Zweites Blatt
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N». 7.
Dem Fürsten
W. Sieben, den 1. April 1900.
Der 1. April ist ein Gedenktag in der Geschichte des deutschen Volkes von einer Größe und Bedeutung, für die rin Vergleich fehlt. An diesem Tage — heute vor 85 Jahren r- wurde uns Bismarck geboren.
Die letzten acht Jahre seines thatenreichen Lebens war Lismarck der Macht beraubt, ein einfacher Privatmann. Der während die meisten Minister, selbst jene, denen während ihrer Amtsdauer nicht nur servile Schmeichler staatsmännische Bedeutung nachrühmen, nach ihrem Rücktritt laim beachtet werden, Anselsen und Ruf verlieren, wie Peter Schlemihl seinen Schatten, hatte ihm ganz allein tä das Schicksal beschieden, nach seinem Falle mehr aufrichtige Bewunderung und Anhänglichkeit zu finden, als in den Tagen, da er der Geschichte Europas den Gang vor- zeichmete.
Das Schloß im Sachsenwalde, in das sich Fürst Bis- marct nach seiner Entlassung zurückzog, ward ein politischer Wallfahrtsort. Nicht nur Vereine und Deputationen, auch Staatsmänner pilgerten dahin. Bismarck fand hrt Ruhestände keine Ruhe; man überhäufte ihn mit Beweisen der Anerkennung und Verehrung. Und merkwür- digeciveise hatte es dabei nicht sein Bewenden, sondern man sragite bei jedem Ereignisse, wie wohl Bismarck darüber urteilen möge; man bemühte sich, seine Meinung zu erforschen, man reiste nach Friedrichsruh, um sie zu vernehmen, man horchte auf jedes seiner Worte, als ob die zcsamite Politik Deutschlands noch immer von seinem Willen abl)imge. Wallfahrten, wie die nach Friedrichsruh, kennt sonst die Weltgeschichte nicht. Ter Kulturhistoriker späterer Zchrhunderte wird für die Verehrung, die man dem alten Lanzster entgegenbrachte, kein schwererwiegendes Zeugnis erdri «gen können, als die jahrelangen Pilgerfahrten in ten Sachsenwald, denen nun die zu seinem Grabe für alle feiten folgen werden. Nicht nur in Deutschland ward Fürst Pisniarck als erster Kritiker der Zeitgeschichte betrackstet, and) im Auslande. Ja, in Frankreich ging man noch weiter. Tori vergrößerten Haß und Furcht die Gestalt des Fürsten ms übermenschliche. Mau schrieb ihm dort einen über idle Weltteile reichenden Einfluß auch dann noch zu, als •er nicht mehr Regisseur, sondern nur noch aufmerksamer Ischauer der europäischen Haupt- und Staatsaktionen war. Ai Deutschland hieß es immer: Was sagt Bismarck dazu? Hub heute noch fragt man sich gar oft: Was würde er lagern? Tie Franzosen aber, so sehr sie die Meinung des Airsten für jeden wichtigen Vorgang auf politischem Ge- ttiite ineressiertte, begnügten sich nicht damit, sondern sie jühci’i allenthalben feine Hand, sie witterten überall, wo ihr Vorteil geschädigt ward, eine Jntrigue, eine Einflüsterung von seiner Seite. So groß blieb bis zu seinem letzten Äemzuge die Achttmg der Franzosen vor dem politischen Cßiiiie des Mannes, den sie als den Urheber ihrer natio- lülen Demütigung betrachten, daß sie sich gar nicht denken ffoiiirten, es geschäl-e irgend etwas in Europa ohne seine Himliche Mitwirkung. Die bittersten Feinde Bismarcks gilben eine Bismarck-Legende gedichtet, und damit unfrei» billig Zeugnis für die Größe des Mannes gegeben, der mist Heiner ward, als er von dem Sockel seiner hohen Stellung herabstiea.
