Ausgabe 
28.10.1899 Drittes Blatt
 
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ausgestellt wurde, findet weder im nationalliberalen, noch im antisemitischen Lager allgemeine Billigung. Viele Natio­nalliberalen sind verschnupft, weil durch die Besiunger Anti­semiten ihr Kandidat Wittmann einfach bei Seite geschoben wurde. Manche finden auch dieAbsägung" des bisherigen Abgeordneten Professor Friedrich, dessen Kandidatur ur­sprünglich von der nationalliberalen Partei ausrecht erhalten werden sollte, nicht gerade sehr schön. Andererseits sind aber auch die Antisemiten in den Landgemeinden mit dem Vorgehen ihres Darmstädter Reformvereins nicht einver­standen. Sie stehen nach einer Auslassung des hessischen antisemitischen Organs auf dem Standpunkt, daß ein Regie­rungsrat kein geeigneter Mann für die Volksvertretung sei. Sie wollen, je nach Ausfall der Wahlmänner Wahl mit einer eigenen Kandidatur vorgehen. Die Urheber der Zugentgleisung bei Gries­heim sind verhaftet worden. Es sind die Mechaniker Georg Brohm und Karl Hofmann und die Kaufleute Friedrich Eisenhauer und Gustav-Rupp aus Darmstadt, sämtlich junge Leute von 18 Jahren. Sie werden sich wegen Verbrechens gegen § 315 des Strafgesetzbuches vor dem Schwurgericht zu verantworten haben. Der Pro­vinzialdirektor der Provinz Starkenburg, Geheimerat v. Marquardt, ist gestorben.

Darmstadt, 25. Oktober. In vorletzter nacht wurde in der sog. Münze gegenüber dem Landgerichtsgebäude ein frecher Einbruch verübt. Der Thäter stieg, wie der m£. A." berichtet, über die das Haus nach Norden hin umgebende Mauer in den Garten, holte die auf dem Garten­häuschen angebracht gewesene Spitze herab, zerbrach mit Hilfe derselben eine Fensterscheibe und gelangte auf diese Weise in die in der Münze befindlichen Räume des Großh. Steuerkommissariats, offenbar, weil er dort Geld vermutete. Da er jedoch solches nicht fand, fiel er über die Akten des Steuerkommissariats her, warf dieselben auf dem Boden herum, zerriß einen Teil und übergoß sie mit Tinte und Petroleum, welches er aus den Lampen entnommen hatte. Auch soll er versucht haben, einen Brand herbeizuführen. Durch das Geräusch wurde der Sohn des Steuerkommissärs aus dem Schlafe geweckt und spürte derselbe in Begleitung eines Schreibgehilfen nach der Ursache des Geräusches. Als der Thäter die Beiden ansichtig wurde, nahm er ReißauS; er wurde jedoch alsbald eingeholt und festgenommen. Jetzt kann er hinter Schloß und Riegel über seine nächtliche Ex­kursion nachdenken. Eine exemplarische Strafe wird seiner wohl warten. Großh. Amtsgericht Darmstadt I nahm gestern morgen im Beisein eines Vertreters Großh. Staatsanwalt­schaft an Ort und Stelle Augenschein ein.

Fronhausen, 24. Oktober. Dem Eisenbahn-Weichen« steller erster Klaffe und Haltestellen-Aufseher a. D. Friedrich Balsam zu Fronhausen, ist das Allgemeine Ehren­zeichen verliehen worden. Unter den hiesigen Schul­kindern grassiert seit einiger Zeit die ägyptische Augen­

krankheit. Nur wenige Schüler sind hiervon verschont geblieben. Amtliche Untersuchung hat schon mehrmals statt- gesunden. Am störendsten macht sich diese Krankheit im Schulbetriebe bemerklich, umsomehr, als in den letzten Jahren derselbe durch alle möglichen Kinderkrankheiten ost längere Zeit unterbrochen wurde, was leicht unter genannten Um­ständen wieder eintreten kann.

Herr und Marine.

