Nr. 306 Zweites Blatt Samstag den 30. Deeember L8«»s
Gießener Anzeiger
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Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.
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Zum Bezug des „Giehener Anzeiger»" für das 1. Vierteljahr 1900 laden wir hiermit ergebenst rin. Wie bisher, wird der „Gießener Anzeiger" die Tagesereignisse in kurzer, den Thatsachen entsprechender Weise zur Kenntnis seiner Leser bringen. Die neuesten Nachrichten zuverlässiger telegraphischer Nachrichten- Bureaus sowie zahlreiche Mitteilungen aus dem engeren und weiteren Vaterland halten den Leser stets über die Vorkommnisse in demselben auf dem Lausenden. Unterstützt durch umsichtige Berichterstatter in allen Orten Oberhessens und in den bedeutenden Städten der anderen hessischen Provinzen, ist der „Gießener Anzeiger" ferner in der Lage, die interessanten Vorgänge innerhalb unseres engeren Vaterlandes und der Nachbargebiete so frühzeitig wie möglich zur Kenntnis seiner Leser zu bringen, desgleichen werden die Begebenheiten in der Stadt Gießen die gebührende Besprechung im lokalen Teile des Anzeigers erfahren. Den Interessen der in der Provinz Oberhessen betriebenen Landwirtschaft wird der Anzeiger weiterhin durch eine landwirtschaftliche Beilage Rechnung tragen, daneben aber auch die Beobachtungen und Erfahrungen in Kunst und Wissenschaft, Litteratur, Hauswirtschaft, Handel, Gewerbe und Industrie in den Kreis seiner Besprechungen ziehen. Als weitere Beigabe erhcllten die Leser die Blätter für Hessische Volkskunde. Ein gediegenes Feuilleton wird neben besonderen Artikeln ernsten und heiteren Inhaltes den erwünschten Unterhaltungsstoff bieten. Die „Metzener Familienblätter" werden dem Anzeiger wöchentlich 4mal (Dienstags, Donnerstags, Samstags und Sonntags) im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt und den Blättern für Hessische Volkskunde beigelegt und neben den Erzählungen, Romanen und Novellen beliebter Schriftsteller anziehenden Unterhaltungsstoff aus dem Gebiete des Familienlebens und der Hauswirtschaft bringen, und somit namentlich im Kreise der Familien eine beliebte Beigabe bieten.
Wir ersuchen nun namentlich auswärtige Leser, ihre Bestellung bei der Post baldgefl. aufgeben zu wollen. Neuhmzulretkude hiesige Abonnenten erhellen vom Sage der Kestellnng bis 31. Dezember den An- zeiger kostenfrei zvgestellt, wie wir auch gerne bereit sind, Probe-Nummern nach auswärts postfrei zu versenden. Den Lesern in hiesiger Stadt werden wir, wie seither, den Anzeiger weitersenden und den Abonnements betrag durch Quittung erheben laffen, falls nicht ausdÄckliche Abbestellung erfolgt.
Hochachtungsvoll
Verlag des „Gießener Anzeiger" Brühl'sche Univ.-Buch- u. Steindruckerei (Pietsch Erben).
* Die Teilung der portugiesischen Kolonien.
Gießen, 29. Dezember 1899.
DaS Jahrhundert geht seinem Ende entgegen, aber noch fortgesetzt bringt es Ueberraschungen. Eine solche ist die Nachricht von der beabsichtigten Teilung der Kolonien Portugals zwischen England und Deutschland. DaS also enthält der vielbesprochene Geheimvertrag zwischen den beiden Staaten, und mit Genugthuung darf im voraus konstatiert werden, daß von irgend welcher Bindung Deutschlands zu Gunsten Englands, von einer Allianz nicht die Rede ist. Wenn von einer Teilung der portugiesischen Kolonien ernstlich gesprochen werden darf, so gilt als Voraussetzung, daß der Hauptfaktor, welcher dabei in Frage kommt, nämlich Portugal, mit dem Plane einverstanden ist. Mag England
z. B. an der Erwerbung der Delagoabucht noch so viel gelegen sein, ohne einen freiwilligen Verzicht Portugals auf dieselbe würde es niemals seine Hände darauf legen können. In Portugal scheint das Beispiel des benachbarten Spanien nicht ohne Nachwirkung geblieben zu sein: So wie dieses sich seines Kolonialbesitzes entledigt hat, so hält auch jenes einen Ausverkauf seiner Kolonien für opportun, und jedenfalls nicht mit Unrecht; denn für das kleine Land war der Besitz in fernen Meeren eine schwere Last, umsomehr, als die finanziellen Verhältnisse Portugals schon seit langer Zeit sehr trübe sind. Holland ist auch nur ein kleiner Staat, aber es ist ein reiches Land, das den großen Kolonialbesitz sehr gut sich erhalten kann. Dagegen vermag wohl Portugal die Lasten, welche ihm die Kolonien auferlegen, nur schwer zu tragen.