Bismarck selbst hat ost dagegen Einspruch erhoben, iwij er nach seinem Rücktritt auf die offizielle Politik des Nutschen Reiches eingewirkt habe. In der ersten Zeit hjar dies gewiß nicht der Fall. Die Spannung zwischen ichn und dem jungen Kaiser war zu groß, der Gegensatz i.ii Caprivi zu augenfällig, die Kritik, die Bismarck an tetn Maßregeln fernes Nachfolgers übte, zu schroff, als tag man an irgend ein Einverständnis zwischen Berlin und Diiedrichsruh hätte glauben können. Im Berliner Königs- sickojsse konnte man sich indes des Eindrucks nicht erwehren, boeg man Bismarck zwar die Gewalt des deutschen Reichs- i'iiuzlers, aber nicht die ungeheure Gewalt seiner Persön- lüciteit nehmen konnte. Man fühlte so gut, wie es das M empfand, daß er eine Macht geblieben fei, und wie mit einer Macht s chloß dann Kaiser Wilhelm mit ihm Jiieden. Ganz Teutschland atmete auf, als wäre ein Alp- tact von feiner Brust genommen.
Und wie einst der alte Goethe in Weimar die oberste kiticuarifche, verkörperte Bismarck in Friedrichsruh die Weifte politische Instanz Deutschlands. Gegen die Richter- chiühe, die er fällte, war keine Berufung zulässig. Um 1 tu Haupt schwebte der Nachglanz des Kriegs- und Sieges- Wes, pus dessen Stürmen! das neue Deutsche Reich hervor- ging..
Selbst die zahllosen Feinde und Neider Bismarcks, Die ühn so gründlich haßten, wie er sie, haben niemals 1 tiignen können, daß er eine Welt aus den Angeln gehoben. Sie «glaubten ihn dadurch zu verkleinern, daß sie sagten, k t hmbe ungeheures Glück gehabt. Jawohl, Bismarck hatte üiei «Glück; er hatte es, weil das Glück dem Kühnen und Starflen hold ist, und es blieb ihm auch darin treu, daß er icün volles Ansehen mit sich nahm, als er aus dem Amte
Nicht fern scheint uns heute die Zeit, da man sich durcharbeiten wird zu dem, was man eine ästhetische Be- trcuhtung Bismarcks nennen könnte im Gegensatz zur politischen. Auch mancher politische Bismarckgegner hatte seine Helle Freude an der Prachtgestalt dieses Mannes, empfand reinen Genuß an diesem eisernen Menschen aus einem Guß. Jeder, welchen politischen Ansichten er auch huldigt, der Gefühl für menschliche Größe hat, mußte vor einer solchen Persönlichkeit bewundernd sich neigen, vor diesem historischen Charakter, mit dem der Tageskampf zu Eiitze war. Wenn der phantastische Friedrich Nietzsche über den Fürsten Bismarck einmal geschrieben hätte, er hätte sagen können, daß in ihm seine Lehre vom Ueber- menschen, dem gewaltigen Willensgeschöpf, fast ganz sich verkörpert hätte.
Was irdisch von Bismarck war, schlummert im deutschen Steiii. Aber seines Wesens besserer Teil lebt; er flutet um uns in jener füllen Wagdkapelle im Sachsenwalde und bringt hinaus und regt seine Flügel über Strom und Land, vorn rebenbekränzten Rhein bis zum Memelstrome droben in Littauen, von den Schneegipfeln der bayrischen Alpen bis zu den Borden der Nordsee Und dieser Geist spricht zu uns: Seid fest und stark, wie ich es war. Gebet Euere ganze Person, Euern Fleiß, Euer Wissen dem Vaterlande und der Menschheit. Ich habe den Grund gelegt, Ihr sollt weiterbauen. Ich habe den Schößling gepfanzt, Ihr sollt den Baum wachsen sehen. Ich habe Euch ein stolzes Erbteil gelassen, noch stolzer, schöner und gefestigter sollt Ihr es Euern Nachfahren dereinst übergeben. Seid mutig und unverzagt, dann könnt Ihr ruhig der Zukunft entgegengehen! Und dem entgegnen wir: Tein Erbteil soll uns heilig sein. Wir werden es hüten, bewahren und mehren. Wir werden Deinem Vorbild folgen, treu unserer Pflicht, treu dem Vaterlande, treu uns selbst. Schlumm're in Frieden, Dein Volk geht sicher seines Weges. Es brachte Dir Dankbarkeit, es brachte Dir Liebe, es bringt auch Vertrauen, Vertrauen in die eigene Kraft, die Du schmiedetest, und Vertrauen auf die Tage, die da kommen werden.
Der Krieg in Südafrika.