Metz, 22. Oktober. Zu den in der Nähe von Metz bereits im Bau begriffenen drei Forts ist gestern nachmittag ein viertes vergeben worden und dem hiesig n Bauunternehmer Heister für rund 17t,0000 Mark zugeschlagen. Dasselbe kommt auf der Höhe von Point du Jour, oberhalb der bekannten Ferme St. Hubert in der Schlucht von Gravelotte zu liegen. Die Arbeiten werden sofort in Angriff genommen. Die Gesamtbausumme der vier Forts beträgt allein für Erd- und Maurer­arbeiten ohne die Panzertürme und innere Einrichtung ca. 10 Millionen Mark, die hier und in der nächsten Umgegend in den beiden nächsten Jahren umgesetzt werden. Dazu kommen noch reichlich 21/9 Millionen Mark für die bei Diedenhofen in der Ausführung befindlichen Befestigungen. An jedem Forts arbeiten zur Zeit etwa 500 bis 600 Mann, größten­teils Italiener, die in großen von den Unternehmern erbauten Holz­baracken untergebracht sind und die Arbeiten in Unterabteilungen im Akkord ausführen. In der Stadt, sowie in den nahen Dörfern herrscht infolge dieser Bauten ein ganz außerordentlicher Verkehr, und die Ge­schäfte haben fast ohne Ausnahme einen dementsprechenden Aufschwung genommen. Im ganzen sind für die neuen Befestigungen mitsamt der Niederlegung der Wälle an der Ost- und Südseite der Stadt, sowie des Baues eines Generalkommandos, eines Jntendanturgebäudes, eines Garnisonlazaretts und zwei neuer Kasernen 45 Millionen Mark im Haushaltungsetat vorgesehen.

M.P.C. Frankreich. Ueber das Scharfschießen der fran­zösischen Mittelmeerflotte bei Rocher des Medes erfahren wir folgendes: Es kamen alle schweren und mittleren Geschütze mit voller Ladung auf Entfernungen zwischen 2000 und 4500 Meter zur Ver­wendung und wurden über 1300 Schuß abgegeben. Die besten Resultate wurden erzielt von: Cassard 51 Schuß, 37 Treffer, 72 Prozent in v Minuten. Friant 60 Schuß, 41 Treffer, 68 Prozent, in 15 Minuten. Du Chayla 57 Schuß, 35 Treffer, 61 Prozent, in 12 Minuten. Linois 36 Schuß, 22 Treffer, 61 Prozent, in 15 Minuten. Jaureguisberry 52 Schuß, 32 Treffer, 61 Prozent, in 28 Minuten. Galilee 36 Schuß, 21 Treffer, 58 Prozent, in 10 Minuten. Amiral Trehonart 51 Schuß, 30 Treffer, 59 Prozent, in 27 Minuten. Chanzy 40 Schuß. 22 Treffer, 55 Prozent, in 22 Minuten. Charles Martes 51 Schuß, 28 Treffer, 55 Prozent in 22 Minuten Die schlechtesten Resultate wurden erzielt auf der Jemmapes, 24 Schuß, 5 Treffer, 21 Prozent, in 15 Minuten und auf der Massena 87 Schuß, 19 Treffer, 22 Prozent, wo die Feuer- geschwindigkeit auf Kosten der Treffgenauigkeit gesetzt wurde.___________

Universitäts Nachrichten.

Würzburg. Prof. v. Röntgen hat den Ruf nach München als Nachfolger Lommels bis jetzt nicht angenommen. Es schweben noch Verhandlungen über bauliche Veränderungen im physikalischen Institut in München einerseits und über die Ersetzung Röntgens auf dem hiesigen Lehrstuhl.

Würzburg. Als Privatdozent in die philosophischen Fakultät der hiesigen Universität wurde der beurlaubte außerordentliche Profeffor der Universität Freiburg in der Schweiz und erster Assistent am physi­kalischen Institut in Würzburg Dr. Ludwig Zehnder ausgenommen.

München. DieAllg. Ztg." berichtet: Als Privatdozent für Philosophie habilitierte sich an der hiesigen Universität der Gymnasial­lehrer Dr. Adolf Dyroff

Göttingen. Geh. Medizinalrat Prof. Wllhelm Ebstein, Direktor der hiesigen medizinischen Klinik feierte am 23. ds. Mts. sein 25jähriges Professoren-Jublläum. Deputationen der Universität, der

medizinischen Fakultät, ehemalige Schüler u. s. w. brachten dem Jublla ihre Glückwünsche dar.

Rostock. Am 25. ds. Mts. wurde die neue Ohren- und Kehlkopf Klinik der Universität feierlich eröffnet. Direktor derselben ist Profeffor Dr. Körner, früher in F ankfurt a. M

Leipzig. Profeffor v. Miaskowski hat sich infolge Er­krankung von der Abhaltung seiner angekündigten Vorlesungen dis­pensieren lassen.

