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28.11.1899 Zweites Blatt
 
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Rr. 280 Zweites Blatt Dienstag den 28 November

1899

Gießener Anzeiger

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John Bull am Abgrund.

Gießen, den 27. November.

Als die ersten Nachrichten auftauchten, daß Kaiser Wilhelm nach England gehen werde, gab das deutsche Volk einmütig seiner Trauer und Sorge über diesen Be­schluß Ausdruck. Nur von den Offiziösen wurde der Ver­such gemacht, den Charakter der Kaiserfahrt als vollständig harmlos hinzustellen und die Ueberzeugung zu verbreiten, daß Großmama und Enkel nur über Lawn Tennis, Segel­yachten und Regatten reden, jede Erörterung über politische Fragen aber ängstlich vermeiden würden. Auch noch die Thatsache, daß Graf Bülow den Monarchen begleiten sollte, wurde als ein Beweis dafür hingestellt, daß alle Sorgen, als könnten politische Abmachungen getroffen werden, un­nötig seien.

Kaiser Wilhelm ist hinübergegangen und er wird noch bis in den Dezember hinein im Lande der Queen verweilen. Und während er in Windsor der Queen seine Huldigungen darbringt, erscheint Herr Chamberlain im Schloß und mit ihm der Vertreter des Lord Salisbury, da wird unser Bot­schafter, Graf Hatzfeld, aus London zitiert, obwohl er so krank ist, daß er in einer Sänfte getragen werden muß, und stundenlange Konferenzen finden unter den Staats­männern statt. Natürlich unterhält man sich nur über Lawn-Tennis, Segelyachten und Regatten. Dem deutschen Volke haben ja die Offiziösen es so lange vorgelogen, daß die Kaiserfahrt durchaus unpolitisch sei, daß man es jetzt glauben muß. Und das Ende vom Liede? Wir werden es in Geduld erwarten.

Es ist ja ganz natürlich, daß die Engländer alles auf­bieten, um Deutschland in ihren Schlingen zu fangen. Man braucht Vorspann, um den Wagen aus dem Sumpfe zu holen, in den er durch Chamberlain hineingcführt worden ist, und wer ist eifriger zu solchem Liebesdienst bereit, als das gutmütige Deutschland, das sich bekanntlich mit Händen und Füßen gegen den Gedanken wehrt, die englischen Ver­legenheiten auszunutzen und einen Druck auf die Bedrängten zu üben. Selbst wenn die Kaiserreise zu Ende kommt, ohne uns einen neuen Vertrag in dem edlen Stile von Helgoland oder nach dem mysteriösen Vorbilde des Afrika-Abkommens zu bringen, so bedeutet doch schon die Thatsache allein, so bedeutet doch schon der langdauernde freundschaftliche Verkehr des deutschen Kaisers mit der englischen Königsfamilie und den englischen Staatsmännern eine schwerwiegende, mora­lische Unterstützung der britischen Politik. Man wird in Petersburg und in Paris hiervon Akt nehmen, und von neuem wird das Mißtrauen in die Halme schießen. Man darf es natürlich als einen Unfug bezeichnen, wenn einige Phantasten schon von einem Bündnis zwischen Dentschland

Feuilleton.

Stimmungsöitd aus dem Reichstage.

(Nachdruck verboten.)

nh. Berlin, 25. November 1899.

Die Beratung [über die Gewerbeordnungsnovelle rückt kaum oom Flecke. In langer Sitzung wurde nur der Artikel 6 erledigt, der die neu zu schaffenden Bestimmungen auf dem Gebiete der Heim­arbeit und der Hausindustrie umfaßt, jene in der Volkswirtschaft umstrittensten Gebiete, über die gestern bereits lang und breit geredet worden ist

