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1.5.1900 Zweites Blatt
 
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Dienstaa den 1 Mai

Zweites Blatt

Aints- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieren

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Kchukstraße Ar. 7.

«nähme von Anzeigen zu der nachmittags für den «atzend« Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr. Abbestellungen spätestens abends vorher.

Und 'diesen Jeremiaden schließen sich die Angehörigen all' jener Berufszweige an, die mit Beginn der Ausstellung den goldenen Regen erwarteten, und ihrer sind sehr, sehr viele.

Dabei meints Mutter Natur auch diesmal so gut mit ihrem Schooßkinde Paris. Wie wundervoll sind die gegenwärtigen Frühlingstage, warm und weich die Lust, goldig das frohe Leuchten der Sonne, alles sprießt und blüht üppig empor, die ganze weite, unendliche Stadt scheint erfüllt zu sein von übermütiger Daseinsfreude, denn wenn auch der bedrückenden Fragen noch so viele sind, sie kriegen den echten Pariser Leichtsinn, den rechten Pariser Uebermut nicht unter, im Gegenteil, die schießen nur desto tollere Purzelbäume, je zahlreicher sich die Sor­gen einstellen.

Das merkt man so recht, wenn mach an einem Sonntage die Ausstellung besucht. Vom frühen Morgen an strömen ihr die Menschenscharen zu; je mehr die Uhr vorrückt, desto lebhafter wird der Andrang, am schlimmsten während des Nachmittags, wo man aus den Hauptwegen nur langsam vorwärts gelangt. Die billigeren Restaurants, in denen der Bock 30 und 40 Zentimes kostet und neben dem sehr mäßigen Bier ebenso minderwertige Musik verzapft wird, sind überfüllt, tyn den besseren Lokalen, in denen man Speisekarten ohne Preise erwarten kann, machen die Kellner Wetten, wer von ihnen am meisten in einer Stunde gähnt, mehrere dieser Serviettenschwinger sollen aus Langeweile trübsinnig, andere aus Verzweiflung über die trinkgelder­lose Zeit tobsüchtig geworden sein. Dafür ist jedes Plätzchen auf den Bänken, jeder Stuhl besetzt, dort, wo der Verkehr nicht gar zu gefährlich ist, werden die Treppenstufen, die Quaimauern, die Schutt- und Steinhaufen, die Umfrie­dungen der Gartenanlagen zum Ausruhen und zum Aus­packen benutzt, denn diese kleinen Mrgersamilien sind sparsam und trauen den Ausstellungspreisen nicht: Vater enthüllt die Weinpulle aus dem Zeitungspapier und setzt sie zu manch' herzhaftem Schluck an, Mutter holt die Präpeleien hervor und füttert sich, Vatern und die Kinder,

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Matter für hessische Volkskunde.________________

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.

Fernsprecher Nr. 51.

Politische Tagesschau.

Dr. W. I. Leyds, der bekannte und am meisten gehaßte Diplomat der Gegenwart begeht am 2. Mai seinen 41. Ge­burtstag. Er wurde am 1. Mai 1859 zu Magelang auf Java in Niederländisch-Jndien als Sohn einer altholländi­schen Familie geboren. Seine Schulbildung genoß er im Vaterlande. Er wurde erst Lehrer, studierte dann auf der Amsterdamer Hochschule Rechtswissenschaften und erwarb sich den Doktorhut. Am Tage nach der Promotion bot Präsident Krüger, der sich gerade auf einer europäischen Reise befand, um tüchtige Kräfte aus den Niederlanden zu berufen, dem 25jährigen Rechtsanwalt das Amt eines Staatsprokurators an.

