Ausgabe 
21.7.1899 Zweites Blatt
 
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Lebensbedürfnisse beschränkt. Jeder glaubt, sein Bargeld für erwartete Möglichkeiten festhalten zu müssen; es wird nichts gekauft, und Schulden werden nicht abgetragen. Alle kleineren Geschäftsleute und Handwerker sind im Gedränge. Ueberall Ausverkäufe zu Schleuderpreisen und dennoch keine Käufer. Selbst die Wirtschaften und Tabakläden leiden und decken kaum die Kosten. Die Zahl der leerstehenden Häuser und Läden mehrt sich auffällig. Auf Schritt und Tritt starrt uns das To Let entgegen, und die Lage der­jenigen, die sich in Bauspekulationen eingelassen oder ihre Ersparnisse in Bauwerten angelegt haben, wird bedrohlich, da die Banken ihre Hypotheken kündigen und neue Dar­lehensgeber schwer zu finden sind. Die Lage wird noch durch die vielen Entlassungen Angestellter und das Stocken aller Bauthätigkeit verschlimmert. Wie weit dies reicht, läßt sich daraus ermessen, daß eine Großfirma allein von 22 Angestellten 14 entlassen hat! Wir haben in der schlimmen Zeit auf diese Weise noch ein beständig wachsendes Heer von Arbeitslosen in unserer Mitte. Wie es steht, zeigen am besten die städtischen Einnahmen, die um die Hälfte von rund 1000 L. wöchentlich auf 500 L. gesunken sind, und Einschränkungen im Gemeindehaushalte notwendig machen, was wieder die Zahl der des Dienstes Entlassenen vermehren wird. Die in Aussicht genommenen Ersparnisse sind mit monatlich 1850 L. veranschlagt; der Fehlbetrag läuft aber trotzdem für dieselbe Periode hoch in die Tausende. Die schwebende Schuld bei der Nationalbank ist bereits auf 105 000 L. aufgelaufen und damit ist der Kredit erschöpft, sodaß die Stadt in arge Finanznöte geraten ist und nun den Ausweg übrig hat, die Regierung um Hilfe zu bitten, was noch im Laufe dieser Woche geschehen soll. Die Hilfe wird, wie bei einem früheren Anlasse, nicht vorenthalten bleiben, da Präsident Krüger selbst um die Lage der Stadt ernstlich besorgt scheint. Was Johannesburg im Kriegsfälle am meisten bedroht, ist, da die Stadt ganz auf die Einfuhr von auswärts angewiesen ist, der Hunger. Präsident Krüger hat darum, wie zuverlässig verlautet, große Vorräte an Mehl, Büchsenfleisch und andern Lebensmitteln angekauft, im Fort und in den Lagerhäusern einiger Privatfirmen hinterlegen lassen und bestimmt, daß im Kriegsfälle Rationen an mittellose Ausländer durch die betreffenden Konsuln ver­teilt werden sollen. Weiter soll kein Ausländer ausgewiesen werden, der sich bei Ausbruch des Krieges eidlich verpflichtet, neutral zu bleiben und nicht die Waffen gegen die Republik zu ergreifen. Vom Fort hat Johannesburg, wie durch den Kommandanten Hauptmann Eloff (einen Enkel des Präsi­denten) erklärt wurde, auch nichts zu fürchten. So lange die Stadt loyal bleibt, sagt er, so lange wird auch nicht ein Schuß gegen sie abgefeuert. Diese höchst anerkennens­werten Maßnahmen und Versicherungen haben beruhigend gewirkt, den Wegzug aber nicht vermindert, und jeder Zug nach den Hafenstädten nimmt ein Stück der Johannesburger Bevölkerung mit fort. Die Stimmung ist noch immer pessi­mistisch. Seitens der maßgebenden Persönlichkeiten der Randpartei der Kapkolonie und vom Freistaat aus werden anscheinend große Anstrengungen gemacht, um Präsident Krüger zur weitern Nachgiebigkeit in der Bürgerrechtsfrage zu bewegen; die Versammlungen der Buren in Transvaal lassen auch erkennen, daß man geneigt ist, weitere Zuge­ständnisse zu machen. Trotzdem herrscht der Glaube vor, daß dieses Entgegenkommen nichts fruchten und daß Eng­land einen neuen Grund finden wird, die Dinge zum Aeußersten zu treiben. Die Buren bereiten sich darum auf den Krieg vor, und nicht nur die Buren Transvaals, son­dern ganz Südafrikas. Aus der Kapkolonie und aus Natal kommen in dieser Richtung sonderbare Nachrichten, und die in Pretoria liegenden 60 000 Mausergewehre zeigen, daß die Stammes- und Bundesgenossen um ihre Bewaffnung nicht zu sorgen haben werden. Unter den nicht englischen Ausländern Transvaals, namentlich den Deutschen, treten die Sympathieen für die Regierung auch täglich deutlicher

