sich wohl noch ermöglichen lassen, für diese oder jene Straße noch! nachträglich einen Betrag im Voranschlag vorzusehen. So sei namentlich die Brücke über die Nidda bei Groß- Karben sehr baufällig, und es habe der Provinzialtag schon in der vorjährigen Sitzung diesen Brückenbau genehmigt, allein die Mittel hierfür seien gleichfalls im vorliegenden Budget nicht eingestellt. .
Provinzialbaubeamter Stahl erwidert: So viel er wisse, sei im Kreise Friedberg mit dem Bau einiger bewilligter Straßen noch nicht begonnen und es dürfte deshalb dem Kreis für das laufende Jahr nicht an Arbeit Mangeln. Was die Brücke über die Nidda bei Groß-Karben anlange, so sei dieselbe allerdings bereits im vorigen Jahre genehmigt und der Kreisausschuß zu Friedberg ermächtigt Morden, nach vorheriger Prüfung des richtig gestellten Projektes durch! den Provinzialausschuß sofort mit dem Bau zu beginnen. Das Projekt, das einiger wesentlicher Abänderungen bedurft habe, sei aber trotzdem bis heute noch! nicht wieder vorgelegt worden. Es treffe somit den Provinzialausschuß weder eine Schuld an der Verzögerung dieses Baues noch an der Nichteinstellung der hierfür nötigen Zuschüsse der Provinz in das heute zu beratende Budget derselben.
Mühlenbesitzer Falck: Es sei ja zweifellos, daß die Kreisverwaltungsbehörde in Friedberg die Schuld an der Verzögerung habe, aber darunter könnten doch die Gemeinden, die schon Jahre lang auf die Straßen warteten, nicht leiden. Dieselben würden hierdurch geschädigt. Das Projekt zur Brücke bei Großkarben sei zwar genehmigt, es seien aber dafür nur geringe Mittel vorgesehen. Auch die Straße Wohnbach-Berstadt sei vom Kreistag schon seit ca. zwei Jahren genehmigt, das Projekt habe aber die Genehmigung des Provinzialtages immer noch nicht gefunden, und es dürften wenigstens für dieses Projett die erforderlichen Mittel und ein Nachttagsbudget genehmigt werden können.
Provinzialbaubeamter Stahl: Wie er bereits angedeutet habe, könne der Kreis Friedberg jederzeit mit der Brücke bei Großkarben anfangen, wenn der Provinzialausschuß das vorher einzureichende Projekt geprüft und genehmigt habe. Dadurch, daß in diesem Jahre weniger Beittäge zu Straßenneubauten an den Kreis Friedberg verwilligt worden, komme derselbe keineswegs zu kurz, weil er bereits in den Vorjahren ganz erhebliche Summen erhalten habe und derartige Minderbewilligungen wieder ausgeglichen werden könnten. Wollte man übrigens wegen des Kreises Friedberg ein Nachttagsbudget aufstellen, so
dienung gut und die Stimmung famvs, so war eben „alles in Butter". Auch wenn eine animierte Kneipgesellschast in der Frühe rührselig wird, gilt das Wort, ebenso wie von Ehegatten, die sich wieder vertragen oder gesttengen Chefs, die gute Laune haben. Aber „nich zu blasen" ist es, wenn eine lang geplante Landpartie verregnet, oder ein Lotteriegewinn von ansehnlichem Umfange auf die Nummer dicht danebew fällt; wenn einem abends die letzte Straßenbahn nach Rixdorf oder Steglitz vor der Nase abfährt oder der frische Schoppen zur Hälfte nichts als Schaum aufweist, obgleich da eigentlich gerade sehr viel zu „blasen" wäre. . . .
Eine besondere Begabung läßt sich dem echten Berliner auch für Aneignungen aus fremden Sprachen nachrühmen, wovon die jetzt in ganz Europa grassierende amerikanische „Washington-Post", ursprünglich ein von der Zeitung „Die Washington-Post" preisgettönter Marsch des Komponisten S o u s a, ein tteffendes Zeugnis ablegt. Was ließ sich! mit der unverständlichen „Washington-Post" im Munde der unteren Schichten anfangen? Etliche halftn sich mit „Fasching-Post" eine Zeit lang aus; das gab doch einen Sinn! Unlängst aber hat em biederer Tänzer in der Hasenheide oder in Halensee die Sache noch! viel gründlicher vereinfacht und ins Deutsche übernommen; er sagt „Schinken-Post"; sicherlich war es etn „Jardejrenadier", der sie mit „Jeheimrats Jette" tanzt, die ihm dafür allemal eine tüchtige Schnitte Schinken extta zu steckt. . c ,,
Ein etwas kritischer angelegter Sohn der spreedurch^ flossenen Großstadt, dem die Fremdwörter scheinbar auch in dieser Abschweifung verhaßt sind, bestellte sich den amerikanischen Zweischritt, bei dem die Dame ihrem Partner den Rücken zudreht und mit ihm gleichzeitig nach rechts und links ausbiegt, bei der Musik als „doppelter H^chel- wann!" Na, Spaß muß sind! ... A. R.


