Ausgabe 
30.12.1899 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Das amerikanische HospitalschiffMaine"'.

Zur Pflege der Verwundeten

«NW MM WM

im südafrikanischen Kriege ist von den Vereinigten Staaten das Hospital­schiffMaine" ausgerüstet worden, das vor einigen Tagen aus London abging, wo es allgemeine Aufmerk­samkeit erregt hatte. An Bord be­findet sich auch Lady Randolph Churchill, die Mutter des Kriegs­korrespondenten, der kürzlich als Kriegsgefangener aus Prätoria ent­floh. Das Schiff besitzt vier Kranken­säle, welchezusammen 200Verwundete aufnehmen können. Die Kabinen der Aerzte und Wärterinnen befinden sich im Hauptdeck. Das Schiff hat eine Besatzung von 50 Mann, ausnahms­los Amerikaner. Auch die Aerzte und Wärterinnen sind Amerikaner, die schon längere Zeit im Samariter­dienst beschäftigt sind. Die Mehrzahl von ihnen war schon im spanisch­amerikanischen Kriege auf dem da­maligen HospitalschiffMissouri", dem Schwesterschiff derMaine", thätig.

-f- Lollar, 28. Dezember. Der Bahnbeamte, Herr H., gedachte auf dem Weg vom Bahnhof nach seiner Wohnung in der Nähe der letzteren eine zugefrorene Goffe über­schreiten zu können, trat aber zu kurz und brach ein. Hier­bei verlor der etwas korpulente Herr das Gleichgewicht, stürzte hin und so unglücklich, daß er einen schweren Knöchelbruch erlitt, und sich auch noch den anderen Fuß erheblich verletzte. Trotzdem hofft der Arzt doch, Heilung ohne weitere Hilfe herbeiführen zu können. Auch die Kollegen und Freunde des Verunglückten hoffen und wünschen dies von Herzen!

Offenbach, 28. Dezember. Ein mysteriöser Vor­fall setzte heute früh die Bewohner des Hauses Geleits­straße 60 in Aufregung. Kurz nach 8 Uhr waren nämlich der dort im 1. Stock wohnende Musiklehrer Bertuch und dessen Ehefrau unter Umständen aufgefunden worden, die auf einen Doppelselbstmord oder auch auf ein Verbrechen schließen ließen; die Ehefrau Bertuch lag tot im Bette, während Bertuch in Unterkleidern vor dem Bette in tiefer Bewußtlosigkeit lag. Die Polizei und der Kreisarzt wurden sofort benachrichtigt, und nach deren Eintreffen wurde festge- stellt, daß Frau Bertuch vor kurzer Zeit verstorben sei, wäh­rend der Mann sich anscheinend nur in schwerer Betrunkenheit befand; darauf ließen vor allem die starken Verunreinigungen des Bodens und der Kleider und ein unverkennbarer Wein­dunst schließen, und in der That wurde Bertuch denn auch schnell zum Bewußtsein gebracht. Ueber die Todesursache der Frau Bertuch konnte, da äußere Kennzeichen nicht wahr­zunehmen waren und vorläufig auch Spuren einer statt­gehabten Vergiftung fehlten, noch nichts ermittelt werden; man wird das Resultat der gerichtsärztlichen Leichenöffnung abwarten müssen. Bertuch wurde durch den herbeigerufenen Krankenhauswagen nach dem Krankenhaus verbracht; er konnte selbst über die Treppe hinab zu dem Wagen gehen und soll sich ziemlich wohl befinden.