zutage, und eine kriegslustige Stimmung macht sich bemerk­bar, die leicht die Katastrophe herbeiführen kann, die man heute noch gerne vermieden sehen möchte.

Lokales «nd Provinzielles.

Gießen, 20. Juli 1899.

** Dienstnachrichten. Am 27. Mai wurde der Lehrerin an der katholischen Schule zu Dieburg Anna Harr ach eine Lehrerinnenstelle an der Gemeindeschule zu Gonsen­heim, Kreis Mainz, am 30. Mai wurde dem Schul­amtsaspiranten Johannes Fink aus Liederbach die Lehrer­stelle an der Gemeindeschule zu Strebendorf, Kreis Alsfeld, übertragen; am 31. Mai wurde dem Schulamts­aspiranten Philipp Unger aus Krumbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Klein Krotzenburg, Kreis Offen­bach, übertragen. Am L Juni wurde dem Schulamts­aspiranten Johann Enders aus Hackenheim die Lehrer­stelle an der gemeinsamen Schule zu Planig, Kreis Alzey, am 2. Juli wurde dem Schullehrer August Otto zu Unter-Abtsteinach die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Aschbach, Kreis Heppenheim, an demselben Tage wurde dem Schullehrer Peter Huth zu Gunzenau die Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Leidhecken, Kreis Büdingen, über­tragen; am 3. Juni wurde der von dem Herrn Grafen zu Erbach-Fürstenau auf die Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Hüttenthal, Kreis Erbach, präsentierte Schulamts­aspirant Karl Merkel aus Groß-Hausen für diese Stelle bestätigt.

Erledigte Lehrerstellen. Erledigt sind: An der Volksschule zu Worms sechs Lehrerstellen, von denen drei mit evangelischen und drei mit katholischen Lehrern zu be­setzen sind, mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden jährlichen Gehalt von 14002200 Mk. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende 5. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Büdingen; dem Herrn Fürsten zu Isen­burg und Büdingen in Büdingen steht das Präsentations­recht zu derselben zu. Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Buben­heim, Kreis Bingen; mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Die mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Vöckelsbach, Kreis Heppenheim. Eine mit einem evangelischen Lehrer zu be­setzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ueberau, Kr. Dieburg; mit der Stelle kann Organistendienst verbunden werden. Eine mit einem katholischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Albig, Kreis Alzey; mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Sämtlich mit dem gesetzlichen, nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalt.

