Ausgabe 
29.10.1899 Zweites Blatt
 
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Nr. 255 Zweites Blatt

Sonmag den 29. October

1899

Gießener Anzeiger

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Offenbach), an Diarrhöe und Brechdurchfall 9 (je 3 in Mainz und Worms, je 1 in Darmstadt, Offenbach und Gießen), an Lungenschwindsucht 10 (2 in Mainz, 4 in Darmstadt, 3 in Offenbach 1 in Gießen), an akuten entzündlichen Krankheiten der Atmungsorgane 5 (3 in Darmstadt, je 1 in Worms und Gießen), an Gehirn- Apoplexie 8 (je 3 in Mainz und Darmstadt, je 1 in Worms und Gießen), an sonstigen Krankheiten 42 (je 13 in Mainz und Offenbach, 9 in Darmstadt, 5 in Worms, 2 in Gießen); gewaltsamen Tod erlitten 6 Personen (5 in Mainz, 1 in Darmstadt).

Dort sollte ein Professor eingeführt werden, der ein eifriger Parteigänger der katholischen Volkspartei ist. Die Studenten, die zum größten Teile selbst Katholiken sind, bereiteten dem Professor einen üblen Empfang. Trotz der Mahnung des Rektors der Universität und des Dekans der philosophischen Fakultät, Ruhe zu wahren, wurde der Professor mit der­artig deutlichen Zeichen des Mißfallens empfangen, daß er es, nachdem er einige Sätze gestammelt hatte, vorzog, den Hörsaal zu verlassen. Wie mit der Stimmung der aka­demischen Jugend, so steht es auch mit der Stimmung der Los-von-Nom-Bewegung". Diese Bewegung hätte in einem so streng katholischen Lande wie Oesterreich niemals auch nur die mindeste Aussicht auf irgendwelchen Erfolg gehabt, wenn nicht das vaterlandslose Verhalten der katholischen Volkspartei die größte Erbitterung aller derjenigen, die sich noch eine Spur deutschen Empfindens bewahrt haben, erregt hätte. Die Klerikalen spotten darüber, daß nur einige Tausend Katholiken sich öffentlich von Rom losgesagt hätten und zum evangelifchen Glauben übergetreten wären. Nun, hinter diesen Tausenden stehen Hunderttausende, die aus Gründen der verschiedensten Art den in einem Staate wie Oesterreich sehr gewagten Schritt der öffentlichen Lossagung von Rom nicht unternehmen, die sich aber in ihrem Innern von einer Kirche losgesagt haben, deren Diener das Deutsch­tum bekämpfen, aus dem sie selbst hervorgegangen sind. Gerade der Klerikalismus unterscheidet ja immer sehr scharf zwischen Glaubens-Katholiken undAuch-Katholiken", d. h. solchen Katholiken, die sich damit begnügen, als Kinder katholischer Eltern geboren zu sein, die aber für die Förderung der Ziele und diese Ziele sind ja sehr weit gesteckt der katholischen Kirche nichts übrig haben; un­gezählte Tausende gläubiger und eifriger Katholiken sind durch das Verhalten der katholischen Volkspartei um vom Standpunkte des Klerikalismus aus zu sprechen zuAuch- Katholiken" herabgedrückt worden.

Vom deutschen Standpunkte aus muß man gegen die deutschen Klerikalen in Oesterreich viel erbitterter sein, als gegen die Tschechen. Die Tschechen sind von einer em­pörenden Brutalität, aber das Ziel, das sie verfolgen, ihre Nationalität zu der vorherrschenden zu machen, ist ein ideales. Jedem Kämpfer wird der Feind sympathischer sein als der Verräter. Von dem Feinde weiß man, wessen man sich von ihm zu versehen hat, von dem Verräter wird man hinterrücks angegriffen. Deshalb behandelt man auch den Feind, den man in seine Hand bekommt, glimpflich, während man den Verräter kurzer Hand am nächsten Baume ausknüpft. Es wird vielleicht einmal der Tag kommen, wo Vas österreichische Deutschtum mit der klerikalen Volks­partei abrechnen kann. Und wenn es dann mit diesen Verrätern erbarmungslos umspringt, wird man ihm nur beipflichten können.

§ Aus dem Vogelsberg, 27. Oktober. Oktober schüttelt das Laub vom Baum. So heißt es in der Regel, aber für den Wald trifft sie heuer nicht zu. Der Wald steht noch im Blätterschmuck. Allerdings hat die Blattfärbung stattgefunden, aber der Abfall verzögert sich. Die Bäume dagegen, welche die Straßen und Wege säumen, stehen bereits kahl. Wenn das Laub nicht vor Martini 11. No­vember von den Bäumen fällt, soll es, dem Kalender nach, einen kalten Winter geben. Bis zum genannten Datum kann übrigens auch der Wald sein Blätterkleid noch vollständig verlieren. Die letzten Frostnächte begünstigen den Blätterfall ersichtlich.