A Mainz, 28. Dezember. Zur Besichtigung des städtischen Elektrizitätswerkes traf der Großherzog von Hessen heute nachmittag um 272 Uhr in Begleitung eines Adjutanten hier ein. Bei der Besichtigung hatte der Erbauer des Werkes, Hofrat Prof. Dr. Kittler die Führung übernommen. Nach der Besichtigung der weitverzweigten Anlage nahm der Großherzog das Terrain in Augenschein, welches die Stadt in der Umgebung des Schlosses jüngst von dem Militärfiskus erworben hat. Gegen 5 Uhr begab sich der Großherzog wieder nach Darmstadt zurück. Da der Rhein seit einigen Tagen vollständig eisfrei ist, haben infolge der eingetretenen gelinderen Witterung gestern und heute bereits viele Schiffe die hiesigen Häfen verlaffen und sich zur Weiterfahrt gerüstet. Schleppzüge gingen schon zu Thal und zu Berg. Durch die Neuordnung der Ver­hältnisse für die Aufbringung der kirchlichen Be­dürfnisse für die verschiedenen Konfessionen erhöht sich infolge gestern gefaßten Stadtverordnetenbeschlusses für die Protestanten hier die Kirchensteuer um 13570 Mk. Seither betrug hier die protestantische Kirchensteuer pro Jahr 45930 Mk. In hiesiger Stadt wird die Wende des Jahrhunderts auch militärisch festlich begangen werden. Am Sylvesterabend findet nämlich Fackelserenade und in der Früh des ersten Januar großesWecken" statt, an welch beiden Veranstaltungen die sämtlichen Musikchöre der hiesigen Garnison teilnehmen. Der zwischen der Stadt und dem Militärfiskus wegen der oft erwähnten Abtretung verschiedener militärfiskalischer Komplexe vereinbarte Vertrag hat gestern seine notarielle ©anftion gefunden. Da­durch, daß der notarielle Akt noch unter alter Gesetzgebung vollzogen worden ist, hat die Stadt an Stempelgebühren 7000 Mk. erspart.

Atzbach, 28. Dezember. DemWetzl. Anz." wird ge­schrieben: Am ersten Weihnachtsfeiertag war unsere Kirche der Schauplatz eines Ereignisses, das eine noch heute nachzitternde große Erregung in unserer Gemeinde hervorgerufen hat. Die Kirche war dicht gefüllt mit Am dächtigen, es mochten etwa 400 Personen, Erwachsene und Kinder anwesend sein. Da auf einmal, mitten im Gottes­dienste fiel ein Kind ohnmächtig zusammen, kurz darauf ein zweites, drittes, viertes und so fort. Innerhalb eines Zeib raums von kaum 5 Minuten lagen 20 Kinder und 2 Er­wachsene ohnmächtig auf dem Boden. Die Bestürzung war ungeheuer. Die Eltern und Anverwandten der Zusammen­

gebrochenen eilten sofort hinzu und trugen die Ohnmächtigen ins Freie, wo sie sich nach kürzerer oder längerer Zeit wieder erholten. Ein Kind wurde für tot hinausgetragen, erst nach längeren Bemühungen gelang es, seinen Mund mittels eines Messers zu öffnen und es wieder zum Be­wußtsein zu bringen. Der Gottesdienst wurde natürlich unterbrochen, der Geistliche sprach den Segen, dann eilte alles nach Hause. Zu Hause angekommen, wurden noch etwa 20 weitere Personen und zwar durchweg Erwachsene von Ohnmachtsanfällen heimgesucht, während fast alle übrigen Teilnehmer an dem Gottesdienste über heftige Kopfschmerzen zu klagen hatten. Der Grund dieser auffälligen Massen­erkrankung war bald entdeckt; es wurde ermittelt, daß sie durch die Gase verursacht war, welche dem seit Samstag­abend brennenden Kirchenofen entströmt waren. Dieser Ofen, welcher bisher tadellos funktionierte, hat eine sehr lange, etwa 2530 Meter umfassende Rohrleitung. Es scheint nun, daß, veranlaßt durch das widrige Schneegestöber, die Kohlengase keinen rechten Abzug fanden und sich infolge­dessen in verderbenbringender Menge in der Kirche an­sammelten. Schon am Tage zuvor, am Sonntag, war ein Mädchen während des Gottesdienstes zusammengebrochen, doch hatte man diesem vereinzelten Unfall weiter kein Ge­wicht beigelegt. Eine Schuld an dem Unfall dürfte nie­mand treffen, da der Ofen, wie gesagt, bisher tadellos funktioniert hat und der die Feuerung im Stand haltende Mann eine sehr zuverlässige, nüchterne Persönlichkeit ist. Jedenfalls wird aber doch erwogen werden müssen, ob nicht eine Aenderung in der Rohrleitung vorzunehmen sein dürfte. Möchte dieser Unfall auch anderwärts eine Mahnung zur Vorsicht und namentlich eine Warnung von unange­brachter Sparsamkeit, die ja bei uns nicht gerade vorliegt, bei der Herstellung derartiger Feuerungsanlagen sein. Denn man mag es gar nicht ausdenken, welches Unglück unter gewissen Umständen durch derartige Unfälle in überfüllten Räumen herbeigeführt werden kann.

