Mr. 50 Zweites Blatt Donnerstag den 1. März
1900
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Die Gießener
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Dieses Erlebnis schleift ihnen nach wie dem Gefangenen die Kette. Sie schleppen diese Fessel überall mit sich herum. Sie sehen alles Folgende im Lichte dieses Einzelnen. Wohl mögen die daran beteiligten Figuren wechseln, wohl mag sich der Schauplatz der Handlung ändern: das Ereignis bleibt dasselbe. Ort- und Zeitkolorit dürfen noch so verschieden sein: der Dichter kann nicht aus sich und über sich hinaus. Sie sind nicht starkknochig genug, nicht verwandlungsreich, nicht vielseitig. Ein Mangel an Phantasie behindert sie. Mit dem Nach fühl en, dieser beim Dichter gesteigerten Gabe, ist es nicht gethan. Sie wollen mit» erleben. Die Stimmung ist für sie alles, der einzelne Moment unersetzlich. In einer von Schnitzlers Novellen wird einmal das kluge, allgemein giltige Wort ausgesprochen: „Geh' nach Hause mit Deiner süßen Erinnerung. Man soll nichts wiedererleben wollen." Unsere modernen Dichter wollen wiedererleben, wollen die süße Erinnerung aufs neue durchkosten, wollen sie immer wieder bis zur Neige leeren. Sie schwelgen, um einen Ausdruck von Clemens Brentano zu gebrauchen, in Erinnerungseselei. Ihre Heldin mag Marie ober Annchen oder Elisabeth heißen, es ist immer derselbe Akkord, ob er auch in den verschiedensten Tonarten angeschlagen wird. Und darum ist es für sie ersprießlich und segensreich, wenn sie auf dem festen Boden der Gegenwart stehen bleiben. Und darum ist es ratsam, wenn sie den engeren Distrikt ihrer Heimat bevorzugen, weil sie da am besten Bescheid wissen, weil da alle Gegenstände ihrer Umgebung eine intimere Bedeutung gewonnen haben, und selbst die leblosen noch mit Leben von ihnen ausgestaltet werden.
Max Halbe hat es am eigenen Leibe erfahren, daß er die Renaissancezeit in seiner Tragödie „Der Eroberer" nicht meistern konnte. Er hat ja selbst so wenig vom Eroberer an sich. Trotzdem hat er in seinem neuesten Drama wieder die Hand nach einer fernen Zeit und fernen Menschen auS- gestreckt. „Das tausendjährige Reich" führt uns in
das „tolle Jahr" 1848, und zwar in das ostpreußische Dorf Marienwalde, wo man schon von den wilden Straßenkämpfen in Berlin Kunde erhalten hat. Gerade in solchen Zeiten, wo die Wogen der politischen Erregung gewaltig anschwellen, sind immer wieder religiöse Schwärmer entstanden, die sich selbst für die Auserwählten hielten und als neuer Messias ihre Gemeinde einem goldenen Zeitalter ent- " gegenführen wollten. Ein solcher Phantast steht im Mittelpunkt der Handlung, der Schmiedemeister Hermann DrewS. Er glaubt, ein Berufener des Herrn zu sein. Der Herr hat ihm Zeichen gesandt. Damals als er in den Befreiungskriegen stand und in jäh aufflammendec Rachsucht die Büchse auf seinen Schloßherrn anlegte, weil er ihn für den Verführer seines Weibes hielt, da hat ihm Gott eine feindliche Kugel mitten in die Brust gesandt, und ihn so vor dem Verbrechen bewahrt. Als er dann aus schwerer Betäubung erwachte, da lag wie ein Zeichen von oben die Bibel vor ihm aufgeschlagen. Und fortan wühlt er sich in ihre Lehre und ihre Deutung hinein, indem er besonders der Apokalypse seine Aufmerksamkeit und sein Studium widmet. Er versammelt eine treue Dörflerschar um sich, deren Oberhaupt und Priester er ist. Nach seinem Sinne legt er ihnen die Offenbarung Johannis aus und predigt die Ankunft des tausendjährigen Reiches. Natürlich gerät er dadurch mit der Geistlichkeit in Konflikt, die diesen unbefugten Eingriff in ihre Rechte als Ketzerei brandmarkt. Aber Drews nimmt nicht nur diesen Kampf auf, im eigenen Hause wird der falsche Prophet verspottet. Weib und Kind sagen sich von ihm los. Und da er sein Weib immer wieder vor Gott und den Menschen grundlos des Trcubruchs beschuldigt, geht sie in der Verzweiflung ins Wasser. Er hat sie in den Tod getrieben, raunen einzelne Widersacher. In dem Pfarrer finden sie ihren Ankläger. Und als er seinen Gott um ein Zeichen bittet wie damals, als er ihm den Mord ersparte, da schlägt der Blitz in seine Schmiede ein. Das ist der Finger des Herrn, murren jetzt auch seine Anhänger, die alle mit
Amts- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gietzen.