Die Buren sind wieder einmal obenauf. Wir haben schon gestern gemeldet, daß bei Warr en ton, nördlich von Kimberley, in einem heftigen Feuergefecht, nach eigenem Geständnis der Engländer, die Buren Sieger geblieben sind. Die Engländer geben das in der ihnen eigenen tapferen Weise zu, indem sie hinzufügen, daß sie das Schießen der Buren zum Schweigen brachten!! Dieses telegrammatische Kunststück sieht so aus:
Warrenton, 29. März. (Meldung des Reuterschen Bureaus.) Die Artillerie der Buren feuerte heute nicht. Das englische Lager wurde in der vergangenen Nacht außer Schußweite des Feindes verlegt. In der Frühe eröffneten die Buren von den Kopses gegenüber dem Orte ein heftiges Gewehrfeuer. Als aber zwei Geschütze in eine Stellung gebracht worden waren, von welcher die Laufgräben der Buren beschossen werden konnten, schwieg das Feuer in kurzer Zeit.
Es wird dann auf diese Meldung ein linderndes Pflästerchen geklebt und gleichzeitig, in einem Atemzuge aus Vanwyksvlei gedrahtet, daß die Aufständischen völlig zerstreut wurden; Kenhardt wird morgen (30. März) voraussichtlich widerstandslos, besetzt werden. Mm das bleibt abzuwarten. Ein besseres Glied in der Kette der englischen Rückwärts-Konzentration ist die Nachricht, ein 6000 Mann starkes Freistaatler-Kommando, wahrscheinlich Olivier's, sei wohlbehalten am 25. März in Smaldeel, zwischen Kronstadt und Bloemfontein, angelangt.
So war die S i t u a t i o n am Donnerstag für Roberts nicht gerade günfüg; es müssen aber int Laufe des Tages noch verschiedene Umstände hinzugetreten sein, die sie geradezu gefährlich gemacht haben. Denn es wird gemeldet:
London, 30. März. Eine Depesche aus Bloemfontein meldet: Auf den gesttigen Mißerfolg bei Warrenton und die Durchbrechung unserer Linien zwischen Jakobsdal und Koodoosrand durch Burenkommandos, sowie auf das siegreiche Vordringen der Aufständischen südlich und westlich von Kimberley auf die Hauptlager von Kimberley und Bloemfontein, die Räumung desaesamten Gri- qualandes und des Barklydistrikts. Die Truppen leiden furchtbar unter der Kälte der Winternacht. Die Winterkleidung ist nicht eingetroffen.
Wenn der Sieger von Kandahar, der lorbeergeschmückte Lord Roberts, die Hoffnung Englands, einen solchen Befehl giebt und ihn nach England telegraphiert, und schließlich auch das Kriegsamt ihn veröffentlicht, dann ist die Sache ernst, dann handelt es sich nicht mehr um einen momentanen strategischen Plan, sondern um eine von der Not gebotene Rückwärtsbewegung.
Lord Roberts weiß sonst nur die wichtige Thatsache zu melden, daß General Elements bei der Besetzung von Fauresmith in einem Grubenschachte einen Neunpfün- der und ein Martini-Maxim-Geschütz sowie eine große Menge vergrabener Munition aufgefunden habe. Roberts fügt hinzu, daß die E i n l i e f e r u n g der Waffen durch die Bure n „a l l m ü h l i ch" fortschreitet. F r e n ch wird das Mißlingen seines Streifzuges jetzt noch aus Pretoria bestätigt. Lord M e t h u e n ist aus dem Barkly-Tistrikt nach Kimberley zurückgekehrt. Seine berittenen Truppen waren in Likatlona, als sie von Lord Roberts den Befehl erhielten, zurückzukehren.
Nach einem Telegramm der „Voss. Ztg." aus London drahtet der Bloemfonteiner Berichterstatter der „Morning Post", es sei wahrscheinlich, daß eine starke Buren- streitkraftvonKroonstadtnachSüden vorstoße; bei Brandfort werde ein Treffen erwartet. Krüger soll erklärt haben, er gedenke Bloemfontein binnen einer Woche wiederzunehmen.
Der Burenkommandant Grobler soll in Gefangenschaft geraten sein; eine britische Patrouille habe ihn verwundet und in einem Gehöfte gefunden.