Die bisher vorliegenden Meldungen über die geplante Neuerwerbung Deutschlands sind noch nicht offiziell und in manchen Stücken wohl noch etwas ungenau und unverständlich. Deshalb wollen wir hier auf den Inhalt der angeblichen Abmachungen nicht näher eingehen und uns eine ausführliche Besprechung Vorbehalten. Der Vertrag besteht vorläufig ja nur zwischen den beteiligten Regierungen. Noch hat die portugiesische Volksvertretung ihre Zustimmung nicht gegeben, ohne welche natürlich der Plan nicht zur Ausführung kommen kann. Es wird voraussichtlich ein äußerst heftiger Kampf in der Presse entbrennen über den neuen Zuwachs, den unsere Kolonien erfahren sollen, und an Ausfällen gegen die „uferlose" Kolonialpolitik wird es nicht fehlen. Wir wollen ganz sachlich an den Gegenstand herantreten und deshalb erst reiflich prüfen, ob der Erwerb zu Nutz und Frommen des deutschen Vaterlandes sein wird, ehe wir ein Urteil abgeben. Vor allen Dingen aber müssen wir die amtliche Bestätigung der Meldung und etwaige Berichtigungen abwarten. Die Sache ist überaus wichtig, da unsere auswärtige Politik dadurch mehr oder weniger tangiert wird. Wir nehmen an, daß gerade dieser Punkt von unserer Regierung in reiflichste Erwägung gezogen worden ist, denn wir würden nicht wünschen können, daß selbst für wertvolle Erwerbungen die guten Beziehungen, welche Deutschland jetzt zu allen Staaten pflegt, irgendwie in Frage gestellt werden.
Aokatrs nuS UrovinM«.
Gießen, den 29. Dezember 1899.
* * Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 80 Jahren, am 30. Dezember 1819, wurde zu Neu-Ruppln der Dichter Theodor Fontane geboren. Im Jahre 1878 trat er mit einem bedeutenden vaterländischen Roman „Vor dem Sturm" an die Oeffmtlichkett Von tiefer Empfindung und gesundem Humor zeugen seine Gedichte. Seiner geliebten Heimat gedenkt er in seinen „Wanderungen durch die Mark". Ein schneller, sanfter Tod entwandt ihm im Vorjahre die Feder.
* * Der Sprechverkehr zwischen Gießen und Stuttgart ist eröffnet worden.
* ’ Znm 1. April 1900 werden Einjahrig-Freiwillige ein gestellt im Bezirk des 18. Armeekorps in Frankfurt a. M. (1. Hessisches Infanterie - Regiment Nr. 81), Darmstadt (1. Großh. Hessisches Infanterie-Regiment Nr. 115) und Gießen (Infanterie-Regiment Kaiser Wilhelm, 2. Großh. Hessisches Nr. 116), im Bezirk des 11. Armeekorps in Göttingen, Jena und Kassel.
• ’ Etwas für Jäger. In Hessen kosten die Jagd- pässe vom 1. Januar 1900 ab 25 Mk. Jäger, deren Pässe abgelaufen sind, werden gut daran thun, sie noch im alten Jahre zu erneuern.
* * lieber die neuen Postmarken erläßt das Reichspostamt folgende Bekanntmachung: Am 1. Januar 1900 werden im Reichspostgebiet neue Postwertzeichen eingeführt, die in Ansehung der niederen Werte, bis 80 Pfg. einschließlich, an Stelle des bisherigen Markenbildes eine gekrönte, Schwert und Oelzweig haltende Germania und die Ziffer des Pfennig-Nennwertes aufweisen. Die Zahl der Markenwerte wird gleichzeitig vermehrt; sie wird nach Fertigstellung sämtlicher Wertzeichen Freimarken zu 3, 5, 10, 20, 25, 30, 40, 50 und 80 Pfg., zu 1, 2, 3 und 5 Mk. umfassen. Daneben werden neue gestempelte Formulare zu Postkarten, Kartenbriefen und Postanweisungen, sowie in Berlin neue Wertzeichen für Rohrpostsendungen ausgegeben. Zunächst werden zum Verkaufe gestellt: Freimarken zu 10 bis 80 Psg., Postkarten zu 5 Pfg., Welt- Postkarten zu 10 Pfg., und 10 4- 10 Pfg., Formulare zu Kartenbriefen und Postanweisungen, sowie für die Rohrpost. Mit der Ausgabe dieser neuen Postwertzeichen, bezw. einer Gattung derselben, dürfen die Verkehrsanstalten nicht vor
dem 1. Januar 1900 und erst dann beginnen, wenn die vorhandenen Bestände an alten — bis zu späterer Bestimmung Giltigkeit behaltenden — Wertzeichen derselben Gattung verkauft sein werden.
