Ausgabe 
21.7.1899 Zweites Blatt
 
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Freitag den 21. Juli

Amts- und Anzeigeblatt für den "Kreis Gieren

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Alle Anzeigen-BermittlungSstellen M In« und AuslantzaK nehmen Anzeigm für den Gießener Anzeiger enty**.

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Die Gießener Ma«4tt<»AtKtter »erden dem Anzeiger Wöchentlich viermal bei gelegt.

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Nedaktioa, Expedition und Druckerei:

Zchnkßraße Kr. 7.

Aenderung des Kriegsrechts.

Die Haager Konferenz hat sich in folgenden Punkten über die Aenderung des Kriegsrechts geeinigt: Die Be­stimmungen über die Anerkennung eines Staates als kriegführende Macht bleiben bestehen. Nach einer Besetzung feindlichen Landes hat der occupierende Teil die Ordnung und das öffentliche Leben zu sichern, aber, soweit nicht un­überwindliche Hindernisse entgegen stehen, die Landesgesetze zu beobachten. Auch soll er die Steuern in hergebrachter Art erheben und damit die Verwaltung im Gange erhalten. Er soll berechtigt sein, das bewegliche Eigentum des Staates mit Beschlag zu belegen, das unbewegliche nur als Nutz­nießer zu verwalten. Das vorgefundene Eisenbahn-Material, das einem dritten Staate gehört, soll diesem so bald wie möglich zurückgegeben werden. Staatsgebäude und Ein­richtungen, die dem Kultus, dem öffentlichen Unterricht, der Wissenschaft, Kunst und der Mildthätigkeit dienen, sollen geschont werden, wie das Privat-Eigentum.

Als Kampfmittel sind untersagt Gift, vergiftete Waffen, ferner solche, die geeignet sind, nutzlos Schmerzen zu be­reiten, speziell die schon auf der Petersburger Konferenz 1868 verbotenen Explosivgeschosse aus Handwaffen. Ein Soldat, der die Waffen niederlegt, hat Anspruch auf Gnade. Die englische Forderung, daß die berüchtigten Dumdum-Geschosse im Kampfe gegen wilde Völker gestattet sein sollen, ist ein­stimmig abgelehnt.

Unverteidigte, offene Orte dürfen nicht beschossen werden, in anderen ist die Absicht der Beschießung anzukündigen, Kirchen, Krankenhäuser, Museen sind zu schonen. Gefangene Spione sollen straflos sein, wenn sie nach der Spionage zu ihren Truppen zurückgekehrt und erst später in Gefangen­schaft geraten sind. Im allgemeinen werden Kriegsgefangene gleich den eigenen Soldaten behandelt, Fluchtversuch und Flucht ist nur strafbar, wenn das Ehrenwort verpfändet und gebrochen worden ist. In diesem Falle soll der Wort­brüchige von seiner Regierung nicht wieder in die Armee ausgenommen werden. Die geltenden Bestimmungen über Kranke und Verwundete und über die militärische Gewalt gegen Privatpersonen bleiben bestehen, desgleichen die über Natural-Requisitionen im feindlichen Lande, über Parla­mentäre, Kapitulation, Waffenstillstand. Der neutrale Staat kann den Transport Kranker und Verwundeter durch sein I Gebiet erlauben, ist aber nicht dazu verpflichtet.

Ein stärkeres prozentuales Wachstum als das Reich (1,15) zeigten Gießen und Büdingen, eine regere Vermehrung als das Großherzogtum (0,93) wies Alsfeld auf, Wieseck hatte nur mäßige Zunahme, in Grünberg und Lich kam es zu Rückgängen der Einwohnerschaft.

d. Historisch-statistische Erhebungen aus dem Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts.

lieber Wieseck fehlen für die Zeit um 1820 die An­gaben. Die übrigen fünf Städte hatten nachstehende Häuser - und Jnsassenzahlen, woraus sich die Durchschnittsziffern für je ein Haus ergeben:

Gratisbeilagen: Gießener Familienblätter, Der hessische Landwirt, Mütter für hessische Volkskunde.

Annahme hr Anzeigen zu der nachmittag- für bei 5e4|cn>ea tag erscheinenden Nummer bis norm. 10 Uhr.

