Ausgabe 
21.7.1899 Zweites Blatt
 
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__ Den vornehmen, naserümpfenden Herren und Damen Ihat er manchmal tüchtig Bescheid. Wenn er nach Dresden reiste, stieg er gewöhnlich bei seinem Landsmann, dem Land­schaftsmaler Dahl, ab. Das erste war dann immer, daß dieser einen Kasten mit Bildhauerthon holen ließ. Da saß denn Thorwaldsen des morgens und modelierte fleißig, da er nie müßig sein konnte. Einmal kam eine vornehme Dame zu Dahl, und als sie den Bildhauer erblickte, wie er mit den Händen in den nassen Thon griff, meinte sie naiv: Wenn Sie, Herr Professor, in Rom sind, überlassen Sie gewiß diese schmutzige Arbeit Ihren Gehilfen!"Das lasse ich wohl bleiben", erwiderte der Künstler ernsthaft, denn diese schmutzige Arbeit, Madame, ist gerade die Hauptsache!"

* Van Dyck-Ausstellung in Antwerpen. Kürzlich gab der vorbereitende Ausschuß der Presse genauere Auskunft über die bevorstehende Ausstellung. Der König der Belgier hat das Protektorat, der Graf von Flandern den Ehrenvorsitz derselben übernommen. Aus Belgien selbst werden 31 Ge­mälde Van Dycks für die Ausstellung geliefert, und zwar 7 von Kirchen und je 12 von Privatleuten und Museen. England stellt 37, Frankreich 16, Oesterreich 5, Deutschland 4, Polen 6, Rußland 2 und Italien 4 Gemälde, sodaß sich deren Gesamtzahl auf 106 beläuft. Italien hat sich sehr zurückhaltend gezeigt; namentlich lehnte Genua jegliche Be­teiligung an der 'Ausstellung ab. Die Gemälde werden insgesamt zu 10 Millionen Franken versichert. Neben den Gemälden werden 400 Photographien von Werken des Meisters sowie seine Radierungen (Portraits) ausgestellt. Es wird ein einfaches und ein illustriertes Verzeichnis der Gemälde u. s. w. herausgegeben. An 30 Gemälde sind bereits von auswärts in Antwerpen eingetroffen.

* Ein Vorläufer Röntgens. Im 31. Jahrgang der Wiener Zeitschrift für Kunst, Littcratur, Theater und Mode" (herausgegeben von Dr. v. Frank) in Nummer 234 vom 23. November 1846 findet sich auf Seite 938 folgende merkwürdige Notiz:Der menschliche Körper durchsichtig. Der griechische Physiolog Esel tja hat, demAthenäum" zufolge, der Akademie der Wissenschaften in Paris die An­zeige gemacht, daß es ihm gelungen sei, mit Hilfe des elek­trischen Lichtes durch den menschlichen Körper zu sehen. Er behauptet, selbst Krankheiten im Innern der Eingeweide gesehen zu haben, der Verdauungsprozeß, der Blutumlauf, die Bewegung der Nerven dies alles ward dem Herrn Eseltja sichtbar. Wenn dieses Anthroposkop (so nennt er seine Erfindung) nicht ein bloßer Puff ist, so wird das alte Sprichwort zu schänden, welches da sagt, man könne niemanden ins Herz sehen. Herr Eseltja kann die Nieren prüfen." Die Neue Freie Presse, der diese Notiz aus dem längst verschollenen Blatt mitgeteilt worden, be­merkt dazu:Was dem vormärzlichen Journalisten wie ein Aprilscherz geschienen, wird für uns im Zusammenhalte mit der Erfindung des Professors Röntgen eine äußerst ernste Sache. Es wäre jedenfalls lohnend, wenn sich Fachleute für diese aus dem Jahre 1846 stammende Notiz interessieren -und dieselbe auf ihren Inhalt hin einer kritischen Prüfung unterziehen wollten."

Univerfltüts Nachrichten.

Brüssel. An der Universit6 libre wurde der Physiologe Professor Heger zum Rektor für bas Studienjahr 1899/1900 gewählt.

Kandwirtschafttiches.

