Ausgabe 
23.11.1899 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

L8VS

Donnerstag den 23. November

Nr. 276

Erstes Blatt.

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Arnts- unb Airzeigebltttt für ben Ut?et$ Grefzen

der

Annahme von Anzeigen zu dec nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer biS vorm. 10 Uhr.

Alle Anze'gen.VermittlungSflellen deS In- und Ausland«» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

Dezugspreis vierieliädrlich

Rcbti!tion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Ar. 7.

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Zandwirt, Glätter für hessische Nollrslrunde.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hießen.

Fernsprecher Nr. 51.

* Der Zusammenbruch der Zuchthaus­vorlage.

Gießen, 21. November 1899.

Bisher hat man im Reichstage nur geplänkelt, politische Fragen sind noch nicht aufgeworfen worden, und nur die Fachminister Haden das Wort ergriffen. Noch hat Fürst Hohenlohe nichtmit Vergnügen bie Feder ergriffen", um eine seiner erschütternden Kundgebungen vor einem hohen Adel und verehrten Publiko zu veranstalten, Graf Posa- dowsky, der Sprechmtnister an Böttchers Stelle, hat nur das Gold des Schweigens gemünzt und Graf Bülow zieht es vor, im Gefolge des Kaisers britische Schiffsparaden abzunehmen und sich persönlich nach dem Befinden Ihrer Majestät, der Königin, zu erkundigen, statt im Reichstag zu erzählen, wie es denn in Wahrheit sich mit dem Gewinne von Samoa verhält und wie bisweilen die Geschichte vom Hans im Glücke", sich in erfreuliche Wirklichkeit umsetzt. Aber das ist nun alles anders geworden. Das graue Gespenst der Zuchthausvorlage scheucht den Kanzler von seinem Pfühl, und Graf Posadowsky greift von neuem zum Schwerte und zur blitzenden Brünne, um gegen den störrischen Reichstag anzureiten. Die schönen Tage von Aranjuez sind nun zu Ende.

Und nicht allzu freudig ist für die Minister der Aus­blick in die kommenden Tage. Eine parlamentarische Nieder­lage ist ja heutzutage nicht mehr von tragischer Wirkung. Während in Frankreich ein ungünstiges Kammervotum dem Winde gleicht, der die Aehren beugt und die Halme vor sich hertreibt, feiern bei uns die Minister wahre Orgien im Nichtsiegen und bald wird der Tag kommen, da der dritte Kanzler das fröhliche Jubiläum des ersten vollen Dutzends feiern wird. Ec wird es, unter Thränen lächelnd, begehen, nachdem nun auch dasZuchthausgesetz" im Orkus versank.Wär' noch ein Wunsch zurück, den der Himmel

gedanken widersetzt, wird er gefessellt; der Henker wird herbeigerufen, und schon zuckt das Schwert über seinem Nacken, da versinkt unter Donnerkrachen die geträumte Herrlichkeit.

Veit liegt noch auf rauhem Pfühl, der Meister eilt mit der Rute herbei, den faulen Burschen aus dem Schlafe zu wecken. Er sollte in aller Frühe den Ofen einheizen, er hat geträumt. Schon stellen sich die Kranzeljungfern ein, um der Braut den Morgengruß zu entbieten. Die Glocken läuten vom nahen Dome, es ist Hochzeitstag, der Altgesell freit seine Ursel. Der Zug setzt sich in Bewegung, der arme Veit allein muß zu Hause bleiben. Schluchzend steht er am Fenster, und sieht, wie der andere den Gegen­stand seiner Neigung zur Kirche geleitet. Unterdeß ist un­vermerkt der Nachbar Grundlinger an ihn herangetreten; auch er hat diesen Schmerz einst zu verwinden gehabt, und weiß daher des jüngeren Kummer nachzufühlen.Lügt mir die Sehnsucht immerdar?" fragt Veit den gütigen

dem liebsten seiner Söhne weigerte?" fragt Pater Domingo arglistig den Sohn Philipps II. Auch die Freude, die Zuchthausvorlage hinabgleiten zu sehen in die Versenkung, werden die Götter dem betagten Staatsmann gewähren.