«dreffe für Depeschen: Anzeiger Gießei« Fernsprecher Nr. 51.

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Ans Rußland.

Verschiedene Ereignisse der Tod des Großfürsten- Dhronfolgers, die Vergewaltigung der Finnen usw. lenken neuerdings die Aufmerksamkeit wieder mehr den inneren Zuständen des großen Nachbarreiches im Osten zu. Man muß zugestehen, daß Rußland seit dem Regierungs­antritt Nikolaus II. gewaltige Erfolge auf dem Gebiete der äußeren Politik errungen hat, aber wer objektiv urteilen will, der muß erkennen, daß es in Rußland selbst so ziemlich beim alten geblieben ist, daß die fünf Jahre der neuen Regierung keine wesentlichen Aenderungen und Verbesserungen gezeitigt haben. Allzuviel konnte Nikolaus II. freilich auch nicht zugemutet werden. Der Tod seines Vaters war ihm plötzlich gekommen, und der Zar stand nicht nur den Geschäften, sondern auch den Männern, welche sie bis dahin geleitet hatten, fremd und befangen gegenüber. Es fehlte ihm überdies die impulsive Kraft, und die Arbeit am Staate war ihm zu neu, als daß man durchgreifenden Reformen bald hätte entgegensehen dürfen. Vielleicht oder vielmehr wahrscheinlich mochte er mit den Anschauungen seines Vaters nicht übereinstimmen, aber er war nicht der Mann, das System zu erschüttern, vielmehr neigte sein ganzer Charakter dazu, die Dinge gehen zu lassen und sich abwartend zu verhalten. Wir haben die feste Ueberzeugung von dem guten Willen des Zaren, die Härten und Grausamkeiten des früheren Regiments zu mildern, jedoch darf man kein allzu großes Vertrauen setzen auf den Erfolg der nach einzelnen Richtungen hin gemachten Anläufe.

Das Verhalten der Petersburger Regierung gegenüber den verbrieften Rechten des Großfürstentums Finnland hat wohl in ganz Europa ein absprechendes Urteil gefunden. Allenthalben herrschte Verwunderung darüber, daß unter diesem" Zaren derartiges geschehen könne, daß dieser gütige Herrscher solchen Rechtsbruch zulasse. Wir meinen aber, der Zar kann noch so viel Gerechtigkeitsliebe besitzen, er muß dennoch mit der herrschenden Strömung rechnen. Der Angriff auf die Sonderstellung Finnlands war schon von Alexander III. vorbereitet worden und den ausführenden Organen derart in Fleisch und Blut übergegangen, daß Nikolaus II. die weiteren Konsequenzen nicht zu verhindern vermochte.

Einzelne unumgängliche Neuerungen, welche übrigens die russische Staatsmaschine auf die Dauer nicht entbehren konnte, sind zwar unter dem jetzigen Zaren eingeführt worden, auch soll er reges Interesse für die Hebung des russischen Volksschulwesens zeigen. Letzteres liegt bekanntlich in dem großen Reiche noch sehr im argen, und es muß zugegeben werden, daß hier der Hebel anzusetzen sein wird, sollen die großen Maffen des Volks mit der Zeit der Segnungen der Kultur teilhaftig werden. Freilich ist es eine Riesenaufgabe, die dem Zaren auf diesem Gebiete gestellt ist, und es erscheint deshalb fraglich, ob er sie bezwingen wird. Schon kraft­vollere Naturen sind auf halbem Wege wieder umgekehrt, und alle aufgewendete Mühe war umsonst gewesen.

Eine große Enttäuschung wird der Zar erleben mit der

In Gießen, Wieseck und Lich war die prozentuale Zunahme der Bevölkerung reger als im Deutschen Reiche (1,02), in Alsfeld etwas stärker als im Großherzogtum (0,92), Büdingen und Grünberg zeigten ein schwächeres Wachstum als das Reich und der Staat.

