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1.2.1900 Erstes Blatt
 
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Meßmer Anzeiger

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Detttscher Reichstag.

138. Sitzung vom 30. Januar. 1 Uhr.

Tages-Ordnung: Fortsetzung der Beratung des Postetats. AusgabetitelStaatssekretär". _

Abg. Singer (Soz.) bedauert, daß der Staatssekretär noch immer nicht das verfassungsmäßige Koalitionsrecht seiner Beam­ten beachte. Der Unterbeamtenverband sei geradezu erdrosselt worden, zum Teil durch einen Erlaß des Staatssekretärs vom Mai vor. Jahres. Derselbe enthalte eine unbedingte Verletzung des Rechts der Unterbeamtenvereine. Es gebe keine Bestimmung, welche die Verwaltung berechtige, gegen solche Verbände einzu­schreiten. Die Erdrosselung des Verbandes

Präsident Gras B a 11 e st r e m bittet den Redner, solche Kraftausdrücke zu unterlassen.

Abg. Singer (Soz.) fc^ilbert alsdann, wie den Unterbeam- len zwar ein Eintreten für ihre wirtschaftlichen Interessen nicht gestattet werde, wie sie dagegen zur Teilnahme an anderen Be­strebungen, die mit ihrem Dienste gar nichts zu thun hätten, ge­radezu genötigt würden. So z. B. durch einen Flottenagitations- rrlaß des Oberpostdirektors Großkops in Königsberg. Er erwarte, daß der Staatssekretär solchem Treiben ein Ende machen werde, ebenso dem Treiben, daß der Landrat Graf Klinckowström Blätt­chen mit Flottenartikeln als portofreie Dienstsachen verschicke. * Ein Ende müsse auch die Art und Weise finden, wie dje Postbeamten bei den Wahlen zum Landtag und in der Kommune beeinflußt würden. Redner verlangt schließlich endliche Nachzahlung der ben Militäranwärtern am Gehalt gekürzten Beträge gemäß der bekannten früheren Resolution des Reichstages. Auch müsse den aus Privatdienst in Staatsdienst übernommenen Postillonen die frühere Dienstzeit angerechnet werden.

Staatssekretär v. P o s a d o w s k i entgegnet, er könne und werde niemals dulden, daß sozialdemokratische Anschauungen in seiner Beamtenschaft Platz greifen. Wenn die bürgerlichen Par­teien stets thäten, was ihre Pflicht sei, würden die Sozialdemo­kraten weit fort sein. Der Unterbeamtenverein sei nur eine Stätte für Leute gewesen, die agitieren wollten. WaS das Flottenrundschreiben des Oberpostdirektors betreffe, so wolle er, Redner, bemerken, daß er sofort das Nötige veranlaßt habe, als er g-hört, daß die Sache nicht in Ordnung sei. In der Militär-An­wärterfrage müsse er erst wissen, was Rechtens sei. Wahlbeein- flussungen hätten, nach seinen Erhebungen, nicht stattgefunden. Freilich hätten die Reichsbeamten auch Pflichten. Nach seiner Ansicht dürfe kein Reichsbeamter eine sozialdemokratische Stimme abgeben. (Beifall rechts.)

Abg. Müller-Sagau (frs. Vp.) beklagt die kleinlichen Mittel, mit denen derPostbote" bekämpft werde, und teilt dann Fälle von amtlicher Wahlbeeinflussung der Unterbeamten mit, Fälle, bei denen es sich überdies gar nicht um Sozialdemokraten gehandelt habe, sondern um freisinnige. Redner wünscht alsdann, vaß endlich mit der etatsmäßigen Anstellung der gehobenen Unter­beamten vorgegangen werde. Der Herr Staatssekretär solle doch nicht immer blos Wohlwollen aussprechen, sondern auch die Rechte ber Beamten anerkennen, und die Würde des Staatssekretärs würde auch nicht gelitten haben, wenn er gegenüber den Militär­anwärtern nicht als der starke Mann aufgetreten wäre. Am Schlüsse seiner Ausführungen hält Redner noch die neuen Brief­marken mit der Germania nicht für eine Verbesserung, sondern für das Gegenteil.