Schnell stieg der besonnene und thatkräftige Mann zu hohen Ehren. Im Mai 1889 wurde er Staatssekretär der Südafrikanischen Republik, und somit leitender Minister des jungen Freistaates, der sich in überraschender Weise cutwickelte. Die Staatseinnahmen des bis dahin fast un­beachteten Landes betrugen 1873 1OOOOO Mk., die im Jahre 1894 auf 45 Millionen, und im Jahre 1897 auf 90 Mill. Mk. stiegen. Die GoldauLfuhr des reichsten Gold­landes der Erde bezifferte sich auf 226 Mill. Mk. Dr. Leyds, der seinem neuen Vaterlande bald unentbehrlich wurde, ward in den Jahren 1893 und 1897 vom Volks­rate wieder als Staatssekretär bestätigt. Außerordentlich segensreich waren die Verbesserungen, die Dr. Leyds im Schulwesen einführte. Als Lehrer und Beamte zog er viele Holländer heran, was ihm von partikularistisch gesinnten Gegnern im Freiftaate oft genug verdacht wurde. Dr. Leyds hat in hervorragender Weise der holländischen Sprache in Transvaal Eingang verschafft. Als er das Land betrat, wurde von den Buren, einzelne Ausnahmen abgerechnet, nur das Afrikaner-Holländisch gesprochen. Die Aussichten für das Durchbringen des holländischen waren gering. Man befürchtete, daß dasAfrikanderplattbald durch dasEnglische ver­drängt werden würde. Das wäre der Anfang vom Ende des burischen Volkstums gewesen, denn mit Recht heißt der Wahlspruch der Vlamen in Belgien:De Taal is gansch het Volk! (Die Sprache selbst ist das Volk!) Leyds aber blieb zähe.Aussicht auf Erfolg ist bestimmt vor­handen, aber wer schon vor dem Anfänge des Streites am Siege zweifelt, erringt diesen gewiß nicht! sagte er einst. Die immer offenkundiger werdende Habsucht Englands zwangen den Präsidenten Krüger, auf die diplomatische Vertretung der Republik in Europa hervorragendes Gewicht zu legen. Als vor V/a Jahren der europäische Gesandte

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und man schwatzt, lacht und ist guter Dinge, daß man bew Nachbarn und Freunden erzählen kann, was man bisher von der Ausstellung gesehen und was sie einst bieten wird, ach, einst, einst!

lieber die Wohlerzogenheit, die Genügsam- und Harm­losigkeit dieser Pariser Volksmengen empfindet man immer wieder aufrichtige Freude. Viele, viele Tausende sind auf engem Raum versammelt, und kein Geschrei, kein Lärm, kein Umhertoben unnützer Jöhren, keine Betrunkenheit und kein Johlen, wie mans im jeliebten Berlin und auch an­derswo bei solchen Gelegenheiten vernimmt. An manchen Stellen ist das Gedränge unheimlich, und doch wird man nirgends angerempelt, gestoßen, gedrückt, und ob ihr nun deutsch oder englisch sprecht, italienisch oder türkisch, ob ihr einen gelben Cylinderhut aufhabt oder einen grünen Regenschirm unter dem Arm tragt zu einem karrnoisin- roten Ueberzieher, das ist diesen Leutchen völlig gleich, ihr werdet kaum beachtet, am wenigsten aber belästigt, hier kann jeder nach seiner Facon leben, und an Verrückt­heiten in der Toilette, na, daran sind die guten Pariser schon durch das Ewig-Weibliche gewöhnt.

Die armen Damen, wie leid konnten sie einem am letzten Sonntag thun! Viele hatten sich ihre hübschesten Fähnchen angezogen mit den weißesten Spitzenröckchen (denn die buntseidenen stehen auf dem Aussterbeetat) und den kokettesten Stiefelchen darunter, mit den chicesten Früh- jahrshüten auf den sorgsamen Frisuren, ach, wie mag dieser Staat am Abend ausgesehen haben, wie mancher der spitzen Absätze wußte sein Leben lassen, Wie manche Schleppe an die Vergänglichkeit alles Irdischen glauben, wie manches Hu^ chen bekam ein immerwährendes Andenken! Denn noch jetzt, zwölf Tage nach der feierlichen Eröffnung der Aus­stellung, befindet sich die Mehrzahl der Weg-- m e nem wahrhaft schauderhaften Zustand ^erall spche Steine qeleaentlich Felsblöcke und Sandkuhlen, häufig gSöbunaen und Wasserlachen, über die schmale Bretter sind 'dann Gerümpel, Baumaterialien, Schutt, und all' das mi? einer dicken^Staub- und Gypsschicht bedeckt,

denen Jugendzeit nach einem Wechsel nicht mehr vorzu- inben. Hier auf diesem Platze baue die Burschenschaft auf fistorischen Boden, denn in früherer Zeit habe dieselbe Jahrzehnte lang die unter dem Platz gelegene Kneipe zum Deutschen Kaiser" innegehabt