Die Zahl der Todesfälle, ausschließlich der Tot geborenen, betrug in der Woche vom 2. bis 8. Juli in Mainz 27, in Darmstadt 21, in Offenbach 15, in Worms 12 und in Gießen 10, zusammen 85, davon 29 im ersten Lebensjahre. Todesfälle pro Jahr und 1000 Ein­wohner kamen auf Mainz 17,4, Darmstadt 15,8, Offen­bach 18,3, Worms 16,7 und auf Gießen 21,2. Die Todesursache anbelangend, verstarben an Masern und Röteln 2 (je 1 in Mainz und Worms), an Rachenbräune 1 (Darmstadt), an Keuchhusten 3 (2 in Offenbach, 1 in Mainz), an Diarrhöe und Brechdurchfall 15 (5 in Offen­bach, je 4 in Mainz und Darmstadt, 2 in Worms), an Lungenschwindsucht 10 (6 in Mainz, 2 in Gießen, je 1 in Darmstadt und Worms), an akuten entzündlichen Krankheiten der Atmungsorgane 12 (4 in Darmstadt, 3 in Offenbach, je 2 in Mainz und Gießen, 1 in Worms), an Gehirn-Apoplexie 4 (2 in Darmstadt, je 1 in Offenbach und Gießen), an sonstigen Krankheiten 34 (12 in Mainz, 9 in Darmstadt, 6 in Worms, 4 in Offenbach, 3 in Gießen); gewaltsamen Tod erlitten 4 Personen (2 in Gießen, 1 in Mainz und Worms).

einen physikalischen Apparat, eine Bibliothek, ein Balser'sches Klinikum und eine Antikengalerie. Mit dem Entbindungs­institut, in welchem seit 1813 während der zehnjährigen -Dauer desselben 931 Frauen entbunden worden waren, war eine Hebammenschule verbunden. Es gab auch einen ökonomisch-forstbotanischen Garten, ein Observatorium und ein Seminar zur Bildung von Landschullehrern. Im Jahre 1823 zählte das Pädagogium 239 Schüler.

In Alsfeld arbeitete die Bevölkerung in Tuch- und Leinewebereien, in Schönfärbereien und auf Bleichen.

Die Besitzungen des Grafen Isenburg-Büdingen um­faßten 3i/s Geviertmeilen mit einer Stadt, 19 Dörfern und 5 Höfen. Die Einwohnerzahl belief sich auf 10960, die Einkünfte auf 40000 Fl. Die Hauptstadt Büdingen war der Sitz der großherzoglich hessischen, fürstlich und gräflich isenburgischen und gräflich stolbergischen Gesamtjustizkanzlei. Im Jahre 1823 wurde das Gymnasium daselbst von 76 Schülern besucht. Erwerbszweige waren: Weinbau, Tuch-, Zeug- und Strumpf-Fabrikation, Arbeit in einem Eisenwerk, in einer Salzsiederei und einer Glashütte.

Die Besitzungen des fürstlichen Hauses Solms-Hohen­solms umfaßten 2% Geviertmeilen mit 6025 Seelen. Die Stadt Lich war der Sitz des großherzoglichen Hoheits­beamten für die solmsschen Lande und der großherzoglichen Steuerregulierungskommission für die Provinz Oberheffen, es gab daselbst eine Sparkasse.

______________________e. Einwohnerzahlen.

Stadt

Einwohnerzahl tm Jahre

1820

1871

1875

1880

1885

1890

1895

1

Gießen . .

5500

12128

13858

16855

18336

20571

22924

2

Alsfeld . .

3019

3504

3643

3882

3882

4085

4290

3

Grünberg .

2142

2145

2185

2209

2107

2066

2032

4

Büdingen .

2122

2340

2386

2486

2540

2819

2989

5

Lich . . .

1908

2250

2360

2514

2485

2551

2448

f. Einwohner-Zunahmen bezw. Abnahmen () auf je hundert Personen.

vJ

Stadt

Einwohner-Zunahme bezw. Abnahme () auf Hundert

v

1871

om Jahre 1820 bis zum Jahre

1875 I 1880

1885

1890

1895

1

Gießen ....

120.5

152,0

206,5

233,4

274,0

316,6

2

Alsfeld ....

16,1

20,7

28,6

28,6

35,3

42,4

3

Grünberg . . .

0,01

20

3.1

- 1,7

36

- 5,1

4

Büdingen . . .

10,3

12,4

17,1

19,2

329

40,9

5

Lich . . ; . .

17,9

23,7

31,2

30,2

33,7

28,3

g. Vergleichende Ergebnisse.