Und doch hätte die gegen die Auswüchse des Koalitions­rechtes gerichtete Aktion recht günstige Früchte zeitigen können, wenn nicht bnreaukratischer Uebereifer über das Ziel hinausgegangen wäre und es deshalb verfehlt hätte. Fast scheint es, als hätte die Regierung sich allzu stark auf die Arbeit der Reichstagskommi'sion verlassen, als hätte sie gemeint, hier werde auch aus einem unförmlichen Stoff doch noch eine brauchbare Figur geformt werden. Eine wirkliche, freudige Zustimmung hat der Entwurf in seinen Einzelheiten nirgends gefunden, und gerade der Zuchthausparagraph, der in das Gesetz eingeführt worden ist, um der Oeynhäuser Rede gerecht zu werden, hat durch­weg nur verständnisvolle Heiterkeit geerntet. Das mag ja ganz hübsch und nett sein, aber es diskreditiert doch auch andere ganz verständige und billigenswerte Vorschläge und bringt den, der mit den Grundgedanken völlig einverstanden ist, in eine wenig erquickliche Lage: Er muß von vorn­herein die Mängel der Position zugeben, die er selbst ver­teidigen soll, er ist halb besiegt, ehe er zum Kampfe schreitet. Nach unserer Ansicht wäre es taktisch richtig und aus ernsten Gründen wünschenswert gewesen, die Vorlage während des Sommers einer gründlichen Bear­beitung zu unterziehen und in neuer, voll­ständig veränderter Gestalt wieder einzubringen. Und selbst wenn man noch ein halbes oder ein ganzes Jahr hätte warten müssen, so wäre der Schaden nicht unerträglich gewesen. Müssen denn im modernen Leben tiefeinschnei)ende Gesetze gewissermaßen zwischen dem ersten und zweiten Frühstück fertig gestellt werden? Gut Ding will Weile haben uud nur in dringendster Not sind Uebereilungen ent­schuldbar.

In Mainz hat Herr Lieber verheißen, daß die Juristen und Sozialpolitiker des Zentrums sich zusammenthun und einen neuen Entwurf ausarbeiten würden, der zugleich den bösen Streikern eine Zuchtrute und den guten Streikern ein Schirm und Schutz sein solle. Aber auch er dürfte eingesehen haben, daß der Dornbusch keine Früchte giebt, und noch immer harrt die Welt gespannt der Offenbarung seiner Weisheit. Um so fleißiger sind die Nationalliberalen gewesen, sie haben versucht, ein lebensfähiges Geschöpf zu produzieren, das allerdings dem Entwürfe der Regierung recht wenig ähnlich ist, aber doch in ungleich höherem Maße diskutabel ist. Nur will es das Unglück, daß dieser Vor-

mon-.itlid) 75 Psg. mit Bringerlohn.

Bei Postbezug

2 Mark 50 Psg. vierteljährlich.

Bekanntmachung.

Am Sonntag, 26. ds. Mts , nachmittags 3V2 Uhr, wird Herr Lehrer Knaup von Heldenbergen im Luft'schen Saale (Z u m L ö w e n") dahier einen Vortrag über Geflügel­zucht halten. Ich lade hierzu die Mitglieder des Geflügel­zuchtvereins Gießen, des landw. Bezirksoereins und Jeder­mann, der sich dafür interessiert, freundlichst hiermit ein.

Gießen, den 17. November 1899.

Der Direktor des landw. Bezirksvereins, v. Bechtold.

Hrlcheint täglich Mir Ausnahmt dcS

MoniagS

Di« Gießener Kamtltenölüttcc werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.

Meister, worauf dieser in den Schlußversen, die die Tendenz ganzen Dichtung enthalten, folgende Antwort erteilt:

Mein Jung', sie lügt und sie spricht wahr: Weil unerreichbar der Abendstern ist, Als T'oster und Führer st.ht er da; Blau ist die Ferne nur, weil sie fern ist, Und farblos die Nähe, weil sie nah. Und wird einst schöner die Welt hinieden Durch Wohlstand und Güte, dv'ch Recht und Frieden, Und leben die Leute in Saus und Braus, Die Sehnsucht, die rottet man nimmer aus."

Der kinderlose Meister nimmt sich des Burschen an, sie wollen fortan gemeinsam arbeiten und abends in der Dämmerstunde gemeinsam träumen.

Dieser warme Epilog bietet zugleich den Schlüssel zu dem ganzen Gedicht. Es ist Fuldas Lied von der Sehn­sucht, das Sudermann in seinem DramaDie drei Reiher-

FeuMon.

Ludwig Iukdas neue Wärchendichtung Schlaraffenland".

' .(DnsindberidU)

M. M. Der Dichter desTalisman" ist nach dem ihm nicht ganz gelungenen Aufstieg zu tragischer Höhe reuig ins Märchenreich zurückgehrt, wo er sich einst seine schönste Blume gepflückt hat. Ludwig Fulda hat feüun neuen MürchenschwankSchlaraffenland" in Hans Sachsens ge­liebtem Nürnberg angesiedelt. Der wackereSchuhmacher und Poet dazu", für den Goethe, auf manchen Pfaden em glücklicher Finder, neues Verständnis weckte, hat mit seiner allbekannten Geschichte vom Schlaraffenland den Anstoß zu dieser modernen Behandlung gegeben.