Marburg, 27. Dezember. DieHess. Landeszeitung" schreibt: Von einem schweren Unfälle wurde der katholische Pfarrer Dr. Weber am Freitag vor Weih­nachten betroffen. Der Genannte war an einer Rippenfell­entzündung längere Zeit erkrankt, und war, noch Rekon­valeszent, am bemerkten Tage in die Kirche gegangen, um nachzusehen, wie weit die Arbeiten an einem neu auf­zustellenden, aus Mainz bezogenen Altar gediehen seien. Der Altar, welcher an einer Wand befestigt werden sollte, stand oberhalb der Altarstufen. Der Geistliche näherte sich, um das Tabernakel mit einem Schlüffe! zu öffnen, wobei der Altar das Uebergewicht bekam, nach vorne stürzte und den Pfarrer unter sich begrub. Letzterer erhielt arge Ver­letzungen, u. a. wurde ihm das Nasenbein eingeschlagen; er blieb ohnmächtig liegen. Die Arbeiter, welche zum Essen gegangen waren, fanden ihn bei ihrer Rückkunft unter dem Altar liegend. Der Verletzte war so zugerichtet, daß er 26 Nadeln erhielt.

Sitzung der Stadtverordneten

am 28. Dezember 1899.

Anwesend Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi und Wolff, von feiten der Stadt­verordneten die Herren Brück, Euler, Faber, Flett, Dr. Gaffky, Grünewald, Hanau, Haubach, Heichelheim, Huhn, Jughardt, Keller, Krumm, Leib, Löber, Loos, Orbig, Petri, Scheel, Schmal! und Wallenfels. Entschuldigt die Herren Stadtverordneten Emmelins, Dr. Fuhr, Dr. Gut­fleisch, Helfrich, Heyligenstaedt, Dr. Schäfer und Schiele.

Herr Oberbürgermeister Gnauth teilte vor Eintritt in die Tagesordnung das Ergebnis der Unterhandlungen mit, welche betreffs der Latrinenabfuhr mit den be­treffenden Unternehmern auf Grund des in voriger Sitzung gefaßten Beschlusses gepflogen wurden. Die Unternehmer haben sich bereit erklärt, die Abfuhr nach der seither üb­lichen Methode zum Satze von 2 Mk. per Faß bis zur Fertigstellung der Kanalisation weiter auszuführen unter der Bedingung, daß eine Reduktion der Gebühr bezüglich solcher Gruben nicht eintritt, für deren Entleerung infolge besonderer Schwierigkeiten schon vor Bekanntgabe der Ge­

bühren-Erhöhung höhere Sätze in Anwendung kamen. Die Versammlung erklärte sich nach kurzer Debatte mit der Ab­machung einverstanden, und ermächtigte den Herrn Ober­bürgermeister einen Vertrag im Sinne dieser Erklärung mit den Unternehmern abzuschließen.

Der Gewerkschaft Gießener Braunsteinberg­werke soll widerruflich die Erlaubnis erteilt werden, zur Legung von WafferleitungSröhren nach ihrem Keffelhause den sogen. Hasenköppelsweg zu benutzen.

Dem Gesuch des Herrn Georg Hilger um Aus­tausch bezw. käufliche Ueberlassung städtischen Geländes am alten Steinbacherweg stimmt die Versammlung zu.

Herrn Joh. Altensen soll Erlaubnis erteilt werden, den nach der Stefanstraße zu gelegenen Teil des Vor­platzes an seinem Hause mit einer Latten-Einfriedigung zu versehen.

Die Erlaubnis zur Anlage von Fenstern in der Waschanstalt der neuen Kaserne soll unter der Bedingung erteilt werden, daß die Fenster auf Anfordern zu entfernen sind, wenn die daneben stehende städtische Kaserne vom Militärfiskus an die Stadt zurückgegeben wird.

Der Gambrinusbrauerei Butzbach soll die Anlage von Fenstern in ihrem Lagerhaus an der Klinikstraße gestattet werden, wenn die Fenster nur als Oberlichtfenster an­gelegt und mit Gittern versehen werden.

Das Gesuch der Main-Weser-Bahn um Anlage von Feuerungseinrichtungen im Güterschuppen soll aus­nahmsweise genehmigt werden.

Der von Herrn Georg Balser beantragte Dispens betr. nicht vorschriftsmäßig erfolgter Anlage einer Lauftreppe in feinem Hause in der Goethestraße, wird befürwortet.