0. Aus Oberheffen, 16. Juli. Wir stehen unmittelbar vor der Ernte, der Bauer macht Sense und Sichel zurecht, er rüstet die Getreidewagen und hat jedenfalls die Regentage in der ersten Juli­woche benutzt, um seine Slrohsetle und Garbenbänder zur Verwendung fertig zu machen, lieber die Garbenbänder und Slrohsetle wurde schon viel geschrieben und gestritten. Um etwas Einblick in die Sache zu bekommen und da mich in demschwarzen Jahre 1893" die Not dazu drängte, schaffte ich mir eine kleine Partie von sechs Fuder Garbenbänder an. Meine Leute wollten nicht recht daran, besonders deshalb, weil fte sich mit den Stricken nach kurzer Zeit die rechte Hand wund rieben. Der Mann, der die Garben zu binden hatte, erhielt einen Handschuh zum Schutze dieser Hand, aber der Widerwille gegen die Erntestrtcke blieb und ist dis heute noch nicht verschwunden. Ein weiterer Mißstand zeigte sich beim Dreschen. Derjenige Mann aus der Dreschmaschine, welcher die Garben zu öffnen hatte, verstand den kleinen Vorteil des Ocffnens nicht, so einfach er auch ist; der Arbeiter zog das Messer und schnitt mir heimlich ein halbes Fuder Stricke durch, bis ich dahinter kam und ihm daS Handwerk legte. Im Jahr 1894 und bis heute gab es vieles und gutes Roggenstroh, auö dem die Erntestrohsetle angefertigt wurden. Die Stricke verwandle ich unterdessen zu vielen Dingen, z. B. ich wandte sie an, um schwerbeladene Zwetschen-, Birn- und Aepfelbäume, besonders jüngere Bäume, deren Aeste noch dünn und biegsam sind, zu binden. Sie wurden ferner beim Klee- und Futter­binden, beim Dickwurzelblättersammeln, beim Binden von Retsholz, beim Zusammenschnüren von schweren Postpacketen verwandt und überall haben sie sich recht gut bewährt. Hierdurch ergab sich, daß die Erntestrtcke von großem Vorteil sein werden, wo Mangel an Roggenstroh herrscht, dies also sehr teuer ist, wo hohe Taglöhne für das Herrichten der Strohseile zu zahlen sind und die Leute mit dem Gebrauch der Erntestricke, besonders auch beim Dreschen vertraut sind. Das Wundwerden der Hände kann durch Anwendung eines kleinen Knebels leicht vermieden werden. In größeren Betrieben sind demnach die Erntestricke zu empfehlen und ihre Anwendung ergibt sich bei Mäh- und Dreschmaschinen, die mit Selbstbindern versehm sind, von selbst. In kleinen Betrieben jedoch, wo der Bauer Roggenstroh genug besitzt und im Winter, sowie bet Regentagen hin­länglich Zett hat, seine Strohseile anzufertigen, thut er besser daran, kein Geld auszugeben, sondern die Slrohsetle aus selbst gezogenem Roggenstroh herzurtchten. DaS sind die von mir gemachten Erfahr­ungen, aus denen sich vielleicht mancher Leser etwas entnehmen kann.

Aufruf

wegen Errichtung eines Scheffel-Denkmals zu Reichelsheim im Odenwalds.

Es ist beabsichtigt, einem Ltebltngsdtchter des deutschen Volkes: Joseph Viktor von Scheffel, ein Denkmal zu Reichelsheim im Odenwalde mit Rücksicht auf die Beziehungen des Dichters zu diesem Orte und dessen Umgebung zu setzen. Joseph Viktor von Scheffel hat sich für alle Zetten nicht nur die Bewunderung, sondern auch die begeisterte Verehrung der Deutschen erworben, denn ihm, dem liebenswürdigen Humoristen, ist es vor allen gelungen, die Eigenart in Sitten und Gebräuchen, im Denken und Fühlen seiner Stammes- genossen^mit lebensvoller Frische poetisch darzustellen. Seinem stark ausgeprägten Naturstnn, seiner gemütlichen Versenkung in die Schön­heit seines Heimatlandes, seiner Neigung, von der Landschaft die Anregung zu dtchtertfchem Schaffen zu empfangen, seiner Vorliebe für die poetische Wiedergabe lokaler Sagen und Ueberlieferungen verdanken wir seine besten Werke, verdanken wir seine herrlichen Lieder, die ihre Bedeutung nicht verlieren werden, so lange in unserem Vaterlande und insbesondere in der deutschen Jugend ein gesunder