Die Handlung setzt an einem Samstag, am Vorabend eines Hochzeitstages, ein. Der biedere Bäckermeister Peter Waqenseil zählt die fertige Ware dem Altgesellen Lienhard Krug, seinem künftigen Eidam, zu. Da kommt der Lehrbub Veit Renner vom WeckauStragen hungrig und müde zurück. Aber er bekommt mehr Prügel als Brot und muß manches rauhe Wort einstecken. Des Meisters Töchterlein Ursula hat es auch ihm angethan, aber wie darf ein dummer Lehrbub die Augen zu ihr erheben? Nur heimlich hat er seine Neigung in wohlgemeinten Versen ausgeströmt. Doch das Gedicht trägt ihm nur Hohn und Spott ein, und der Meister schimpft aufs neue über den Thunichtgut. Nur der Nachbar Grundlinger hat freundliche Worte für ihn übrig, im geheimen nährt er die Reimversuche des Jungen, und er bringt ihm Sachsens neues Gedicht vom Schlaraffenland mit. Diese verlockende Schilderung eines wahrhaft paradiesi­

schen Landes richtet in Veits Hirn eine kleine Revolution an. Kaum ist er auf harter Bank eingeschlafen, so wähnt er sich ins Reich seiner Träume versetzt. Ein von Ferdinand Hummel komponiertes Zwischenspiel vermittelt diesen Ueber- gang.

Im Schlaraffenland geht's heiter her. An der Schwelle empfängt der Kanzler den Ankömmling, der in dem hohen Würdenträger anfänglich den Altgesellen wiederzuerkennen glaubt. Bald naht sich ihm auch die Prinzessin, die Ursulas Züge zu tragen scheint. Und nun wird der rasch zum Prinzen Beförderte zum König Leckermund und seinem Ehe- gesponst, der Königin Apfelsinia, geleitet. Er vermeint, den Meister und die Frau Meisterin auf dem Throne sitzen zu sehen, doch es ist nur ein Gaukelspiel der Sinne. Das wohligste Schlaraffenleben hebt für Veit an. Gebratene Tauben fliegen durch die Luft, aus den Quellen sprudelt Rotwein, kostbare Gewänder hängen an den Sträuchern, in den Büschen bergen sich verlangende Schönen. Das Genuß­leben umschmeichelt seine Sinne: Schlafen und noch einmal Schlafen und Liebe. Jede andere Thätigkeit ist verpönt, zumeist das Denken und das Arbeiten. Aber all dies Schlemmen und Prassen hat bald die natürliche Folge, daß Veit davon übersättigt wird. Es reizt ihn nicht mehr. Er begehrt die Abwechslung. Er heischt nach Thätigkeit. Und von solchem Streben befeuert, erzählt der Jüngling den faulen Schlaraffen das Märlein von der Arbeit, er entwirft ein Bild von den Zuständen im Menschenlande, das in seiner Neuheit die Tagediebe lockt und den Wunsch in ihnen erregt, einen Umsturz im eigenen Lande vorzunehmen. Leckermund wird entthront, Veit wird sein Nachfolger. Jetzt wird das Oberste zu unterst gekehrt, kein Stein bleibt auf dem andern. Aber die Schlaraffen, in Grund und Boden versumpft, streiken bald, sie können von ihrem alten Leben nicht laffen. Und da der junge König sich ihren abermaligen Rebellions­

Amtlicher Teil.

Nr. 44 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben am 18. d.M., enthält:

(Nr. 2625.) Bekanntmachung, betr. das Außerkraft- treten der zwischen dem Norddeutschen Bunde und der Schweiz getroffenen Uebereinkunft wegen gegenseitigen Schutzes der Rechte an literarischen Erzeugnissen und Werken der Kunst vom 13 Mai 1869. Vom 18. November 1899.

Gießen, den 22. November 1899.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Bechtold. _____________

Bekanntmachung.

Betr.: Die Maul- und Klauenseuche.

Nachdem in mehreren Gehöften zu Angenrod (Kreis Alsfeld) die Maul- und Klauenseuche amtlich festgestellt worden ist, ist über die verseuchten Gehöfte, sowie über die Gemarkung Angenrod die Sperre verhängt worden.

Unter den Schafen zu Freienseen (Kreis Schotten) ist die Seuche amtlich sestgestellt und Weide- und Gemarkungs­sperre angeordnet worden.

Da die Seuche in Gonterskirchen (Kreis Schotten) größere Verbreitung gefunden hat, so ist an Stelle der seit­her bestehenden Gehöftesperre Gemarkungssperre angeordnet worden. . , .

Die Maul- und Klauenseuche zu Königsberg (Kreis Biedenkopf) ist erloschen und die über die Gehöfte des Heinrich Lepper, Theodor Schupp und Gottlieb Scherer verhängte Sperre aufgehoben worden.

Unter dem Rindviehbestand des Jakob Pfeiffer IV. zu Edbach (Kreis Biedenkopf) ist die Maul- und Klauen­seuche festgestellt und Gehöftsperre angeordnet worden.

Gießen, den 17. November 1899.

Großh. Kreisamt Gießen.

v. Bechtolds__

Bekanntmachung.

Betr.: Landwirtschaftliche Vorträge.

Am Sonntag d-m 26. dS. Mts., nachmittags 3 7- Uhr, wird Herr Oekonomierat Leit Higer aus Als­feld zu Londorf im Saale des Gastwirts Karl Göbel einen Bortrag überSchweinezucht" halten.

Ich lade jedermann dazu freundlichst em.

Gießen, den 20. November 1899.

Der Direktor des landw. Bezirksvereins, v. Bechtold.