Zunächst handelt eS sich wiederum um einen sozialdemoktschen Antrag, der seine Spitze gegen das namentlich in der Textilmdustrte sehr verbreitete System der Zwischenmeister richtet. Dieses System sollte durch zwei Bestimmungen eingeschränkt, je fast beseitigt werden. Zunächst wollte der Antrag den Zwtschenmeistern nur gestatten, in eigenen Arbeitsräumen Arbeiter zu beschäftigen; und sodann sollte die ihnen von der Rechtsprechung meistens betgetegte Eigenschaft als selbständige Unternehmer abgesprochen werden, sodaß die eigentlichen Arbeitgeber für die den Arbeitern zu gewährenden Leistungen haftbar -gemacht werden könnten. Die Sozialdemokraten hatten sich durch ihre gestrigen Niederlagen auf diesem Gebiete nicht entmutigen lassen; sie kämpften beute wiederum mit zäher Ausdauer für ihre Vorschläge, was schon rein äußerlich dadurch zum Ausdruck kam, daß unter zehn Reden auS dem Hause zu diesem Gegenstände nicht weniger als sechs auf sie entfielen. Namentlich die Abgeord­neten aus der ehrsamen Schnetderzunft führten heute das große Wort, da ihr Gewerbe bei diesen Dingen hauptsächlich in Frage kommt. Aber während die Schneidermeister Albrecht und Reißhius (Soz.1 die Zwischenmeister als die wahren Vampyre schilderten, die ihre Opfer, die Heimarbeiter, vollständig ausfögen, hatte Schneider­meister Jakobskötter (kons.) eine ganz andere Auffaffung von ihnen. Und ihm schlossen sich auch der Staatssekretär Graf Posadowsky und Dr. Hitze (Zentrum) an, die sich dabet auf die Erhebungen der Reichskommission für Arbeiterstattstik beriefen, die ergeben hätten, daß die Zwtschenmeister viel besser seien, als ihr allerdings

und den beiden großen angelsächsischen Nationen schwärmen. Solche Kombinationen pflegen stets aufzutauchen, wenn Könige reisen. Aber sie zeigen doch immerhin die Möglich­keiten an, mit denen zu rechnen ist, und schwerlich werden sie dazu dienen, das dünne Band, das zwischen Berlin und Petersburg noch besteht, zu verstärken.

Daß die internationale Lage gerade jetzt für England enorme Gefahren bietet, erweist sich am deutlichsten aus seinem Bedürfnis, den Gedanken eines Friedensschlusses mit den Buren ernsthaft aufzunehmen. Man betrachtet an der Themse mit allen Zeichen tiefster Unruhe die Stimmung in Frankreich, die am deutlichsten in dem neckischen Spiel mit dem Gedanken einer Invasion in England zum Ausdruck kommt, man betrachtet mit noch tieferem Mißtrauen die An­stalten, die Rußland in Herat trifft, um im rechten Augen­blick die Verhältnisse in Afghanistan nach eigenem Geschmack zu entwirren. Man dürfte sich in London klar darüber ge­worden sein, daß die englische Militärmacht keinen sonderlich furchterweckenden Eindruck hervorzurufen vermag, und daß trotz aller Schiffe und Schiffskanonen die Möglichkeit besteht, auf trockenem Wege um wertvolle Felle gebracht zu werden. Division auf Division wird in den Häfen des Mutterlandes eingeschifft, um nach Südafrika gebracht zu werden, und dort dem mörderischen Flintenfeuer der Buren zu erliegen, selbst die Aktion gegen den Khalifen hat man aufgeben müssen, obwohl am Weißen Nil sich recht schwere Wolken zusammenballen und auch der Negus sich in den Kreis jener Leute stellt, mit denen kein ewiger Bund zu flechten ist. So mag die Friedenssehnsucht in die Herzen der Engländer ein­ziehen und auch Herr Chamberlain mag als praktischer Mann sich sagen, daß man besser thut, eine mißglückte Spekulation aufzugeben, als sein letztes Hab und Gut in den Strudel zu werfen.

Zunächst freilich versucht man sich in der etwas komischen Rolle der Nürnberger, die den kühnen Ritter Eppelin von Geilingen hängten, ehe sie ihn fingen, oder der Jäger, die, ehe sie ven Bären hatten, die Bärenhaut verkauften. Ein altes deutsches Sprichwort warnt auch davor,Kälber zu kaufen, ehe sie gekälbert". Aber der englische Ministerrat steht über solchen Warnungen, wenn anders er wirklich beschlossen haben sollte, im Falle eines siegreichen Ausganges des Krieges nur solche Friedens­anträge anzunehmen, welche dievöllige Unterwerfung der beiden Republiken in sich schließen". Die britische Flagge, so wird dekretiert, solle in Prätoriä und Bloemfontein ge­hißt und eine starke britische Besatzung in-beiden Haupt­städten zurückgelassen werden, vorausgesetzt natürlich, daß die Burenkugeln noch einige von den armen Tommys übrig lassen, die jetzt in den Bergen des Transvaal für die gute Queen und den Geldbeutel des Herrn Chamberlain kämpfen und sterben.