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NMte, Expedition und Druckerei: Nr. 7.
Gratisbeilage«: Gießener Zamilienblätter, Der hessische Landwirt, glätter für hessische Volkskunde.
Adreff« für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 51.
Kriserrgerüchte.
In diesen Tagen sind wieder Gerüchte verbreitet, daß iine Krise im Reiche bevorstehe, ja, man spreche in parlamentarischen Kreisen bereits von einer Auflösung des Reichstages. Der Grund für diese pessimistische Auffassung ■ bet Situation soll darin bestehen, daß das Zentrum mit bem »on der preußischen Regierung dem Abgeordnetenhause mgel egten Gemeindewahlreformgesetze sich nicht befreunden : lonne, und seinen Groll darüber an dem Flottengesetz aus- Slaffert wolle. Wir haben erst vor einigen Tagen bei Bestechung jenes Gemeindewahlgesetzes ausgeführt, daß das Zentrum an dem Zustandekommen dieser Vorlage insofern lin großes Interesse hat, als eS dieselbe in seinem Sinne Uiirchgeführt wiffen möchte. Hierzu scheinen die Aussichten l tdoch nur sehr gering zu sein, und deshalb konstruiert man ine Opposition des Zentrums gegen das Flottengesetz. '.Mirweit diese Vermutungen richtig sind, läßt sich heute :ioch nicht kontrollieren, aber immerhin geht aus den um- ilinfenben Gerüchten hervor, daß die politische Situation NineSwegS als geklärt angesehen werden kann, sondern zMlich unsicher erscheint.
Bezüglich des Flottengesetzes stehen wir nach wie vor anif dem Standpunkte, daß das Zentrum schließlich zu- fifiturnen wird, wenn die Regierung bezüglich der Deckungs- sfagc nur einigermaßen Entgegenkommen zeigt. Da fast adle Parteien von der Notwendigkeit einer Verstärkung
unserer Flotte überzeugt sind, so wird auch das Zentrum sich nicht allzu hartherzig zeigen. Aber abgesehen von der Flottenvorlage ist doch so mancher Zündstoff vorhanden, der Befürchtungen gerechtfertigt erscheinen läßt, besonders da die Verhältnisse in Preußen leicht auf das Reich übertragen werden können. Die Schärfe, mit welcher Fürst Hohenlohe die Aufhebung des Diktaturparagraphen bekämpft, ist wohl bemerkt worden; er hatte als Freunde nur diejenigen auf seiner Seite, die sich in Wort und Schrift bereits nach seinem Nachfolger sehnen, der dem „harten Landgrafen" ähnlich sein soll.
Und bei der bevorstehenden Beratung der Kanalvorlage hat Fürst Hohenlohe in feiner Eigenschaft als preußischer Ministerpräsident dieselben Leute als Gegner zu bekämpfen, die ihm auf jede Weise Hinderniffe in den Weg zu legen suchen. Das sind ungesunde Zustände, die nicht länger andauern dürfen, soll nicht der Staat Schaden erleiden. Deshalb ist nur zu wünschen, daß baldmöglichst eine Klärung eintritt, wenn sie auch nach der einen oder der anderen Seite hin schmerzhaft wirkt.