Laubach, 26. Oktober. Das verlorene Kuffertche. Eine unangenehme Ueberraschung wurde dem hiesigen Männergesangverein, als er nach längeren Sommerferien seine Gesangsübung wieder eröffnete. Eine in dem Gesangs­lokal aufbewahrte Kiste mit Singbüchern war verschwunden. Man hofft jedoch auf eine harmlose Aufklärung, indem die Vermutung nahe liegt, daß Mannschaften der während der Manöver hier einquartierten Soldaten, denen dasselbe Zimmer als Wachtstube diente und die ähnliche Kisten mitführten, irrtümlicher Weise in das Manöverfeld die betr. Kiste nach­geschleppt haben.

Lauterbach, 27. Oktober. Herr Pfarrassistent Korell in Darmstadt, welcher als Pfarrvikar für Herrn Ober- pfarrer Kullmann hierher berufen worden ist, wurde am Dienstag von einem Blutsturz befallen. Es scheint fraglich, ob er seinen neuen Dienst bald aufnehmen kann. Herr Korell gedachte auf dem Neformationsfest (5. November) seine Antrittspredigt in hiesiger Stadtkirche zu halten. Wir wollen wünschen, daß Herr Pfarrassistent Korell recht bald genesen möge.

n. Nieder Florstadt, 26. Oktober. Von dem Teil unserer Feldgemarkung, in dem die Feldbereinigung jetzt durch­geführt ist, wurde gestern das vorhandene Massengelände, das durch gleichmäßigen Abzug am früheren Besitz gebildet worden war, öffentlich verkauft. Es wurden dabei sehr hohe Preise erzielt. Der Quadratmeter Ackergelände wurde im Durchschnitt mit 65 Pfg. bezahlt; in erstklassiger Lage wurde mitunter 1 Mk. dafür geboten. Beim Grabland galt die gleiche Fläche 1.502 Mk. Im ganzen wurden rund 38000 Mk. gelöst. Die Gemeinde hat aber noch eine An­zahl Bauplätze für sich behalten, die bei der eben hier herrschenden großen Baulust auch noch einen schönen Be­trag einbringen werden. Wenn die Preise nach der jetzt beginnenden Bereinigung des anderen Teils der Gemarkung nur annähernd so hoch sind, dann werden wir die ungefähr 60000 Mk. betragenden Kosten dafür aus dem Massen­gelände bestreiten können. Nachdem wir jahrelang von der Zigeunerplage fast verschont blieben, haben uns diese in letzter Zeit mehrmals heimgesucht. Heute kamen große Züge hier durch, die uns so recht deutlich vor Augen führten, daß bei diesen herumstreichenden Faulenzern auch Standesunterschiede herrschen müssen. Wir sahen sehr schöne Wagen, mit edlen Pferden bespannt, und dicht dahinter halb zerbrochene Wagen, nur notdürftig mit zerlumpten Tüchern überspannt, gezogen von Pferden, auf die Uhlands Be­schreibung inSchwäbische Kunde" genau paßte. Durch einen Tric gelang es ihnen hier und da in der Umgegend, die Leute zu beschwindeln. Sie gaben nämlich größere Geldstücke zum Einwechseln gegen kleine Münze hin. Wahrend des Aufzählens dieser erzählten sie, lebhaft mit den Händen gestikulierend, allerlei wunderbare Geschichten, so namentlich die, daß ein Mitglied von ihnen kürzlich seiner Tochter bei der Verheiratung eine Mitgift von 100000 Mk. gegeben habe. Wenn bann der Geldzähler bei Nennung dieser Summe erstaunt nur einen Moment der Erzählerin ins Ge­sicht sah, verschwanden blitzschnell einige Geldstücke, die dann beim Nachzählen zugelegt werden mußten. Heute abend brachen Streitigkeiten unter ihnen aus. Vor Oberflorstadt ging es auf der Chaussee ungemein laut und lebhaft her. Sogar die Frauen beteiligten sich eifrig an der Balgerei,

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Lokales und Vroviiyielles.

* Gießen, den 28. Oktober.

* Erledigte Stellen im Bezirk des 18. Armeekorps. Herborn, Kömgl. Präparandenanstalt, Schuldiener, 180 NU. bas Jahr unb Wohnung. Im Kaiserl. Ober Postdirektions­bezirk Darmstadt, Landbriestrüger, je 700 Mk. Gehalt und der gesetzliche Wohnungsgeldzuschuß. Im Kaiserl. Ober- Postdirektionsbezirk Dortmund, 2 Landbriefträger, je 700 Mk. Gehalt unb der gesetzliche Wohnungsgelozuschuß. Kierspe (Wests.), Amt, Amtssekretär, 1200 Mk. Gehalt. Im Bezirk der Großh. Hess. (25.) Division: Mainz, Landgericht der Provinz Rhemhessen, Kanzleigehilfe, Durchschnitts- Anfangsvergütung 1000 Mk.