Nach einem kurzen Ueberblick über die Vorgeschichte des Baues zu dem der erste Spatenstich am 20. März erfolgte, aedachte der Redner weiter der verstorbenen alten Herren und Bundesbrüder, die sich so rege an der Arbeit für den Hausbau beteiligt haben und deren für die blau-rot-gol­denen Farben und ihre Burschenschaft stets erglühtes Herz nicht mehr schlage. Mit dem Wunsche:So wachse denn empor du schlichtes Mauerwerk zu einem Denkmal treuer Freundschaft und Liebe, die die Alten nut den Jungen verbinden; blühe, wachse und gedeihe, damit bald die Fahne blau-rot-gold über die Zinnen Gießens Hinschauen möge, und wir zum Beginn des Wintersemesters unsere Burschen­schaft hier einführen können; das walte Gott" schloß der

dtach Verlesung eines von einem alten Herrn verfaßten Festgedichtes wurde von Oberfinanzassessor Glässing, dem Schriftführer der Hausbauvereinigung, die Urkunde verlesen, die folgenden Wortlaut hat:

Urkunde

über die Feier der Grundsteinlegung zu diesem Hause, dem Burschenhause der Alemannia, Burschenschaft zu Gießen.

Im Jahre Etntaufendneunhundert, am 28. April, versammelte sich an dieser Stätte die Burfchenfchaft Alemannia mit Alten Herren, Frauen und Schwestern des Bundes, den Erbauern dieses HauseS, Freunden und Gästen, um den Grundstein zu einem eigenen Herde zu legen, an dem sie schaltend und waltend als eigene Herrin die sichere Grundlage für ihr ferneres Blühen und Gedeihen

In dankbarer Erinnerung an die Stifter der Burschenschaft, in nie verblassendem Gedenken an die akademische Jugendzeit, und in Bethätizung echt burschenschaftlichen Geistes hatten die Alten Herren der Burschenschaft auf dem Philtstertage vom 24 Juni 1894 den einstimmigen Beschluß gefaßt, ihrer Burschenschaft in einem eigenen Burschrnhause eine Heimstätte deS Frohsinns und der Er­holung, einen Hort burschenschafwchen Wesens und treuer Freund­schaft, ein Bleibendes in stetem Wechsel, ein glänzendes Zeugnis für die unvergängliche Kraft und Stärke des Bundes zu schaffen.

Der Ausführung dieses Beschlusses standen nicht geringe Schwierigkeiten im Wege, aber das Werk gelang, wieder einmal ließen sich dir alten Alemannen in Liebe und Treue zu ihrer Burschen» schäft nicht übertreffen; schon am 1. Januar 1900 4*/s Jahre, nachdem die Aufforderung zur Zeichnung von Beiträgen ergangen war konnte der Schriftführer der Baukommission, Oberfinanz- asstffor Glässing, den A. H. A. H. und der Burschenschaft die freudig aufgenommene Mitteilung machen, daß das gcsteckte Ziel erreicht sei. Der unermüdlichen Thättgkeit der Baukommisston, deren Mitglied Geh. Oberbaurat Pos einer, R«algymnastallehrer Dr. Pitz, Steuerkommissär Ntckla«, Amtsrichter Dr. Glässtulg, Oberfinanz- assessor Glässing und Dr. Blaeß sind, gebührt ein wesentlicher Teil des Verdienstes, den 1894 gefaßten Beschluß, in dieser von

KtreWge durch die Parisn WcltimsftkLuug.

Von PaulLindenberg.

(Nachdruck verboten.) I.

Klagen über Klagen. Ein Sonntag in der Ausstellung. Die Pariser Volksmaffen. Unglaubliche Beschaffenheit der äßege. Fast alles noch unvollendet- Arbeitermartgel. Die armen Berichterstatter. Wenig Fremde. Wie sich die Pariser die Deutschen und andere Ausländer vorstelleu.