Staatssekretär v. Podbielski will auf die meisten Be­merkungen des Vorredners bei anderer Gelegenheit antworten. Vom 1. April ab werde für nicht zu stände gekommene Fern­

gespräche die Gebühr wegsallen. (Beifall.) Vorredner habe an das Unglück in Bischweiler erinnert, und die Einrangierung der Postwagen gleich hinter der Lokomotive bemängelt. Es lasse sich das seitens der Postverwaltung nicht immer anders einrichten.

Abg. Basser mann (nl.) bezeichnet die Tonart, in der die Herren Singer und Müller gesprochen, als eine erheblich mildere als sonst. Das Kocüitionsxecht der Beamten erkenne er an; es liege ja auch im Interesse des Staates, daß die Beamten zusrieden seien. Dem Mißbrauch mit dem Aversum der Porto­freiheit müsse ein Ende gemacht werden, ebenso sei es ein Miß­brauch, wenn die Beamten listenweise zur Teilnahme an der Flottenagitation veranlaßt bezw. genötigt werden.

Abg. Werner (Antis.) kann das Vorgehen gegen den Unter­beamtenverband nicht billigen. Durch Gewaltmaßregeln bessere man nichts. Wünschenswert wäre die völlige Abschaffung des Gratulationswesens sowie der Stellenzulagen. Gegen immer noch vorkommende Ungehörigkeiten in Behandlung von Unter­beamten müsse energisch eingeschritten werden. Redner bezieht sich aus Einzelsälle.

Staatssekretär v. Podbielsk: entgegnet, über diese Faste habe er sich vorher nicht informieren können. Wo ein Vorgesetzter ungehörige Ausdrücke brauche, schreite er rücksichtslos ein.

Abg. Oerte 1 - Sachsen (kons.) meint, was den Mißbrauch des Aversums betreffe, zu Gunsten irgend einer politischen Partei, so billige seine Partei denselben durchaus nicht: auch dann nicht, wenn der Mißbrauch zu Gunsten der Konservativen erfolge. Redner spricht bann noch Wünsche aus betr. weitere Verbesserung der Postbestellung auf dem Lande, vermehrte Fernsprechleitungen ebendaselbst.

Staatssekretär v. Podbielski entgegnet, das Fernsprech­netz könne nur von Schritt zu Schritt ausgedehnt werden. Es würden wohl noch sechs Jahre vergehen, ehe auch das platte Land damit überzogen sein werde.

Abg. Singer (Soz.) meint, die Postverwaltung sei keines­falls berechtigt, in das Privatleben ihrer Unterbeamten einzu­greifen, und eine politische Bethätigung außerhalb des Amtes sei kein Anlaß zum Vorgehen gegen Beamte. Bei seiner Art, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, weroe sich Herr v. Podbielski keine Lorbeeren holen.

Auf verschiedene Beschwerden des Abg. v. Jazdzewski (Pole) erwidert

Staatssekr. v. Podbielski, eine generelle Anordnung betr. Versetzung der polnisch redenden Beamten sei nicht ergangen. Es seien im Bezirk Posen von 3000 überhaupt nur 10 versetzt.

Der Titel Staatssekretär wird genehmigt. Morgen 1 Uhr: Fortsetzung der Etatsberatung. Schluß 5 Uhr 45 Min.

* Vom Kriegsschauplatz

liegen Nachrichten über neue Ereignisse nicht vor. Wir registrieren deshalb nur die zum Verständnis der gegen­wärtigen Lage dienenden Meldungen:

London, 30. Januar. DieCentral News" erfahren aus Durban vom Freitag: Ein hier eingetrosfener Flücht­ling aus Transvaal erzählte, daß am 20. ds. Mts. die Jngenieurwerke in Johannesburg, in denen die Buren ihre Granaten für schweres Geschütz herstellten, durch eine Explosion zerstört worden seien. Man glaubt, daß viele Arbeiter der Werke dabei ums Leben gekommen find.

Berlin, 30. Januar. DieKreuz-Ztg." schreibt: Pri­vatberichte, die wir aus London erhalten, bezeichnen die Stimmung der dortigen Kreise, ohne Unterschied der Partei, als eine kaum zu beschreibende, die sich auch in der Preffe in einer nicht bis zur vollen Wahrheit heranreichenden Weise wiederspiegele. Es hat, so heißt es in einem dieser Briefe den Anschein, als ob man bereits völlig den Kopf verloren hätte. Das zeige sich besonders in dem Rufe nach Ab­sendung neuer Verstärkungen, nach Milizeneinberufungen und nach Aufgebot der Freiwilligen, obwohl sich jeder ruhig Denkende bewußt ist, daß die Katastrophe in Südafrika eigentlich schon da ist, und auch mit den zweifelhaften Nach­schüben nichts auszurichten sein werde. Man sträubt sich gegen die unerläßliche Rechnung mit den selbst­verschuldeten Thatsachen. Gesteigert ist die Auf­regung noch durch die Nachrichten in China worden, wo sich Dinge vollziehen, die schwerwiegende, wenngleich noch in Dunkel gehüllte Ereignisse vorschattieren.