Herr Julius Siesel hat bei dem Neubau des zu seinem Hause in der Marktstraße gehörigen Seitengebäudes die vorschriftsmäßige Gebäudehöhe überschritten. Das Gesuch um nachträgliche Dispensation von den einschlägigen Be­stimmungen der Bauordnung wird, dem Antrag der Bau­deputation entsprechend, abschlägüch beschieden.

Der Plan für das Nivellement der Projektierten Ver­bindungsstraße zwischen LudwigSPlatz und Schiffenberger Weg wird gutgeheißen.

Der beantragten Ersetzung von 5 kleinen Plakat- Anschlagtafeln durch größere stimmt die Versammlung zu, desgl. der Versetzung der auf dem Marktplatz stehenden Plakatsäule an den Eingang der Wettergasse in die Markt­straße.

Die Rechnung des Gas- und Wasserwerks für 1898/99, welche durch die Herren Heichelheim und Huhn geprüft worden ist, hat zu Beanstandungen keine Veran­lassung gegeben.

Im Hinblick auf die gesteigerten Kohlenpreise hat die Deputation für das Gas- und Wasserwerk eine entsprechende Erhöhung der Cokespreise beantragt. Die Ver­sammlung erklärte sich damit einverstanden, daß vom 1. Januar ab der Cokespreis um 10 Pfg. für den Centner jeder Sorte erhöht, und auch vorläufig jede Vergünstigung bei Bezug von Wagen- und Waggonladungen wegfällt.

Einer Eingabe des Herrn Oekonomen Euler, betr. die Uebertragung der Faselhaltung, wird nicht stattgegeben.

Das Gesuch des Herrn Georg Emil Seng um Er­laubnis zum Wirtschaftsbetrieb im Haufe Seltersweg 50 wird befürwortet.

Vermischtes.

* Dortmund, 27. Dezember. Im benachbarten Dorst­feld durch schnitt der Zuhälter Hermann Gönschen seinerLiebsten", der Ehefrau Ernst, mit einem Rasier­messer die Kehle und flüchtete nach hier, wo er sich selbst der Polizei stellte. G. ist 27 Jahre alt, die Ernst war 43 Jahre alt.

* Düffeldorf, 27.Dezember. Wegen internationalen Mädchenhandels wurde eine hiesige Gesindever­mieterin nebst ihrem Ehemanne verhaftet. DaS saubere Paar hatte schon seit längerer Zeit auf dem Zeitungswege junge Mädchen angelockt und sie an ver­rufene Häuser ins Ausland geliefert. Nur dem Umstande, daß einem Opfer in Amsterdam die Flucht nach hier ge­lang, ist die Aufdeckung des fortgesetzten scheußlichen Treibens zu danken.

* Allenstein, 27. Dezember. Ein blutiges Duell hat derKönigsb. Hart. Ztg." zufolge Montagvormittag zwischen 7 und 9 Uhr auf dem Militär-Schießstande statt­gefunden. Die beiden Duellanten sind Oberleutnant: Stielow und Leutnant Rau vom Infanterieregiment Nr. 150. Der verheiratete Oberleutnant ist, schwer am Unterleib verwundet, in das Garnisonlazarett gebracht worden, wo er am Abend gestorben ist.

* Paris, 28. Dezember. (Sie sind gar nicht meine Mutter.") Vor dem Pariser Zuchtpolizeigericht stand dieser Tage ein junger Taschendieb, dessen Schuld erwiesen war, dessen Identität aber nicht festgestellt werden konnte, da er beharrlich leugnete, Paul Forrestier zu heißen. Nun hatte das Gericht aber seine Mutter vor­geladen, die mit Thränen ihren ungeratenen Sohn wieder- erkannte. Dieser wendete sich gegen die Zeugin und sagte: Aber Madame, ich kenne Sie nicht. Sie sind gar nicht meine Mutter." Auf diese Worte wuchs die arme Frau sichtlich in die Höhe.Was! Du Schlingel! Ich nicht Deine Mutter? Leider bin ich es, und weil ich es bin, nimm das." Im selben Augenblicke hatte Paul eine Back­pfeife erhalten, die weitaus besser geraten war als er selbst. Paul weinte und leugnete nicht mehr.

Mtemtur.

Der neue Jahrgang der »Gartenlaube". Am 1. Januar beginnt ein neuer Jahrgang des verbreitetsten deutschen illustrierten Familienblattes. DieGartenlaube" wird auch in unserer Heimat (Stadt) so gern gelesen, daß es für viele gewiß von Interesse sein