Aus London wird vom 30. März gemeldet: Morgen und übermorgen werden 1650 Offiziere und Mannschaften nach Kapstadt eingeschifft.Und die „N. Fr. Pr." meldet aus Fiume: Das englische Schiff „Leitria" ist im hiesigen Hafen eingelaufen, um die in Ungarn von den Engländern neuerdings angekauften Pferde nach Südafrika zu bringen. Heute geht von hier der Dampfer „Montesearon" mit 600 ungarischen Pferden an Bord nach Durban ab.
Die Königin Viktoria soll den FeldmarfchaU Roberts beauftragt haben, Frau Joubert ihr Beileid auszudrücken und ihr zu sagen, daß das britische Volk ihren Gatten als einen tapferen Soldaten und ehrenvollen Feind geschätzt habe. Sir Evelyn Wood, ein alter Gegner Jouberts in den früheren Transvaalkriegen, bat Roberts ebenfalls, Frau Joubert seine Sympathie auszudrücken. Tie in Pretoria internierten gefangenen britischen Offiziere sandten einen Kranz. Am 29. d. M. wurde die Leiche feierlich aufgebahrt, und nach einem Gottesdienst in der refor- in-icrtcit (ÄMixJya zn gjrotoriri prfn’Qjf«’ ifyrp Nok»o» nach dem Joubertschen Gute Rustfontein bei Wakkerstroom, wo die Beisetzung statlfindet. Jouberts Wunsch war, daß die Beerdigung eine stille, bürgerliche sein solle ohne militärische Ehrenbezeugungen. Am Tage darauf fand die Leichenfeier statt, an der alle Klassen der Bevölkerung, sowie die ftemden Militärattachees, die letzteren in Uniform teilnahmen. In einem Nachrufe auf Joubert erwähnt der „Manchester Guardian", daß nach dein Friedensschlüsse bei Laing's Nek der verstorbene englische General Sir Herbert Stewart ihm zum Zeichen kameradschaftlichen Wohlwollens einen Degen zum Geschenk machte, welchen Sir Herbert Stewarts Großvater während des Krieges in Japan getragen hatte. Als Sir Herbert Stewart bei dem Versuche, Khartum zu entsetzen, gestorben war, schickte Joubert den Degen mit einem freundlichen Begleitschreiben an die Familie zurück. Ferner erinnert das Blatt daran, daß General Buller kurz vor seiner Abreise nach' Südafrika sagte, er betrachte Joubert als den besten lebenden Taktiker.
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Telegramme des „Gießener Anzeiger".
Berlin, 31. März. Der „Lokal-Anzeiger" meldet aus London: Lord Roberts telegraphierte gestern ans Bloemfontein: Infolge der Aktivität des Feindes an unserer unmittelbaren Front und seiner feindlichen Haltung gegen die Burghers, die unter den Bedingungen meiner Proklamation kapituliert haben, hielt ich es für notwendig, ihn von Einigen Kopsen zu vertreiben, welche er bei dem Karee-Siding-Bahnhof, wenige Meilen südwestlich von Brandfort besetzt hielt. Die Operationen wurden erfolgreich von der 7. Division Tuckers, unterstützt von der 1. und 3. Kavallerie-Brigade unter French und Legallys Regiment berittener Infanterie ausgeführt. Der Feind zog sich nach Brandfort zurück, und wir halten jetzt die Kopjen besetzt. Unsere Verluste sind: ein Hauptmann tot, 7 Offiziere und ungefähr 100 Mann verwundet.
Dresden, 31. März. Gegenüber einer Mitteilung der Londoner „Evening News", daß der deutsche Kaiser sich mißliebig über den Gesandten der Transvaal-Republik, Dr. Leyds, ausgesprochen, und sich geäußert haben soll, daß er nicht beabsichtige, von Dr. Leyds fernerhin noch Meldungen entgegenzunehmen, veröffentlichen die „Dresdener Neuesten Nachrichten" ein Telegramm von Dr. Leyds, das folgenden Wortlaut hat: „Die Mitteilung der „Evening News" ist eine böswillige Erfindung. Fragen Sie zu Ihrer Sicherheit noch beim deutschen Auswärtigen Amte an." c
London, 31. März. Aus Prätoriawird vom 30. Marz gemeldet: Am 28. beschossen die Buren das eng-