nicht gerade guter Ruf. Gewisse Mißstände wurden von den Vertretern der bürgcrlichm Parteien und der Regierung auch auf diesem Gebiete zugegeben, aber auch hier verwies Graf Posadowsky auf die Notwendigkeit eines Speztalgesetzrs. Bei der Abstimmung blieb die äußerste Linke diesmal ganz allein.

Sehr merkwürdig war der Gang der Dinge bei dem folgenden Absatz, der gewiße Beschränkungen für die Mitnahme von Arbeit nach Hause durch Arbeiterinnen und jugendliche 2L beiter in das Ermeßen des Bundesrats stellen wollte. Hierbei beantragten die Sozialdemokraten, diese Beschränkungen obligatorisch zu machen, während ein freisinniger Antrag die Bestimmung gänzlich beseitigen wollte, weil eine wirksame Kontrolle nicht durchführbar sei und dadurch polizeilichen Chikanen und Denunziationen Thor und Thür geöffnet werden. Graf Posadowsky gab diese Schwierigkeiten im vollen Umfange freimütig zu, meinte aber, es sei immerhin bester, gewissermaßen eine sittliche Regel zu schaffen aI6 gar nichts zu thun, nachdem die Vorgänge beim großen Berliner Konfektionsarbeiterfirelk gelehrt hätten, daß in dieser Beziehung besonders große Mißstände vorhanden seien. Die Haltung der bürgcrlichm Parteien zu der Frage war so wenig einheitlich wie möglich. Geschloffen ablehnend verhielten sich aus den angeführten Gründen nur die Freifinnigen, einschließlich des besonders arbeiterfreundltchen Abg. Röficke. Fast geschloffen folgte auch die Reichspartei ihrem Führer, Freiherrn v. Stumm, in seiner entschieden ablehnenden Haltung. DaS Eentrum war unter Führung des Abg. Dr. H-tze überwiegend für die Be- stimmungm, wenn sich auch mancher Gegner in seinen Reihen sand. Ganz gespalten waren aber die Konservativen und Nationalliberalen. So waren also unter den bürgerlichen Parteien Anhänger und Gegner ziemlich gleich stark. Und da gaben zu allgemeiner Ueber- raschung die Sozialdemokraten den Ausschlag für die Gegner, nachdem ihr weitergehender Antrag abgelehnt worden war. Da fie nicht alles bekommen konnten, nahmen sie nichts. Aber es ist wohl wahr­scheinlich, daß hier in der dritten Lesung noch ein Ausgleich versucht werden wird.

DebatteloS wurde dann noch ein von der Kommission eiv- geschobener Artikel 6a gutgehrißen, der die Bestimmungen über die Verpflichtung zum Besuch einer Fortbildungsschule btS zum 18. Jahre auch auf weibliche Handlungsgehilfen und Lehrlinge ausdehnt.

Montag Fortsetzung der Beratung.

Man will die beiden Staaten in ein Dominium nach dem Muster Kanadas verschmelzen und einem Vizekönig unterstellen, man will aber auch diese Gnade nur dann üben, wenn alle stimmfähigen Buren der Queen den Treueid leisten. Im anderen Falle will man Transvaal und den Orange- Freistaat einfach in Kronkolonien umwandeln. Liegt nicht in diesen Aeußerungen eine geradezu bizarre Verkennung der realen Verhältnisse? Oder würde nicht ein heiliges Lachen durch ganz Europa gehallt sein, wenn etwa ThierS und Jules Favre in Versailles als Basis der Friedensver­handlungen die Abtretung der Rheinprovinz und vielleicht noch Westfalens aufgestellt hätten? Und muß nicht ein gleiches Lachen auch jetzt die Antwort sein? Aber der englische Dünkel hat mit einer Blamage noch nicht genug. Allen Ernstes wird von London aus ver­sichert, Ohm Krüger habe in beweglicher Weise um Frieden gebeten und sich der Kapländer Minister Hofmeyer und Schreiner als Vermittler bedient. Man kennt ja jetzt den alten zähen Krüger und seine Leute vom Schlage der Joubert und Lukas Meyer einigermaßen. Ob wohl außerhalb Eng­lands irgend ein denkender Mensch diesen sturmerprobten Männern es zutraut, daß sie aus der Hand der Queen Salz lecken werden?