Amtlicher Feil.
Bekanntmachung.
Betr.: Die Maul- und Klauenseuche.
Nachdem die Seuche zu Ober Breidenbach, Kreis AlS- rielb, erloschen ist, sind die angeordneten Sperrmaßregeln wieder aufgehoben worden.
Wegen weiterer Verbreitung der Seuche in Atzenhain, weis Alsfeld, ist die Gemarkungssperre angeordnet worden.
Zu Stammheim, Nieder-Erlenbach, Nieder Wöllstadt, Ossenheim und Wisselsheim, Kreis Friedberg, ist die Seuche kiloschen und sind die angeordneten Sperrmaßregeln auf« gehoben worden.
Gießen, den 26. Februar 1900.
Der Direktor des landw. Bezirksvereins.
v. Bechtold.
Males und Momnzieiles.
(Anonyme Einsendungen, gleichviel welchen Inhalte-, werden grundsätzlich nicht ausgenommen.)
Gießen, 28. Februar 1900.
** GeschichtSkalender. (Nachdruck verboten.) Vor 31 Jahren, am 1. März 1869, starb in Passy der namhafte französische Dichter und Staatsmann Alphonse de Lamartine. Ein Gegner der kalten Derftandsrtchtung, stimmte er in seinen ersten Dichtungen den Ton an, der bei den Franzosen am meisten Anklang fand, und ihn zum gefeierten Lieblingsdichter deS Volkes machte. Als schwungvoller Redner wurde er bald einflußreicher Führer der Opposition. L. wurde am 21. Oktober 1790 zu Macon geboren. K
Militärisches. Der Kaiser hat angeordnet, daß den in der Armee auf Beförderung dienenden früheren Abiturienten von Gymnasien und Realgymnasien, welche bei gefestigtem Charakter und militärischer Brauchbarkeit den Anforderungen für die Offiziersprüfung genügen, durch die Vordatierung ihres Patentes für die Folge ein Vorteil zu gewähren ist.
*♦ Pflege der Kurzschrift. Der Eisenbahnminister hat eine Verfügung erlassen, wonach aus die Pflege der (Kurzschrift (Gabelsberger oder Stolze-Schrey) bei den Eisen- I bahnbeamten erhöhter Wert gelegt werden soll. „Mit Rücksicht auf die Vorteile, welche sich aus dem sachgemäßen Gebrauch der Kurzschrift im geschäftlichen Verkehr ergeben,
Feuilleton.
|o$ Salbe: „Das tauftnbjätzrigk Reich "
(Originalbericht.)
Unter unseren modernen Dramatikern ist keiner so schnell in: die erste Reihe gerückt, wie Max Halbe, der Dichter d üc „Jugend". Was er vorher geschrieben hat, ist längst vergessen. Was er nachher geschaffen hat, scheint verblaßt int Gegensatz zu und im Vergleich mit den frischen Farben d>ec „Jugend". Das ist der Fluch eines allzu frühen Er- fcoLgg, eines allzu nachhaltigen Erfolgs. Er ist bis auf den b gütigen Tag der Dichter der „Jugend" geblieben. Und tu: tuirb es, wenn nicht alle Anzeichen trügen, bleiben.
dies eine Werk wird er in unserer Litteratur fort- lvlbtv. Es liegt ein Stück Tragik in diesem Poetenlos. Örnh wir sehen, wie ein hochbegabter Mann mit seinen Sl offen ringt, und wie er seine Kraft daran zerreibt. Aber efii sehlt ihm das Gestaltungsvermögen, das robuste Drauf- Vliqcrtum, das alle großen Dramatiker besessen haben und । fitzm müssen. Halbe ist, wie die meisten unserer modernen iijter, vor allem Stimmungsmensch. Nicht umsonst hat Ditin für unsere moderne Kunst die Begriffe Heimatskunst n°O Milieukunst geprägt. Darin ruht die Stärke eines f Jmröigen Dichtergeschlcchts. Es ist schade, daß diese WMeiten der Lyrik nicht zugute kommen und fortdauernd a uf falschem Gebiet bethätigt werden.