Nun sitzt man da mit dem Talent und kann es nicht verwerten" dies alte Berliner Kouplet kann jetzt mit größter Berechtigung überall in Paris angestimmt werden. Alles schimpft aus die Unfertigkeit der Aus­stellung, alles ist unzufrieden, alles sucht nach einem Sündenbock, um auf ihn den Aerger, die Wut abzuladen, aber zu dieser dankbaren Rolle will sich niemand bequemen. Dieser Tage traf ich einen der ersten Berliner Goldschmiede, der die herrlichen Erzeugnisse seiner Kunst, im Werte von weit über hunderttausend Mark, seiner Zeit in Berlin ausgestellt hatte:In welcher Abteilung werden denn Ihre Sachen zu finden sein?" fragte ichAch, daran fyabe ich überhaupt noch nicht gedacht", TTagte er mir, feit drei Tagen suche ich in den Güter­schuppendes Nordbahnhofes umher und kann meine Kisten nicht herausbekommen von d ejr Unordnung haben Sie keinen Begriff!" Mein Sootetter sagt mir:Es ist jammervoll. Wenn die Ausstellung fertig wäre, würden sich jetzt schon die Fremden einstellen, der Andrang verteilte sich und bliebe nicht nur auf den Sommer beschränkt; jetzt sind genug Zimmer leer, später weiß man nicht, wie man Raum schaffen soll. Aehnlich lauten die Klagen der Restaurateure, welche die doppelte, die dreifache Miete bezahlen müssen und gehofft hatten, daß sich von Mitte April an die Fremden zu un­gezählten Tausenden in Paris einfinben würden, und die nun froh sind, wenn sie nur ihre Stammgäste behalten.

Nr. 100

Erscheint täglich mit Ausnahme des

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Die Gießener Aamilieubkättcr werden dem Anzeiger im Wechsel mitHess. Landwirt" u.Blätter für Hess. Volkskunde" »öchtl. 4 mal beigelegt.

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der Südafrikanischen Republik, Jonkheer Beelarts von Block- and starb, trat Dr. Leyds als Vertreter Transvaals an eine Stelle. Mit großem Geschick ist er selbst in den schwierigsten Zeiten erfolgreich für sein Land eingetreten. Er ist Ritter des Roten Adlerordens 2. Klaffe mit dem Stern, Kommandeur der Ehrenlegion und des Oranien- Naffauischen Ordens. Der entsetzliche Krieg zur Vernichtung der niederdeutschen Bauernfreistaaten hat die Augen der ganzen Welt auch auf Dr. Willem Johannes Leyds zu Brüssel gerichtet. Unzählige Zustimmungskundgebungen aus allen Ländern sind nach Brüssel gewandert und immer in der freundlichsten Weise erwidert worden. Auch zum 1. Mai werden gewiß viele Grüße stammesbrüderlicher Zuneigung in das Arbeitszimmer des wackeren Mannes wandern, um ihm und seinem Volke Heil und Sieg zu wünschen.

Die Grundsteinlegung des Bnrschenhauses der BurschenschaftAlemannia".

Gießen, am 30. April 1900.

Arn Samstagnachmittag beging die hiesige Burschen­schaft Alemannia die Feier der Grundsteinlegung ihres am Schiffenbergerweg errichtet werdenden Hauses in einfacher und würdiger Weise. ,

Nachdem schon im Lause des Mittags zahlreiche alte Herren erschienen waren und man sich gegen 5 Uhr im Verkehrslokale der Burschenschaft, imAndres", ver­sammelt hatte, begaben sich die Festteilnehmer in einem stattlichen Zuge von über 60 Personen, Musik, Banner und Chargierte .in Wichs voran, . vom Andres aus direktem Wege durch Neuenbäue, über den Ludwigsplatz und die Grünbergerstraße zu dem Bauplatz. Hier mar der schon bis zur Sockelhöhe aus dem Boden gewachsene Bau festlich mit Guirlanden, Wappen und Fahnen geschmückt, auch auf dessen Höhe ein Podium für die Festteilnehmer errichtet.

Nach Ankunft hielt in Stellvertretung des verhinderten Vorsitzenden des alten Herren-Verbandes der Alemannia, des Geh. Oberbaurats Poseiner, Dr. Pitz die Weiherede. Nach Begrüßung der erschienenen Gäste verbreitete sich der Redner über die Bedeutung der Feier für die aktive Burschenschaft, die in ihrer Geschichte ein Wendepunkt sei. Es werde der Denkstein für das eigene Heim der Burschen­schaft gelegt, das für sie von hohem und bleibendem Werte immerdar fein und den Konzentrationspunkt für das ganze Streben und Leben der Aktiven von nun an bilden werde. Bald verfüge die Burschenschaft, müde des Wanderns von einer Kneipe zur andern, über ihr eigenes, trautes Heim, in dem sich auch! die alten Herren wohl fühlen werden, die in Zukunft nicht mehr zu befürchten brauchen, die alt­gewohnten und liebgewordenen Räume ihrer eigenen gol­