Sicherlich fühlen auch die Buren das Verlangen, dem Kriege ein Ziel gesetzt zu sehen. Denn aller Ruhm und alle Siege können die Augen nicht blenden gegen die furchtbaren Opfer, die der Kampf auferlegt. Aber das überragende Interesse an der schnellen Beendigung des Konfliktes haben nicht die Buren, sondern ihre Feinde. Schon gährt es furchtbar im Kaplande, ein Aufstand der Holländer in dem englischen Kronlande ist nur eine Frage der Zeit, er ist unvermeidlich, wenn die Buren noch weiter nach Süden vorrücken, ja vielleicht schon dann, wenn die Schanzwerke von Ladysmith dem Feuer der Burengeschütze erliegen.

Vor Pietermaritzburg und Kimberley stehen bereits die Posten der Burghers, Estcourt ist umschlossen, Belmont ge­nommen und trotz aller Siegesnachrichten dem Vordringen des Lord Methuen ein Ziel gesetzt. Es bedarf gar. nicht erst einer Bestätigung der Nachrichten, daß der Negus mit 40,000 Mann gegen den Sudan vorrückt und daß Rußland Herat bereits besetzt habe, um die Lage Englands mit der des Mannes aus dem Syrerlande zu vergleichen, der von seinem wild gewordenen Kameel in den Brunnen gedrängt wird, wo ihm nur noch die unangenehme Wahl zwischen den fatalsten Todesarten bleibt. Freilich sind nach englischer Auffassung an all dem Unheil nur die verwünschten Maul­esel schuld, die augenscheinlich mit ihren Sympathien auf Seiten der Buren stehen. Aber wer bürgt dafür, daß nicht auch im Sudan und Afghanistan diese Geschöpfe gleichfalls sich auf Seite der Gegner schlagen und den Ruhm Alteng­lands mit ihren ungeschickten Hufen zerstampfen werden?

Die Situation für England ist bitterböse, so böse, daß man vielleicht noch nie jenseits des Kanals so inbrünstig das alte Lied gesungen haben mach:O Willy, bist du wirk­lich hier, daheim so frisch und gesund." Wir sind jetzt die vielgeliebten Freunde in der Not. Das ist allerdings kein lucratives Geschäft, aber wer kann es ändern? Behalten aber die Engländer ihr wahres Jntereffe im Auge, erinnern sie sich daran, daß für sie in den Bergen des Transvaal ganz andere Interessen noch auf dem Spiele stehen, als die Diamantgruben von Kimberley und die Goldfelder von Bloemfontein, so wird man gut daran thun, ernsthaft an den Friedensschluß zu gehen. Umsonst ist freilich nur der Tod und auch der kostet das Leben. Ohne Opfer, ohne starke Garantien für die Zukunft ist kein Friede mehr möglich.

Fokales und Provinzielles.

Gießen, 27. November 1899.

** Geschichtskalender. (Nachdruck verboten.) Vor 88 Jahren, am 28. November 1611, würbe zu München Maximilian EL. König von Bayern, geboren. Lernbegierig, Freund und Förderer von Literatur und Wiffenschast, zog dieser Fürst die ersten Dichter und Gelehrten nach München. In den Märztagen 1848 auf den Thron gelangt, schuf er eine liberale Reform gemäß den Wünschen seiner Untertanen, ohne feine konstitutionellen Anschauungen auf­zugeben.Ich will Frieden haben mit meinem Volke" lautete eine« seiner Kernworte. Der König starb am 10. März 1864 in der bayerischen Hauptstadt.

* Ordens-Verleihungen. Aus Anlaß des Geburtsfestes Sr. König!. Hoheit des Großherzogs wurden außer den bereits in vor. Nummer mitgeteilten u. A. nachfolgend ver­zeichnete Ordens-Auszeichnungen an die dabei benannten Personen verliehen. Das Kommandenrkreuz 1. Klasse des