1. In Gießen verdoppelte sich die Bevölkerung vor einem halben Jahrhundert, sie verdreifachte sich nach 60 und vervierfachte sich nach 73 Jahren; im ganzen zeigte es die Zunahme des Staates Bremen (305,0). Mit dem Wachstum von Darmstadt verglichen war die Vermehrung in Gießen nicht unerheblich stärker.

Die Hauptstadt des Zahlen auf:

1820

18800

1871

33537

78,4

1875

36993

96,8

Großherzogtums wies folgende

1880

40874

117,4

1885

42792

127,6

1890

56399

200,0

1895

63745

239,0

Dasselbe gilt auch bei einer Die bezw. Ziffern lauten:

1820 I 1871

23296 46362

! 99,9

1875 1880

53043 58290

127,7 150,2

Vergleichung mit Kassel.

1885

64083

175,1

1890

72477

211,1

1895

81752

250,9

2. Alsfeld wies nur mäßigen Zuwachs auf, vom Jahre 1880 bis 1885 war vollständiger Stillstand, am Schluß württembergische Vermehrung (43,8). Die Be-

** Von hessischen Behörden werden steckbrieflich ver­folgt: Arbeiter Johannes Dewald aus Viernheim wegen Be­trugs von der Staatsanwaltschaft Darmstadt, Heinrich Füge von Eiderfeld wegen Notzucht und Dienstknecht Jakob Wettläufer aus Ibra wegen Betrugs von der Staatsanwaltschaft Gießen, OttoFried.Wilh. Grabow wegen Zechbetrugs vom Amtsanwalt in Friedberg, Bäcker Karl Kummer aus Erfurt wegen Dieb­stahls, Schlosser Jakob Jakob aus Lisdorf wegen Unter­schlagung, Reisender Jakob Schuster aus Mainz wegen Betrugs, Zuschneider Johann Dörr aus Mergentheim wegen Bedrohung, Heizer Andreas Heinrich Joh. Dreesen aus Appeldüm wegen Bedrohung, Fabrikarbeiter Karl Fried. Fink aus Schneidheim, Maurer Anton Orth aus Hechts- Heim wegen Körperverletzung, Hausbursche Emil Simon aus Braubach wegen Körperverletzung, Schreiner Heinrich Berlau aus Eudorf wegen Körperverletzung und Messerschmied Joseph Lanz aus Goldbach wegen Diebstahls sämtlich vom Amtsanwalt Mainz; Arbeiter Johannes Hosch aus Kleinhausen wegen Diebstahls von der Staatsanwaltschaft Darmstadt; Hausbursche Ernst Probst aus Unterlauter wegen Diebstahls von der Staatsanwaltschaft Mainz, Bäcker Ernst Fried. Martin recte Martins aus Nebra wegen Notzucht­versuchs von der Staatsanwaltschaft Gießen, Zwangszög­ling Hermann Ferd. Dahl aus Mainz wegen Entweichens aus einer Anstalt vom Kreisamt Mainz. Ferner wegen Strafverbüßung: Lackierer Franz Christian Appel aus Neu-Isenburg und Metzger Fried. Eberhard Scheu aus Bessingen vom Amtsanwalt in Offenbach; Knecht Jakob Reichert aus Udenheim und Lorenz Blum aus Siffingen vom Amtsgericht Vilbel; Knecht Jakob Börner aus Bernbach vom Amtsgericht Offenbach; Handarbeiter Adam Kunz aus Alzey vom Amtsgericht Alzey; Winzer Johann Neumer aus Dienheim vom Amtsgericht Oppenheim.

Aus Oberhesieu, 18. Juli. Im vorigen Jahre schlossen sich die in verschiedenen Orten der Wetterau bestehenden Instrumental-Musikvereine zu einem Verband, demOber- hessischen Musikbund" zusammen. Es gehören dem­selben an die Vereine zu Dorn-Assenheim, Echzell, Gettenau, Hungen, Laubach, Lich, Nidda, Reichelsheim und Schotten mit nahezu hundert Mitgliedern. Das erste Musikfest des Verbandes wird nächsten Sonntag, 23. d. Mts., zu Laubach stattfinden..