Halbe'« Einzelschicksal ist typisch. Wir müssen zu ver- stlchn suchen, warum diese Stimmungspoeten über den eisen «roßen Erfolg ihres Lebens nicht hinauswachsen. Um nuißen ihm noch einen anderen, einen ihm verwandten zu mitrnem: Arthur Schnitzler ist der Dichter der „Liebelei", unift iv ist der Dichter der „Liebelei" geblieben. Stimmungs- mmschmr Pflegen ein großes, alles andere in ihrem Leben illitoföiattenbe und hell beleuchtende Ereignis zu haben.
empsehle ich den königlichen Eisenbahnbirektionen, solche Beamte, die in dieser Beziehung zu Dienstleistungen mit Erfolg herangezogen werden, durch Remunerationen auszuzeichnen.
** Slerbekaffe für Mitglieder des hesfifcheu Landesgewerbe« Vereins. Am 25. März findet in Darmstadt die erste Delegiertenversammlung der „Sterbekasse für Mitglieder des hessischen Landesgewerbevereins" statt. Das am 1. Januar 1899 ins Leben getretene Institut hat sich in dieser kurzen Zeit kräftig entwickelt und bereits heute schon eine Mitglicderzahl von 1350, während die Zahl der Anmeldungen auf fast 1600 gestiegen ist. Zweimal während ihres Bestehens hat die Kasse an die Hinterbliebenen verstorbener Mitglieder das stattliche Sterbegeld von je 500 Mk. zur Auszahlung gebracht. Eine Hauptaufgabe erblickt der Vorstand in der Ansammlung eines starken Reservefonds, der jedem Mitgliede fein Sterbegeld sichert; fo sind bereits jetzt schon 3000 Mk. als solcher bei der Städtischen Sparkasse Darmstadt verzinslich angelegt. Die Aufnahmen geschahen nach gründlichster Prüfung der eingesandten ärztlichen Atteste, ein Beweis hierfür ist, daß erst zwei Todesfälle unter dem großen Mitgliederbestände vorgekommen sind. Demgemäß haben sich auch die Beiträge in den bescheidensten Grenzen gehalten, nur 3.80 Mk. einschließlich der sogenannten blinden Rate sind im Jahre 1899 pro Mitglied zur Erhebung gekommen. Der schöne Erfolg, den das Institut in der kurzen Zeit seines Bestehens zu verzeichnen hat, läßt hoffen, daß auch für die Folge die Anmeldungen bei der Verwaltung, welche, wie der Vorstand, seinen Sitz in Darmstadt hat, zahlreich einlaufen, da ja auch satzungsgemäß mit der Zunahme der Mitgliederzahl die Höhe der Beiträge entsprechend herabgesetzt wirb. Auch auf die Mitgliederzahl der Gewerbevereine des Landes hat die Sterbekasse Einfluß gehabt, einen stattlichen Zuwachs haben dieselben auch der Gründung' dieser Kaffe zu verdanken, da die Vorbedingung zur Aufnahme in letztere die Mitgliedschaft im Landesgewerbeverein und somit auch in einem Gewerbevereine erfordert. Anmeldungen und Anfragen werden durch die Verwaltung in Darmstadt erledigt.
** Offene Stellen für Militäranwärter im Bezirke der Großh. Hess. (25.) Division. Hilfsgefangenwärter am Provinzial-Arresthaus Mainz, Großh. Ober-Staatsanwaltschaft Darmstadt, eine bare Remuneration von 1300 Mark jährlich. Im Bezirk des 18. Armeekorps, Gemeindeförster beim Bürgermeisteramt in Ehringhausen (Kreis Wetzlar), 1100 Mark Grundgehalt usw. bis zum Höchst- betrage von 1600 Mark. 3 ständige Kanzleigehilfen beim