Sinn für heitere und poestevolle Lebensauffassung eine Stätte hat. Wenn auch Sckeffel seine haupisächltchsten Anregungen vonden wildbachdurchrauschten Thälern des Schwarzwaldes, dem träumer­ischen Verweilen in zerfallenen Bergoesten und verlassenen Kloster- Höfen" seiner engeren Heimat empfing, so ist doch auch der Oden­wald und vorzugsweise die Gegend von Reichelsheim auf feine dichterische Schöpfung in hervorragendem Maße von Einfluß ge­wesen. Sie hat ihm den Anlaß und Stoff zu einer Rrihe von Liedern gegeben, in denen ein unübertrefflicher Humor Herz und Gemüt erfreut, in denen aber auch ein gutes Stück Lebensweisheit verborgen liegt. ES werden die Lieder vom Rodenstein, diese in sich vollendeten Meisterwerke der humoristischen Kunst wie Johannes Proelß, der ausgezeichnete Biograph des Dichters, hervorhebt ihren Wert und ihre Wirkung nie einbüßen. Nachdem Scheffels erstes L«edDa? wilde Heer" in Heidelberg mächtigen Anklang und ungeahnten Beifall gefunden, hat dieser Erfolg auf den Dichter so ermunternd gewirkt, daß er nach einer Wanderung durch den Oden­wald im Sommer 1857 dieselben humorvollen Töne erklingen ließ und die Lieder von den drei Dörfern schuf, die zu den Perlen der humoristischen Weltlitteratur gezählt werden. Durch diese und die daran anknüpfenden Dichtungen hat Scheffel die Gegend von Reichels­heim und insbesondereReichelsheim das treue" weit über die Grenzen Hessens hinaus bekannt gemacht. An der Stätte, an welcher der Dichter in seinem echten Sin« für volkstümliches Wesen, mit seinem urwüchsigen kerndeutschen Humor besonderes Interesse ge­nommen, die er in schöpferischer Kraft für alle Zeiten mit seinem Ruhm verknüpft hat, ihm ein ehrendes Zeichen der Erinnerung zu widmen, ist gewiß ein Akt dankbarer Huldigung. DaS unterzeichnete Komitee für die Errichtung eines. Scheffel-Denkmals zu Reichelsheim glaubt daher, die so zahlreichen Freunde des Dichters in Nah und Fern zu Beiträgen für das Denkmal auffordern zu dürfen.

Reichelsheim, im Juli 1899.

Das Komitee.

Kreisrat Fey, Erbach i. O. Realschuldirektor Dr. Gerhard, Michelstadt. (Vorsitzender.) (Schriftführer.)

Kreisschulinspektor Kleinschmidt, Erbach i. O.

(Rechner.)

Arthur, Graf zu Erbach. Museumsinspektor Dr. Back, Darmstadt. Kaufmann Bauer, Reichelsheim. Provtnzialdirektor von Bechtold, Gießen. Hofkammerrat Bickelhaupt, Erbach. Oberlehrer Bormuth, Reichelsheim. Eisenbabndirektronsprästdent Breitenbach, Mainz. Ministerialrat Braun, Vorsitzender des Odenwald Klubs, Darmstadt. KreiS-Bauinspektor Diehm, Erbach. Bürgermeister Dingeldetn, Reichelsheim. Lehrer Fritz, Vorsitzender der Odenwald-Klubsektion Reichelsheim. Oberst Leutnant z. D. Gab, Vorsitzender des Journa­listen- und Schriftstellervereins Darmstadt. Generalmajor Freiherr von Gemmingen, Fränkisch Crumbach. Provtnzialdirektor Freiherr von Gagern, Mainz. Rechtsanwalt Hallwachs, Darmstadt. Reichs- tagSabgeordneter Geheimer Regierungsrat Haas, Offenbach. Land- tagSabgeordneter Häusel, Michelstadt. Freiherr M. v. Heyl, Darm­stadt. Oekonom Jost, Reichelsheim. Geheimer Hofrat Professor Dr. Kittler, Darmstadt. Geheimer Hofrat Professor Dr. Lepsius, Darmstadt. Dr. med. Lipp, Reichelsheim. Geheimer Medizinalrat Professor Dr. Löhlein, Rektor der Universität Gießen. Oberpost­direktor Maier, Darmstadt. Rentner Marburg, Michelstadt. Ge­heimrat v. Marquardt, Großh. Provinzialdirektor, Darmstadt. Post- verwalter Mergell, Reichelsheim. Dr. W. Merck, Darmstadt. Karl Müller, Ehrenvorsitzender des Odenwald-Klubs, Darmstadt. Re- gierunasrat Noack, Vorsitzender der Centralstelle für Gewerbe, Darmstadt. Landtagsabgeordneter Ripper, Pfaffen-Beerfurth. Bürger­meister Ripper, Gersprenz. Kabinett^rat Römheld, Darmstadt. Karl Schäfer, Schriftsteller, Darmstadt. Landtagsabgeordneter Rechts­anwalt Schmeel I., Darmstadt. Pfarrer Schneider, Reichelsheim. Beigeordneter Werner, Reichelsheim. Regierungsrat Wick, Erbach. Karl Wittich, Darmstadt. Hauptmann ä la suite Zerntn, Schrift­steller, Darmstadt.

Beiträge nimmt die Expedition des »Gießener An­zeiger" entgegen.

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