* *

Telegramme desGießener Anzeiger".

London, 31. Januar. Im Oberhause antwortete Salis­bury auf die Angriffe seitens der Opposition bezüglich des Verhaltens der Regierung in der südafrikanischen Frage. Der Premierminister erklärte, der Vertrag zwischen England und Transvaal enthalte keinen Para­graphen, der die Einfuhr von Waffen nach Transvaal untersage. Er erinnerte daran, daß Eng­land schon öfter zu Beginn eines Feldzuges Niederlagen er­litten habe, schließlich habe aber doch seine Armee den Sieg davougetragen. Salisbury forderte die Nation auf, zu­sammenzuhalten und auch diesmal dem Vaterlande zum Sieg« zu verhelfen.

London, 31. Januar. Minister Balfour erwiderte auf Bannermanns Rede im Unterhause, der Krieg würde nicht eher beendet werden, bis er seine legi­timen Früchte gezeitigt habe, Englands null» tärische Ehre wiederhergestellt und bis in Süd­afrika keine Wurzel belassen wäre, aus welcher irgend eine der Gefahren hervorwachsen könnte, unter denen das Land so lange gelitten.

London, 31. Januar. Im Unterhause antwortete der Schatzmeister Balfour auf eine Anfrage, die gespannten Beziehnngen zu Transvaal hätten seit 20 Jahren bestanden. Im Kriegsministerium seien keinerlei Belege dafür vorhanden, daß die Zahl der in Südafrika befind­lichen Truppen ungenügend sei. Der jetzige Krieg dürfte seine Früchte erst später tragen.

Theater.

(Gastspiel von Edmund Schmasow.)

r. Gießen, 31. Januar. 1900.D i e Herren Söhn e", da spukt schon L'Arronge im Titel des Stückes, und doch rührt dasselbe nicht von diesem her, sondern von der bekannten Firma Oskar Walter und Leo Stein, die so manches recht brauchbare Lustspiel verfaßt hat. Wo die Herren Söhne eine Rolle spielen, da gehen auch die Väter nicht leer aus, und wie inMein Leopold" der Schuhmachermeister Weigel, ist hier der Hofschlächtermeister ktommel der Vater und das Familienhaupt, der ein Recht hat, mit seinem Sohne unzufrieden zu sein, doch aus ganz anderen Gründen, denn Wilhelm ist kein schlecht geratener Sohn wie Leopold, der Schulden macht und ein wüstes Leben führt; er will nur nicht die Schlächterei seines Vaters übernehmen, sondern studieren; er will auch nicht Sie ihm bestimmte vermögende Nichte heiraten, die im Hause der Eltern lebt, sondern er hat sein Herz an ein anderes Mädchen, eines Weinhändlers Tochter gehängt. So kommt es zum Bruch zwischen Vater und Sohn: dieser Herläßt das Elternhaus; sein Vater giebt ihm zwar nicht feinen Fluch, dafür aber auch keinen Groschen mit; nur in Stille unterstützt er ihn durch Zuweisung von Privat- fhmben, für deren glänzende Bezahlung und zwar aus feiner eigenen Tasche er sorgt. Vater und Sohn lieben fich aber doch, und uls der Letztere, der sich inzwischen immatrikulieren ließ, sich einmal schlägt, um denjenigen zu züchtigen, der sich über seinen Vater in einem össent- luchen Lokale in beleidigender Weise geäußert, da findet eine Versöhnung statt und dieNadeln" im Kopse des Indenten heften das zerrissene Band zwischen den Beiden w ieder zusammen. Das Thema des ganzen Stückes ist also