* • Der redselige Abgeordnete. Dem „Alz. Beob." wird folgendes mitgeteilt: Nach der Hof täfel am letzten Mittwoch im Residenzschlosse zu Darmstadt, hielt der Großherzog Cercle, bei welcher Gelegenheit Kammerpräsident Haas die neueingetretenen Mitglieder des Landtages dem Landesherrn vorstellte. Es ging dies wie gewöhnlich beiderseits mit einigen Worten ab, bis Serenissimus an den Vertreter von Wörrstadt, den Antisemiten Wolf, kam, derben Fürsten mit Herr Groß Herzog anredete und ihm bemerkte, daß er sich häufiger in unserer Provinz sehen lassen müsse, um hier beliebter zu werden. Auf die Antwort, daß er ja öfter in Mainz weile, auch Worms, Alzey u. s. w. schon besucht habe, erklärte der redselig gestimmte Herr Abgeordnete, daß dieses noch nicht lange, der Herr Großherzog müsse mit seinem eigenen Wagen manchmal die Provinz nach den verschiedensten Richtungen hin durchfahren und sich so populär zu machen suchen, denn die Rheinhessen wollten mehr an der Leber flattriert sein, sonst — doch weiter kam der Sprecher nicht, da der Großherzog sich bei dem letzten Worte umgekehrt und entfernt hatte.
§ Reiskirchen, 28. Dezember. Das Eisenbahnunglück an der Leppermühle zwischen Großen- Bnseck und Reiskirchen vom 2 7. Dezember. Abends gegen 8 Uhr verbreitete schrilles, langanhaltendes Tönen der Lokomotivpfeife weithin hörbar die Schreckenskunde, daß sich mutmaßlich ein schwerer Eisenbahnunfall zugctragen hatte. An dem Bahnwärterhäuschen, Posten Nr. 11, nahe der Leppermühle gelegen, auf dem Kreuzungspunkt der Bahn und Staatsstraße, waren zwei von entgegengesetzten Richtungen nahende Maschinen aufeinandergerannt. Die von Großen-Buseck kommende Maschine war bis in die Mitte des kohlengefüllten Tenders der von Reiskirchen abgelassenen Maschine geschoben und hatte diesen teilweise verbogen, teils zertrümmert. Eisenteile z. B. von den Puffern wurden durch die Wucht des in den umliegenden Orten vernommenen Anpralls über siebzig Schritte weit fortgeschleudert. Faustdicke Eisenstücke lagen, wie dürre Reiser zerbrochen, umher. Die obere Maschine, die schon Gegendampf gegeben hatte und weit fortgestoßen wurde, der Kohlentender und die durch die leichte Krümmung des Geleises seitliche Ablenkung verminderten die furchtbare Wirkung des ohnehin schon schrecklichen Zusammenstoßes. Das Maschinenpersonal ist durch die gewaltigen Erschütterungen verletzt. Die erste Hilfe wurde ihm im nahen Bahnwärterhäuschen, wohin sie geführt wurden, durch zwei Großen-Bnsecker Aerzte und einen in Urlaub befindlichen Lazarettgehilfen durch Anlegung von Notverbänden gebracht. Zum Glück hatten die Aerzte einiges Verbandszeug mitgebracht. Von den Nachbarstationen traf solches aus den vorhandenen Rettungskasten nicht ein. Sehr brav und tapfer hielt sich die an dem Posten dienstthuende Bahnwärtersfrau. Sie gab mit ihrer Laterne die Notsignale, die aber im dichten Schneegestöber übersehen, wie auch ihr schreckliches Schreien überhört wurde. Nach erfolgtem Zusammenstöße leistete sie mit ihren Nachbarn den Verunglückten wahre Samariterdienste und unterstützte die Aerzte mit Stoffen, Tüchern, Wasser, während ihr Mann an einem anderen Posten Dienst zu thun hatte. — Die Verletzten wurden in den nach Gieße» zurückfahrenden Zug getragen und in die Klinik gebracht. Einer ließ sich zu seiner Familie nach Heuchelheim fahren. — Ueber die Entstehungsursache des Unfalls gehen die Ansichten und Aussagen auseinander, bis die Untersuchung die nötige Klarheit schafft. Nach einer Aussage, die wir ohne Garantie wiedergeben, sei gleichzeitig mit dem Eintreffen des Signals aus Reiskirchen über das Ablassen der Maschine nach Großen-Buseck, die von Gießen kommende Maschine ohne Beachtung der Haltesignale mit Volldampf durch die Station Großen-Buseck gefahren. Einer dieser Beamten habe die Strecke zum erstenmale gefahren. Daß diese letztere Maschine wahrscheinlich bedeutend rascher als die erstere fuhr, ist schon aus der Zurücklegung der größten und dazu noch steigenden Strecke ersichtlich. — Um 12 Uhr nachts brachte ein Zug die Arbeiter zu den Aufräumungsarbeiten, welche morgens um 9 Uhr schon beendet waren, so daß die Strecke wieder fahrbar ist. Die Reste des zertrümmerten Tenders und verschiedener Eisenteile boten vielen herbeigeeilten Beschauern ein Bild der Wirkung der entfeffelten Dampfkraft eines Augenblicks.