Vermischtes.

* Vom Kasseler Gesangswettstreit. Arn 10. Juli fand behufs Entgegennahme des Berichts über die Abrechnung die Schlußsitzung der Ortskommission für den Gesangs- roettftreit statt. Die Einnahmen haben sich hiernach auf insgesammt 121,452 Mk. 18 Pfg. belaufen, und zwar er­brachten u. a. die Eintrittsgelder für den eigentlichen Ge­sangswettstreit 77,777 Mk. 50 Pfg., die Eintrittsgelder für Konzerte rc. 12044 Mk. 73 Pfg., der Festpostkartenverkauf 12,500 Mk. Die Ausgaben werden sich auf 260,700 Mk. belaufen, so daß die Stadtkasse einen Zuschuß von 139,000 Mk. zu leisten hätte, der also gegen den zu An­fang bewilligten Betrag von 150,000 Mk. um 11,000 Mk. zurückbleibt.

* Thorwaldsen-Geschichten erzählt derH. K.": Der große dänische Bildhauer war, obschon er von fast allen europäischen Fürsten mit Orden dekoriert wurde, einer der bescheidensten und anspruchslosensten Künstler, der seine Orden fast nie trug. Als ihn einst ein Hofmann darauf aufmerk­sam machte, daß es doch angemessen sei, beim Hoffest mit feinen sämtlichen Orden geschmückt zu erscheinen, versetzte der Meister lächelnd:Wenn es Euch um meine Orden zu thun ist, will ich Euch die Schachtel zeigen, worin sie liegen. Wer mich in meinem einfachen Rock nicht als den Thorwaldsen anerkennt, braucht mich gar nicht zu kennen."

völkerungsvermehrung war noch etwas stärker als in Groß-

1871

1820

1890

2592 2758 j 2724 3071

8,7 15,6 I 14,2 28,8

2385

sich

sames, aber stetiges Wachstum aufwies.

3. Wie in Alsfeld bezw. in Groß-Umstadt auch im allgemeinen in Büdingen, das

2615

9,6

1895

3341

40,1 verhielt es zwar lang-

Umstadt, das nach tehende Ziffern zeigte: 1820 1871 1875 1880 I 1885

4. Lich zeigte zwei Rückgänge von 1880 bis 1885, sowie von 1890 bis 1895, demgemäß hatte es noch nicht elsaß-lothringische Vermehrung (32,1).

5. Am ungünstigsten lagen die Verhältnisse für Grünberg. Das Städtchen hatte 1871 fast genau soviel Einwohner wie im Jahre 1820, dann nahm cs bis 1880

noch ein wenig zu, sank aber bann beständig, und hatte 1895 weniger Köpfe als 1820. An der Hand der statistischen Erhebungen und Berechnungen fanden wir in Ostpreußen zwei Orte mit mehr als 2000 Seelen unter 48, die während 3/4 Jahrhundert in ihrer Bevölkerungszahl zurückgingen, nämlich Drengfurt um 10 und Pillau um 30 Prozent. In der Provinz Posen gingen auf 112 Ortschaften, von denen eine Anzahl unter 2000 Personen zählten, 5 zurück, nämlich Wittkowo, Zaborowo, Reisen, Bojanowo und Unruhstadt, und zwar um 4, um 2, um 6, um 24 und um 15 Prozent. Die Abnahme in Grünberg stimmte mit dem Rückgang in Reisen überein; letzteres Städtchen, im Kreise Fraustadt gelegen, war vor 75 Jahren die Residenz des Fürsten Sulkowski und hatte Schloß und Park. Auch heute blühen noch daselbst die Orangen und wohnen noch vermutlich die Nachkommen Fürst Anton Pauls, der in den napoleonischen Kriegen in Spanien, an der Moskwa und bei Leipzig auf französischer Seite focht, aber sich dann der preußischen Regierung unterwarf.