Berufswahl und die Eltern erhalten die gute Lehre,

ihren Kindern darin volle Freiheit zu lassen. Verschiedene Unwahrscheinlichkeiten sind den Herrn Verfassern aller dingsuntergelaufen" wir nehmen natürlich an, mit vollem Bewußtsein. Wer glaubt an das geschilderte Zer­würfnis zwischen Vater und Sohn, die obendrein mit inni­ger Liebe aneinander hängen? Daß ein Vater sein unge­ratenes Kind verstößt, ist gewiß keine allzu große Selten­heit, daß aber ein Vater, wie es hier geschieht, seinen einzigen Sohnaus dem Hause jagt, weilder- selbe zu gut geraten, dürfte Niemandem glaubhaft erscheinen. Doch die Verfasser brauchten das schöne Zer­würfnis, das in der Folge zu den rührseligsten Szenen führt, und deshalb mußte eben der alte Hofschlächter, der im klebrigen ein sehr braver und ebenso vernünftiger Mann ist, gerade in diesem einen Falle verbohrt sein. Der Rittergutsbesitzer und Landtagsabgeordnete Gimpern hat ferner einen Sohn, der durchaus studieren soll, sich aber gar nicht dazu eignet dreimal fällt er mit Glanz durch das erste juristische Examen. Dergleichen soll vorkommen. Daß aber dieser selbe verbummelte Student von heute zu morgen in Dingen, die ihm vollständig fern liegen, so z. B. auf dem Gebiete der Engrosschlächterei und Wurst­warenfabrikation geradezu Hervorragendes leistet, dürfte schon seltener sein. Indes, die Verfasser brauchen den jungen Mann gerade so und nicht anders also muß es auch so sein. Die Herren Söhne sollen nämlich genau das Gegenteil von dem werden, was die Väter ursprünglich mit ihnen beabsichtigten, daher der merkwürdige Berufs­wechsel! Daß bei alledem auch Liebesgeschichten eine große Rolle spielen, daß der Sohn des Landtagsabgeordneten ge­rade das Mädchen heiratet, das der Hofschlächter für seinen Sohn bestimmt hatt, daß die Väter sich mit ihren Söhnen wieder aussöhnen, daß der Musterknabe Wilhelm schließlich mit Einwilligung des Papas studieren darf rc. rc., das alles ist selbstverständlich. Die Sache läuft schließlich auf eine

große Biedermeierei hinaus. Das Stück ist an und für sich eine wenig kunstvolle resp. feine Arbeit; der Dialog geht oft zu weit in volkstümlicher Derbheit und die Hand­lung ist wenig spannend; sie ruft mehr Rührung auf der; Bühne hervor als im Publikum. Doch viele Situationen sind von durchschlagender Wirkung, es findet sich mancher gute Witz und die Charakterzeichnung ist, wenngleich etwas holzschnittartig, doch geeignet von der Bühne herab zu wirken. Und so konnte man sich auch in dieser etwas ge­künstelten Komödie recht wohl amüsieren und der Beifall, den die Aufführung fand, bewies denn auch, daß das Theatervereinspublikum durchaus auf feine Rechnung ge­kommen war. Teils sind nämlich die Verfasser so klug ge­wesen, ihr Volksstück in einen regulären Schwank aus­arten zu lassen, teils halfen ihnen unsere wackeren Dar­steller darin nach, und so herrschte bald eine lachlustige Stimmung und das Haus amüsierte sich köstlich. Eine ganze Reihe aktueller Witze trug das Ihrige dazu bei. Besonders war es natürlich der verehrte Gast, Herr Schmasow, der durch seine gelungene Komik das Publikum geradezu ent zückte. Sein Hofschlächter Rommel war einzig in seiner Art: jede Bewegung, jeder Ausdruck war amüsant, und oft. erschallte ein herzliches Lachen ob der Verlegenheit des gestrengen Herrn. PZie er demOberbürgermeister Kirsch­ner" am Telephon zu seiner endlichen Bestätigung gratu liertc und schließlich das zweite Mal auf den Gedanken kam, dieBestätigung sei vielleicht zurückgenommen", war einfach reizend. Herr Schmasow fand für alte Situationen die rechten Accente. Sehr ergötzlich war die große Szene zwischen dem Schlächtermeister und dem durchgefallenen Referendar, der von Herrn Par en recht flott und natur wüchsig gespielt wurde. Diese Szene erinnerte uns lebhaft an die Fabel vom Hai und vom Hecht. So geht's: Der kleinere Tyrann traf endlich einen größeren an, denn der Fleischermeister, vor dem alles Reißaus nimmt, wird.