- Leipzig. Der ordentliche Profeffor des römischen Rechts Herr Geheimer Hofrat Dr. jur. Ludwig Mitteis, welcher dem Lehr­körper der hiesigen Universität seit l Oktober d. I angehört, gedenkt nächsten Samstag, mittags 12 Uhr, in der Uwversitäts-Aula seine An» trittsvorlesung zu halten Der Gegenstand dieser Vorlesung ist ,Das römische Recht im 19. Jahrhundert".

Leipzig. Der Dekan der philosophischen Fakultät giebt durch öffentlichen Anschlag bekannt, daß Herr Dr. phil. Heinrich Liebmann nächsten Freitag, nachmittags 3 Uhr, im Czermakeion Bruderstraße 32) seme Probevorlesung zu haltin beabsichtigt. Das Thema dieser Vor­lesung lautet:Ueber den Verlauf der geodätischen Linien auf analy­tischen Flächen."

Eine Hochschule in Hamburg. Man schreibt derFrkf. Ztg." aus Hamburg. Die Errichtung einer Hochschule hier in Ham­burg ist ein Problem, für dessen Verwirklichung zwar noch nichts ge­schehen ist, das aber fortgesetzt die Hamburgi'chen Staatsmänner und weiterblickenden Bürger beschäftigt und auch in der Presse immer wieder erörtert wird. In der That wird die Schaffung einer Centrale der höheren Bildung, sei sie nun nach diesem oder jenem leitenden Gesichts­punkte eingerichtet, immer dringlicher in einem S-ädtekompl'-x, der (mit Altona) fast schon eine Million Menschen faßt. Eine Abschlagszahlung ist die Einrichtung von Abendvorlesungen seitens der Oberschul­behörde, die seit einigen Jahren regelmäßig gehalten werden und in denen Gelehrte, der Mehrzahl nach Universitätslehrer aller vier Fakul­täten je ein W ssensgebiet an zwei, vier, acht oder mehr Abenden er­örtern. So lesen hier während des laufenden Wintersemesters, um nur ein paar Namen zu nennen: Kirchhoff-Halle, Lu sch an-Berlin, M a r ck s - Leipzig, Schäfer-Heidelberg, Erich Schmidt-Berlin, Brinckmann und L i ch t w a r k-Hamburg. Indessen sind die Kurse auf die Dauer nicht ausreichend und die Hochschule wird doch einmal errichtet werden müffen Dies ist wenigstens die Meinung des Kieler Historikers Bernheim, eines geboren, n Hamburgers, der das Thema neuerdings in denHamburger Nachrichten" behandelt. Von vorn­herein weist Bernheim den Gedanken zurück, eine hier zu gründende Akademie etwa nach dem Schema der bisherigen deutschen Universitäten zu gestalten, denn für eine Gelehrtenschule im alten exklusiven Sinne sei Hamburg kein Ort. Anderseits wäre mit einer Handelsakademie oder Technischen Hochschule dem Bildungsbedürfnisse weiterer Kreise auch nicht gedient. Nachahmungswert dagegen und gerade für hiesige Ver­hältnisse passend, scheinen Bernheim die Einrichtungen der amerikani­schen Universitäten, z. B. der Staatsuniversität von Michigan, Ann Arbor. Hier ist die Ausnahme nicht von einem Abgangszeugnis einer höheren Lehranstalt abhängig, und obgleich eine Vorbildung natürlich auch auf den amerikanischen Universitäten erwartet wird, so ist doch auch den weniger Unterrichtet-n Gelegenheit zur Weiterbildung geboten, indem neben den Vorlesungen für die Fachstudierenden auch für sie solche über die gleichen Themata, aber in faßlicherer Form gehalten werden. Ei entsprechen diese letzteren Kurse also denPublika" unserer Universi­täten, nur daß diese ebenfalls ausschließlich nur Studenten zugäng­lich sind

Schiffsnachrichten

Norddeutscher Lloyd, in Gießen vertreten durch die Agenten: Earl Loos und I. M. Schulhof.

Der PostdampferNoordland" der Red-Star-Linie, in Antwerpen, ist laut Telegramm am 24. Oktober wohlbehalten in New-Pork ange­kommen.

Der PostdampferNederland" der Red-Star-Linie, in Antwerpen, ist laut Telegramm am 25. Oktober wohlbehalten in Philadelphia an­gekommen.

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