Leidenschaft überzeugend sprechen und vor uns sich entfalten zu lassen, versteht Calderon bei seiner überwiegend reflektierenden und grübelnden Natur nicht. So haben denn jene, die ihn hier als hinter Lope und Tirso stehend ansehen mußten, ihm das romantische Schauspiel oder das vaterländisch patriotische Geschichtsstück als seine unbestrittene Domäne zuweisen wollen. Daß er in der letzteren Gattung, von Lope ganz zu schweigen, auch nicht einmal an Guillon de Castro heranreicht, wird jeder Leser von Castros prächtigen Cidstücken, in denen noch der alte Romanzengeist weht, zugestehen. Ueberhaupt versagt Calderon immer, wo er sich über eine bestimmte Höhe erheben will. Sprichwörtlich ist die Farbenpracht und der blütevolle Reichtum seiner Diction. Sieht man genauer zu, so bemerkt man bald, daß dieser Schmuck großenteils unecht ist. Die echten Dichter greifen zu Metaphern und Bildern, weil das einfache Wort zu nüchtern ist, und nicht die zahlreichen Affo- ziationen und Vorstellungen, die sich in ihnen regen, erweckt, und sie zu solchen Mitteln greifen müssen, um sie auch im Leser oder Hörer wieder aufleben zu lasten. Bei Calderon haben wir dagegen überwiegend Spiele brfl Verstandes : da werden die Trompeten metallene Vögel, die Vögel gefiederte Trompeten genannt, wer jemand umarmen will, will der Epheu dieses Stammes sein u. s. w.
Freilich werden daneben Sterne, Strahlen und Blumen nicht gespart. Vielleicht dürfte man mit größerem Rechte sagen, daß die Diktion Calderons bei anscheinender Fülle eher den Eindruck der Dürftigkeit macht.
Während Calderons ernste Dramen unseres Erachtens an sich und namentlich auch in ihrem Verhältnis zu den Werken der ihm vorauSgehenden Meister weit überschätzt werden, werden seine Lustspiele vielleicht unterschätzt, wenigstens zeigt sich die Begabung des Dichters hier oft sehr vorteilhaft. Den geistreichen Ton gebildeter Weltleute trifft er vorzüglich, und seine Jntriguen sind in der Regel meisterhaft geführt. „Dame Kobold" ist das bekannteste der hierhergehörigen Werke. Diese Lustspiele sind unzählichemale von den Franzosen auSgebeutet worden, am meisten, soviel wir wissen, von dem jüngeren Corneille.
Wenn nun aber Calderon, obwohl nicht der größte Dramatiker seines Volkes, neben Moreto allein von den Spaniern auf die deutsche Bühne gelangte und sich dort mit einigen Stücken noch immer behauptet, so dankt er dies wohl dem Umstande, daß er wie kaum ein anderer Dramatiker theatralisch, wie Goethe es von Caldern aussagt, „bretterrecht" ist.
Dem Tarler Caldeions wird meist entgegengehalten, daß er die Anschauungen der Zeit und des Landes nicht genug in Betracht ziehe. Hierauf ist zu entgegnen, daß sowohl Cervantes als Lope die Calderonschen Anschauungen über Ehre und Religion nicht teilen, und der Erstere sie bei mehreren Gelegenheiten mit aller Strenge verdammt. Auch sind nur wir in Deutschland noch rückständig mit unserem Urteil, wenn wir Wilhelm Schlegel wiederholen, der Calderon als den „letzten Höhepunkt der romantischen Poesie" bezeichnet. Rubis y Lluch, der eine sehr gute Studie über
das Gefühl der Ehre bei Calderon geschrieben, und Menen- dez y Pelayo, einer der bedeutendsten lebenden spanischen Gelehrten, der Verfasser einer geistvollen und zwar der einzigen vollständigen Geschichte der ästhetischen Theorien und einer Geschichte der Ketzer in Spanien — ich nenne blos die Verfasser der zwei bedeutendsten Calderonschriften des Jubiläumsjahres — decken Calderons Mängel schonungslos auf.
Von diesen ist auch „Das Leben ein Traum" nicht frei. Sie möchten wohl vor allem in den Scenen zu finden sein, wo Astalf und Estrella im Vordergrund stehen, werden jedoch durch die Bühnenbearbeitung ziemlich getilgt. Auch werden sie ausgewogen durch die Vorzüge des Stoffes, des glücklichsten, den Calderon gefunden, und die meisterhafte Behandlung der Gestalt des wilden Natursohnes Sigismund, der, zuerst der Sklave seiner Lüste, im Laufe des Stückes sich selber bemeistern lernt. Und diese Umwandlung wird dadurch bewirkt, daß man den von seiner Kindheit an im Kerker gehaltenen Sigismund einschläfert und ihn auf einen Thron setzt, um ihn später, als er wieder entschlummert ist, in den Kerker zurückzubringen, wo er dann beim Erwachen sich wiederfindet. Calderon war gezwungen, wenn er diese« halben Wilden gerecht werden wollte, ganz von seiner gewöhnlichen Manier abzuweichen, was der Gestalt Sigismunds sehr zu Gute gekommen ist und sie zu der bedeutendsten seines Theaters macht. Man darf mit Spannung der Wiedergabe durch unseren gefeierten Gast entgegensetzen.
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