Zum Alldeutschen Gautag, der morgen (Sonntag) nachmittag 3 Uhr in der Stadthalle zu Mainz stattfindet, hat Reichstagsabgeordneter Prof. Or. Hasse in Leipzig sich bereit erklärt, in der öffentlichen Versammlung in der Stadthalle einen kurzen Bericht über die Samoa frage zu erstatten. Außerdem hat die Tagesordnung dadurch noch eine Erweiterung erfahren, daß Herr Gymnasialbirektor Dr. Horn-Frankfurt a. M. einen Bericht über die Trans - o aal frage zugesagt hat. .

* Die Zahl der Todesfälle, ausschließlich der Tot geborenen, betrug in der Woche vom 8. bis 14. Oktober in Mainz 27, in Darmstadt 21, in Offenbach 19, in Worms 12 und in Gießen 6, zusammen 85, darunter 27 im ersten Lebensjahre. Todesfälle pro Jahr unb_ 1000 Ein­wohner kamen auf Mainz 17,4, Darmstadt 15,8, Offen­bach 23,4, Worms 16,7 und auf Gießen 12,7. Die Todesursache anbelangent), verstauben an Masern und Röteln 2 (Worms), an Keuchhusten 3 (1 in Mainz, 2 in

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* Die klerikalen Verräter in Oesterreich.

Man hätte annehmen dürfen, daß angesichts der ver­änderten Stellung, die Monarch und Regierung in Oester­reich den deutschen Parteien gegenüber eingenommen haben, die österreichischen Klerikalen deutscher Herkunft sich all­mählich wieder ihres Deutschtums erinnern, und von jetzt ab mit ihren Stammesgenossen in dem Kampfe um die Erhaltung deutscher Art und deutscher Sprache zusammen­stehen würden.

Man hat sich leider in dieser selbstverständlich scheinenden Erwartung getäuscht. Unmittelbar nach Eröffnung des öster­reichischen Parlaments haben die Klerikalen einen faktischen Beweis dafür geliefert, daß sie der deutschen Sache noch ebenso gehässig gegenüberstehen, wie nur je zuvor. Die deutschen Parteien hatten zum ersten Vizepräsidenten des Abgeordnetenhauses den Abgeordneten Prade nominiert. Hätten die deutschen Klerikalen sich auf die Seite ihrer Stammesgenossen gestellt, so wäre Prade bestimmt gewählt worden. Da aber die Klerikalen mit den Tschechen, den Polen unb den anderen Parteien der Rechten zusammen- gingen, so wurde der Pole Pientak mit einer Majorität von etwa 30 Stimmen zum ersten Vizepräsidenten gewählt. Als zweiter Vizepräsident wurde alsdann ein Rumäne ge­wählt, sodaß die deutsch empfindenden Parteien vom Prä­sidium ausgeschlossen sind.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß den slawischen Parteien durch die ihnen von der klerikalen Volkspartei ge­leisteten Knechtsdienste der Kamm gewaltig schwellen muß, während andererseits die deutschen Parteien in der Zu­sammensetzung des Präsidiums des Abgeordnetenhauses ein böses Omen für die weiteren Verhandlungen erblicken müssen. Und ganz mit Recht; tenn wenn die Parteien der Rechten weiterhin so zusammenhalten, wie sie bei der Präsidenten­wahl zusammengehalten haben, so wird es der Regierung nicht möglich sein, die Sprachenstreitigkeiten in einer den billigen Ansprüchen der Deutschen gerecht werdenden Weise zu erledigen. Dann werden der Regierung nur drei Wege übrig bleiben, entweder sie schwenkt zu den bisherigen Majoritätsparteien ab und versucht in der vom Ministe­rium Thun beli.bten Weise durch unausgesetzte Vertagung des Parlaments' und gewissenloses Handhaben des § 14 fortzuwursteln, oder sie demissioniert, ober sie löst das Abgeordnetenhaus auf und schreibt Neuwahlen aus, die in einer Erregung vorgenommen werden würden, wie sie in diesem Umfange bisher noch niemals bei österreichischen Parlamentswahlen vorhanden war.

Den deutschgesinnten Abgeordneten könnte der letzt­erwähnte Ausweg nur genehm sein; denn er böte die Ge­legenheit, mit den klerikalen Verrätern gründlich abzurechnen. Es würde sich dann hoffentlich zeigen, daß die bisherigen Wähler der klerikalen Abgeordneten in den Alpenländern eine etwas andere Auffassung von dem Begriffe der Treue haben, als die Abgeordneten der katholischen Volkspartei, indem sie als Treue nicht das Zusammenhalten mit den slawischen Abgeordneten ansehen, sondern die Treue gegen­über den deutschen Stammesgenossen.

Wie erbittert man auch in katholischen Kreisen Oester­reichs über das niederträchtige Verhalten der österreichischen Klerikalen ist, hat sich an demselben Tage, an dem die katholische Volkspartei den Polen Pientak zum ersten Vize- präsidenten erwählte, in der Wiener Universität gezeigt.

Abendkarte.

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