Rr. 169 Zweites Blatt

Nezi-sprew vierteljährlich

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tt Vorstand.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Juli. Nach neueren Meldungen aus Berchtesgaden ereignete sich der gestrige Unfall der Kaiserin auf einem Feldwege zwischen der Eiskapelle und St. Bar- tholomae. Die Kaiserin glitt auf einem über einen Bach führenden glatten Brett aus und kam dabei zu Fall. Trotz heftiger Schmerzen ging die Kaiserin noch eine kurze Strecke, wurde dann aber auf einem herbeigeholten Stuhl weiter getragen und kehrte erst in einem Boot, dann zu Wagen nach Berchtesgaden zurück. Die Nacht verlief befriedigend. Die Schmerzen waren nach Anlegung des Verbandes gering. Die Schwellung des verletzten rechten Unterschenkels ist mäßig, macht jedoch die Anwendung einer Eislage notwendig. Voraussichtlich bedingt die Verletzung eine längere Ruhelage.

Berlin, 19. Juli. Das Ministerium der öffentlichen Arbeiten hat gestern an den Magistrat von Dortmund ein Telegramm gesandt, wonach der Kaiser seine persönliche Anwesenheit bei der Eröffnung des Dortmund-Ems-Kanals aufgeben müsse und einen Prinzen mit seiner Vertretung betraut habe.

Meßmer Anzeiger

Mneral-Anzeiger

auf seine Anregung hin ins Leben gerufenen Friedenskonferenz, i Hoffentlich verstimmt dieser Fehlschlag nicht sein Gemüt und | macht ihn verzagt, den Reformen im Innern seines Reiches seine Kraft zu widmen. Wir stehen an der Wende des Jahrhunderts, welches ganz Europa in kultureller Beziehung gewaltig gehoben hat; nur Rußland ist zurückgeblieben und hat Mühe, im nächsten Jahrhundert dahin zu gelangen, wo wir uns heute schon befinden. (xx)

Statistische Krheöungen und Berechnungen aus dem Hebiete der Provinz Köerstessen (1820 öis 1895).

Historisch-statistische Skizzen von Pros. Dr. E. F. Riemann-Leipzig. (Alle Rechte Vorbehalten.)

II.

Die Kreise Gieheu, Alsfeld und Büdingen.

a. 1871 und 1875.

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Anstand.

Wien, 19. Juli. Wegen der Zunahme der Ohren­krankheiten bei den Mannschaften verbot der Korps­kommandant des 7. Armeekorps das Schlagen auf die Ohren. (!!)

Wien, 19. Juli. Der Kaufmann Schön ist unter Zurücklassung von 150,000 Gulden Schulden nach Amerika geflüchtet.

London, 19. Juli. Eine bei verschiedenen hervorragen­den Persönlichkeiten veranstaltete Umfrage über die wirklichen Ursachen der Hartnäckigkeit der Forderung Chamberlains betreffs der Neutralität der Uitländer führte zu dem Er­gebnis, Chamberlain wolle für die im Jahre 1903 statt­findende Päsidentenwahl die Zahl der Wähler so ver­mehren, daß Präsident Krüger eine Niederlage erhalten würde und ein englisch gesinnter Präsident ans Ruder käme.

London, 19. Juli.Daily Mail" meldet aus Washington, die Schwierigkeiten betreffs der Absteckung Alaskas seien überwunden.

Transvaal. DerKölnischen Zeitung" wird unterm 26. Juni aus Johannesburg geschrieben: Mit unsag­barer Spannung sieht man hier der weitern Entwicklung der Dinge entgegen, und der allgemeine Wunsch geht dahin, der herrschenden Ungewißheit ein Ende bereitet zu sehen. Friede oder Krieg, nur eine Entscheidung, kein Hangen und Bangen, das mit seinem lähmenden Einflüsse auf Handel und Wandel alle Geschäftsleute dem Ruine zutreibt. Man berechnet, daß während der letzten Wochen schon an 10000 Personen, meist wohlhabende Familien, die Stadt verlassen - haben. Der Einfluß auf das Geschäft läßt sich leicht er­messen. Die besten Kunden gehen verloren, und die Kauf­lust der Zurückgebliebenen bleibt auf die notwendigsten

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Gießen war der Sitz der oberhessischen Landeskollegien und besaß ein Zeughaus. Die Universität zählte im Jahre 1824 29 Lehrer, zu denen Liebig gehörte, und 400 Studenten. Sie hatte ein philologisches Seminar, ein Mrneralienkabmett,

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